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Seniorentreffen 2016

Ihr lieben Senioren! Thema heute ist die Musik und das Singen.

Ich weiß nicht, ob euch dabei schon einmal aufgefallen ist, dass beides Singen undMusizieren sehrmerkwürde Sachen sind! Merkwürdig in dem Sinne, dass wir Menschen es eigentlich nicht zu tun brauchten. Ja, warum singen, warum musizieren wir überhaupt? Dass wir z.B. jeden Tag Essen und Trinken, dass erklärt sich daraus, dass wir die Energie des Essens und Trinkens brauchen zum Leben. Ohne Essen und Trinken sterben wir.

Dass wir Menschen miteinander reden, dass erklärt sich daraus, dass wir miteinander leben und arbeiten müssen, und deshalb auch miteinander reden müssen; sonst würde das Zusammenleben und -arbeiten nicht funktionieren. Dass wirMenschen uns kleiden und unsHäuser bauen, dass erklärt sich daraus, dasswir Schutz brauchen gegen Wind und Wetter. Aber warumsingen undmusizieren wir?Wie kommt es, dassMenschen ihren Kopf heben und zur Seite neigen und dabei vielleicht sogar die Augen schließen und wie ein Vogel zu singen beginnen?

Das ist mit dem Verstand kaum zu erklären. Dass Menschen sich ein Stück Schweinedarm genommen haben und über ein ausgehöhltes Holz gespannt haben, um daran zu zupfen und Gitarrenmusik zu machen, oder dass sie mühsam aus Zinn unterschiedliche Röhren produziert haben, um aus einem ziegenledernen Blasebalg Luft hindurchzublasen um Orgelmusik zu machen – ja, warum tun Menschen das? Musik ist eine Gabe Gottes an uns Menschen. Eine gute Gabe unseres guten Schöpfers.Wir können mit Musik wunderbar Gefühle zum Ausdruck bringen: Zum Ausdruck bringen, wie wir uns gerade fühlen; was uns gerade bewegt. Und wir können unsere Gefühle durch Musik auch steuern – beeinflussen.

Denken wir z.B. an den König Saul, dessen Gemütszustand durch das Harfenspielen von David immer wieder dramatisch verbessert wurde. Ja, Musik hat direkt etwas mit unseren Gefühlen zu tun. Meine Tochter Sarah z.B. (es ist wunderbar immer wieder zu beobachten): sie singt ganz laut, wenn es ihr gut geht!

Ja, von weitem kann man bereits hören, wenn sie in ihrem „happy space“ ist. Ich weiß nicht, ob ihr den Kanon kennt: „Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang“? Auf jeden Fall ist dieses das neuste Lied, das Sarah gerne laut singt. Der Text kommt aus dem 113. Psalm, den wir eben gehört haben: „Vom Aufgang der Sonne bis zu ihremNiedergang sei gelobet der Name des Herrn!“ Ja, das ist ein schönes Lied zu singen, wenn es einem gut geht.Wie überhaupt der ganze Psalm 113 ein einziges Loblied auf unseren Gott ist. Nun ist aber interessant: Dieser Kanon „Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang“ wurde von Paul Ernst Ruppel im Jahre 1938 in Deutschland komponiert. Zur Erinnerung: 1938, das war ein Jahr, in dem bereits dunkleWolken amHimmel über Deutschland aufzogen. Die erstenMenschen wurden verfolgt; der zweite Weltkrieg wurde vorbereitet. Für die christliche Kirche war das eigentlich keine gute Zeit umLoblieder auf den Schöpfer zu komponieren und zu singen.

Oder vielleicht gerade doch? Ja, ist es nicht so – geht es unsMenschen gut, kommt uns das LobGottes leicht über die Lippen. Werden wir aber mutlos oder verdunkelt sich die Welt um uns herum, verstummt vielleicht schnell unser Gotteslob. Dabei kann und soll es genau umgekehrt sein: Angesichts drohender Kriege (wie 1938, als Ruppel den Kanon komponierte) und in den finsteren Tälern des Lebens macht das Lob Gottes einen besonderen Sinn; macht das Singen und Musizieren einen besonderen Sinn. Christen singen und musizieren an gegen die vermeintliche Übermacht des Dunklen. Ihr Lob „vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang“ lässt nicht nach; gerade nicht in schweren Zeiten und Tagen des Unglücks.

Denn Christen wissen, dassGott derHerr in allemderHerr derGeschichte bleibt.Christenwissen, dass dies so ist, auch wenn alle Anzeichen dagegen zu sprechen scheinen. Sie halten daran fest, dass Gott eben nicht die Herrschaft über seine Schöpfung aufgegeben hat, sondern trotzdemimRegimente sitzt und alleswohl führt.Auch das Lied, das wir gleich miteinander Singen wollen („Befiehl du deine Wege“), ist von Paul Gerhardt geschrieben worden, als es ihm und seiner Familie gerade sehr dreckig ging; als sie gerade eine besonders schwere Zeit durchmachten. Doch gerade in dieser Zeit verstummt das Singen und Musizieren von Christen nicht. Ja, gerade in dieser Zeit entsteht eines der tröstlichsten Lieder und einer der teuersten Schätze unseres Gesangbuchs! Nichts spricht gegen das Lob Gottes an einem Tag, an dem es uns gut geht. An einem Tag, an dem wir uns gut fühlen. Es spricht aber auch viel für das Lob Gottes an jedem normalen Tag, und vor allem auch an den dunklen Tagen.

Ja, glücklich ist,wer auch imgrauen und tristen AlltagGott singen kann.Glücklich ist,wer dieses auch an schweren Tagen tun kann.Denn insbesondere das Singen undMusizieren in schwerenZeiten ist auch eineArt undWeise desBekenntnisses zu unseremGott. In diesem Sinne lasst uns miteinander singen: „Befiehl du deine Wege“. AMEN. Pastor Michael Ahlers