Lk 13,10–17 I.i.
Anfangs des 20. Jahrhunderts war Teddy Roosevelt Präsident der USA. Er sah sich gern als Kraftmensch, als einen richtigen Mann. Während einer seiner politischen Kampagnen besuchte ihn eine Delegation in seinem Haus auf dem Lande. Roosevelt empfing sie in Hemdsärmeln. „Meine Herren“, sagte er, „kommen Sie mit in die Scheune, und wir unterhalten uns, während ich etwas Arbeit erledige.“ In der Scheune nahm Roosevelt die Heugabel in die Hand und sah sich nach dem Heu um. Er rief: „John, wo ist das ganze Heu?“ „Tut mir leid, Sir,“ rief John vom Heuboden herunter. „Ich hatte noch keine Zeit, das Heu wieder herunterzuschaffen, nachdem Sie es aufgeworfen hatten, als die Leute aus Iowa hier waren.“
Das nennt man Heuchelei. Was ist eigentlich ein Heuchler? Das griechische Wort „Hypōkrités“ (aus dem der englische Begriff „hypocrite“ abgeleitet ist) bedeutete in der griechischen Antike so viel wie „Schauspieler“ („actor“). Ursprünglich also ein neutraler Begriff für den, der auf der Bühne herumläuft und etwas spielt, vortäuscht; ein Schauspieler macht etwas vor, um eine Geschichte zu erzählen. Die Bühne ist eine Scheinwelt mit Masken und Kostümen, und der „Hypōkrités“ spielt etwas zum Schein vor. In der Bibel aber wird das Wort gebraucht für den, der nicht auf der Bühne etwas vortäuscht, sondern im wirklichen Leben. Ein Heuchler ist einer, der andere Menschen betrügt, indem er ihnen etwas vormacht, was nicht stimmt. Da ist ein ärgerlicher Widerspruch zwischen dem, was er sagt, und dem was er tut, zwischen dem äußeren Anschein und dem inneren Fehlen von Gerechtigkeit. So richtet Gott der Herr z.B. über sein Volk, wenn er sagt: „Dies Volk ehrt mich nur mit den Lippen, aber ihr Herz ist weit von mir entfernt.“
Was veranlasst den Herrn Jesus denn, dieses Wort in den Mund zu nehmen: „Hypōkritaí“? Jeden Sabbat, d.h. jeden Sonnabend feierte man im Volk Israel Gottesdienste. Da gingen die Leute nicht in die Kirche, sondern in die Synagoge. Eine Synagoge war ein großer, kastenähnlicher Raum. An den Mauern entlang standen Bänke, da saßen die wichtigen Leute. Der Rest machte es sich auf dem Boden gemütlich. Man saß oder hockte auf Teppichen. Männer hier, Frauen da – es wurde streng getrennt. Nun: in den Synagogen wurde nicht geopfert, sondern man kam zu Gottesdiensten zusammen, es ging um das Gebet, man sang Lieder. Als die Schriftrollen der a.t.lichen Bücher hereingetragen wurden, stand man auf. Es ging dort etwas informeller zu als im Tempel, weil in der Synagoge keine Priester oder Pastoren waren. Jede Synagoge wurden geleitet von einem Synagogenvorsteher – meistens war das ein Rabbi, und in den meisten Fällen waren das Pharisäer. Die hielten nur die Übersicht. Jeder erwachsene Mann (30+) durfte nämlich aufstehen und aus der Schriftrolle lesen. Der Vorsteher regelte von Sabbat zu Sabbat, wer dran war. Der Mann las jeden Vers auf Hebräisch, dann übersetzte man ihn in die Landessprache Aramäisch, und danach legte er den Vers oder den ganzen Abschnitt aus. Daraufhin konnten die Gottesdienstbesucher Kommentar liefern oder Fragen stellen. Gottesdienste konnten lange dauern – mit Unterbrechungen auch mal den ganzen Tag.
Jesus ging jede Woche in die Gottesdienste. Das war seine Sitte, das war sein Brauch. Eines Tages ist nun er an der Reihe, aus der Schrift vorzulesen und sie auszulegen. Da sitzt er also am Boden in der Gemeinde und legt die Schriftstelle aus. Und dann passiert es. Während der Herr Jesus lehrt, fällt sein Blick auf eine Frau. Ob sie aufgestanden war? Oder ob sie sich gar nicht erst setzen konnte? Wir wissen es nicht. Nur, dass sie einen krummen Rücken hatte, so krumm, dass sie sich gar nicht mehr aufrichten konnte. Die Schrift sagt, 18 Jahre lang war das schon so. Vielleicht war sie schon älter. Vornüber gebeugt steht sie da. Als guter Arzt berichtet der Evangelist St. Lukas uns auch gleich die Ursache für ihren so krummen Rücken: Keine Kyphose war daran schuld, keine Skoliose, keine Spondylose, kein Bazillus und kein Virus, sondern ein böser Geist hatte sie krank gemacht. Mehr wissen wir nicht. 18 Jahre lang hatte sie gelitten und inzwischen bestimmt die Hoffnung auf Besserung aufgegeben. Sie rechnete gar nicht mehr damit. Sie kommt auch nicht zu Jesus mit der Bitte darum, aber sie geht – mühsam – in den Gottesdienst.
Ihr Lieben, wie viele von uns würden in der Lage nicht sagen: Das wird mir jetzt zu viel, da gehe ich nicht mehr hin? Doch diese alte Frau mit dem krummen Rücken lässt es sich nicht nehmen, ins Gotteshaus zu gehen, mitzuhören, mitzusingen, mitzubeten. Ihr Lieben, viel Wichtiges und Gutes habe ich im Leben gelernt von alten Frauen mit krummen Rücken, und du vielleicht auch. Von Töchtern Gottes, die treu in die Kirche gingen. Die sich für andere verausgabt haben aber viel Undankbarkeit erlebten, die viel Leid verinnerlichen mussten, aber immer noch auswendig Gesänge singen konnten, Gesänge von Gottes Treue und Beständigkeit. Die mich gelehrt haben, was dienen heißt. Ihre Perspektiven von unten verhalfen mir zu einer Perspektive von oben. So. Nun, dieser Frau wurde von einem bösen Geist der Rücken gekrümmt, obwohl sie Gottes Kind war. Das ist keine abergläubische Erklärung, sondern ein Hinweis darauf, dass der Satan in dieser Welt viel Macht hat und uns bis zu einem Punkt versuchen und schlagen darf.
Für diese krumme Frau war der Punkt nun gekommen. Jesus sieht sie an. Er sieht – sie. Solch einen Heiland hast du. Der die Person sieht. Der nicht nur fromm redet. Sondern sieht und handelt. Er unterbricht seine Predigt, er ruft diese krumme Frau zu sich, er lässt alle warten und wendet sich nur ihr zu. „Frau, sei los! Sei frei!“ Und legt die Hände auf sie. Im Alltag war es ein Problem, wenn ein Mann einer unbekannten Frau die Hand auf die Schulter oder den Kopf legte. Aber in der Synagoge ging das beim Segenszuspruch. Obendrein sind dies die heilenden Hände des Herrn. [13] Diese Hände sind immer noch in dieser Welt am Werk. Sie wirken durch die Hände von Pflegerinnen in Altenheimen und Krankenhäusern, von Ärzten und Therapeuten. Es ist angebracht, den Heiland dahinter zu erkennen und dabei ihn um Heilung zu beten. Ja, und mehr. Die Frau, die nicht mehr krumm ist, kann nicht schweigen, sondern muss reden und singen, ihr Herz ist voll, sie dankt und preist Gott für seine Güte. Sie dient uns als Glaubensvorbild. Der Heiland litt selbst, gekrümmt durch die Last unserer Sünde, und starb am Kreuz. Er tat das, um uns allen die ewige Heilung zu schenken. Er ist ja der Heiland. Er will und wird das Werk des Bösen zerstören und seine ganze Schöpfung wieder aufrichten. Doch mit dem Loben und dem Danken brauchen wir nicht erst bis dann zu warten. Auch dafür ist der Gottesdienst da.
Dankbar staunt die Frau, die nun aufrecht steht. Aber nicht der Synagogen-vorsteher. Er nicht. Nein, er ärgert sich über Jesus und seine Frechheit, einfach im Gottesdienst zu heilen. Der Synagogenvorsteher ist ein Mann für Recht und Ordnung. Aber er ist zu feige, Jesus direkt zurechtzuweisen. Stattdessen spricht er die Gemeinde an, die am Boden sitzt. „Was fällt euch eigentlich ein? Gott hat gesagt, ihr sollt 6 Tage arbeiten, das ist die Zeit, zum Arzt zu gehen! Nicht während des Gottesdienstes!“ Indirekt kritisiert er diese Frau. Und indirekt auch Jesus. „Und du? Was tust du? Man heilt nicht Menschen am Feiertag!“ Darauf antwortet der Herr: „Ihr Heuchler!“ Hypōkritaí! Schauspieler! Betrüger! Diese Worte gelten dem Synagogenvorsteher und allen, die so denken wie er. [15f.] Dieser Synagogenvorsteher hat kein Auge für die Schönheit des Mitleids Christi, kein Herz, um sich über die Befreiung der Frau zu freuen, kein Ohr für die Musik ihres Lobes. Alles, was er sieht, ist ein Verstoß gegen die Ordnung. Das ist in seinen Augen die Sünde aller Sünden.
„Ihr Heuchler!,“ antwortet der Herr. Zwei Gründe hat er dafür. Erstens ist sogar nach Gottes Gesetz das, was Jesus tat, erlaubt. „Jeder einzelne von euch kümmert sich am Feiertag um die Nöte seiner Tiere, bringt sie zum Wasser, und ihr dürft das, auch wenn es als Arbeit gilt! Was verurteilt ihr mich, wenn ihr selbst genau das gleiche tut?“ „Ihr Heuchler!“ sagt der Herr. Denn zweitens: „Ich heile eine Frau, einen Menschen – ihr tränkt bloß Tiere. Und nicht nur irgendeinen Menschen, sondern eine Tochter Abrahams. Eure Tiere sind bloß an die Futterkrippe gebunden. Sie ist gebunden durch die Grausamkeit des Teufels. Euer Vieh – einen Tag lang. Und sie – seit 18 Jahren! Eure Tiere müssen nur vom Durst befreit werden – sie aber vom Werk des Teufels.“
Ihr Lieben, der Synagogenvorsteher und andere sind ordnungs–, pflichtshalber in den Gottesdienst gegangen. Das war ihre Gewohnheit. Jesus hatte dieselbe Gewohnheit! Es ist eine gute Gewohnheit. Das Problem liegt nicht in der Gewohnheit. Das Problem liegt im Herzen. An dieser Begebenheit wird deutlich, dass der Herr hinter die Fassade sieht, den Schein durchschaut. Wie oft wird bei uns der Gottesdienstgang und überhaupt die christliche Lebensweise zur leeren Fassade, wenn wir das alles tun, um Menschen zu beeindrucken oder uns etwas vorzumachen. Gott aber sieht das Herz an. Er will Herzensbekehrung und Glaubensüberzeugung. Klar, der Herr macht deutlich, dass es in der Kirche immer Heuchler geben wird, bis er kommt. Hier geht es nicht darum, andere als Heuchler zu identifizieren, sondern in sich selbst zu gehen und sich zu fragen: Wozu bin ich hier? Warum nenne ich mich Christ? Der Herr macht an dieser Frau deutlich, worum es ihm eigentlich bei jedem Feiertag und Gottesdienst geht: Um Ruhe in seiner Gnade und um Heilung – auf jeden Fall Heilung der Seele durch die Vergebung Jesu und die Liebe Gottes – und Vorfreude auf die endgültige Heilung, die noch aussteht. Dazu ist der Ruhetag da. Gott hat der Frau allen Grund gegeben für das Beten und Singen und Danken und Loben. Und dir und mir auch. Er selbst ist hier, um uns zu heilen und Kraft zu geben, auch Leid und Ungerechtigkeit zu vertragen. [17] Wenn wir uns nun schämen müssen, so will der Herr uns doch befreien von den Banden des Bösen. Er lasse uns lernen von dieser Frau und lehre uns selbst, dass wir uns freuen über die herrlichen Taten, die er tut. In Jesus Christus. Amen.
Wochenspruch
Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.
Jesaja 42, 3
Introitus – Nr. 53 (Jesaja 29, 18; Psalm 147, 1)
Epistel
Saulus schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit er Anhänger des neuen Weges, Männer und Frauen, wenn er sie dort fände, gefesselt nach Jerusalem führe. Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich? Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst. Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen sprachlos da; denn sie hörten zwar die Stimme, aber sahen niemanden. Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts. Sie nahmen ihn aber bei der Hand und führten ihn nach Damaskus; und er konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht. [Es war aber ein Jünger in Damaskus mit Namen Hananias; dem erschien der Herr und sprach: Hananias! Und er sprach: Hier bin ich, Herr. Der Herr sprach zu ihm: Steh auf und geh in die Straße, die die Gerade heißt, und frage in dem Haus des Judas nach einem Mann mit Namen Saulus von Tarsus. Denn siehe, er betet und hat in einer Erscheinung einen Mann gesehen mit Namen Hananias, der zu ihm hereinkam und die Hand auf ihn legte, damit er wieder sehend werde. Hananias aber antwortete: Herr, ich habe von vielen gehört über diesen Mann, wieviel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat, und hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, alle gefangenzunehmen, die deinen Namen anrufen. Doch der Herr sprach zu ihm: Geh nur hin; denn dieser ist mein auserwähltes Werkzeug, dass er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel. Ich will ihm zeigen, wieviel er leiden muss um meines Namens willen. Und Hananias ging hin und kam in das Haus und legte die Hände auf ihn und sprach: Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Wege hierher erschienen ist, dass du wieder sehend und mit dem Heiligen Geist erfüllt werdest. Und sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen, und er wurde wieder sehend; und er stand auf, ließ sich taufen und nahm Speise zu sich und stärkte sich. Saulus blieb aber einige Tage bei den Jüngern in Damaskus. Und alsbald predigte er in den Synagogen von Jesus, dass dieser Gottes Sohn sei.]
Apostelgeschichte 9, 1 – 9 [10 – 20]
Hauptlied
Nun lob, mein Seel, den Herren 368
Evangelium
Als Jesus fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte. Und sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war, und baten ihn, dass er die Hand auf ihn lege. Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata! das heißt: Tu dich auf! Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig. Und er gebot ihnen, sie sollten’s niemandem sagen. Je mehr er’s aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus. Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend.
Markus 7, 31 – 37