Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis (Die Gemeinde der Sünder), den 5. Juli 2020 – Christusgemeinde Kirchdorf
Röm 12,17-21 I.i.
17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. 18 Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. 19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« 20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22). 21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Am Dienstag vor zwei Wochen wird ein Minibustaxi in Bruyns Hill angegriffen, Schüsse ertönen, Kugeln schlagen ein, es gibt ein Geschrei. Der Fahrer überlebt den Angriff nicht. Die Passagiere sind Lehrer der Masijabule High School, drei befinden sich in kritischem Zustand, alle anderen sind traumatisiert, unter Schock, können kaum fassen, was da geschehen ist. Angeblich handelt es sich um Neid unter Taxieigentümern, um einen Taxikrieg. Der ermordete Fahrer soll einer gewesen sein, mit dem man gerne fuhr. Und um ihm und seinem Familienunternehmen den Hahn zuzudrehen, wird er am hellen Tage niedergemacht und ein ganzes Fahrzeug voller Lehrkräfte muss mitleiden. Da packt einen doch der heiße Zorn. Solch sinnloses Gemetzel mit solch furchtbaren Folgen! Derartige Geschichten kennen wir leider zur Genüge. Politiker, die für Recht und Ordnung eintreten, werden kaltgemacht. Polizeiabteilungen wie die Scorpions, die Korruption bekämpften, werden dichtgemacht. Ärzte und Farmer, die sich für die Gemeinschaft einsetzen, müssen mit dem Leben dafür büßen. Da packt einen nicht nur das Grausen, sondern der Zorn, das kann doch nicht sein, das darf noch nicht sein, dass gerade die, die Gutes tun und das Böse bekämpfen wollen, dafür kaltblütig aus dem Weg geräumt werden! Wo bleibt das Recht? Das wird man fuchtig!
Ja, diese Dinge kennen wir. Aber manchmal sind die Schuldigen eben nicht nur die Leute da draußen. Man kann manchmal nur fassungslos staunen, wozu auch scheinbar fromme Christen in der Lage sind, ja, auch in einer christlichen Gemeinde und in christlichen Familien. Ich muss bekennen, dass in mir selbst Wut über Ungerechtigkeiten aufsteigt – und ich vermute mal, bei den allermeisten von euch geht das ähnlich, gerade und erst recht denjenigen, die das Böse in ihrem eigenen Leben noch in ganz anderer Form erlebt haben, als ich. Wie gehen wir mit diesem Bösen und mit unserer Wut über dieses Böse um? Das ist eine Frage, die nicht bloß uns heute betrifft und umtreibt – genau mit dieser Frage hatten sich auch schon damals die Christen in Rom auseinanderzusetzen, in einer Umgebung, in der sich eine feindliche, aggressive Stimmung gegen Christen breit machte, die die Christen zu nützlichen Sündenböcken für die Probleme der Zeit machte, sodass Politik und Gesellschaft ihre eigenen Probleme auf die Christen abwälzte und sie dafür in Grund und Boden stampfen wollte. Das Ergebnis: die erste große Christenverfolgung in Rom. Wie gehen wir mit dem Bösen und mit unserer Wut über dieses Böse um? Das Wort Gottes gibt uns darauf Antwort.
Überlasst Gott die Rache! Um eines hier gleich klarzustellen: Der Apostel Paulus sagt hier nicht, dass ein richtiger Christ keine Wut über das Böse, keine Rachegefühle kennt. Gottes Wort und unser Gewissen kultivieren in uns ein scharfes Gerechtigkeitsempfinden. Wenn das verletzt wird und wir Böses im Leben sehen, da ist es ganz normal, dass wir reagieren – dass wir sehnlichst wünschen, dass dieses Böse besiegt und beseitigt werden möge, dass Gerechtigkeit wiederhergestellt und geschaffen werden möge. Das ist nicht nur verständlich, sondern auch richtig. Wichtig ist aber, wie wir als Christen mit unserer Wut über das Böse und unseren eigenen Rachegelüsten umgehen. Hier schreibt die Bibel ganz deutlich vor: Überlasst sie Gott! Rache und Gerechtigkeit sind allein seine Aufgabe! Rächt euch nicht selbst, glaubt nicht, ihr könnt selbst für Gerechtigkeit sorgen, indem ihr Angreifer fasst und zu Tode prügelt, indem ihr selbst Menschen, die euch beleidigen oder betrügen oder auch nur ärgern, die Leviten vorlest und den Marsch ins Gesicht blast. Rache und Gerechtigkeit sind Gottes Sache, nicht deine.
Es ist erstaunlich, wie viele Filme genau davon handeln, wie ein Mensch, dem Böses angetan war, schließlich loszieht und seine Angreifer einen nach dem anderen persönlich bestraft und für Vergeltung sorgt. Diese Filme befriedigen einen tiefen Drang in uns, nicht Opfer zu sein, selbst einzutreten, wenn Polizei und das Rechtssystem versagen, und endlich mal den Schuldigen dafür baumeln zu sehen. Das hast du nun davon, du Erzbösewicht, das hast du nun davon, siehste wohl, so wolltest du es ja! Hasta la vista, baby! Aber, ihr Lieben, das – das ist Schadenfreude. Und die geziemt dem Christen nicht. Ja, Gott der Herr wird für Gerechtigkeit sorgen, aber wenn er uns das sagt, dann nicht deswegen, dass wir uns schon mal vor Augen ausmalen, wie Menschen, die uns Böses angetan haben, irgendwann mal herrlich in der Hölle dafür brutzeln werden, dass wir uns innerlich schon einmal an diesem Bild laben, wie die, die jetzt ungeschoren davonkommen, eines Tages dafür bezahlen müssen. Nein, sondern es geht Gottes Wort darum, dass wir einüben, in solchen Situationen auch jetzt schon konsequent abzugeben, nicht selber Richter, nicht selber Gott zu spielen. Das setzt voraus, dass wir selber ernst nehmen, was wir als Christen bekennen, dass Gott tatsächlich die ganze Welt richten wird, alle Menschen zur Verantwortung ziehen wird für das, was sie gesagt und getan haben, womit sie anderen Menschen Schaden zugefügt haben. Eigene Rache ist aus diesem Grund Ausdruck des Unglaubens, mangelndes Vertrauen, dass Gott tun wird, was er versprochen hat. Und so kann und soll uns jede Verletzung, die wir von anderen erfahren, jedes Unrecht, das uns zugefügt wird, immer wieder neu eine Übung im Glauben sein, dass wir immer wieder neu lernen, darauf zu vertrauen, dass Gott das Recht schaffen wird, das wir selber eben nicht schaffen können – erst recht nicht dadurch, dass wir an anderen Rache üben. Überlasst Gott die Rache!
Zweitens, lasst euch nicht böse machen! Mit „böse“ meine ich nicht zornig, sondern böse im Sinne des Bösen, „evil“. Lasst euch nicht böse machen! Das ist ja das Gefährliche an dem Bösen, dass es uns nicht nur verletzt und wehtut, sondern dass es uns verändert, dass es uns so verändert, dass wir selber so werden wie das, was uns da passiert. Und gerade so erreicht das Böse sein Ziel bei uns – nicht nur dadurch, dass es uns Schmerzen, Ärger, Wut empfinden lässt, sondern, dass es uns veranlasst, selber böse zu werden, selber Böses zu tun. Und dabei hat es leichtes Spiel, denn dieses Böse steckt ja schon in uns drin, wartet nur darauf, angestachelt, aktiviert zu werden. Und schon legt es los. Wir denken vielleicht, dass wir dem Bösen ein Ende machen, ja, das Böse besiegen, wenn wir auf das Böse selber mit Bösem antworten. Das lass ich mir nicht bieten! Der hat doch damit angefangen! Und wir merken nicht, wie wir gerade darin vom Bösen besiegt werden, dass es uns genau das tun lässt, was es immer will, nämlich selber Böses.
Eine ungewöhnliche Gegenstrategie gegen das Böse lehrt uns Gottes Wort.
- Pass auf, im Umgang mit anderen niemals Unrecht zu tun. Kein Böses rechtfertigt es, dass du selbst Unrecht tust – im Gegenteil: Wir müssen immer damit rechnen, dass wir dann nur auf das angesprochen werden, was wir gesagt oder getan haben, nicht auf das, was andere zuvor gesagt oder getan haben mögen. Gut ist es, wenn wir da keinen Punkt bieten, uns anzugreifen, unser Verhalten und unser Christsein gegeneinander auszuspielen.
- Wenn wir dadurch, dass wir Böses mit Bösem beantworten, gegen das Böse nur verlieren können, haben wir eigentlich nur eine Chance: Dass wir auf das Böse mit Gutem reagieren. Das wirkt bei denen, die uns Böses wollen, völlig überraschend, es bringt sie total durcheinander, weil das in ihre Logik von Schlag und Gegenschlag und Gegengegenschlag nicht passt. Nicht nur sondern wir überwinden sie damit letztlich, denn wenn wir auf Böses nicht böse reagieren, können sie uns nicht für ihr Spiel gewinnen und unter ihre Kontrolle bringen.
Ja, ich weiß, das klingt so schön und zugleich so unmöglich. Man darf sich wohl noch wehren – sonst können die anderen doch alles mit einem machen! Aber Notwehr ist eine ganz andere Frage. Hier geht es darum, ob wir in unserem Handeln böse werden und selber Böses tun. Wer sich dem Teufelskreis der Vergeltung entzieht, der erweist sich darin gerade nicht als schwach, sondern als stark, lässt dem Bösen die Luft raus. Ja, das einzuüben fällt schwer. Aber es ist doch ein Weg, der gegangen werden kann, so hat es uns Christus selber gezeigt: Er, der selber nicht Böses mit Bösem vergolten hat und gerade so das Böse besiegt hat durch seinen Tod am Kreuz. Er stärkt uns den Rücken, hilft uns, nicht selber durch das Böse böse zu werden.
Gottes Wort setzt dir eine Brille auf. Du sollst so sehen, wie Jesus selber. Er sieht die Seele von dem, der gerade Böses tut. Von deinem Feind. Er sagt: Ich habe dir geholfen, als du mein Feind warst. Nun hilf auch du deinem Feind auf den Weg zum Leben! Wenn wir von Bösem getroffen werden, dann sehen wir uns als Opfer. Doch der Heiland gibt uns Augen, diejenigen, die uns Böses tun, noch einmal anders zu sehen: Dass sie Böses tun, ist ein Zeichen ihrer Armut, ein Ausdruck von Schwäche. Böses ist nur scheinbar stark, es ist in Wirklichkeit jämmerlich und hat keine Zukunftsperspektive. Wer Böses tut, auch die Taxikrieger, Diebe, Hijacker, auch die korrupten Politiker, auch die, die dich beleidigen und dir Unrecht antun, ist in Gefahr, vom Weg zum Leben abzukommen, oder längst schon auf dem Weg in die ewige Qual der Hölle. Gott sagt deutlich, bei ihm entrinnt keiner, er wird jeden, der Böses tut, dafür zur Verantwortung ziehen, für Rache und Vergeltung sorgen. Diese Garantie ist befreiend. Aber die ewige Qual wünschen wir als Christen keinem Menschen, wollen nichts lieber, als was Gott selber auch will, dass nämlich alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, und wenn es in der Bibel heißt „alle Menschen“, dann nicht nur die, die wir mögen. Menschen, die dir Böses antun, sind eine Aufgabe, die Gott dir stellt, auch diese Menschen für ihn, für seine Liebe zu gewinnen. Wir wollen sie nicht bloßstellen, sondern gerade da helfen, wo sie schwach sind. Mit Liebe begegnen, dass sie durch diese Liebe aufmerksam werden für den, der die Liebe in Person ist, sodass sie zu Gott umkehren und gerade so seine Vergebung und in der Vergebung das ewige Leben empfangen. Zu schwer? Dann denke daran, wovon du selber lebst: nicht davon, dass du doch so ein gutes Herz hast, so ein guter Mensch bist. Sondern auch du lebst einzig und allein von Gottes Vergebung, lebst davon, dass Gott dich mit seiner Güte immer wieder zur Umkehr leitet. Ja, davon lebst du, dass Gott auch in deinem Leben das Böse mit Gutem überwunden hat durch seinen Sohn Jesus Christus. Und nun auch du: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Amen.
04. Sonntag nach Trinitatis (Die Gemeinde der Sünder) – 2017 – Gemeinde Wittenberg.
liturgische Farbe: grün
Festzeit: Trinitatiszeit
Wochenspruch: Gal 6,2
Wochenpsalm: Ps 42
Eingangspsalm: Ps 19, Ps 36, Ps 67, Ps 84, Ps 113
Epistel: Röm 14,10-13
Evangelium: Lk 6,36-42
Predigttext: 1. Mose 50,15-21
Wochenlied: 428 und 495
Erklärung zu den Perikopen:
Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).
I(Evangelium): Lk 6,36-42
II: Röm 14,10-13
III: 1. Mose 50,15-21
IV: 1. Petr 3,8-15a (15b-17)
V: Joh 8,3-11
VI: Röm 12,17-21