Noch keine Kommentare

Die Gründung der FELSISA

Eine Zusammenfassung von Dr.Karl Böhmer vom seinem Vortrag beim Missionsfest in Kirchdorf Du und ich, wir sind in der Kirche Glieder einer langen Kette und dazu berufen, treue Diener der Kirche zu sein.

Darum müssen wir auch wissen, wo sie herkommt, und immer wieder neu lernen, Haushalter der Kirche zu sein und das, was in ihr gut und wahr und richtig ist, denjenigen weiterzugeben, die nach uns kommen. Wenn es in Eph 2,20f. heißt, dass wir mit hineingebaut werden in den Bau der Kirche, die auf dem Eckstein und Fundament von Jesus Christus erbaut ist, dann bedeutet das nichts anderes, als dass wir oberhalb jener in den Bau eingefügt werden, die schon vor uns auf dem gleichen Eckstein erbaut wurden, und nichts wissen wollen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten (1 Kor 2,2). In diesem Sinne stehen wir auf den Schultern derer, die vor uns lebten, sind dankbar für ihr gutes Bekenntnis und wollen es uns auch immer wieder aneignen.

Eine Zusammenfassung von Dr.Karl Böhmer vom seinem Vortrag beim Missionsfest in KirchdorfDie Wurzeln unserer Kirche liegen in Deutschland, und so müssen wir dort ansetzen umzu verstehen,was hier geschah. ImLaufe des 19. Jahrhunderts gab es in der lutherischen Kirche Hannovers mehrere problematische Entwicklungen. Man stand der Bibel immer kritischer gegenüber und ließ zu, dass dermenschliche Verstand die Lehre der Kirche beeinflusste und schließlich bestimmte – man wollte nur glauben, was man auch mit dem Verstande begreifen konnte, dass es den Teufel beispielsweise nicht wirklich gibt, dass Menschen nicht voll und ganz Sünder sind, dass die Bibel nicht oder nicht ganz von Gott eingegeben ist usw. Ein Katechismus, der solche Dinge lehrte, wurde schon1790inderHannoverschenLandeskircheeingeführt.AlsaberPastor Louis Harms 1849Gemeindepastor der Sankt Peter-Paulsgemeinde in Hermannsburg wurde, fand eine Erweckung statt.DieGemeindeglieder fanden immermehr zur Bibel, demlutherischen Katechismus und demlutherischen Bekenntnis zurück. In vielen Hinsichten lief dies der größeren lutherischen Kirche dort zuwider. Die hannoversche Landeskirche wurde immer liberaler. Das sieht man am deutlichsten an dem Katechismuskampf zwischen Louis Harms und der Kirchenleitung – einemKampf, denHarms verlorweil so viele seinerMitpastoren darauf bestanden, den rationalistischen Katechismus zu behalten. Harms schwebte die Zukunft seiner geliebten lutherischen Kirche in Gefahr. Er war überzeugt, dass die Kirche nicht lange lutherisch bleibenwürde, und dass die Zeit bald kommen sollte, in der diejenigen, die der lutherischen Lehre und Praxis treu bleibenwollten, aus der Kirche hinausgetriebenwürden. Das trieb Harms immer mehr zur Mission in der Hoffnung, dass die lutherische Kirche sich anderswo etablieren und so treu bleiben könne.

SokamHarms aufdenGedanken, eine TochtergemeindenachAfrika zu schicken. Die erstenMissionare wurden von Hermannsburg nach Afrika als eine rechtlich verfasste Gemeinde der lutherischen Landeskirche Hannovers ausgesandt. Sie kamen 1854 hier an und gründeten in Natal das südafrikanische Hermannsburg. Immer mehrMissionare und Laienkolonisten folgten nach. Alle leisteten sie vor dem Altar der St. Peter-Paulskirche in Hermannsburg, Deutschland einen Eid, lebenslänglich der Mission treu zu bleiben. Leider kam es unter dem ersten Missionssuperintendenten aber zu heftigen Konflikten in der Mission, infolgedessen die Missionsstrategie Harms‘ Wünschen entgegen geändert wurde. Schließlich wurden alle Laien entlassen. Schon 1858 war die Gemeinde Neu Hannover gegründet worden; einige Laien zogen nun dorthin, andere blieben in Hermannsburg, andere zogen zur Südküste, die meisten jedoch aber zogen nach Norden und gründeten 1869 die Gemeinde Lüneburg. Nun gab es deutsche lutherische Gemeinden in Südafrika, deren Verhältnis zu Mission jedoch niewirklich geklärtwurde bis auf die Tatsache, dass sie ihre Pastoren von derHermannsburgerMissionbekamen.Dieser Mangelan Klarheit trug später zur Gründung der FELSISA bei.

Zuerst müssen wir aber noch einmal nach Deutschland zurückkehren. Die meisten Hermannsburger waren stolze Hannoveraner. Es gab damals noch kein vereintes Deutschland; die Hannoveraner wollten dem König Hannovers treu bleiben und ihre Unabhängigkeit wahren. Aber es bahnte sich ein Krieg an; Hannover wurde von dem benachbarten Preußen bedroht. Preußen war von vielen Lutheranern verhasst, nicht nur wegen seiner militaristischen Strenge, sondern auch weil Preußen ab 1817 alle lutherischen Kirchen in seinem Gebiet gewaltsam mit reformierten Kirchen vereint hatte.

Dadurch wurde das Bekenntnis kompromittiert und die lutherische Kirche in preußischen Landen faktisch aufgegeben. Lutherische Pastoren und Laien, die dagegen protestierten, wurden verfolgt, verhaftet oder verbannt. Nun aber drohteauchHannovereinTeilPreußens zuwerden.1866kames tatsächlichzum Krieg, den Hannover verlor. Eswurde Preußen angegliedert, und 1871 entstand das deutsche Kaiserreich. Nun befürchtete man in Hermannsburg allgemein, dass die preußische Union sich auch dort breitmachen würde. Leider war das in vielenHinsichtenwegenliberalerTendenzeninderKircheauchsoschonder Fall. Es wurde zunehmend Abendmahlsgemeinschaft mit anderen Kirchen gefeiert, Pastoren aus anderen Konfessionen predigten auf lutherischen Kanzeln, usw. LouisHarmswar 1865 schon verstorben und sein Bruder Theodor diente nun als Nachfolger. Theodor teilte die Sorgen seines Bruders umdie lutherische Kirche. Er bekämpfte den Unionismus, den Liberalismus und den Rationalismus und bemühte sich, die lutherische Kirche zu erhalten. Aber der Verfall und der Druck auf die lutherische Kirche nahmen zu. In den späten 1870ern bestimmte die preußische Oberherrschaft, dass der Staat und nicht mehr die Kirche für Eheschließungen zuständig sein würde. Paare sollten standesamtlich getraut werden und konnten dann im Nachhinein ihre Eheschließung von der Kirche absegnen lassen. Theodor Harms und andere Pastoren protestierten heftig gegen diese Bestimmung.Daraufhin kames seitens der Kirchenleitung zu einem Ultimatum: Harms musste entweder klein beigeben oder kündigen. Als er und die anderen sich weigerten, wurden sie vomAmt suspendiert. Theodor Harms‘ Hermannsburger Gemeinde war traumatisiert. Zwei Drittel ihrer Glieder beschlossen, ihrem Pastor ins Exil zu folgten; die Gemeinde trennte sich. Der kleinereTeilbliebinderhannoverschenLandeskirche,der größereTeil gründete eine unabhängigeGemeinde, die Hermannsburger Kreuzkirche. Bald schloss sie sich mit sinnesgleichen Gemeinden zur hannoverschen Freikirche zusammen mit TheodorHarms als Präses. So führte schließlich die Suspension der Pastoren zu einem Bruch in der Abendmahlsgemeinschaft zwischen den Christen in Hermannsburg. Das verursachte für die Hermannsburger Mission große Probleme, denn sie wurde von Unterstützern aus beiden Kirchen getragen, die nun aber nicht mehr zusammen zum Abendmahl gehen konnten. Es warf zweitens auch die Frage auf: zuwelcher Kirche gehörten denn die Lutheraner in Südafrika? Drittens, welche Kirche würde nun für die Missionsarbeit in Afrika zahlen? Theodor Harms entschied sich zu einemKompromiss; dieMission solle neutraler Boden bleiben, und er versuchte, dieUnterstützung beider Kirchen zu gewinnen. Gleichzeitig aber entsandte die Hermannsburger Mission nur noch Missionare aus, die zur Freikirche gehörten.

Daraufhin entschloss sich die Landeskirche, der Hermannsburger Mission die finanzielle Unterstützung zu entziehen. Es kam zu einer Finanzkrise in der Mission.

Solange Theodor Harms lebte, konnte er die „Neutralität“ derMission wahren. Als er aber 1886 starb, beschlossen seine Nachfolger, die Hermannsburger Mission wieder der Landeskirche zuzuführen, auch wenn sie immer liberaler wurde. 1890 wurde Abendmahlsgemeinschaft zwischen der Mission und der Landeskirche erklärt, die dann auch wieder die finanzielle Unterstützung zusicherte; außerdem sollte fortan auch ein landeskirchlicher Direktor in der Missionsleitung dienen. Die Missionsleitung beteuerte, dass sich für die Lutheraner in Südafrika dadurch nichts ändern würde, und die meisten Missionare akzeptierten das auch. Einige aber konnten es nicht. Pastor Stielau in Kirchdorf bat dieMissionsleitung eindringlich, es den deutschen Gemeinden in Südafrika zu erlauben, eine eigene Synode zu bilden, um einer Trennung in Südafrika vorzubeugen. Seine Bitte wurde jedoch abgeschlagen. Als Pastor Oltmann 1891 in Neu Hannover erklärte, die neue Abmachung nicht annehmen zu können,wurde er suspendiert. AndereMissionare und Laien in Südafrika, die die Abmachung auch nicht annehmen konnten, waren beunruhigt. Sie waren überzeugt, dass die Hermannsburger Mission der preußischen Union Tor und Tür geöffnet und nun Kirchengemeinschaft mit einer unionistischen Kirche erklärt hatte. Und weil Pastor Ortmann suspendiert wurde, als er protestierte, glaubten sie, dass auch andere Andersdenkende bald aus dem Wege geräumt würden, dass man etwas tun müsse – dass man unbedingt einen Weg finden müsse, der reinen Lehre der Heiligen Schrift und der lutherischen Bekenntnisse treuzubleiben.

Nun erfolgte ein reger Schriftwechsel. Pastor Johannes in Bergen, PastorGevers in Lüneburg, Missionar Prigge in Goede Hoop, und Pastor Stielau in Kirchdorf versuchten dieMissionsleitung zumUmdenken zu bewegen. Es kamzumStreit. Die Missionsdirektoren versuchten ihrerseits, die Andersdenkenden in Südafrika zu beschwichtigen. Sie bestanden darauf, dass es immer noch viele gute Lutheraner in der Landeskirche gab, auch wenn sie Probleme hatte. Im WesentlichengingesaberumdieFrage:wasbedeutetedieneueAbmachungfür die Missionsgemeinden in Afrika? Zu welcher Kirche gehörten die deutschen Gemeinden dort eigentlich?

Die andersdenkenden Südafrikaner behaupteten, sie seien derMissionsleitung untertan und darum ging die neue Abmachung sie direkt an, wogegen die Missionsleitungmeinte, die deutschenGemeinden inAfrikawären frei, könnten ihre Angelegenheiten selbst regeln und wären daher nicht von der Abmachung betroffen.

Bald entstand ein weiterer Streitpunkt. Ein Dozent am Hermannsburger Missionsseminar, Alwin Wagner, lehrte, dass die Bibel Ungenauigkeiten enthalte.Alsdie konfessionsgebundenenSüdafrikanerdashörten, fordertensie ihn auf, seine Aussagen zurückzunehmen, denn sie glaubten, er lehre, die Bibel enthalte Fehler.Wagner erklärte seine Position zwar, weigerte sich aber, seine Aussage zurückzunehmen. Die Missionsleitung war mit seiner Erklärung zufrieden, die Südafrikaner jedoch nicht. Als die Missionsleitung Wagner dann auch noch verteidigte, richteten die Gemeinden Lüneburg und Bergen zwei Bitten an die Missionsleitung: erstens, dass sie die Abmachung mit der Landeskirche aufhebe und nicht Abendmahlsgemeinschaft mit ihr halte; zweitens, dass sowohlWagner als auch dieMissionsleitung deutlich dieAussage verwerfen sollten, dass dieHeilige Schrift Ungenauigkeiten enthalte. Außerdem sollte Pastor Oltmann wieder eingesetzt werden. DieMissionsleitung weigerte sich jedoch, diesen Bitten zu entsprechen. Sie weigerte sich auch, Pastor Oltmann wieder einzusetzen.

Pastor Stielau und viele in derGemeinde Kirchdorf hatten nun genug gehört. Sie beschlossen Ende 1891 die Abmachung offiziell abzulehnen und sich von der Missionsleitung loszusagen. Die Gemeinden Bergen und Lüneburg führten den Schriftwechsel vorerst noch weiter, erhielten jedoch keine befriedigenden Antworten von der Missionsleitung. Schließlich hielten sie am 12. und 13. September 1892 eine gemeinsame Versammlung ab, im Zuge derer beide GemeindenmehrheitlichihreUnabhängigkeit vonderHermannsburgerMission erklärten und sich zur Freien Evangelisch Lutherischen Synode in Südafrika zusammenschlossen.

Kurz darauf schloss sich die Gemeinde Kirchdorf ihnen an. Einige Gemeindeglieder waren jedoch nicht für die Synodenbildung zu finden und gründeten ihrerseits die späteren Gemeinden Braunschweig und Wartburg, die sich weiterhin zur Hermannsburger Mission hielten und 1911 zusammen mit anderen Gemeinden die Hermannsburger Synode gründeten. Die Entscheidung, die FELSISA zu gründen,war einewohlüberlegte.Geradeweil man die Angelegenheit so ernst nahm und weil die Gründer so gern bei Hermannsburg geblieben wären,unternahmensiealles,was siekonnten,umdie Hermannsburger Missionsleitung zum Umdenken und Umlenken zu bewegen. Leider gelang ihnen das nicht. Die Gründer der FELSISA glaubten schließlich, keineWahlmehr zuhabenals eineeigenständigeSynodezubilden,umdemErbe HermannsburgsundderGebrüderHarms, ja,mehrnoch,derHeiligenSchriftund dem lutherischen Bekenntnis treuzubleiben. Ihre Absicht war es, dem Unionismus und dem Liberalismus nach Kräften zu wehren. Man muss jedoch hinzufügen, dass die Gründung der FELSISA schwere Folgen auf persönlicher Ebene mit sich brachte. Es entstand ein Riss in der Kirchen- und Abendmahlsgemeinschaft, der die Lutheraner in Südafrika bis heute trennt, ein Riss, der durch viele Familien ging. Auch entstand ein Riss auf dem Missionsgebiet, der nun auch die einheimischen Lutheraner voneinander trennte.

An dieser Stelle wollen wir auch deutlich aussagen, dass die FELSISA sich nicht als allein seligmachende Kirche versteht. Sie bemüht sich zwar um die reine Lehre und die richtige Verwaltung der Sakramente, gibt aber gleichzeitig gerne zu, dass es auch aufrichtige und wahre Christen in anderen Kirchen gibt, überall dort, wo Gottes Wort und Geist am Werk sind. Die FELSISA glaubt, dass Christen sich gegenseitig immer wahre Liebe schuldig sind. Gleichzeitig kann Kirchen-und Abendmahlsgemeinschaft nur dort gefeiert werden, wo volle Einheit in dem Bekenntnis gegeben ist.

Das heißt nicht, dassGrenzen und Trennung Rechtgläubigkeit garantieren. Aber es gilt, anzuerkennen, dass Gott der Herr in seinemWort selbst Grenzen setzt, und dass die Kirche dazu aufgerufen ist, diese Grenzen zu respektieren und ihrerseits zu wahren, gemeinsam sich zu dem zu bekennen, das wahr ist, und gemeinsamalles Irrige zu verwerfen. Das ist derWeg, den auch die lutherischen Bekenntnisse gehen. Es bleibt unser Herzensanliegen, dass der Herr solche Einheit hier in Südafrika unter allen Christen gebenmöge – und dass er uns in der Treue aufrichtigmachenmöge, an Christus demGekreuzigten festzuhalten und ihn allein zu bekennen.