Ostern (Die Auferstehung des Herrn) – 2022

Es ist leicht, an Ostern überwältigt zu werden: Die geschmückte Kirche, der ausgeschmückte Gottesdienst, Orgel und Lieder und Leben und Lobpreis und Bläser und Sänger und Sieg. Es ist leicht, überwältigt zu werden. Aber zu Ostern lenkt die Schrift unsere Aufmerksamkeit auf etwas Einfaches: auf die Erinnerung. Das erste Osterfest war ein Wirbel von Aktivitäten und Emotionen. Es riecht nach Gewürzen und Ölen, ein Leichnam muss gesalbt werden. Aber das Grab ist offen und der Leichnam weg. Männer, die wie Blitze aussehen. Und sie reden zu den Frauen, als würden sie sie kennen… obwohl die Frauen diese Männer noch nie gesehen haben. Die Engel wissen, was sie tun: [5c] Und sie wissen, was passiert ist: [6a], und sie wissen sogar, was in ihrer Vergangenheit getan und gesagt wurde: [6b–7] Aber mitten in der Aufregung richtet die Schrift unsere Aufmerksamkeit auf etwas ganz Einfaches: [8]. Am Ostermorgen, als der Herr aufersteht, inmitten des Staunens, des Schreckens und der Verwirrung, geht Gottes Volk ein Licht auf: [8].

Am Ostermorgen sandte Gott Engel zum Grab zur Gedächtnisstütze, und heute Morgen tut er das auch durch sein Wort. Das leere Grab und Gottes Wort als Gedächtnisstütze. Aber was für eine Art des Gedächtnisses ist das? Die Erinnerung, das Gedächtnis kann viele Dinge tun. Mit ein paar einfachen Worten kann sich alles ändern. Das passiert auf zwei Arten und Weisen. Einerseits kann uns das Erinnern von der Gegenwart wegführen in eine vergangene Welt. Bei Beerdigungen z.B. versammeln Familienmitglieder sich, und jemand sagt zu ihnen: „Wisst ihr noch, wie er von seinem Fischen erzählte, wenn die Leute zu Besuch kamen?“ „Ja“, sagt ein anderer, „er hat immer die großen Fische gefangen.“ „Jedes Jahr wurden sie größer.“ „Am Ende waren sie so groß, dass man keine Fotos mehr machen konnte.“ Und schon bald merkt man, dass die Versammlung aus der Gegenwart an einen anderen Ort bewegt wurde, und die Schultern entspannen sich, und die müden Gesichter werden hell und man hört ein Lachen… sogar bei einer Beerdigung. Das ist die Kraft der Erinnerung. Sie kann uns in Vergangenheit versetzen.

Andererseits gibt es eine andere Art des Erinnerns, die uns nicht in die Vergangenheit versetzt, sondern uns intensiver in Gegenwart hineinbringt. Dein Kind ist geboren und deine Eltern sind zum ersten Mal Opa und Oma geworden. Dann kommt der Tag, an dem sie ihr erstes Enkelkind im Arm halten. Du bringst deine Tochter und legst sie in die Arme ihrer Oma. Zuerst ist die Oma nervös. Es ist so lange her, seitdem sie ein Baby gehalten hat. Aber dann erinnert sie sich daran, wie es früher war. Sie wiegt das Kind, schaukelt es, flüstert ihm alberne Dinge zu. Sie beugt sich und küsst die Stirn und schaut auf und beginnt zu erzählen, wie es war, als du klein warst. Dieses Mal bewegt die Erinnerung deine Mama nicht aus der Gegenwart in die Vergangenheit, sondern sie holt sie in die Gegenwart zurück. Ihre Erinnerung schenkt ihr doppelte Freude, ihre Enkelin in ihren Armen zu halten. Also zwei Arten der Erinnerung: eine versetzt in die Vergangenheit, die andere führt intensiver in die Gegenwart hinein. Nun: Welche Art des Erinnerung geschieht am leeren Grab? Versetzt Gott die Menschen aus in die Vergangenheit oder bringt er sie ganz in die Gegenwart hinein?

Für diese Frauen bringt die Erinnerung an die Worte des Herrn sie ganz in die Gegenwart. Durch Jesu Worte beginnen sie, diese seltsame neue Welt zu verstehen. Leere Gräber und Männer, die wie Blitze aussehen. Engel, die sie ein ganzes Leben lang begleitet haben. Diese Dinge ergeben einen Sinn: Jesus hatte von einem himmlischen Reich gesprochen. Die Welt gehört Gott; sein Reich ist gekommen. Was ist mit dem Schmerz der Kreuzigung? War das alles ein Fehler? Nein, hatte Jesus ihnen gesagt: Sein Verrat und sein Tod waren Teil des Willens Gottes. Gott wollte alle Menschen so sehr retten, dass er seinen einzigen Sohn gab, um die Strafe für ihre Sünden zu tragen. Und jetzt ist die Strafe vorbei. Die göttliche Rache ist vorbei und das offene Grab gibt einen Blick auf die himmlische Herrlichkeit frei. Engel sprechen mit Menschen. Die Menschen sprechen zueinander und teilen sich eine Botschaft mit, die jeden Mann, jede Frau und jedes Kind rettet. Plötzlich ist das Leben für diese Frauen lebenswert geworden, sie fliehen aus dem Grab, um in Gottes Gnade zu leben.

Das Erinnern kann uns also intensiver die Gegenwart erleben lassen. Aber die Welt erzählt uns etwas anderes. Wenn wir Ostern feiern, schüttelt die Welt den Kopf. „Ein Heiland, der von den Toten aufersteht? Eine Welt voller Sünde, Teufel, Engel und Dämonen? Ihr beantwortet Fragen, die Menschen nicht mehr stellen“, sagen sie. „Du wirst im Geschäft nicht weiterkommen mit ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‘.“ So reagiert die Welt. Aber Gottes Wege sind nicht unsere Wege. Seine Gedanken sind nicht unsere Gedanken. Heute verkünden wir den Tod und die Auferstehung Jesu, weil sie das Leben in dieser Welt unendlich reicher und sinnerfüllter und eigentlich erst lebenswert machen. Wir alle haben Sünden auf dem Kerbholz. Zorn auf Geschäftspartner. Zank zwischen Generationen. Klatsch über Kollegen hat Freunde zu Feinden gemacht. Kaputte Kindheiten, kaputte Beziehungen zu Gott. Aber Gott kommt heute und will seine Vergangenheit zu eurer Gegenwart machen. Wenn Gott seine Liebe in Jesus offenbart, werdet ihr von Sünden befreit und geht das Leben anders an. Weil Jesus lebt, gewinnt jeder Tag an Bedeutung.

Manche Menschen denken, dass die Kirche Gott relevant machen muss, wenn sie überleben will. Die Kirche muss Gott ins 21. Jahrhundert bringen. Sie muss ihn für die Menschen relevant machen. Die Kirche soll die Bedürfnisse der Menschen feststellen und dann diesen Bedürfnissen entsprechen. Ein Jesus, der uns persönliche Entwicklung lehrt für ein positives Selbstbild. Eine Fünf-Schritte-Methode für ein erfülltes Gebetsleben. Ein immer neuer Jesus, der Menschen immer das bietet, was sie brauchen. Das soll Gott irgendwie relevant machen. Aber diese Menschen haben die Wege Gottes falsch verstanden.

Es geht nicht darum, Gott für Menschen relevant zu machen. Gott macht Menschen für ihn relevant. Das ist Gottes gnädiges Werk. Er macht dein Leben für ihn und für sein Reich relevant. In der Bergpredigt hat der Herr Jesus gerade die sehr realen Lebenserfahrungen der Menschen benannt. Er hat die geistlich Armen identifiziert, die Sanftmütigen und die, die Leid tragen. An diesem Punkt gibt er ihnen keine Fünf-Schritte-Methode, wie sie Gott für andere relevant machen können. Stattdessen sagt der Herr zu ihnen: „Ihr seid das Licht der Welt“. Er sagt ihnen nicht, was sie sein könnten, wenn sie sich nur anstrengen, oder wie sie nach seiner Methode ihr Potential realisieren können. Nein, er schaut einfach auf die, die Gott versammelt hat und segnet sie und sagt ihnen, was sie in Gottes Reich sind: Licht der Welt. Ihre Augen wurden nicht dafür geöffnet, wie wichtig Gott für sie ist und wie sie ihn im täglichen Leben gebrauchen können, sondern dafür, wie wichtig sie Gott sind und wie Gott sie in seinem Werk in der Welt gebraucht. Sie sind seine Zeugen, in all ihrer Trauer und Sanftmut und Armut und ihrem Hunger. Sie sind Licht für die Welt.

Habt Ihr beachtet? Mitten im Auferstehungsbericht bricht die Schrift ab, um uns die Namen dieser Frauen zu nennen: [9-11]. Wieso die Unterbrechung? Weil diese Frauen plötzlich zu etwas geworden sind. Nicht zu Pastorinnen! Sondern zu Zeuginnen des Wirkens Gottes. Sie gingen als Trauernde zum Grab, aber jetzt kommen sie als Zeuginnen zurück. Sie sind ein Licht für die Welt. Sie haben Namen und eine Lebenserfahrung und eine Geschichte zu erzählen. Wenn Gott gnädig eingreift und Menschen in sein Reich holt, verleiht er ihnen Relevanz. Menschen sind nicht relevant weil sie etwas Besonderes getan haben, sondern einfach, weil sie zu Gott gehören und in Gottes Welt leben. Das Alltagsgeschäft ist mehr als ein Geschäft, es ist ein Ruf, ein Stand. Die zerbrechlichen Momente unseres Lebens sind mit Bedeutung und mit einer Liebe erfüllt, die unsere Kräfte übersteigt. Unser zerbrechliches Leben wird in die Hände Gottes gelegt, und dort, in seinen Händen, werden wir zu Werkzeugen des lebendigen Gottes lebendiges Wirken in der Welt. Für uns, wie für die Frauen, gewinnt das Leben an Bedeutung, wenn Gott uns aussendet, um täglich in seiner Gnade zu leben. Aber wie sieht ein solches Leben aus?

Ist euch schon einmal aufgefallen, dass Menschen, die behaupten, Gottes Stimme zu hören, immer etwas Spektakuläres tun? Menschen meinen, dass Gott ihnen sagt, sie sollen alles verkaufen, in ein fernes Land oder auf einen Berg reisen und dort auf weitere Anweisungen warten. Die Sekten, die behaupten, dass sie für Gott sprechen, sind voll von Stimmen der Warnung, der Drohung, der Manipulation. Ist euch aufgefallen, dass Gott anscheinend nie einfach zu diesen Leuten sagt: „Verbring mal Zeit mit deinen Kindern“ oder „besuche deine Freundin, sie leidet“? Diese Menschen behaupten, spektakuläre und ungewöhnliche Dinge von Gott zu hören. Gott hingegen erzählt uns in seinem Wort  über sich selbst und gibt einfache Anweisungen für unser Leben als sein Volk. Sein Wort ruft uns auf, Trauernde zu trösten, unsere Feinde zu lieben, zu vergeben, wie uns vergeben wurde, Kranke zu besuchen, Schwache zu ermutigen, Leidende im Gebet aufzurichten. Seid dankbar. Freut euch. Liebt eure Ehepartner. Ehrt eure Eltern. Dies sind die einfachen Worte der Führung Gottes. Mit ihnen verdient man sich nicht das Seelenheil oder hat Erfolg in der Geschäftswelt. Es sind einfach Worte der Führung von einem Gott, der uns gemacht hat, uns erlöst hat und uns ausgesandt hat, um in seiner Gnade zu leben. Gott der Herr ruft uns sein Wort des Lebens und der Auferstehung in Erinnerung. Sein Wort verändert unsere Gegenwart und weist auf eine herrliche Zukunft. Denn der lebendige Herr regiert und wird wiederkommen. Ihr seid in seinen Tod getauft, ihr seid in sein Leben getauft, durch ihn erhaltet ihr neues Leben, mit ihm hat euer Leben jetzt einen himmlischen Sinn. Denn euer auferstandener Herr spricht: Ich lebe und ihr sollt auch leben. (Joh 14,19) [LG 379,6.8] Amen.


Wochenspruch

Christus spricht: Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle. Offenbarung 1, 18

Epistel

Ich erinnere euch an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr’s festhaltet in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr umsonst gläubig geworden wärt. Denn als erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln. Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden. Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist. Es sei nun ich oder jene: so predigen wir, und so habt ihr geglaubt.

1. Korinther 15, 1 – 11

Hauptlied
Christ lag in Todesbanden 181
Erschienen ist der herrlich Tag 183

Evangelium

Als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und den Leichnam Jesu zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.

Markus 16, 1 – 8