05. Sonntag nach Trinitatis (Nachfolge Jesu) – 2022

  1. Sonntag nach Trinitatis 2021 – Kirchdorf
  1. Mose 12,1–4a I.i.

Stell dir vor, du müsstest mit dem Vornamen „Matric Examsion“ durchs Leben gehen. Es gibt einen in unserem Land, der es muss. Und einen Captain Morgan, einen Victor Don’t-Worry und einen Kill-Me-Quick Jefferey. Oft spiegeln Namen die Hoffnung wider, die Eltern für ihre Kinder hegen. So war das auch früher. Bevor Abraham seinen neuen Namen bekam, hieß er „Avram“. Seine Eltern waren voller Hoffnung, als sie ihn „Av Ram“, also „Erhabener Vater“ oder „Edler Vater“ nannten. Sie hofften wohl, dass er eines Tages ein großer Patriarch sein würde, ein geachteter Stammvater – aber nun ist Avram 75 Jahre alt – und kinderlos. Und immer, wenn Leute ihn ansprechen, sagen sie „Erhabener Vater“ zu ihm. So kann ein Name auch zur Last werden.

Am Ende von 1. Mose 11 heißt es, dass Sarai, Abrams Frau, unfruchtbar war, kinderlos. Merkwürdig, wie viele der großen Matriarchinnen in der Heiligen Schrift unfruchtbar sind. Unfähig, Kinder zu bekommen. Sarai, Rebekka, Rahel, Hanna, sogar Elisabeth, die Frau des Zacharias. Es ist so eine Art roter Faden in der Schrift; immer wieder kommt es vor: da hat Gott der Herr etwas Großes vor und beginnt er mit einer unfruchtbaren Frau. Er beginnt mit einem Mangel, einer Leere, einer Lücke, ja, oft genug beginnt er mit gar nichts – und gegen diesen Hintergrund spricht er seine Verheißung und beginnt zu handeln. Wir denken an die Witwe in Zarpat in der Hungersnot, die noch ein letztes Brot backen und essen und dann sterben wollte; wir denken an das Dilemma der Festfeier zu Kana; an die hungernde Menschenmenge vor dem Heiland am Berghang. Aus dem Nichts, dort, wo man es am wenigsten erwartet, sorgt Gott für uns, da löst er seine Versprechen ein. Gottes Geschichte mit den Menschen ist die Geschichte des Alles aus dem Nichts. Der Mangel, die Leere, die Lücke, die Not, das ist die Leinwand, auf der Gott seine Meisterwerke malt. Sehen wir doch mal auf unser eigenes Leben. Wie oft starren wir nicht auf das, was wir nicht haben; wir bilden uns ein, dass wir nicht in Gottes Gunst stehen, dass wir bestraft werden, dass es uns an etwas fehlt, dass wir ohne etwas auskommen müssen. Es fällt uns furchtbar schwer, uns vorzustellen, was Gott der Herr dann noch in unserem Leben jemals ändern könnte – wenn es so wenig Beweise dafür gibt und wenig oder gar nichts in unserem Leben, mit dem er arbeiten kann. Und dabei vergessen wir aber die großartigen Dinge, die der Herr tut, wie er höchst überzeugend und demonstrativ wirkt – mit gar nichts.

Zu Abram kommt der Herr in der Karawanenstadt Haran, zu einem 75-jährigen Mann, der viele Dinge, aber keine Kinder hat. Sein Vater – ein Götzenanbeter, wie schon sein Großvater vor ihm. Abram ist ein Heide, ein Ungläubiger, als der Herr mit ihm beginnt. Auch hier gibt es scheinbar nichts, womit er arbeiten könnte – und es kommt noch schlimmer. [1] „Geh!“, sagt Gott zu Abram. Er ruft Abram, den Weg des Glaubens einzuschlagen; und Abram lernt, dass der Weg des Glaubens obendrein noch mehr Verlust mit sich bringen kann. Er wird sein Haus verlieren, seine Großfamilie verlieren, er wird seine Vergangenheit verlieren, sein Netzwerk verlieren, sein Krankenversicherung für das Alter verlieren. Lass sie sein, sagt der Herr, und geh. Mancher stellt sich Abram vor als einen zähen, vielleicht schon biltongmäßigen alten Kingsley Holgate-Typ. als sonnengebräunten, robusten Wüstenkenner mit Kopftuch, Sonnenbrille und wallendem Bart, der im Winde weht, der zielbewusst mit seinem reichen Gefolge auszieht, um den Wilden Westen zu erobern auf einem Kamel mit Lift-Kit und echten Ledersitzen. Aber ist das wirklich so? Wie war Abram zumute, als er ging? Wie findet Abram das Ziel? Er hat keinen Stern im Osten wie die weisen Männer, keine Option für die schnellste Route auf seinem GPS, nicht einmal eine Landkarte. Er hat bloß ein vage formuliertes Versprechen. „Geh,“ sagt Gott. „Geh.“ „Ja, aber wohin?“ „Ich zeig’s dir. Mach schon, geh.“ „Aber wohin?“ „Vertrau mir – pack deine Sachen und geh.“ Abram lebt schon in einer glaubensfeindlichen Umgebung. Er muss sich ins Unbekannte begeben, die Kontrolle über sein Leben aufgeben. Also, was macht er? Es wird nicht demokratisch abgestimmt, es gibt keine Debatte. Der Herr sagt: „Geh“, und Abram – „geht“.

Der Herr Christus sagt: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach (Mk 8,34). Damit ruft Jesus uns auf, das hinter uns zu lassen, woran unser Ich sich klammert, es im Glauben zu wagen und unserem Herrn nachzufolgen; uns selbst zu verleugnen, die Welt zu verlassen, unser Kreuz auf uns nehmen und Christus nachzufolgen. Warum ist das so schwer? Weil auch wir in einer glaubensfeindlichen Umgebung leben. Weil auch wir manchmal Verluste in Kauf nehmen müssen. Äußerst kreative und fähige Menschen verdienen dadurch siebenstellige Gehälter, dass sie uns ständig Werbung und Reklame vorgaukeln, indem sie uns überzeugen, dass unser Leben unvollständig ist, wenn wir nicht dieses Spielzeug und jenes Schmuckstück und jenes besondere Statussymbol haben. Ehe wir uns versehen, fallen wir auf die Lüge herein, dass unser Wert, Glück, Zufriedensein von den Dingen abhängt, die wir besitzen. Hinzu kommt – und das ist wahrscheinlich das Schwierigste und die größte Herausforderung für unseren Glauben –, dass wir Menschen sind, die die Kontrolle behalten, die gerne wissen wollen, wohin sie gehen. Auch in Glaubensdingen wollen wir gerne auf dem Fahrersitz sitzen.

Wie schafft es Abram also? Durch den Glauben, sagt Heb 11. Aber wie macht man das, vor allem, wenn die Schrift uns sagt, dass wir nicht von uns aus glauben können? Gott lässt uns hinter die Kulissen schauen, was hier vor sich geht, sogar hinter Abrams prompten Gehorsam. Er sagt in Jos 24,3: „Da nahm ich euren Vater Abraham von jenseits des Stroms und ließ ihn umherziehen im ganzen Land Kanaan und mehrte sein Geschlecht …“ Woher hatte Abraham die Kraft für seinen Glaubensweg? Die Fähigkeit, im Glauben zu leben und zu wandeln? Der Herr sagt klipp und klar: „Ich nahm ihn… ich ließ ihn umherziehen…“ Glauben bedeutet, sich von Gott bewegen zu lassen. Gott bewegt Abram und hält ihn in Bewegung – Abram geht im Glauben. Das ist es, was der Herr auch für uns tut – Glaube bedeutet, sich von Gott bewegen zu lassen, damit wir den Weg des Glaubens gehen können. Luther erklärt: „Der Glaube… schwimmt… nicht im Herzen, wie die Gans im Wasser, sondern wie Wasser von Feuer erwärmt, und wenn es Wasser bleibt, so ist es doch nicht länger kaltes Wasser, sondern warmes Wasser und gänzlich anders.“ „Glaube ist ein göttliches Werk in uns, das uns verwandelt und neu gebärt aus Gott… Und tötet den alten Adam, macht uns zu ganz anderen Menschen von Herzen, Mut, Sinn, und allen Kräften, und bringt den heiligen Geist mit sich. O es ist ein lebendiges, geschäftiges, tätiges, mächtiges Ding um den Glauben, dass es unmöglich ist, dass er nicht ohne Unterlass Gutes wirken sollte.“

Stellt euch eine Hochzeit vor. Die Braut, strahlend in Weiß; der Bräutigam, schüchtern lächelnd in Schwarz; der Pastor steht vor ihnen. Gesänge werden gesungen, Gottes Wort wird verlesen, die Predigt gehalten; die Zeit ist gekommen, und alle warten in Spannung auf die Worte: „Ja, mit Gottes Hilfe; ja, mit Gottes Hilfe…“ „So spreche ich euch ehelich zusammen…“ Was passiert da, wenn der Pastor diesen Satz spricht? Dieser Satz bewirkt etwas. Er verändert etwas. Aufgrund dieses Wortes steht nun ein Ehepaar da, wo vorher zwei Einzelpersonen waren. Der Satz ist ein performatives Wort. Er tut, was es sagt. Er ändert in den Augen der Gemeinde und Gemeinschaft und des Landesgesetzes die Wirklichkeit. In einer unendlich größeren, mächtigeren und wirklich kreativen Weise tut Gottes Wort, was es sagt. Es gibt, wozu es aufruft. Wenn der Herr uns aufruft, ihm nachzufolgen, im Glauben zu wandeln, wenn er uns auf einen schwierigen Weg gegen alle Widrigkeiten ruft, und wir die Kontrolle abgeben müssen, den Weg des Kreuzes gehen, der nur im Glauben gegangen werden kann, dann schafft Gottes Wort auch für uns eine neue Wirklichkeit, schafft Gottes Wort den Glauben, den wir brauchen, um ihn zu gehen. Das ist das Werk des Heiligen Geistes. Er vollbringt das Wunder der Schöpfung in unserem Herzen, er findet in uns nichts Gutes vor und beginnt mit diesem Nichts und schafft durch Wort und Sakrament aus diesem Nichts ein Etwas, nämlich den Glauben, den er auch erhält. Darum geht es bei Abram und bei uns. Gott bewirkt Glauben und bewegt uns zur Nachfolge. Er macht schließlich aus Abram den wirklich erhabenen Vater, nicht nur dem Namen nach, sondern in Wirklichkeit. Dieser gleiche Herr ist heute am Werk in euch.

Es ist erstaunlich, was die Verheißungen des Herrn bewirken – sie richten Dinge durch uns aus, die wir uns nie hätten träumen können. Wir folgen Christus nach. Wir werden ein Segen für die Welt. Gottes Verheißungen verweisen alle auf den, der die Verheißungen bringt, der die Verheißung ist, der selbst den allerschwersten Weg ging, auf den sein Vater ihn rief, als er sprach: Geh hin, mein Kind, und nimm dich an… Jesus, „Gott rettet“, das performative Wort Gottes in Person. Sein Leiden am Kreuz, sein Tod, sein geschlossenes Grab, das ist die leere Leinwand, auf die der erhabene Vater das größte Meisterwerk von allen malt. Er gibt seinem auferstandenen Sohn den Namen, der über alle Namen erhaben ist, sodass sich vor dem Namen Jesu alle Knie beugen werden. Ja, und in der Taufe legt der Herr seinen eigenen dreifaltigen Namen auf dich. Und das ist keine ironische Namenswahl, nein, es ist eine Verheißung, und mehr als eine Verheißung, es ist eine Tatsache: Du gehörst zu ihm und du folgst ihm nach. Wir sind Abrahams Kinder im Glauben. Hör hin auf Gottes performatives Wort und auf seine Verheißung, die nicht versagen wird. Abram starb genau 100 Jahre, nachdem er Haran verlassen hatte. 100 Jahre in der Nachfolge des Herrn; 100 Jahre der Treue des Herrn; 100 Jahre des Segens des Herrn. Es ist fast so, als ob der Herr das unterstreicht. Es kommt nicht darauf an, dass wir nicht mehr die Kontrolle haben. Er hat sie. Es kommt nicht darauf an, dass wir nicht sehen können, was die Zukunft bringt. Er kann es. Es kommt nicht darauf an, dass wir uns dem Weg des Glaubens nicht gewachsen fühlen. Er tut es. Lasst uns gehen und ihm nachfolgen! Amen.


05. Sonntag nach Trinitatis (Nachfolge Jesu)

Wochenspruch
Aus Gnade seid ihr selig geworden durch den Glauben, und das
nicht aus euch: Gottes Gabe ist es. Epheser 2, 8

Introitus – Nr. 46 (Psalm 106, 47 u 1 – 2)

Epistel
Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft. Denn es steht geschrieben: „Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.” Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran  glauben. Denn die Juden fordern Zeichen, und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit; denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes  Weisheit. Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.

1. Korinther 1, 18 – 25

Hauptlied
Preis, Lob und Dank sei Gott dem Herren 254
Wach auf, du Geist der ersten Zeugen 258

Evangelium
Es begab sich aber, als sich die Menge zu Jesus drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein  wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus. Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht  gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen. Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische, und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie  kamen und füllten beide Boote voll, so dass sie fast sanken. Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten,  ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Lukas 5, 1 – 11