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Vortrag zum Seniorentreffen

der Christusgemeinde Kirchdorf, den 12. Oktober 2021

Teil II

Die Reise von Deutschland nach Südafrika begann für die Passagiere immer in Hamburg. Auf der Elbe wurde das Schiff mit Gepäck und Güter für die Mission in Afrika beladen, und dann wurde ein Abreisedatum bekanntgegeben. Pastor Louis Harms kam so oft er es konnte noch selbst zum Hafen an der Elbe und hielt an Bord des Schiffes einen Gottesdienst im Beisein aller anwesenden Passagiere, Gäste, Freunde und Familienangehörige. Er hielt den Hermannsburgern eine feierliche Abschiedspredigt und -ansprache, man sang Gesänge und erhielt letzte Mahnungen von Pastor Harms. Als die Zeit der Abreise kam, verabschiedete er sich und schüttelte ihnen die Hand mit den Worten: „Wir sehen uns im Himmel wieder. Wenn ihr treu bleibt, so lebt ihr in Afrika und sterbt dort.“ Mit diesem Vorverständnis reisten die Hermannsburger aus Deutschland ab. Die Stimmung am Hafen bei der Abreise war deswegen nicht die einer typischen Kreuzfahrt heute mit fröhlicher Urlaubsstimmung und „Bon Voyage“ Rufen, sondern eher etwas gedämpft und ernst – und doch aufregend und spannend zugleich. Die Fahrt auf der Candace würde für die Passagiere eine einmalige Reise sein – die Missionare und Kolonisten und ihre Familien wussten, dass sie nie wieder nach Deutschland zurückkehren würden. Aber vor ihnen lag eine monatelange Schiffsreise durch internationale Fahrwässer. Eine typische Seefahrt von Hamburg nach Durban dauerte damals zwischen 90 und 100 Tagen. Das Schiff fuhr meistens der Winde und Ströme wegen im Zickzackkurs von Europa nach Südwesten in die Karibik bis nach Trinidad oder Montevideo o.ä., von dort aus Richtung Südosten nach Kapstadt und dann der südafrikanischen Küste entlang über Port Elizabeth bis Durban.

Neben der Besatzung beförderte das Schiff in der Regel zwischen 35 und 50 Passagiere pro Reise. Das bedeutete, dass das Leben an Bord sehr beengt war, weil die Candace kein großes Schiff war. Man schlief in übereinander gebauten Kojen in winzigen Kabinen. Die Schiffskatze verrichtete manchmal ihr Geschäft in den Kojen der Passagiere, was weniger angenehm war; um in die unteren Kojen zu gelangen, musste man auf allen Vieren kriechen, in die oberen musste man klettern.

Kandaze

Pastor Dr. Karl E. Böhmer, dessen Ur-ur-ur-Großvater als Ziegelbrennen 1861 mit dem Hermannsburger Missions-schiff Kandaze nach Südafrika ausgewandert ist.

Manchmal war die Stimmung an Bord etwas traurig, wenn die Leute Heimweh bekamen, und dann schätzte man besonders die lustigen Scherzbolde, die alle wieder aufmuntern konnten.

Die Briefe einer Passagierin namens Wilhelmine Brandt geben uns einen Einblick in das Leben an Bord des Schiffes. Sie segelte Ende 1860 auf der Candace und schrieb:

„Die ganze Woche ging es so glücklich fort, nur 2 Tage hatten wir etwas starken Wind, sodass die Wellen ordentlich bergehoch sich um das Schiff auftürmten. Ich wollte, Sie hätten einmal diesen majestätischen Anblick gesehen! Wer keinen Stein anstatt eines Herzens in der Brust hatte, der müsste getrieben werden, diesen Herrn anzubeten und anzustaunen, der solchen stolzen Wellen zu gebieten hat. Es sieht aus, als läge das Schiff in einem tiefen Tal, rings umher umgeben von hohen Wasserbergen. … Aber nun will ich Ihnen auch erzählen, wie es bei diesem Sturme auf dem Schiffe herging. Doch zuvor bemerke ich noch, dass man auf dem Schiffe auf kein Mitleid rechnen darf. Ist man seekrank, oder fällt man einmal hin, oder wird man von einer Welle bis auf die Haut nass, so wird man nicht bedauert, sondern von allen ausgelacht. Denn hier gilt das Sprichwort: Wer den Schaden hat, darf für Spott nicht sorgen.

Die Nacht vom Montag auf den Dienstag erhob sich der Sturm so stark, dass wir die ganze Nacht kein Auge zutun konnten, sondern in den Betten hin und her geworfen wurden. Denn bald lag das Schiff auf der einen Seite, bald auf der andern, sodass man sich nur mit aller Macht festhalten musste, um nicht aus der Koje herauszufallen. Dazu war ein furchtbarer Spektakel, denn es entstand ein Krieg unter allen möglichen Gegenständen. Alles flog durcheinander, verschiedene Sachen flogen vom Tisch: Stühle, Kleider, Kisten, Schuhe, Töpfe usw. flogen durcheinander. Ich sage Ihnen, als wir aufstanden, lag alles wie Kraut und Rüben durcheinander. Die lieben sorgsamen Hamburger hatten mir unter anderen auch einen Topf voll Heringe mitgegeben, die ich bei der Seekrankheit essen sollte. Den wollte ich besser verwahren, dass er nicht entzweiging, stellte ihn deshalb auf den Tisch zwischen die Leisten, um mich erst anzuziehen. Kaum aber hatte ich mich von ihm getrennt, so kam er mir in vollen Sprüngen nach, und mein schöner Topf, über den ich mich fast mehr gefreut hatte als über die Heringe, lag in tausend Stücken auf dem Boden. Ich wurde nicht bedauert, sondern ausgelacht. Nachher, als der Kaffee gebracht wurde, ging es dem armen Kaffeekessel ebenso:

Wie im Sturmwinde kam er vom Tisch, und aller Kaffee floss auf der Erde. Da sagten die andern zu mir, nun könnte ich anfangen zu fischen, denn meine Heringe schwammen im Kaffee. Oben entstand nachher ein neuer Krieg. Aus des Kapitäns Speisekammer kamen Mettwürste und Schinken, Teller und Gläser herausgeflogen, kurz, alles hatte an diesem Tage Lust zum Fliegen gekriegt.“

An Bord des Schiffes herrschte eine feste Routine. Um 7 Uhr morgens tranken die Passagiere Kaffee, aßen Zwieback und lasen bis 8 Uhr in ihren Bibeln. Dann kam die Morgenandacht, und danach wurde bis zum Mittag gearbeitet. Die Frauen verbrachten ihre Zeit an Bord mit Nähen, Stricken, Anfertigen von Kleidung oder Lesen. Oft saßen sie dazu im Freien an Deck, wo sie nicht selten plötzlich von einer Welle überschwemmt wurden, die die Kleider durchnässte und die Bücher ruinierte. Wilhelmines Stricknadeln rosteten alle. Die Matrosen wuschen ihre Wäsche immer dann, wenn es regnete, aber die Passagiere konnten sich daran nicht gewöhnen, die meisten wuschen ihre Kleidung bei trockenem Wetter mit der Hand. Streckenweise wurde die Kleidung aber nie ganz trocken – und roch auch danach. Lesen, Studieren, Sprachen erlernen – das alles nahm die Zeit in Anspruch. Mittags wurde gegessen, und danach gab es Ruhe und Mittagsschlaf bis 15 Uhr. Dann wurde die Arbeit wieder aufgenommen.

Das Abendessen gab es um 19 Uhr, die Abendandacht um 20 Uhr. Die gesamte Besatzung nahm schichtweise an der Andacht teil, die Hälfte der Seeleute morgens, die andere Hälfte abends. Nach der Andacht saßen die Passagiere zusammen, erzählten sich Geschichten und sangen Lieder. Bis 23 Uhr waren die meisten im Bett.

Das Essen war gut und wurde auf dem Herd entweder gebraten oder gekocht; einen Backofen gab es nicht an Bord. Einmal in der Woche gab es Pudding. Viele Leute wurden auf der Reise seekrank, und alle hatten bei schlechtem Wetter Mühe, etwas bei sich zu behalten.

Wilhelmine erwähnt einen anderen unangenehmen Aspekt des Lebens an Bord des Schiffes: „Es sind hier entsetzlich viele Ratten. Wir sind uns keine Nacht sicher. Gestern Abend hatte ich mich gerade hingelegt zu schlafen, so rutschte mir ein kalter Rattenschwanz über das Gesicht hin. Da haben wir nun angefangen, alle einstimmig zu miauen. Das gibt eine rechte Katzenmusik ab. Keine ist aber bange wie Adelheid, die kaum allein zu Bett geht.“

Nach etwa drei Monaten auf See endete die Reise im Hafen von Durban. Von dort ging es mit Ochsenkarren und Pferdefuhrwerken (später mit dem Zug) nach Pietermaritzburg und dann weiter nach Hermannsburg, und nach einer Eingewöhnungszeit dort wurden sie auf die ihnen zugeteilte Missionsstation entsandt.

Die Reise nach Afrika erforderte viel Mut und Vertrauen in dem Herrn. In Wilhelmines Brief an ihre Mutter und ihre Schwester Mathilde, den sie von Bord der Candace aus verfasste, merkte sie an: „Mitunter habe ich aber doch rechtes Heimweh nach Euch und dem lieben teuren Hermannsburg. Es ist mir immer noch nicht, als ob ich nicht wieder zu Euch käme. Als ich noch bei Euch war, hatte ich immer noch das Ziel vor mir, nach Afrika. Jetzt ist das nächste Ziel der selige Himmel. Dahin will ich nun mit allem Ernst trachten und da kriegen wir uns auf ewig wieder, meine liebe Mutter und Mathilde.“

Dieser Ernst und dieses Ziel ist – Gott sei Dank – bis heute das Bestreben vieler der Nachkommen der Hermannsburger Missionare und Kolonisten geblieben. Möge das unsere Gemeinden auch weiterhin prägen.