13. Sonntag nach Trinitatis (Der barmherzige Samariter)
Wie würdest du die Geschichte von Kain und Abel malen? Wie würde dein Bild davon aussehen? Wahrscheinlich greifen die meisten von uns auf das stereotypische Bild zurück, das wir aus Kinderbibeln kennen – auf der einen Seite kniet der Abel vor seinem Altar, gütig, fromm und demütig, umgeben von zufriedenen, grasenden Lämmern; und auf der andern der Kain vor einem kümmerlichen Opfer von Gemüse auf dem Feuer, sein Blick finster und die Miene verzerrt, ein Bild der Unzufriedenheit und des Neides. Dabei denkt so mancher: Jaja, also doch besser Lammfleisch auf dem Feuer als Gemüse auf dem Braai. Aber es geht deutlich um mehr als nur die Auswahl für das Opfer, und das sieht man am Rauch. Bei Abel steigt heller, freier Rauch kerzengerade noch oben in den Himmel, bei Kain aber wirbelt dunkler Rauch vom Opfer und steigt schief nach rechts oder sinkt gar nach unten und treibt unglücklich und verstört am Boden entlang. Und in der nächsten Szene dann der tragische Brudermord mit Abel am Boden verblutet und Kain verschlagen auf der Flucht. Ist diese Zeichnung aber richtig? Entspricht sie dem Wort Gottes?
Die ersten zwei Brüder der Welt gehen aufs Feld, um Gott ein Opfer zu bringen. Söhne derselben Mutter und desselben Vaters. Glauben beide an denselben Gott, den Gott ihres Vaters und ihrer Mutter. Papa Adam und Mama Eva haben ihnen das mit dem Opfern beigebracht, ihnen erklärt, wie das geht: Man opfert Gott die Erstlinge der Ernte, und er nimmt sie als Zeichen des Vertrauens und als Zahlung für Sünde, als stellvertretende Leistung, und gibt dafür Vergebung. Der ältere Bruder, Kain, ist Gemüsefarmer. Er bearbeitet den Boden und opfert Gott nun von der Frucht, die der Boden hervorbrachte. Der jüngere Bruder, Abel, ist ein Hirte. Er opfert die Erstgeborenen seiner Herde und die besten Teile davon. Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Warum denn? Die Schrift gibt eine Andeutung im Hebräerbrief: Durch den Glauben hat Abel Gott ein besseres Opfer dargebracht als Kain; deshalb wurde ihm bezeugt, dass er gerecht sei, da Gott selbst es über seinen Gaben bezeugte… ohne Glauben ist’s unmöglich, Gott zu gefallen. Es lag also nicht an der Größe des Opfers und auch nicht daran, dass Kain Gemüse und Abel ein Lamm opferte. Die Bibel gibt hier in
1. Mose den Hinweis, dass Kain dem Herrn Opfer brachte „von den Früchten des Feldes“. Einige davon, nichts besonders. Abel dagegen opferte vom Feinsten, die besten Teile der Erstlinge seiner Herde. All das macht bloß die jeweilige Herzenseinstellung deutlich: Nicht was sie geben ist entscheidend, sondern das Wie, die Gesinnung des Gebers war entscheidend. Abels Opfer war treu, voller Glauben, Vertrauen auf die Verheißung Gottes. Kains Opfer war ungläubig, und ohne Glauben ist’s unmöglich, Gott zu gefallen.
Kain also treibt äußere Religion aber ohne Glauben und wird dafür verworfen. Abel betet Gott an und dient ihm im Glauben, er vertraut auf das Evangelium der Gnade Gottes, und er wird angenommen. Dies löste eine Krise und den ersten Religionskrieg aus. Schuld am Religionskrieg damals wie heute ist nicht der äußerlich rechte Gottesdienst, sondern der Neid, der Zorn und der Hass, der uns den Glauben raubt. Kain war wütend auf seinen Bruder, weil der Herr sein eigenes Opfer ablehnte. Das war nicht die Schuld seines Bruders… Aber so ist es nun mal, nicht wahr? Wir beschuldigen lieber unseren Bruder, als auf uns selbst zu schauen. Und das ist der springende Punkt. Wer nur äußerlich nach Religion trachtet um Gott damit zufriedenstellen, des der muss früher oder später das Blut seines Bruders opfern, um sich selbst zu rechtfertigen. Er muss seinen Bruder töten mit Taten oder einfach nur mit Worten und Verachtung, um zu zeigen, wie viel unschuldiger er selbst ist.
Wütend zu werden kann manchmal so sein, als steigt man in einen Porsche Carrera, wirft den Motor an, braust mit hoher Geschwindigkeit davon und merkt erst bei der Kurve vor dem Umngeni, dass die Bremsen nicht funktionieren. Wenn wir wütend werden, kommen wir an unsere Grenzen. Dort aber ist es gefährlich. Deswegen warnt Gott der Herr den Kain sogar noch rechtzeitig. „Wo ist dein Glaube? Was bist du so zornig?“ Wer glaubt, kann jedem zuversichtlich in die Augen gucken. Und du, Kain? Du kochst vor Zorn, dein Blick liegt am Boden, die Sünde lauert vor deiner Tür und wartet nur darauf, dass du sie tust. Zorn macht uns sehr anfällig für Sünde. Aber du sollst über sie herrschen, sagt Gott. Manche meinen, es ist doch gar nicht so schlimm, zornig zu sein und mal zu platzen, seinem Ärger Luft zu machen. So bin ich nun einmal, sagen sie, das kann ich nicht ändern. Es wird die Geschichte einer Frau erzählt, die zum Pastor kam und versuchte, ihre Wutausbrüche rational zu erklären. Sie sagte zu ihm: „Es ist nicht schlimm, wenn ich die Beherrschung verliere. Ich explodiere, es knallt, und dann ist alles wieder vorbei.“ „Ja“, sagte der Pastor, „das tut eine Schrotflinte auch, und guck mal, welchen Schaden sie hinterlässt.“ Schaut mal, ihr Lieben, das gerade ist das Gefährliche am Zorn, dass er uns den freien Blick auf unseren Nächsten und seine Lage und Nöte nimmt, dass wir Christi Rechtfertigung aus Gnade in den Wind werfen, dass wir uns nun selbst rechtfertigen wollen, indem wir den andern fertigmachen. Da können wir den Mitchristen nicht mehr lieben. Vielleicht hat er ja zuerst gesündigt, aber ich bin dann derjenige, der meine Liebe verliert – die Liebe Christi. Und was bin ich ohne die Liebe Christi?
Nach außen gibt Kain vor, dass alles gut ist. Innerlich aber kocht er vor Wut. Er betrügt Abel. Er wartet voller Bitterkeit auf seine Gelegenheit. Und als sie kommt, rächt er sich, ohne meint, keiner sehe ihn, er habe recht in dem, was er tut, schlägt Abel tot. Lieber Christ, auch dich warnt Gott der Herr, und mich. Unser Zorn, den wir nicht vor Gott beichten und ihm durch seine Gnade anbefehlen, macht uns zu Mördern. Darum warnt und ermahnt Gott der Herr
1. Joh 3, dass wir uns untereinander lieben sollen, nicht wie Kain, der von dem Bösen stammte und seinen Bruder umbrachte. Und warum brachte er ihn um? Weil seine Werke böse waren und die seines Bruders gerecht. Wer nicht liebt, der bleibt im Tod. Wer seinen Bruder [Vater/Mutter/Mitchristen/Arbeitgeber/
Arbeitnehmer] hasst, [und sei er noch so sehr dazu berechtigt!] der ist ein Totschläger, und ihr wisst, dass kein Totschläger das ewige Leben bleibend in sich hat. Denken wir ja nicht: „Aber das sieht keiner. Das geht nur mich etwas an. Und ich habe das Recht dazu.“ Wie schnell doch der Kain herausfindet, dass das nicht nur ihn etwas angeht, dass das sehr wohl jemanden kümmert, dass das sehr wohl jemand sieht, was da in meinem Herzen läuft. Wie weiß Gott es denn? Weil Gott auf Blut hört. [10]
Kain hat mit seiner Bluttat eigentlich sein Leben verwirkt. Doch dann passiert das Unfassbare: Gott rächt Abels Blut nicht an ihm, sondern er schenkt dem Mörder Kain allen Ernstes ein neues Leben unter Gottes Schutz. Gott reagiert anders – und schenkt damit nun auch uns eine Hoffnungsperspektive, mit der wir eigentlich gar nicht rechnen konnten. Am Ende der Geschichte von Misserfolg und Neid und Mord und Totschlag steht nicht die Rache und die Bestrafung, sondern die unfassliche Bereitschaft Gottes zu einem Neuanfang.
Und das gilt eben nicht bloß für Kain, das gilt eben auch für dich und für mich. Gottes Strafe hätten auch wir allemal verdient, selbst wenn wir nicht unbedingt mutwillig einen Menschen umgebracht haben. Aber wie oft haben auch wir in unserem Leben schon weggeschaut und geschwiegen, wo wir eigentlich unseren Mund hätten aufmachen müssen! Wie oft haben auch wir uns in unserem Leben schon von Neid und Missgunst und manch anderen bösen Gedanken, ja auch zornigen Worten und Werken überwältigen lassen, haben nicht auf Gottes Warnungen und Weisungen in seinen Geboten gehört! Allen Grund hätte Gott dazu, auch mit uns Schluss zu machen.
Das Blut Abels schreit den Herrn des Lebens um Gerechtigkeit an. Diesen Schrei hört er. Und darum sorgt er auch für die Gerechtigkeit. Er tut das, indem er einen Bruder schickt, den wahren Bruder, den wir brauchen, dessen Blut noch viel wertvoller ist als das von Abel. Einen Bruder, der wahrhaft fromm ist, gläubig, ehrfürchtig, demütig, von Herzen gehorsam. Ja, und dann kommt das wirklich Unfassbare, dann bringt Gott ein Opfer zur Vergebung der Sünden. Nicht Gemüse opfert er, kein Lamm, kein Opfertier, nein, Gott selbst opfert diesen Bruder, opfert ihn als das Erstlingsopfer am Kreuz, das alle Opfer erfüllt und damit zum Schweigen bringt und beendet. Jesus Christus ist Gottes Opfer für deinen Zorn und Hass und für meinen. Wie geht das? Weil das Blut Jesu lauter ruft. Wie Abels Blut schreit das Blut derjenigen, denen wir mit Hass begegnet sind, zu Gott, und er hört es auch, aber das Blut, das Blut Jesu Christi redet besser als Abels Blut (Heb 12,24). Und damit ist die Sache beschlossen.
Mit eben diesem Zeichen des Heiligen Kreuzes hat Gott der Herr auch dich in der Taufe bezeichnet, hat dir in der Taufe Anteil gegeben an seiner Vergebung, an seinem Schutz vor den Mächten des Bösen. Wie gut, dass die Geschichte von Kain und Abel so endet! Wie gut, dass wir nicht in einer Welt ohne Gott leben müssen, sondern dass Gott wenden kann, was wir Menschen niemals zum Guten wenden könnten. Noch stärker als das Blut Abels, noch stärker als das Blut aller Getöteten auf dieser Welt schreit das Blut Christi zum Himmel und gelangt in Gottes Ohr. So lässt es sich leben in einer Welt voller Unrecht, so lässt es sich durchhalten in einer Welt, die von Sünde und Tod gezeichnet ist. Ihr Lieben, in den letzten Monaten und Wochen ist Gewalt in den Häusern angestiegen wie lange nicht mehr. Und Frust und Zorn auch. Da wollen wir uns Gottes Warnung zu Herzen nehmen. Wir wollen um den Heiligen Geist beten, dass wir den Zorn nicht an Bruder oder Schwester auslassen, sondern Gott übergeben und im Frieden leben. Über unseren Häusern und Familien steht das Zeichen des Kreuzes. So zeichnet Gott das Bild deines Lebens richtig. Gott ist für dich am Kreuz gestorben, damit du leben kannst – und lieben kannst. Das ist kein Wunschtraum, das ist Realität. Halleluja. Amen. SDG – pdkb
Wochenspruch
Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.
Matthäus 25, 40
Introitus – Nr. 54 (Matthäus 5, 7; Psalm 139, 23 – 24)
Hauptlied – Ich ruf zu dir, Herr Jesus Christ 400
Epistel
Ihr Lieben, lasst uns einander liebhaben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden. Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.
1. Johannes 4, 7 – 12
Evangelium
Siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte Jesus und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete und sprach: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben. Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halbtot liegen. Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit; als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn, und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme. Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!
Lukas 10, 25 – 37