Auf der Grundschule hier in Wartburg führte die Regierung früher oft Gesundheitskontrollen durch. Inspektoren untersuchten uns Kinder auf Parasiten wie Flöhe oder auf ansteckende Hautkrankheiten wie Skabies – juckende und ansteckende Krätze. Ein älterer Junge wurde mal wegen Skabies nach Hause geschickt. Nach seiner Rückkehr machte es ihm große Freude, so zu tun, als habe er immer noch Skabies. Er rannte hinter uns her und drohte, uns anzustecken. Uns packte die Panik. Bloß nicht anstecken, keine Hautkrankheit! Zwischen ihm und uns gab es eine Art unsichtbare Barriere. Heute ziehen wir ähnliche Grenzen zwischen uns und kranken Leuten auf, legen Gesichtsmasken und Handschuhe an, kommen ihnen nicht zu nahe, usw. Solche Barrieren kannte auch die antike Welt – und ganz besonders bei einer schlimmen Hautkrankheit namens Aussatz. Wer aussätzig war, war unberührbar, unheilbar, unrein. Es gab eine undurchlässige Barriere, und der Aussätzige war an der falschen Seite, ganz egal, welchen Status er hatte. Auch vor Prominenten schreckte der Aussatz nicht zurück. Und so kam es, dass auch ein syrischer General namens Naaman daran erkrankte. Naaman war der Name in aller Munde, der grandiose General der syrischen Armee. Er war es, der den Syrern im Krieg den Sieg errang – den Sieg über Gottes Volk Israel. Naja, so ganz stimmt das auch nicht, denn durch [Naaman] gab der Herr den Aramäern Sieg. Eine kleine Erinnerung daran, dass Gott die Weltgeschichte in den Händen hält, dass er auch die Geschicke ganzer Völker lenkt, ja, dass er den Syrern sogar Sieg über sein eigenes Volk schenkte! Mehr noch: das Wort „Sieg“ bedeutet auf Hebräisch auch „Heil“, „Errettung“. Gott schenkt Syrien Heil und Errettung, indem er Israel im Kampf besiegt. Der Herr ist eben Herr und handelt oft auf uns befremdliche Weise. Die Ehre für den Sieg aber kam Naaman zu. Doch das sollte sich ändern. Denn bald verbreitete sich die Nachricht: Naaman ist aussätzig.
Aber die Kriegsleute der Aramäer waren ausgezogen und hatten ein junges Mädchen weggeführt aus dem Lande Israel; die war im Dienst der Frau Naamans. Wie furchtbar! Das arme Mädchen. Das Schlimmste, was es für Eltern gibt, hat sie getroffen: Entführt wurde sie, aus den Armen der Eltern gerissen, womöglich ist die Familie tot, und nun ist sie Sklavin im fremden Land unter fremden Leuten – für den Rest ihres Lebens. Man könnte erwarten, sie traurig und traumatisiert, niedergeschlagen und bitter anzutreffen. Womöglich voller Schadenfreude über Naamans Aussatz. Stattdessen tut sie was ganz anderes. Die sprach zu ihrer Herrin: Ach dass mein Herr wäre bei dem Propheten in Samaria! Der könnte ihn von seinem Aussatz befreien. Frage: Wie stellt ihr euch den typischen Missionar vor? Beneke, Weber, Tiedemann? Man denkt da an mutige Männer, die mit ihren Frauen zu fremden Kulturen, Völkern und Kontinenten gehen, um das Evangelium zu predigen. Gottes Mission wird tatsächlich von solchen Leuten ausgetragen. Aber Gottes Mission geschieht auch ganz anders. Hier zeigt er uns einen typischen Missionar anderer Art. Einen, der von keiner Missionsgesellschaft ausgesandt wird. Sondern eine Missionarin, genauer gesagt, ein junges Mädchen, das an einem Ort lebt, wo es nicht einmal sein will. Sie ist nicht als Predigerin berufen. Aber sehr wohl als Zeugin. Aufgrund des Wortes Gottes und der Gnade Gottes und der Liebe Gottes redet sie einfach frisch von der Seele von ihrem alten Propheten zu Hause. So nutzt der Herr immer wieder an unwahrscheinlichen Orten ganz unscheinbare Menschen, um sein Reich auszubreiten. Einfache Leute, Jungs, junge Mädchen, Frauen und Männer, Konfirmierte.
Eine Reihe Dominosteine beginnt zu fallen: Das junge Mädchen spricht mit Frau Naaman; Frau Naaman mit General Naaman; General Naaman mit dem syrischen König, und der syrische König schickt Nachricht über die Grenze zu seinen besiegten Feinden. Er hält so viel von seinem General, dass er ihm die Staatskasse zur Verfügung stellt, verfasst ein eigenes Begleitschreiben an den König von Israel, schickt Naaman los mit einem millionenschweren Geschenk zur „Überzeugung“ und Transport, das alles zu verfrachten. Was sich der König Israels wohl denkt, als er die Militärkolonne vorfahren sieht. Verwundert liest er den Brief: Wenn dieser Brief zu dir kommt, siehe, so wisse, ich habe meinen Knecht Naaman zu dir gesandt, damit du ihn von seinem Aussatz befreist.
Und als der König von Israel den Brief las, zerriss er seine Kleider und sprach: Bin ich denn Gott, dass ich töten und lebendig machen könnte, dass er zu mir schickt, ich solle den Mann von seinem Aussatz befreien? Merkt und seht, wie er Streit mit mir sucht! Dieses Ereignis ist tragikomisch. Stellt euch vor, der General kommt zu dem König, den er soeben besiegt hat, mit der Bitte, ihn zu heilen! Der König von Israel versteht das so: ER soll Naaman heilen. Tragisch, dass er keinen Augenblick an den Propheten Elisa denkt. Der König von Syrien nimmt einfach an, dass sein Gegenüber sich an den Propheten wenden wird – sogar junge Mädchen kennen ihn! – und erwähnt ihn nicht im Brief. Der König von Israel denkt an Intrige, Hinterhalt, List – aber nicht an die Macht des Herrn. So geht es uns doch auch. Wir haben feste Vorstellungen von der Welt und wie Gott wirkt, und wenn was Unerwartetes geschieht und nicht in unser Denkschema passt, dann können wir das nicht einordnen und erwarten gleich das Schlimmste. Sehet, hier ist der Herr der Welt am Werk, er kommt, um Israel die Scheuklappen von den Augen zu sprengen, und uns auch, damit wir erkennen, dass der Herr die Sache von beiden Seiten lenkt!
Als Elisa, der Mann Gottes, hörte, dass der König von Israel seine Kleider zerrissen hatte, sandte er zu ihm und ließ ihm sagen: Warum hast du deine Kleider zerrissen? Lass ihn zu mir kommen, damit er innewerde, dass ein Prophet in Israel ist. Elisa entlastet den König und lässt Naaman zu sich rufen. Aus den Worten Naamans entnehmen wir, was er denkt. Naaman ist angetan von Elisas Einladung. Obwohl er aussätzig ist, erweist er dem Propheten Respekt dadurch, dass er den weiten Weg zu ihm macht mit seinem Gefolge. Er erwartet, wenn er, der mächtige Heerführer Syriens bei Elisa auftaucht, wird der Prophet bestimmt beeindruckt sein, den roten Teppich ausrollen; ihm die Hand vielleicht nicht küssen aber seine eigene anerkennend entgegenstrecken. Ihn beeindruckend heilen. Aber Elisa tut das Gegenteil. Kommt nicht raus. Schickt einen Boten, einen geringen Diener hin. Muss das denn wirklich sein? Hat Elisa etwa Angst vor dem Aussatz? Vielleicht will Elisa sich nicht anstecken, nicht die Grenze überschreiten, so wie ich damals mit dem älteren Jungen? Nein, Elisa handelt hier als Gottes Werkzeug. Er braucht die Grenze nicht zu überschreiten. Er bleibt aus zwei Gründen im Haus. Erstens soll es nicht so aussehen, als sei er von des Generals Glanz und Glitter angetan. Naaman soll gedemütigt werden. Zweitens muss Naaman wissen: Wenn er geheilt wird, dann nicht Elisas Macht oder Können wegen.
Aber General Naaman lässt sich das nicht gerne bieten. Zornig, verärgert will er nur weg. Was soll das, sich im Jordan waschen, das kann er doch auch zu Hause, dazu noch 7 Mal? Doch wir verstehen den Naaman recht gut, nicht wahr. Du denkst du bringst deinen Teil, setzt dich ein, gehst auf den andern zu, und Gott soll das ehren, es dir anrechnen, dich belohnen. Aber es kommt anders. Stattdessen kommt oft genug etwas, was wie Strafe aussieht. Und du wirst auf Gott zornig, weil er es nicht so fügt, wie du willst. Das aber ist Sünde. Denn da zweifelst du an Gottes Weisheit und Allmacht. Weißt du es denn besser als er? Gott sei Dank für seine Geduld, dass er dir immer wieder Boten schickt. So auch bei Naaman. Seine Diener sind es, die ihn überreden. „Du hättest was Großes getan, um gesund zu werden; nun sollst du was Kleines tun, und du weigerst dich?“ Ein schlagendes Argument! Wenn du unbedingt was von Gott wolltest, und er zu dir sagte: „Gut, ich gebe es dir, wenn du den Comrades schaffst“ – würdest du es nicht versuchen? Wenn du es unbedingt wolltest? Und nun sagt er dir: Vertraue es mir an. Vertraue mir. Willst du das nicht machen?
Naaman willigt ein. Da stieg er ab und tauchte unter im Jordan siebenmal, wie der Mann Gottes geboten hatte. Und sein Fleisch wurde wieder heil wie das Fleisch eines jungen Knaben, und er wurde rein. Unfassbar! Naamans Geld, Ruf, Rang, Verbindungen – alles bringt ihm nichts. Naamans Heil lag zu Anfang im militärischen Sieg. Nun liegt sein Heil darin, dass er wie ein kleines Kind wird. Wie bei ihm, so bei dir: Unser Heil liegt allein beim Herrn. Er erhebt die Niedrigen, die Demütigen, die ihm vertrauen. Nur sie empfangen sein Heil. Warum wird Naaman gesund? Nicht weil der Jordan Zauberkraft hat – denn sonst gäbe es keine Kranken in Israel mehr. Nein, es war Gottes Wort allein – nicht Elisas Können, Naamans Geld, der Könige Einfluss – Gottes Wort allein schenkt Heilung durch das Wasser. Auch bei dir. Genau dort in dem Wasser deiner Taufe. Warum Taufe? Warum Wasser? Weil Gott das so angeordnet hat. Weil er es sagt. Der Kirchenvater Irenäus sagt zu dieser Stelle: „Wir, die wir den Aussatz der Sünde tragen, werden rein von unseren Sünden durch das heilige Wasser und das Gebet zu Gott; geistlich verjüngt wie die neugeborenen Kinder.“
Der Gottesmann Elisa brauchte nicht die Grenze zu überschreiten, um dem Aussätzigen zu helfen. Das hat ein ganz anderer, vollkommener Gottesmann viel später gemacht. Jesus Christus sah z.B. einen Aussätzigen, und dann heißt es: Und es jammerte ihn, und er streckte die Hand aus und rührte [den Aussätzigen] an (Mk 1,41). Auch Jesus spricht das göttliche Wort der Macht, der Heilung: Ich will’s tun; sei rein! Das Wort wäre an sich genug, aber Jesus kommt und rührt den Aussätzigen an, ihn, den Ausgeschlossenen und Unreinen, den, der Jesus auch unrein machen sollte. Aber weil Jesus das Wort Gottes in Person ist, wird der Bann gebrochen. Statt dass die Berührung Jesus unrein macht, macht sie den Aussätzigen rein. Das ist der fröhliche Wechsel, schlicht und einfach – rein und gesund und heil zu werden durch die Berührung des Propheten. Denn Jesus, der große Arzt, nimmt alle Krankheit deiner und meiner Sünde auf sich und mit sich ans Kreuz. Jesus überschreitet die Grenze zu dir, um dich zu heilen durch sein Blut, damit du dich der Gesellschaft der Gesunden anschließen kannst – den vergebenen Kindern Gottes.
Und er kehrte zurück zu dem Mann Gottes samt seinem ganzen Gefolge. Und als er hinkam, trat er vor ihn und sprach: Siehe, nun weiß ich, dass kein Gott ist in allen Landen außer in Israel. Die Geschichte Naamans führt dazu, dass er nicht nur äußerlich geheilt wird. Dieser Aussätziger, Ausländer, Ausrotter des Volkes Gottes kommt zur ewigen Heilung, zum Glauben an den lebendigen Gott und seinen Messias. Durch die Aussage eines jungen Mädchens. Ist das nicht wunderbar? Die Machtloseste in der ganzen Geschichte vollbringt die mächtigste Tat. Gott schafft am besten, wenn er nichts nimmt und daraus alles schafft. Du brauchst Gott nichts zu beweisen, damit er dich liebt. Er liebt dich und befähigt dich, für ihn zu reden. So wie dieses junge Mädchen auch. Wir wissen nicht mal ihren Namen. Aber durch Gottes Gnade werden ihr Mut und ihr Zeugnis nie vergessen werden. Gott öffnet dir die Augen, damit du siehst: Du hast einen Herrn, der Berge versetzt und Grenzen überschreitet für dich, für dich. Und das öffnet dir den Mund und gibt dir den Mut durch ihn und über ihn und für ihn zu reden. Gott braucht, wen er will, für sich zu reden. Sogar junge Mädchen. Sogar mich. Sogar dich. Amen.
Wochenspruch
Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
Epheser 5, 8b – 9
Introitus – Nr. 49 (Psalm 43, 3; Psalm 48, 2)
Epistel
Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist, und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf. Denn was von ihnen heimlich getan wird, davon auch nur zu reden ist schändlich. Das alles aber wird offenbar, wenn’s vom Licht aufgedeckt wird; denn alles, was offenbar wird, das ist Licht. Darum heißt es: Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.
Epheser 5, 8b – 14
Hauptlied
O gläubig Herz, gebenedei 384
Evangelium
Jesus sprach zu seinen Jüngern: Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten. Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind. So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.
Matthäus 5, 13 – 16