03. Sonntag nach Epiphanias (Der Heiden Heiland) – 2020

03. Sonntag nach Epiphanias (Der Heiden Heiland)

Man könnte meinen, das Wunderbare an der Apostelgeschichte des Lukas ist, dass sie von einem Arzt geschrieben wurde und trotzdem lesbar ist. Nein, das Wunderbare an der Apg ist, was sie von der Macht vom Wort Gottes und von der Taufe berichtet – wie das Evangelium sich nach der Auferstehung Jesu ausbreitet von den Juden zu Äthiopiern und Samaritanern und Griechen und Kretern und Römern, über den ganzen Mittelmeerraum und weit darüber hinaus. Problematisch aber ist, wenn wir all das Wunderbare in ihr nicht nur staunend und dankbar bewundern, sondern auch darauf bestehen, dass es alles bei uns auch so geschehen muss.

Unser Predigtwort liefert dafür ein Paradebeispiel: eine faszinierende Geschichte vom Römer Kornelius und seinem Weg zu Jesus. Der Heilige Geist führt Leute zu Petrus, der gerade eine wunderbare Vision erlebt hat; der Heilige Geist redet direkt mit Petrus und sagt ihm, drei Männer suchen ihn und er soll mit ihnen gehen, ohne zu zögern; nach zwei Tagen kommen sie nach Cäsarea, dort erwartet sie ein Römer, der Hauptmann Kornelius; Kornelius hat ebenfalls eine Vision erlebt, er hat einen Engel gesehen, der ihn überhaupt hinsenden und Petrus rufen ließ; Petrus überwindet seine Scheu und bricht alle jüdischen Tabus und geht in das Haus von unbeschnittenen Heiden; Kornelius‘ Großfamilie wartet schon in der Stube, er bittet Petrus zu predigen, Petrus predigt mächtig von Jesus, und der Heilige Geist fällt dabei sichtbar auf sie alle, auf diese römischen Heiden!, die Zuschauer sind fassungslos, und nachdem die Römer den Heiligen Geist so offensichtlich empfangen haben, werden sie auch mit Wasser getauft, ganz wunderbar! Eine erstaunliche Sache. Ja, und nun liest man sie und sagt: So muss es doch eigentlich auch bei mir sein – oder? So muss es doch in meiner Kirche aussehen – oder? Wo sind bei uns die Visionen? Wo redet zu uns hörbar der Heilige Geist? Wo erscheinen bei uns die Engel? Wo empfangen Erwachsene bei uns den heiligen Geist sichtbar? Und wenn das nicht passiert bei mir und meiner Kirche – was ist denn mit uns los? Sollten wir denn nicht besser dahin gehen, wo diese Dinge tatsächlich geschehen?

Und schon sind wir verunsichert. Und das wird nur schlimmer, wenn wir mit anderen Christen und anderen Kirchen in Berührung kommen, die genau diese Dinge lehren. Und wenn wir da von Wort und Sakrament reden, dann heißt es: Ihr lasst dem Heiligen Geist keinen Raum, bei euch spielt der Heilige Geist überhaupt keine Rolle, er redet nicht zu euch, ihr seid nur Buchstabenchristen, ja – vielleicht – seid ihr noch gar nicht wirklich Christen, weil ihr den Heiligen Geist nicht so empfangen habt.

Einer, der genau diese Position vertrat, war der deutsche Pastor Thomas Müntzer. Müntzer rief die deutschen Christen auf, alle aus den etablierten Kirchen auszutreten und sich ihm anzuschließen. Warum? Weil Gott unmittelbar und lebendig wirksam ist, weil er „in eigener Person mit dem Menschen“ redet, weil ein Prediger eine direkte Offenbarung von Gott haben muss, bevor er redet, ja, weil alle Christen solche Offenbarungen haben sollen, dass der Heilige Geist zu ihnen redet, darin liegt Heilsgewissheit, sagte er. Es muss ein Geist-Christentum sein! Die Kirchen, sagte Müntzer, ach, sie sind doch alle so unlebendig und unerlebt, geistlos, wesenlos, rückwärtsgewandt, an die Vergangenheit gekettet und nur vom toten Buchstabenglauben beseelt. Es muss um den Heiligen Geist gehen, sagte er – die Bibel ist zwar wichtig, sagte er, aber viel wichtiger ist es, dass der Heilige Geist jetzt direkt zu uns redet und Gottes Willen sagt. Nun, der Müntzer ist schon gestorben. Aber Müntzers Position ist wohlauf und munter, es gibt heute viele Thomas Müntzers, die genau das gleiche lehren, viele Christen, die diese Dinge heute glauben und praktizieren. Da wird behauptet, Gott spricht direkt zu uns ins Herz; man erkennt ihn wie beim Propheten Elia nicht im Sturm, Feuer oder lauten Wind, sondern in einer leisen, inneren Stimme hören wir ihn. Echte Christen hören Gottes Stimme in sich, heißt es – durch ein Brennen im Herzen, die innere Stimme, Zeichen und Weisungen, durch Träume oder Visionen oder Geschehnisse im alltäglichen Leben, so redet Gott, und wer das nicht hört, ist womöglich kein echter Christ. Ist das, was unser Gotteswort lehrt?

Nein, liebe Gemeinde, das ist nicht, was die Bibel lehrt, und auch dieses Gotteswort nicht. Die Behauptung, dass Gott der Heilige Geist direkt und unmittelbar zu uns Christen redet, der Hang nach Träumen und Visionen und nach außerordentlichen Erlebnissen, die uns Gottes Willen kundtun sollen, das nennt die Christenheit seit eh und je Enthusiasmus. Nicht wie das heutige Wort enthusiastisch, also begeistert, sondern buchstäblich en-theos-ousia, das Gott-in-sich-Tragen oder Gott in sich selbst suchen. Das andere alte Wort dafür ist Schwärmerei. Worauf es dabei ankommt, ist, dass Christen mit dieser Überzeugung dann die Bibel eben nur an zweiter oder dritter Stelle lesen oder hören wollen, aber in erster Hinsicht darauf bestehen, Gott unmittelbar zu sich reden hören zu müssen. Es wird also ein Keil getrieben zwischen Bibel und Gott, zwischen Buchstabe und Geist, als wenn Gott direkt redet, direkt spricht, direkt alle Entscheidungen des Christen bestimmt.

Thomas Müntzer wirkte zur Zeit Luthers, und so setzen sich unsere Bekenntnisschriften mit ihm auseinander. Sie geben Müntzer nicht recht, sondern weisen uns immer wieder an das mündliche, äußere Wort, das Wort Gottes, das wir aus der Bibel mit dem Ohr hören und das von außen in uns eindringt: „In diesen Stücken, die das mündliche, äußere Wort betreffen, ist fest dabei zu bleiben, dass Gott seinen Geist oder Gnade niemandem [auf andere Weise] gibt, als durch oder mit dem äußeren Wort, das vorangeht. Damit verwahren wir uns gegen die Schwärmer, … die sich rühmen, ohne und vor dem Wort den Geist zu haben, und die danach die Schrift oder das mündliche Wort nach ihrem eigenen Belieben beurteilen, deuten und dehnen, wie es der Müntzer machte, und noch viele heutzutage tun: sie wollen scharfe Richter sein zwischen dem Geist und dem Buchstaben und wissen nicht, was sie sagen oder aufstellen. … Das ist alles der alte Teufel und die alte Schlange, die schon Adam und Eva zu Schwärmern machte, indem er sie vom äußeren Wort Gottes weg auf die Schwarmgeisterei und eigenes Gutdünken führte… So hatte Kornelius Apg 10 lange vorher bei den Juden vom kommenden Messias gehört; dadurch war er gerecht vor Gott, und sein Gebet und sein Almosen waren durch diesen Glauben Gott gefällig… Ohne solch ein vorangehendes Wort oder Hören konnte er nicht glauben und gerecht sein.“ Das heißt, auch unser Predigtwort ist keine Ausnahme. Kornelius hatte lange schon Gottes Wort in der Synagoge gehört und den Glauben an den kommenden Messias angenommen; durch das Wort wirkte Gott in ihm Glauben, und die Vision, die er erlebte, ermöglichte nur den Kontakt zu Petrus; es reichte nicht, dass Kornelius in die Synagoge ging, sondern er musste von Jesus hören, dem Gekreuzigten und Auferstandenen Heiland und Herrn der Welt, und diese frohe Botschaft hörte er in der Predigt des Apostels Petrus, nicht in der Vision. Und dann wurde er getauft – mit Wasser! Dass der Heilige Geist sich sichtbar zeigte, dass Kornelius und seine Verwandten mit Zungen redeten – das war alles eine Wiederholung der Pfingstgeschehnisse von Apg 2. Diese Dinge geschahen nicht nur wegen Kornelius und Familie, sondern für Petrus und die anderen Judenchristen, dass sie endlich begreifen sollten: die Botschaft von Jesus Christus ist für alle Menschen, auch die Heiden, ganz unabhängig von Sprache oder Volkszugehörig oder Hautfarbe. Und nun ging die Mission wirklich los, und auch wir haben dadurch profitiert. Was wir in diesem Gotteswort hören ist wunderbar! Heißt das, dass diese außerordentlichen Dinge sich bei jedem neuen Heidenchristen wiederholten? Nein! Von nun ab würden Heiden durch die Predigt, die Torheit der Predigt vom gekreuzigten Jesus Christus gerettet werden – ohne Visionen, ohne Zungenrede, sondern durch Taufe und Glaube. Genau wie heute.

„Die Schwärmerei steckt in Adam und seinen Kindern von Anfang bis zum Ende der Welt; er ist ihr von dem alten Drachen eingestiftet und eingegiftet, und ist der Ursprung, die Kraft und Macht aller Ketzerei… Darum sollen und müssen wir darauf beharren, dass Gott mit uns Menschen nicht [anders] handeln will als durch sein äußerliches Wort und Sakrament. Alles aber, was ohne dieses Wort und Sakrament vom ‚Geist‘ gerühmt wird, das ist der Teufel.“ (SA III,8) Die Frage „Sollte Gott gesagt haben?“ – Zweifel am klaren Wort Gottes – das war die Frage des Teufels. Als unsere Voreltern sich von Gottes deutlichem Wort und Befehl abwandten und daran zweifelten, war die Folge der Abfall von Gott selbst. Nein, wenn wir wissen wollen, was Gottes Wille für uns ist, was er uns sagt, was er für unser Leben will, welche Entscheidungen wir treffen sollen, dann suchen wir nicht nach einer leisen Stimme in uns, sondern wir richten uns nach Gottes Wort und nach dem Katechismus, der es uns erklärt. Denn in seinem Wort hören wir ganz gewiss Gottes Stimme. Und sein Wort vergeht nie und nimmer, sondern bleibt für alle Ewigkeit.

Wie weißt du, dass du ein Christ bist? Schau auf deine Taufe durch Wasser und Wort. Da hat Gott zu dir Ja gesagt. Übe dich in Gottes Wort. Klammere dich an Gottes Versprechen: Der Glaube kommt durch die Predigt. In der schriftgemäßen Predigt redet Gott selbst, da redet der Heilige Geist zu dir. Es ist aber das Evangelium eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben. Wenn du zweifelst, dann bete: Ich glaube, hilf meinem Unglauben! Diese Bitte wird Gott der Herr dir nicht abschlagen. Und staune, lieber Christ,  staune über Gottes wunderbares Wirken. Staune über Kornelius und seine Familie, die getauft und gerettet werden durften, staune über das römische Reich, das einst den Herrn Jesus tötete, bald aber selber christlich wurde, staune über die Mission, die bis heute weitergeht! Wie viele Muslime kommen nicht heute auf wunderbare Weise zum Glauben an Jesus und lassen sich taufen? Sie hören Gottes Wort über das Internet, oder sie sehen im Traum einen strahlend hellen Mann in weiß gekleidet, der sie zu Kirchen und Christen schickt, sodass sie mit ihren Ohren das wunderbare Evangelium von Jesus Christus hören und an ihn glauben und sich taufen lassen und gerettet werden. Immer geht das Wort vor und mit und bewirkt den Glauben. Dieses Wort ist auch dein Leben und gibt auch dir Weisung und festen Halt. Wunderbar! Amen.

Soli Deo Gloria                                 Pastor Dr. Karl Böhmer


03. Sonntag nach Epiphanias (Der Heiden Heiland)

Wochenspruch
Es werden kommen von Osten und von Westen,von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.
Lukas 13, 29

Introitus – Nr. 14 (Psalm 117; Psalm 67, 2)

Epistel
[Ich bin ein Schuldner der Griechen und der Nichtgriechen, der Weisen und der Nichtweisen; darum, soviel an mir liegt, bin ich willens, auch euch in Rom das Evangelium zu predigen. Denn:] Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst
und ebenso die Griechen. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht: „Der Gerechte wird aus Glauben leben.”

Römer 1, [14 – 15] 16 – 17

Hauptlied
Lobt Gott den Herrn, ihr Heiden all 140

Evangelium
Als Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm; der bat ihn und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen. Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen. Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. Denn auch ich bin ein Mensch, der Obrigkeit untertan, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er’s. Als das Jesus hörte, wunderte
er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden! Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern. Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und  sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde.

Matthäus 8, 5 – 13