Jona 1,1-2,2.11
In der Stadt Reinerz an der Grenze zwischen Polen und Tschechien steht eine barocke Kirche mit einer besonderen Kanzel. Man nennt sie die „Jonaskanzel“. Ein riesiger Fisch ist da an einer Säule befestigt. Sein Maul ist weit geöffnet und spitze Zähne ragen daraus hervor. Wer dort predigt, steigt auf einer Treppe durch den Leib des Fisches hinauf und steht für seine Predigt im offenen Rachen des Fisches. So können wir es uns heute vorstellen, hier steht der Prophet im Fischmaul und predigt uns aus dem Rachen des Fisches. Was ist das hier für ein Prophet? Naja – ein dickköpfiger Prophet. Ein bockiger Prophet. Ein zutiefst verzweifelter, ungehorsamer Prophet. Ein Prophet, der rannte, bis es nicht mehr weiterging, der rannte, bis er nicht mehr rennen konnte, ein Mann Gottes, der rebelliert, vor seinem Herrn flieht und seinen eigenen Gott hasst. Ausgerechnet er muss uns heute berichten, wie der unerhört barmherzige Gott mit seinen Geschöpfen umgeht. Das Gotteswort für heute beschreibt sehr anschaulich, was mit Sünde und Gnade gemeint ist. Sünde bedeutet nämlich: Vor Gott fliehen. Gnade heißt: Gott holt den Fliehenden ein.
Gott sendet Jona, hinaufzugehen in die große Stadt Ninive und gegen sie zu predigen, denn, so sagt es der Herr, „ihre Bosheit ist vor mich gekommen.“ Bis jetzt hatte Gott seine Propheten nur zu seinem eigenen Volk geschickt, niemals zu anderen Völkern. Doch nun soll Jona über die Grenze gehen, ausgerechnet nach Assyrien! Assyrien war eines der grausamsten und gewalttätigsten Reiche, die es je gab. Die Assyrer machten den Israeliten das Leben zur Hölle, verfolgten sie, quälten sie, gingen ihnen grausam zu Leibe; und dann richteten sie auch noch die Leichname der israelitischen Soldaten furchtbar zu und stellten sie öffentlich vor der Stadt zur Schau. Warum um alles in der Welt sollte Gott diesen Erzfeinden helfen? Die haben doch Rache und Strafe verdient! „Mach dich auf, geh hinauf nach Ninive!“ Jona steht tatsächlich auf und geht – in die entgegengesetzte Richtung. Nicht nach Ninive im Osten, ins heutige Irak, sondern nach Westen, nach Tarsis an der Südspitze Spaniens. Jona macht das genaue Gegenteil von dem, was Gott ihm befohlen hatte. Ein Stückweit können wir Jona wohl verstehen. Ninive war eine große Stadt mit mächtigen Menschen. Er würde sein Leben wagen. Und warum sollten die Einwohner auf jemanden wie Jona hören, der ausgerechnet zu den Feinden gehört? Um es mit einem Bild zu erklären: Wie lange hätte ein jüdischer Rabbi sich halten können, der 1941 mitten in Berlin auf offener Straße eine Bußpredigt gegen die Nazis gehalten hätte? Praktisch gesehen waren Jonas Erfolgsaussichten gleich null und das Risiko zu sterben hoch. Also besser weg!
Der Prophet flieht – weg von Gott. Er kündigt. Er macht Schluss. Er wirft seine Beffchen in den Wind und braust vom Platz wie ein Nissan Skyline auf Hochtouren. Gleich nachdem „das Wort des Herrn geschah“. Das ist ein Fachausdruck für das, was eines Propheten zum Propheten macht. Gott ruft. Gott beruft. Gott sendet sein Wort zu dem Propheten, der es dann in seinem Namen weitersagen soll. Doch Jona lehnt seine Berufung ab und rennt weg, ohne überhaupt mit Gott zu reden. Ohne Worte sagt er aus: „Gott, ich will nicht mehr das tun, was du verlangst. Ich will nicht mehr reden, was du sagst. Ich nehme mein Leben in die eigene Hand. Meine Identität soll nicht mehr von deinem Ruf, Gott, bestimmt werden. Ich komme alleine klar.“
Diese Einstellung findet sich nicht nur bei Propheten. Genauso denken viele Menschen heute, wollen wie Jona ihre Identität lieber ohne die Berufung Gottes bauen. „Ich möchte einfach nur noch ich selbst sein! Ich möchte entscheiden wer und was ich bin. Und das ohne Gott.“ Genau diese Einstellung spiegelt das wider, was die Bibel Sünde nennt. Sünde ist nicht einfach Gebote übertreten. Das auch! Aber mehr noch, die Grundeinstellung der Sünde lautet: „Ich baue meine Identität ohne Gott. Ich kann entscheiden, wer ich bin. Ich muss mich selber erfinden. Das Glück meines Lebens liegt in mir selbst.“ So denken ganz viele. Aber das ist eine Flucht von Gott. Und sie macht ganz schön einsam. Um Glück in mir zu finden muss ich mich ständig selber bestätigen, ständig selber erfinden, ständig meine eigene Lebensgrundlage formen. Doch gerade das kannst du letztlich nicht. Warum? Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selber sagen. Du brauchst ein Wort von außen. Von dem, der dich gemacht hat. Du musst hören, dass du geliebt und gewollt und geachtet bist. Wenn du diese Bestätigung nicht aus dem Wort Gottes bekommst, aus dem Herzen Gottes erhältst, dann sehnst du dich nach anderen Bestätigungen, die dir Glück versprechen. Wenn deine Hilfe nicht im Namen des Herrn ist, der Himmel und Erde gemacht hat, dann suchst du dir andere Götter. Und die heißen dann Erfolg, Schönheit, Gesundheit, Sport, Alkohol, Geld…
Jona flieht vor Gott, steigt in ein Schiff, geht nicht hinauf, sondern unten ins Boot hinab, auf bis ans Ende der Welt, weg, bloß weg, und Gott aus den Augen! Aber Gott lässt ihn nicht los. Er holt ihn nicht einmal ein. Nein, er wartet auf ihn. Seine Augen sehen ihn kommen. Der Herr lässt einen großen Wind aufs Meer kommen. Ein heftiger Sturm überfällt ihn. Dieser Wind kommt so mächtig und wütet so stark, dass selbst die heidnischen Matrosen ahnen, dass hier etwas Übernatürliches im Spiel ist. Ja, und dann die Ironie! Sie fangen an zu beten und er – schläft. Und der Sturm tobt. Stürme in unserem Leben können Mittel sein, mit denen Gott uns zurück holen möchte. In der Bibel werden befremdliche und beunruhigende Erfahrungen menschlichen Lebens nicht einfach von Gott abgekoppelt. Gerade in den Stürmen, Prüfungen und Proben kann Gott der Herr am Werk sein. Denn die Kehrseite von Gottes Liebe ist nicht Gleichgültigkeit, Aufgeben, Kapitulation. Nein, die Kehrseite von Gottes Liebe ist Eifer und Zorn, der sogar seinen Feinden nachjagt, um sie mit allen Mitteln zur Umkehr zu bewegen. Sogar die grausamen Feinde in Assyrien. Sogar die böse Hauptstadt Ninive. Sogar – Gottes verlorener Sohn Jona.
So schwierig es sein kann, Gottes liebevollen Plan hinter den Widerwärtigkeiten unseres Lebens zu erkennen – die Vorstellung, dass er sie nicht unter Kontrolle hat, oder dass unsere Leiden zufällig und sinnlos sind, wäre noch viel hoffnungsloser. Als die Seeleute erfahren, dass Jona die Ursache für den Sturm ist, fragen sie ihn: „Was sollen wir denn mit dir tun, dass das Meer stille werde und dass der große Gott Himmels und der Erde von uns ablasse? Du bist von ihm geflohen, das hast du selbst gesagt, und jetzt bestraft er uns wegen dir!“ Sie haben recht. Und endlich kommt Jona zur Besinnung. Er fasst sich an den Kopf und sagt: „Ihr sterbt für mich, aber eigentlich sollte ich für euch sterben. Ich nehme die Wut der Wellen auf mich, ich nehme Gottes Wut auf mich, damit ihr sie nicht auf euch nehmen müsst. Werft mich über Bord!“ Statt vor dem Sturm zu fliehen, schmeißt er sich in seine Mitte. Er setzt sich Gottes Zorn aus – und wird dadurch gerettet. Denn unter dem scheinbaren Tod in den Wellen wartet der Fisch, den Gott sendet. Auch wenn uns von außen Gott manchmal fremd und abweisend erscheint, unter der Oberfläche ist er gnädig, in seinem Herzen brennt seine Liebe. Wegzurennen bringt dich nicht weiter. Es führt dich in Einsamkeit, Not und Tod. Du kannst nämlich nicht vor Gott davonlaufen. Gnade heißt: Gott holt den Fliehenden ein. Er wartet auf dich. Seine Gnade ist es, dass er dich zur Buße ruft, sei es durch eine freundliche Einladung, sei es durch einen furchtbaren Sturm und Todesnot, sei es durch Schuld und Schamgefühl. Versuche bitte nicht, Gott aus den Augen zu gehen. Das kannst du nicht. Bitte ihn vielmehr, dass er dir die Augen auftut, dass du die Liebe Gottes in Jesus Christus erkennst. Dass du auch in Unglück und Todesnot Gottes unentrinnbare Nähe und herzliche Liebe entdeckst. Hier redet und ruft nicht nur der Prophet Jona aus dem Rachen des Fisches, sondern hier redet und ruft der große Prophet Jesus Christus aus dem Rachen des Todes, des Grabes und der Hölle. Im NT hören wir: „Denn wie Jona zum Zeichen geworden ist für die Leute von Ninive, so wird es auch der Menschensohn sein für dieses Geschlecht.“ (Lukas 11,30) Wie Jona drei Tage im Bauch des Fisches ist und dann wieder neu zum Leben kommt, so auch Jesus. Er hat sich vollkommen unschuldig in den Sturm von Gottes Zorn geworfen. Dadurch wurde der Sturm gestillt und uns das Leben geschenkt.
[11] Gott spricht und es geschieht. Das war schon immer so. Im Hebräischen steht hier ein Wort, das immer mit Ekel verbunden ist – eigentlich müsste man übersetzen: und der Fisch „kotzte Jona aus ans Land“. So war es auch bei Jesus! Der Tod hat Jesus verschluckt, aber selbst seine spitzen Zähne konnten ihn nicht halten. Im Gegenteil, Jesus wurde dem Tod unverdaulich, und so musste er ihn wieder von sich geben. So auch wir. Denn der Tod kann den Geschmack vom lebendigen Christus absolut nicht vertragen. Als wir im Taufwasser „mit Christus in den Tod begraben worden sind“, wie Paulus das ausdrückt (Röm 6), „so sind wir mit Christus auch schon auferstanden.“ Und so hat der Tod auch uns „ausgekotzt“, weil er Jesus Christus absolut nicht vertragen kann. So haben wir durch Gottes Wort geistlich schon längst festen Boden unter den Füßen. Lasst uns dann auch darauf gehen und auf den Ruf des Heilands hören. Amen.
Pastor Dr. Karl Böhmer
Wochenspruch
Christus spricht: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich. Lukas 10, 16
Introitus – Nr. 42 (Psalm 34, 23 u 2 u 5)
Epistel
Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe. Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht? Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.
. Johannes 4, 16b – 21
Hauptlied
Nun bitten wir den Heiligen Geist 216
Evangelium
Jesus sprach: Es war ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren und begehrte, sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre. Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben. Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen. Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, und du wirst gepeinigt. Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüber will, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber. Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.
Lukas 16, 19 – 31
liturgische Farbe: grün
Festzeit: Trinitatiszeit
Wochenspruch: Lk 10,16
Wochenpsalm: Ps 34a
Eingangspsalm: Ps 19, Ps 36, Ps 67, Ps 84, Ps 113
Epistel: 1. Joh 4,16b-21
Evangelium: Lk 16,19-31
Predigttext: Joh 5,39-47
Wochenlied: 124
Erklärung zu den Perikopen:
Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).
I(Evangelium): Lk 16,19-31
II: 1. Joh 4,16b-21
III: Joh 5,39-47
IV: Jer 23,16-29
V: Mt 9,35-38; 10,1 (2-4) 5-7
VI: 5. Mose 6,4-9