Predigt – Wenn das Bauwerk des Lebens zusammenkracht | 09. Sonntag nach Trinitatis 2025

09. Sonntag nach Trinitatis (Der kluge Haushalter)

Fast jeder hat’s schon mal gesehen: Das Foto „Mittagspause auf einem Wolkenkratzer“ (Englisch: „Lunch atop a Skyscraper“). 1932 wurde das Foto beim Bau, bei der Entstehung des Rockefeller Centers, eines der damals höchsten Gebäude der Welt gemacht. Im Hintergrund – eine Stadtlandschaft aus höchster Höhe, im Vordergrund: das Baugerüst, und im Mittelpunkt eine große, lange Stahlschiene, auf der elf Bauarbeiter, elf Männer mit Arbeitskleidung sitzen, deren Beine locker über dem Abgrund baumeln. In aller Seelenruhe essen die Stahlarbeiter aus Brotdosen und erzählen sich was. Keiner achtet auf den Abgrund unter sich. Offensichtlich kennen sie sich da aus, haben wie die Bauleute dieser Kirche damals Tag für Tag erlebt, wie das Bauwerk in die Höhe ging, sich „hochgearbeitet“, sodass sie nun flink und furchtlos oben in der Höhe auf dem Baugerüst und den Stahlträgern herumlaufen können, ohne irgend Leine oder Schutzkleidung oder Sicherheitsnetz. Wer das Foto aber heute von Näherem betrachtet, reagiert aus dem Bauch heraus, stellt sich unwillkürlich vor, wie die Schwerkraft diese Männer in die gähnende Tiefe nach unten zieht.

Mit diesem Bild wollen wir heute das Lebenswerk, die Errungenschaften, die Prägung und Fundamente und Überzeugungen eines Menschen vergleichen. Da ist das menschliche Leben wie dieses Bauwerk aus 1932, man baut sein Leben lang daran, man hat Pläne und Ideale und man jagt ihnen nach, man setzt sich ein, die Gewinne und der Fortschritt des Lebens stapeln sich aufeinander und der Lebensbau schießt in die Höhe, man ist überzeugt, auf dem Fundament, das man von zu Hause und vom Wort Gottes gelegt bekommen hat, gebaut zu haben, sein Werk nach festen Prinzipien gebaut zu haben und trotz Rückschritte hier und da doch Fortschritt und Gewinne verzeichnet zu haben, bis man endlich oben angekommen ist.

So kann man sich auch das Leben des Apostels Paulus vorstellen. Paulus kam aus bester Abstammung. Streng hielten seine Eltern sich an das Gesetz Gottes. Am 8. Lebenstag enthielt der kleine Paulus nach Vorschrift und mit Fug und Recht die Beschneidung, die Gott angeordnet hatte. Das Fundament seines Lebens war solide. Er wusste, wo er hingehörte, er betete den wahren Gott Israels an, seine Familie war gottesfürchtig, er hatte eine starke Identität. Und auf diesem Fundament erwuchs sein Lebensbau. Aus dieser Identität entstand ein Lebenswerk, um das viele Paulus beneideten. Er war Musterschüler. Bekam den besten Studienplatz. Hatte den besten Ruf. Der Sinn seines Lebens war klar: Paulus wollte dem lebendigen Gott dienen und ihm in Heiligkeit sein Leben widmen. Wir sehen im Geiste statt der elf Bauleute auf dem Stahlträger nun den Paulus als jungen Mann da sitzen, felsenfest überzeugt, ernst und zielbewusst, oben angekommen in seiner Welt. Und Paulus war so überzeugt von seiner Herkunft und seiner Identität und seinen Prinzipien, dass – als er von dieser neuen Sekte hörte, die sich „der Weg“ nannte, als er herausbekam, dass deren Anhänger einem Menschen nachfolgten und ihn Gott nannten und ihn neben dem Heiligen Israels anbeteten –, da musste er gegen sie ankämpfen. Er konnte nicht anders. Mit Schnauben und Drohen, ein Bild des Eifers um Gott und sein Haus. Und so machte er den Kampf für Recht und Ordnung und gegen Christen zu einer göttlicher Aufgabe, zu seinem Lebenswerk. Er war überzeugt.

Schau hoch auf sein Lebenswerk, auf das hohe Gebäude, mit einem Baugerüst und Paulus ganz obendrauf, wie er fleißig arbeitet. Aber plötzlich fällt dir auf, wie klapprig das Ganze eigentlich ist, wie gefährlich er dort oben arbeitet. Wenn du aber dem Paulus zugerufen hättest, ihn darauf Attent gemacht hättest – er hätte nicht auf dich gehört. Aber dann kommt plötzlich Gott daher und zieht ganz unten die Stütze heraus – und das ganze Gebäude mit Baugerüst fällt krachend in sich zusammen und – Paulus stürzt ab in die Tiefe.

Damit Paulus lernen musste, sein Vertrauen auf etwas anderes zu setzen. Er fiel auf die Erde. Ein helles Licht leuchtete auf. Er hörte eine Stimme, und Paulus sagte: „Herr, wer bist du?“ Und dann kamen die schrecklichen Worte, die Paul alles nahmen, was er gewonnen hatte, nahmen alles weg, und es blieb nur ein Scherbenhaufen übrig. Sein Vertrauen, seine Überzeugung, sein Eifer, sein Gewinn hatten ihn zu diesem Punkt geführt: „Ich bin Jesus, den du verfolgst.“

Ohne es zu wissen, baute Paulus also auf Dinge, die nicht tragen und nicht halten konnten, er setzte seine Zuversicht, fand seinen Wert, seinen Lebenssinn in einer Gerechtigkeit, die er später, im Nachhinein, nur noch „meine Gerechtigkeit“ nennen konnte. Und Gott nahm sie ihm weg. Musste das so plötzlich passieren? Ich weiß es nicht. Aber ich vermute, wenn Gott Paulus‘ Vertrauen in das Fleisch nehmen und es durch eine neue Bestimmung mit neuem Fundament und gottgefälligen Bauplänen ersetzen wollte, die nichts als Gottes Geschenk waren, nichts als Jesus und sein Licht, dann musste es wohl so kommen. Sein Leben kracht über ihm zusammen. Gott bringt ihn auf radikale Weise zur Einsicht.

25 Jahre später schreibt Paulus durch die Eingebung des Heiligen Geistes die Worte, die wir hier im Philipperbrief finden. Er hat zur Umkehr gefunden. Er wurde getauft. Und dann gab ihm der Herr die Gnade, neu anzufangen. Ein Leben auf Christus als Fundament und in seinem Dienst aufzubauen. 25 Jahre später schreibt Paulus auf sehr persönliche Weise, was Gottes Eingriff mit ihm gemacht hatte. Ich habe gelernt, sagt er. All das, was mich prägte, das ich bis dahin für wichtig und richtig betrachtet hatte, alles, was ich ereifert hatte, was ich gewonnen hatte, musste ich nach dem Einsturz erkennen nicht als Gewinn, sondern als Schaden. Als das, was es wirklich war. Und hier nutzt Paulus ein Wort im Griechischen, dass ich anstandshalber nicht sagen darf. Das, was so Braunes am Schuh klebt, wenn man in den Hundehaufen getreten ist. Um Christi willen ist mir das alles ein Schaden geworden, ich erachte es für – … Gott musste es mir nehmen. Um Christi willen habe ich alles verloren. Und das war gut so. Ich ahnte nicht, dass mein Lebensgerüst so wacklig und unstet war. Gott nahm es mir weg und ersetzte es durch Christus. Und Paulus wurde Christ. Und dann lernte er mit allen Christen immer wieder, Vertrauen zu setzen nicht auf sich selbst, sondern auf Christus. Sein Dorn im Fleisch, die Nächte im Gefängnis, die Schläge, die Schwierigkeiten – Gott benutzte sie über die Jahre hinweg, um Paulus zu lehren, sich nach der Kraft der Auferstehung Jesu zu sehnen und bis zur Auferstehung von den Toten weiterzumachen.

Möchtet ihr Christus vertrauen? Möchtet ihr die Kraft der Auferstehung Jesu kennenlernen? Seid ihr bereit, seinem Tod gleichgestaltet zu werden und dem rechten Preis nachjagen? Möchtet ihr Jesus Christus kennenlernen? Es ist die Frage, die Gott euch täglich stellt. Wenn er uns bewegt, Ja zu sagen, dann lasst uns einander und Gott näherkommen und uns an ihn klammern, während er uns das Fleisch nimmt, auf das wir – vielleicht ohne es zu wissen – vertrauen. Das kann irgend etwas sein. Ich spreche natürlich von unseren Göttern, woran du nun dein Herz hängst und worauf du dich verlässt. Es kann deine Identität als Papa oder Mama sein. Es kann deine Selbstbehauptung, deine Selbstständigkeit sein. Ein Drang nach Geld, nach Geltung, nach Gesundheit. Ich weiß nicht, was es ist. Welche Form das Fleisch auch immer annimmt, Gottes Werk ist es, diese Dinge wegzunehmen. Manchmal tut er es langsam, manchmal sanft und leise. Manchmal ist er fast brutal dabei, und es kommt zu großem Verlust und Leid. Der Herr zeigt euch vielleicht, worauf ihr baut, indem er es euch wegnimmt. Der Herr will uns alle falsche Zuversicht und eigene Gerechtigkeit nehmen und sie durch Christus ersetzen. Durch die überschwängliche Erkenntnis von Jesus, in ihm gefunden zu werden und die Gerechtigkeit zu haben, die durch den Glauben an Christus kommt, die nichts erschüttern und nichts wegnehmen kann. Denn es geht nicht um mich und es geht nicht um dich. Den Einsturz, die Einsicht, die Umkehr, den Neubau schenkt nur Jesus. Der ja seine Herkunft, seinen Ruf, seine Anerkennung und Ehre beiseitegelegt hat, nicht wahr? Er setzte sein Vertrauen auf den Vater allein. Er überließ seine Sache und seine Rechtfertigung Gott allein. Und dann wurde Christus behandelt wie – Mist. Alles nahm man ihm, bis auf sein letztes Hemd. All das erlitt er, um mich und dich zu retten. Gott hat ihn von den Toten auferweckt. Er hat ihn für immer von den Toten auferweckt, und das hat er nicht nur für Jesus getan, sondern auch für dich. Damit du heute und immer gewiss sein kannst. Nicht in dir selbst, in deiner Erfahrung, deinem Können, noch in irgendetwas anderes als in Jesus allein.

Das ist es, was uns tatsächlich auf das Leben vorbereitet. Das ist es, was Christen ausmacht. Das ist es, was uns zu Dienern Christi macht. Dass unser Leben, unser Streben, unsere Hoffnung und unser Ziel in Christus finden und auf Christus richten. Weil Gott gut zu ist – nicht immer sanft, aber gut –, wird er uns wieder lehren, uns vom Fleisch, von dem wackligen Baugerüst falscher Vorstellungen und gefährlichem Selbstvertrauen abzuwenden und uns Christus zuzuwenden.

Und dann! weiterzumachen. Vergiss, was dahinten liegt, sagt Paulus. Da ging alles um mich. Um dich. Mein selbstsüchtiges Vorhaben. Dein stolzes Prahlen. Vergiss es und strecke dich nach dem aus, was da vorne ist. Strebt nach dem Ziel, dem Siegespreis, zu dem ihr berufen seid. Ihr werdet es hören, wenn der Preis näherkommt. Er wird wie der Schall einer Posaune klingen. Ihr werdet hören, wie sich das Ziel nähert, die Stimme des Erzengels wird ertönen, und anscheinend ist die einzigartig und nicht zu verwechseln. Der Ruf wird ertönen. Steht auf. Steht auf aus dem Grab. Steht auf aus dem Tod. Seid frei in Christus. Den Vorgeschmack dieser Freiheit dürfen wir heute genießen. Dort am Tisch. Esst und trinkt. Holt euch seinen Leib und Blut, schöpft von ihm Kraft. Fangt neu an. Vergesst, was dahinten ist. Lasst das alte Gerüst in sich zusammenfallen. Es ist besser so. Es soll uns nichts am Schuh kleben. Jagt dem Ziel nach. Wir wollen zur Auferstehung der Toten Jesus Christus kennenlernen. Ich möchte von den Toten auferstehen. Amen.


Wochenspruch
Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern.

Lukas 12, 48

Introitus – Nr. 50 (Psalm 143, 1 – 2a; Psalm 40, 9)

Epistel

Was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwenglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird. Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleichgestaltet werden, damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten. Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin. Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein, dass ich’s ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.

Philipper 3, 7 – 14

Hauptlied
Ich weiß, mein Gott, dass all mein Tun 456

Evangelium

Jesus sprach: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an; dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort. Sogleich ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu. Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu. Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn. Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen. Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit weitere fünf Zentner gewonnen. Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude! Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit zwei weitere gewonnen. Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude! Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine. Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe? Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wieder bekommen mit Zinsen. Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat. Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappern.

Matthäus 25, 14 – 30


liturgische Farbe: grün

Festzeit: Trinitatiszeit

Wochenspruch: Lk 12,48

Wochenpsalm: Ps 40

Eingangspsalm: Ps 19, Ps 36, Ps 67, Ps 84, Ps 113

Epistel: Phil 3,7-11 (12-14)

Evangelium: Mt 25,14-30

Predigttext: Mt 7,24-27

Wochenlied: 497


Erklärung zu den Perikopen:

Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).

I(Evangelium): Mt 25,14-30

II: Phil 3,7-11 (12-14)

III: Mt 7,24-27

IV: Jer 1,4-10

V: Mt 13,44-46

VI: 1. Petr 4,7-11