Drei Dinge zählen gegen sie. Erstens ist sie eine Frau, und nach den Regeln der Zeit Jesu sprechen Männer in der Öffentlichkeit nicht mit Frauen. Zweitens ist sie Samariterin, und nach den Regeln der Zeit Jesu haben Juden nichts mit Samaritern zu tun. Und drittens ist sie fünfmal geschieden und lebt nun mit Nummer sechs zusammen, der nicht ihr Ehemann ist, und nach den Regeln der Zeit Jesu will niemand etwas mit ihr zu tun haben. Wahrscheinlich wird sie als Ehebrecherin, als Prostituierte, als Hure behandelt: „Geh mir aus dem Weg, du Hure, scher dich in die Hölle, wo du hingehörst.“
Keiner will was mit ihr zu tun haben. Außer Jesus. Willkommen am Jakobsbrunnen im Dorf Sychar. Es ist 12 Uhr mittags. Zeit zu essen! Aber Jesus ist heiß, müde und durstig. Die Jünger müssen in die Stadt gehen, Essen kaufen. Die Samariterin geht in die andere Richtung. Will nicht, dass man ihr begegnet, sie beschimpft und anflucht. Aber nun sitzt ein Mann schon da! „O nein, der wird mich auch verfluchen! O – er kennt mich nicht. Er ist ein Fremder.“ Sie wagt es. Geht hin. Und Jesus behandelt sie, als wäre sie eine wunderbare Person, die man kennen sollte. Als ob sie eine Heilige wäre, wie ein Engel Gottes. Er ehrt sie. „Ah! So bin ich noch nie behandelt worden!“
Und während sie sich weiter unterhalten, hat Jesus es auf sie abgesehen. „O, ich weiß alles über dich. Ich kenne alle deine Sünden. Ich zähle dir gleich jetzt einige auf. „O, jetzt wird er mich verurteilen!“ Jesus tut es nicht. Er verurteilt sie nicht. Er bedroht sie nicht. Er stößt sie nicht hinaus. „Komm,“ sagt er. Ich bin dein Messias. Deine Sünden sind dir vergeben durch das, was ich für dich tun werde. Und während sie sich weiter unterhalten, zieht Jesus sie zu sich heran. Sie hört den Ruf Jesu. Und sie hört die Obertöne. Sie weiß, was dies bedeutet. Das ewige Leben. Und wie reagiert sie darauf? O! Ihr ganzes Leben wird nun anders. Sie nimmt Jesus im Glauben auf. Den Messias. „Er wird mir helfen, bis er mich in den Himmel holt. Ich bin ein neuer Mensch!“ Endlich kann sie ihr Haupt erheben. Ihm in die Augen schauen. Sogar Gott, weil sie weiß, dass Gott sie durch Jesus liebt und ihr alle Sünden vergeben hat.
Über dieses Gotteswort ist viel zu sagen, und vieles ist interessant, aber im Mittelpunkt dieser Geschichte steht das Wasser. Der Gegensatz zwischen Jakobs Wasser und Jesu Wasser, dem Wasser, das aus Jakobs Brunnen kommt, und dem Wasser, das von Jesus kommt. Brunnenwasser und lebendiges Wasser. Wasser, das deinen Durst nicht für immer löscht, und Wasser, das es für immer tut. „Lebendiges Wasser“ bedeutet fließendes Wasser, die Quelle, die nie versiegt, das Wasser, das immer sprudelt, der Fluss, der immer läuft, das Wasser, das immer frisch ist. Hier der Gegensatz zwischen dem Wasser, für das du arbeiten musst, und den Wasser, das für dich arbeitet. Und wenn du in all dem Gerede über Wasser einen Hauch von Taufe spürst, bist du auf dem richtigen Weg.
Jakobs Wasser ist Brunnenwasser. Gesetzliches Wasser. Man arbeitet dafür. Man muss es sich verdienen. Man wacht jeden Tag auf, setzt sich den leeren Wasserkrug auf den Kopf, geht über das Feld, das Jakob Josef gegeben hat, hängt den Krug an das Seil und lässt ihn in den tiefen Brunnen hinunter, zieht ihn hoch, setzt sich den vollen Krug wieder auf den Kopf und geht damit nach Hause, damit die Familie kochen und putzen kann. Da lernt man Leitungswasser schätzen, nicht wahr?
Das Wasser des Gesetzes ist harte Arbeit. Durstige Arbeit. Wenn man nach Hause kommt, muss man vor Durst gleich wieder Wasser trinken, und am nächsten Tag das Ganze noch einmal von vorn. Es gibt kein Ende der Arbeit oder des Durstes. Und so ist es auch mit dem Gesetz. Es ist nur Arbeit und hört nie auf. Es verspricht Leben, aber es liefert nicht.
Du und ich, wir verspüren in uns einen Durst. Einen Durst nach Bestätigung. Anerkennung. Vor Gott. Von Gott. Einen, der uns ent-schuldigt und uns gerecht spricht. Die Werke des Gesetzes, die Gebote, die Pflichten, stillen vielleicht kurzfristig den Durst, aber der Durst nach Gerechtigkeit kehrt in dem Moment zurück, in dem du merkst, wie sehr du selbst in deinen besten Augenblicken Sünder bist. Du kannst dich abmühen und abrackern, um die Gebote zu halten, aber es gibt immer noch mehr, und sie sind so tief wie Jakobs Brunnen. Man kann alle Dinge richtig machen, aber wenn das Herz nicht recht ist, ist die Sache immer noch sündig. Und das sündige Herz ist niemals recht.
Du und ich, wir sind in mehreren Hinsichten wie diese samaritanische Frau. Wir werden als Ausgestoßene geboren. Außenseiter des Reiches Gottes. Menschen, die nicht zu ihm gehören. Und dann kommt noch mehr dazu. Es geht jetzt erst richtig los. Jesus kommt mit dem Gesetz, und zunächst scheint er hart und fordernd zu sein. Es scheint, als ob alles, was er will, ist, dass du ihm dienst, dass du seine Befehle ausführst und seinen Forderungen nachkommst. Hilf dem Mann, der da im Graben liegt. Verkaufe alles, was du hast. Gib mir zu trinken. Er hält uns den Spiegel des Gesetzes vor und zeigt uns unser kaputtes Leben und die Sünden unserer Vergangenheit. „Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann.“ Er spiegelt uns die Wahrheit ins Gesicht, und offen gesagt ist es eine Wahrheit, mit der wir nicht umgehen können. Es ist peinlich, in der Gegenwart von jemandem zu sein, der einen so gut, so tief kennt. Es ist beängstigend. Man möchte am liebsten weglaufen und sich vor jemandem wie ihm verstecken. Denn – ah – Jesus weiß alles über dich und über mich. Er kennt alle deine Sünden. Er kann mit Recht über uns richten, uns in die Hölle schicken – zu Recht kann er sagen: „Geh mir aus dem Weg, du dreckiger Mensch, ich will nichts mit dir zu tun haben, ich habe nie mit dir zu tun gehabt.“
Aber nein, er, der das mit Fug und Recht könnte, er, der alles Recht im Himmel und auf Erden hat, er tut das nicht! Jesus kommt nicht, um dich zu beschämen oder zu verurteilen. Er ist nicht da, um dir deine Vergangenheit unter die Nase zu reiben. Er will deine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erlösen. Er will dich mit seiner Gerechtigkeit bedecken, mit seiner Heiligkeit heilig machen. Er will dich aus der Flut von Sünde und Tod retten. Er will dich vor dir selbst retten und dir ein Leben schenken, das du aus eigener Kraft nicht haben kannst. Nachdem er dir den Spiegel des Gesetzes vor die Augen gehalten hat, legt er ihn ab und sagt: „Du guck jetzt mich an. Schau nicht auf Mose und seine Gebote, um zu sehen, wer du bist. Schau nicht in dein schuldiges Gewissen, um zu wissen, wer du bist. Schau auf mich. Ich rufe dich, ich heiße dich willkommen.“
Und er tut es auch. Er behandelt uns wie wunderbare Menschen, um uns zu ehren, um uns zu kennen. Kommt, sagt er, kommt, folgt mir. Mose nennt dich einen Sünder, und das ist wahr. Das bist du auch. Aber ich nenne dich heilig. Ich bin für dich gestorben, ich habe für dich geblutet, ich habe dich mit dem lebendigen Wasser meines Todes und meines Lebens getauft. Das alte Du ist ertrunken, das neue Du ist im lebendigen Wasser geboren. Ich, der Christus, spreche zu euch in der Schrift und der Predigt und dem Abendmahl und sage euch, wer ihr seid. Und wenn ich spreche, dann ist es so.“
Lieber Freund, definiere dich nicht über deine Vergangenheit, deine Wünsche, deine Taten, deine Herkunft, über all die Labels, die wir uns selbst aufkleben und die andere uns aufkleben. Wir sind nicht, was wir tun, wir sind nicht, was wir fühlen, wir sind nicht, was wir denken. Sondern wir sind, wie Christus uns sieht, wir sind, wozu Christus uns erklärt, wir sind, wie sein Blick uns definiert.
Der Apostel Paulus schrieb an die Korinther: „Wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Lasst euch nicht irreführen! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder, Diebe, Geizige, Trunkenbolde, Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes ererben. Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.“
(1. Kor 6,9-11)
Du bist getauft. Du bist ein Kind Gottes, reingewaschen, geheiligt und gerechtfertigt im Namen des Herrn Jesus und durch den Geist unseres Gottes.
Das ist es, was das lebendige Wasser, das Jesus bringt, für dich tun wird. Und dann zählt nichts mehr gegen dich. Sondern alles für dich.
Im Namen Jesu. Amen.
03. Sonntag nach Epiphanias (Der Heiden Heiland)
Wochenspruch
Es werden kommen von Osten und von Westen,von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.
Lukas 13, 29
Introitus – Nr. 14 (Psalm 117; Psalm 67, 2)
Epistel
[Ich bin ein Schuldner der Griechen und der Nichtgriechen, der Weisen und der Nichtweisen; darum, soviel an mir liegt, bin ich willens, auch euch in Rom das Evangelium zu predigen. Denn:] Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst
und ebenso die Griechen. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht: „Der Gerechte wird aus Glauben leben.”
Römer 1, [14 – 15] 16 – 17
Hauptlied
Lobt Gott den Herrn, ihr Heiden all 140
Evangelium
Als Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm; der bat ihn und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen. Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen. Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. Denn auch ich bin ein Mensch, der Obrigkeit untertan, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er’s. Als das Jesus hörte, wunderte
er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden! Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern. Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde.
Matthäus 8, 5 – 13