Predigt zum 1. Advent, den 29. November 2020
Christusgemeinde Kirchdorf
Predigt zum 1. Advent
Christusgemeinde Kirchdorf 27. November 2022
Offb 3,14–22 I.i.
Willie Kings Ärzte hatten einen schrecklichen Fehler gemacht. Sie meinten es gut – ganz bestimmt. Und doch passierte es. Ob sie das Röntgenbild von der falschen Seite aus betrachteten? Ob einer von ihnen kurz abgelenkt war? Wie dem auch sei – im Nachhinein mussten die Ärzte zugeben, dass sie Willie King das falsche Bein amputiert hatten. In Amerika sterben jedes Jahr mehr als 40.000 Patienten an solchen Fehlern; wie viele es in Südafrika sind, weiß ich nicht. Bestimmt meinen die Ärzte und Krankenschwestern es gut, die Eingriffe und Medikamente sind an sich auch gut und effektiv, aber bei der Anwendung kann es schiefgehen. Gute Eingriffe und gute Medizin am falschen Patienten zur falschen Zeit können tödlich sein. Das gilt nicht nur auf dem Operationstisch, sondern auch bei der Anwendung der Heilmittel und Eingriffe Gottes. Heute geht es insbesondere um die richtige Anwendung von Gottes Wort, nämlich vom Gesetz und Evangelium. Das sind starke Medikamente. Jedes hat eine eigene Wirkung, sorgfältig müssen sie angewendet werden. Gottes Gesetz warnt und ermahnt uns und weist uns in die Schranken, diagnostiziert unsere seelischen Krankheiten, unsere Sünden, damit wir auf unsere geistliche Gesundheit achten und unseren Lebensstil ändern, wenn wir ungesund leben, damit wir nicht an Sünden sterben, sondern leben, damit wir einhalten und umkehren, es zeigt, wie ein gesunder Lebensstil aussieht. Das Evangelium von Christus Jesus wäscht uns rein, neutralisiert Gifte in der Seele, führt Herztransplantationen durch, heilt und verbindet und schenkt Hoffnung und neues Leben. Wenn wir aber die Bibel falsch lesen, wenn Pastoren falsch predigen, wenn das gute Gesetz und heilsame Evangelium falsch oder zur falschen Zeit angewendet werden, können die Folgen geistliche Krankheit, geistliche Verstümmelung, selbst geistlicher Tod und Verdammnis sein.
Neulich hörten wir von den offenen Briefen, die Jesus Christus an sieben verschiedene Gemeinden der ersten Christen schrieb. In diesen Briefen sehen wir den rechten Arzt der Seele am Werk. Jeden dieser offenen Briefe richtet er speziell an eine Gemeinde, deren Eigenart er bestens kennt, deren Umstände er bis ins kleinste Detail weiß. Er lobt und tadelt ihre geistliche Gesundheit, zeigt auf, in welcher Gefahr diese Gemeinde steht durch die Krankheit ihrer besonderen Sünden, warnt vor geistlichem Tod. Und dann wendet unser Herr sein heilsames Evangelium an und verspricht Segen und ewige Gesundheit, wenn die Gemeinde umkehrt, ihm vertraut und in seiner Therapie überwindet.
Der Herr macht diese Briefe öffentlich, damit wir sie heute alle lesen und uns selbst von jedem in Frage stellen lassen. Der Heilige Geist lehrt uns, recht hinzuhören, unsere eigene Gefahr zu erkennen, wo wir etwa auch krank sind oder dem Tode nahe, damit auch wir von schlechten Gewohnheiten der Sünde und einem ungesunden Lebensstil umkehren und uns von der Medizin des Heilandes helfen und heilen und trösten und kräftigen und retten lassen. Heute hören wir das 7. seelenärztliche Attest („doctor’s letter“), wenn man so will, die Diagnose und den Therapieplan der Gemeinde in Laodizea. Laodizea war damals die reichste Stadt ihrer Provinz, das Sandton seiner Zeit. Es lag an der Kreuzung von zwei wichtigen Handelsstraßen. Das reiche Laodizea war damals bekannt für seine sicheren Banken, seine Textilindustrie und seine medizinische Industrie – unter den Medikamenten, die in Laodizea hergestellt wurden, waren eine besondere Augensalbe, die sehr beliebt war. Nun gab es in der Nähe von Laodizea warme Bäder, heiße Quellen wie bei Natal Spa, wo man eine Kur machen konnte; und etwas weiter lag die Stadt Kolossä, wo es kalte Bäder und kaltes Wasser zum Trinken gab.
Auf all diese Dinge spielt Jesus an, wenn er die Gemeinde in Laodizea untersucht und ihre Krankheit diagnostiziert. Erste Diagnose: Laodizea, du bist lau. [15f.] Bestimmt erinnert ihr euch wie das ist, an heißen Sommertagen mit Geschwistern oder Freunden in der Sonne herumzutoben, bis alle sich verschwitzt und überhitzt um den Wasserhahn zum Trinken versammeln, und der erste öffnet den Hahn und will trinken und – bekommt warmes, lauwarmes Leitungswasser in den Mund. Bäh, ausspucken! So reagiert auch Jesus. Du Gemeinde Laodizea, sagt er, bist nicht heiß wie das Wasser von Hierapolis noch kalt wie das Wasser von Kolossä, sondern lauwarm, ekelig, ich will dich ausspucken, erbrechen. „Wohlstand erzeugt Lauheit“ lautet das Sprichwort, das belegt auch diese Bibelstelle. Aber was heißt es denn, lau zu sein? Lau bedeutet lauwarm, zu nichts zu gebrauchen. Lau zu sein bedeutet teilnahmslos zu sein, desinteressiert, halbherzig, gleichgültig. Das passiert, wenn Christen mit dem Strom dahinschwimmen, das Wort Gottes nicht ernstnehmen, denen das Wohlergehen ihrer Gemeinde und ihres Glaubens schnurzpiepegal ist, die sich nicht mehr wachrütteln lassen, nichts von Gott sagen lassen, alles besser wissen, nicht in die Beichte kommen, sich nicht beteiligen, sich ihren Glauben im Leben nicht anmerken lassen und ihre Liebe zum Mitmenschen auch nicht. Och, geht doch ohne, heißt es. Was soll schon Gottes Liebe mit meinem Leben zu tun haben? Und das passiert besonders dann, wenn Christen hinter dem Geld und dem Profit herlaufen. Dann lebt man an erster Stelle für irdischen Reichtum und eigene Begierden. „Ach,“ ruft Jesus bestürzt, „wenn ihr doch heiß wärt! Wenn ihr einen Eifer für die Sache des Herrn und seine Kirche und seine Gemeinde hättet, in der Liebe lebtet, euch wachrütteln ließet, euch in eurem Leben und Ausblick von Gottes Wort bewegen und leiten und führen ließet, dass ihr dem Herrn zu Hause und in der Gemeinde und in der Gemeinschaft mit Eifer dientet! Dann könnte ich was mit euch anfangen! … Und wenn nicht heiß: Ach, wenn ihr zumindest kalt wärt! Wenn ihr von Gott nichts wüsstet oder sogar mit ihm kämpftet! Denn dann wärt ihr immerhin offen für das Evangelium, ließet euch etwas sagen und bekehren, würdet für mich leben und mein Reich. Aber nun seid ihr lau, wie verwöhnte Teenager, die nur noch ‚meh‘ sagen und für sich selber leben.“ Das ist zum Kotzen, sagt Jesus: [16] Mit anderen Worten: Weder Gesetz noch Evangelium bringt solche Christen aus der Fassung, sie sind wie kranke Kettenraucher, die den Arzt auslachen, ihr Leben nicht ändern und sich nicht helfen lassen wollen.
[17] Die selbstzufriedenen Christen in Laodizea legten ihr Gold auf die Bank, trugen ihre üppigen Kleider aus eigener Herstellung und waren stolz auf ihre guten Salben. Sie dachten, sie hätten alles, was sie brauchten. Kommt mal her, sagt der Arzt, ihr braucht Gold, das wirklich etwas taugt, ihr braucht Kleidung, die eure Nacktheit und Schande verdeckt, ihr braucht Augensalbe, damit eure Augen geöffnet werden und ihr erkennt, dass ihr in Wirklichkeit elend, erbärmlich, arm, blind und nackt sind. Wir merken es längst, ihr Lieben, dass der Brief des Seelenarztes auch heute zu Christen redet, die ebenfalls lau geworden sind, weder kalt noch heiß im Glauben und im Herzen. Harte Worte redet der Herr. Aber, ihr Lieben, hört auch, aus welcher Ecke sie kommen, hier redet ein tiefbekümmerter Arzt, der seine Patienten wirklich liebhat, der Arzt, der bereit ist, alles zu tun, um seine Patienten nicht seelenlos in Lauheit dahinsterben zu sehen. Dies ist der Arzt, der seine todkranken Patienten so liebhat, dass es sich selber von ihnen anstecken ließ. „Fürwahr, er trug unsre Krankheit…“ Für meine Lauheit hat er sich ans Kreuz schlagen lassen, für mich hat er gelitten, für mich ist er meinen Tod gestorben, ja, und für dich, den wir durch unseren Lebensstil und unsere Apathie verdient haben. [19] Es ist Gottes Güte, die uns zur Buße und zur Umkehr ruft, Jesu Liebe, die uns heilen will. Das Erste, was ein Todkranker hören muss, ist die ehrliche Diagnose, wie es wirklich um ihn steht. Erst dann kann Einlenken und Umkehr kommen. Denn der Heiland will uns gar nicht ausspucken, sondern gewinnen. Hier redet die Liebe des großen und wohlhabenden Seelenarztes, der seine Patienten wirklich reich machen und fein kleiden und ihnen die Augen heilen will, dass die Macht des Todes und der geistlichen Lauheit gebrochen werde und sie leben. Seine Diagnose ist nicht leicht, zu hören. Aber sie ist lebensnotwendig.
Worauf es letztlich niederkommt ist dies: dein Arzt macht keine Fehldiagnosen, verabreicht keine falsche Medizin und amputiert gewiss kein falsches Glied. Alles andere. Er weiß genau, was er macht, er kennt seine Sache und ist der Toparzt, den du brauchst. Sieh mal, was er heute macht: Er meldet sich zum Hausbesuch bei dir an. Wo gibt es das denn, dass ein vielbeschäftigter Arzt sich heute noch die Zeit lassen kann, dass er zu seinen Patienten fährt, um sie zu finden und zu behandeln? Wer kennt heute noch solche Hausbesuche? Aber so lieb hat er euch: seht, was dieser Arzt macht, hört mal hin, wo er schon steht: [20] Er klingelt beim Eingang. Gehst du hin? Er ruft mit seiner schönen Stimme. Hörst du hin? Er klopft an deiner Tür. Machst du auf? Er will dich dringend sprechen, einen höchstpersönlichen Arztbesuch bei dir machen. Lässt du ihn rein? Er will dir dringende Diagnose geben. Lässt du dir was sagen? Er will dich heilen. Ja, schau hin, er kommt in deine Küche und bindet sich persönlich deine Schürze um, deckt dir den Tisch und setzt sich mit dir hin, er trägt die rechte Lebensspeise auf und verabreicht das rechte Medikament, der Herr, dein Arzt; willst du kommen und dich setzen und mit ihm das Abendmahl halten, und er mit dir? Willst du dir helfen lassen und dich heilen lassen?
Es ist Advent. Der Herr Jesus kommt in diese Gemeinde, er kommt zu dir ins Haus, ins Herz. Er will uns wieder eifrig machen für ihn und unser Heil, für sein Reich und unsere Seligkeit. Er sagt: [21] So wie der Heiland selbst unsere Krankheit überwunden hat und geheilt und zu neuem Leben erweckt wurde, so will er es mit dir und mir machen. So wie er den Ehrenplatz an der himmlischen Tafel bekommen hat und neben dem ewigen Vater sitzt, so will er auch für dich Platz machen und dich neben ihm sitzen lassen. [22] Amen.
Soli Deo Gloria
Pastor Dr. Karl Böhmer
01. Advent (Der kommende Herr)
liturgische Farbe: violett
Festzeit: Adventszeit
Wochenspruch: Sach 9,9
Wochenpsalm: Ps 24
Eingangspsalm: Ps 24
Epistel: Röm 13,8-12 (13-14)
Evangelium: Mt 21,1-9
Predigttext: Offb 5,1-5 (6-14)
Wochenlied: 4 und 16
Erklärung zu den Perikopen:
Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = IV). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).
I(Evangelium): Mt 21,1-9
II: Röm 13,8-12 (13-14)
III: Jer 23,5-8
IV: Offb 5,1-5 (6-14)
V: LK 1,67-79
VI: Hebr 10,(19-22) 23-25