Im Straßenverkehr in Deutschland gibt es ein Verkehrszeichen, das es hier nicht gibt: ein rundes Schild, weiß, mit fünf von rechts oben nach links unten verlaufenden schwarzen Linien. Der Autofahrer auf der Autobahn sehnt sich nach diesem Schild. Denn wenn dieses Straßenschild erscheint, wird alles anders. Offiziell heißt es Verkehrsschild 282 und bedeutet das „Ende sämtlicher streckenbezogener Geschwindigkeitsbeschränkungen und Überholverbote“. Oder ganz einfach: Fahr so schnell du willst und überhole, wen du willst. Da gibt es keine Geschwindigkeitsgrenzen mehr, keine Kameras, keine Polizei, die dich bestraft. In Südafrika gibt es das Verkehrsschild 282 nicht. Dennoch fahren hier die meisten, als ob es das Schild überall gäbe. Es hat z.B. auch wohl irgendwer das Stopp-Schild an der Kreuzung beim Spar gegen Verkehrsschild 282 ausgetauscht.
Diese Einstellung – dass keine Beschränkungen mehr gelten, dass Gesetze nur da sind, uns zurückzuhalten und in die Quere zu kommen, dass wir reif und erfahren genug sind, selbst zu entscheiden, dass wir ohne Gesetze erst so richtig frei sind, unbehindert und unbeschränkt zu leben, wie wir wollen – diese Einstellung fasst wohl auch zusammen, wie wir zu Gottes Gesetz in der Bibel stehen. Als gute Lutheraner wissen wir, dass das Gesetz uns unsere Sünde zeigt, und dass das Gesetz uns nicht retten kann. Es kommt also gar nicht auf das Gesetz an, wir schaffen das sowieso nicht, nur das Evangelium rettet, die gute Nachricht von Jesus, und deshalb – ja deshalb können wir uns vielleicht hier und da Mühe geben mit Gottes Gesetz, aber auch nicht zu sehr, denn das Evangelium von Jesus Christus, das ist unser geistliches Verkehrsschild 282, das Ende sämtlicher lebensbezogener Beschränkungen und Verbote, wir sind in Christus frei, zu tun was wir wollen; reif und erfahren genug, zu leben, wie wir wollen; und sowieso sind wir doch nur Menschen wie alle andern, am Ende kommt alles nur auf die Vergebung, nicht das Gesetz an.
Wozu brauchen wir denn eigentlich noch die Beichte oder die Buße? Da brauchen wir gar nicht mehr hinzugehen, müssen wir uns nicht antun, die ist nur für andere Leute, die es besonders ernst meinen. Wozu all das Gerede von Sünde in der Kirche, wir können’s nicht mehr hören, wir brauchen’s nicht mehr zu hören, wir wollen lieber eine Kirche, die uns praktische Hilfe gibt, die lebensnaher ist. Denn es kommt doch nur auf die Vergebung, nicht das Gesetz an! Und so hören wir das Gesetz Gottes nicht gern, sondern nur d. Evangelium.
Ihr Lieben, was kommt denn bei dieser Haltung raus? Das fragen wir am besten die Kirchenfernen, Menschen, die nichts mit der Kirche am Hut haben. Und was sagen sie? Viele sagen dies: „Wir sehen, dass ihr Christen zur Kirche kommt, wenn es passt, dass ihr dort eure Körper liturgisch korrekt verbeugt, kniet, steht, das ganze Tamtam, aber von Montag bis Sonnabend mit den gleichen Körpern das macht, was alle andern auch tun – dass im Alltag kein Unterschied ist, dass ihr genauso verletzend redet, wie wir, so gehässig seid, wie wir, so geizig seid, wie wir, so viel zankt wie wir, andere über die Ohren haut wie wir, ähnliche Prioritäten setzt wie wir, so oft vors Gericht zieht, wie wir – sexuell aktiv seid, wie wir, Missbrauch in der Ehe und Familie treibt, was es da nicht alles gibt – bloß denkt ihr dabei, ihr seid heiliger als wir.“ Da muss sich doch jeder von uns fragen: Haben sie denn recht, wenn sie das sagen? Und wenn sie recht haben, woran liegt das?
Vielleicht liegt es daran, dass wir meinen, die 10 Gebote gehören in den Kinderunterricht, aber nicht in die geschäftliche Versammlung; in den Lehrgottesdienst, nicht in meine SARS-Formulare; Gottes Gesetz ist was für Konfirmanden und nicht für meine Zeit am Computerscreen oder am Cellphone. Vielleicht liegt es daran, dass wir vergessen haben, dass das Gesetz Gottes tatsächlich drei Gebräuche hat, und nicht nur einen. Das Gesetz zeigt uns nicht nur unsere Sünde und weist uns auf Christus, unseren Retter und Seligmacher – das ist der zweite Gebrauch des Gesetzes – sondern es hat auch einen ersten Gebrauch, nämlich, es dient als Riegel. Das bedeutet, Gott hat sein Gesetz – und die 10 Gebote gelten ja zu Recht als Inbegriff des Gesetzes Gottes – er hat sein Gesetz erstens gegeben, um die Gemeinschaft, vor dem Chaos zu schützen. Genau das sehen wir ja auf unseren Straßen, um wieder auf dieses Bild zurückzugreifen – weil sich kaum einer mehr an die Verkehrsregeln gebunden meint, überholt man, wo man will, hält man, wo man will, fährt so langsam, wie man will, oder so schnell wie man will, auch mit den kaputtesten Autos. Und was kommt dabei heraus? Nicht Freiheit und Vergnügen, sondern Unfälle und Verkehrstote. Genauso ist es mit einer Gesellschaft, mit uns, wenn wir Gottes 10 Gebote vergessen und missachten. Es entsteht ein Chaos – es kommt zu Diebstahl, Raub, Entführungen, Korruption, Verfall, Respektlosigkeit, Überteuerung. Gott aber will mit den 10 Geboten Ordnung bringen, damit es den Menschen gutgeht.
Das ist der erste Gebrauch des Gesetzes. Den zweiten haben wir gehört. Und einen dritten Gebrauch gibt es auch, und dieser Gebrauch gilt gerade für Christen, für Gottes Kinder, nämlich: die Richtschnur. Gerade uns Christen, die wir frei sind von dem Fluch des Gesetzes, soll Gottes Gesetz als Richtschnur dienen. Jesus Christus hat uns nämlich von Sünde, Tod, Hölle und der ewigen Verdammnis erlöst, dieses Geschenk gilt schon jetzt in der Absolution, in Taufe und Abendmahl; aber er hat uns nicht wie Verkehrsschild 282 befreit, dass wir jetzt tun und lassen können, wie wir wollen, wie es uns passt, um mit „Ende gut, alles gut“ an der Beerdigung verabschiedet zu werden, sondern der gnädige Heiland Jesus Christus, hat uns durch Kreuz und Auferstehung, durch Vergebung und Heil zum Gesetz befreit. Er hat uns befreit, um die 10 Gebote zu halten, ja mehr noch, um sie halten zu wollen. Er, der einzig und allein das volle Recht auf Verkehrsschild 282 hatte, hat sich unter die Verkehrsregeln des Gesetzes Gottes gebeugt – für uns. Wir sind frei von der Knechtschaft des Gesetzes – wir sind frei, um das Gesetz Gottes zu lieben und um es zu tun und nicht selbst zu bestimmen, was für Lebensstil denn angebracht und gut ist. Dieser Gedanke wird heute vielen Christen fremd sein – aber das kommt daher, dass die Kirche vielerorts versagt in ihrem Predigen und Lehren. Auch die lutherische Kirche glaubt, dass das Gesetz Gottes gut ist. Dann soll sie es auch bekennen und lehren. Dass die 10 Gebote gut sind. Wichtig sind. Richtig sind. Nötig sind. Wenn das nicht so wäre, wenn wir das Gesetz Gottes gar nicht mehr nötig hätten, dann müssten wir mehr als die Hälfte des NT herausreißen und wegwerfen, wo Gottes Wort uns unermüdlich aufruft, uns vergebenen, geliebten Kindern Gottes sagt: Tötet … die Unzucht, Unreinheit, schändliche Leidenschaft, böse Begierde und die Habsucht, die Götzendienst ist, … legt … ab Zorn, Grimm, Bosheit, Lästerung, schandbare Worte aus eurem Munde; belügt einander nicht; … zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!
Das ist das nichts anderes als die 10 Gebote für unser Leben, die Richtschnur, nach der wir Christen unser Leben führen und bauen zur Ehre Gottes und zum Wohl des Nächsten – oder, wie es auch heißt, das größte und vornehmste Gebot, Gott den Herrn zu lieben und den Nächsten wie mich selbst. Die Vergebung Gottes befreit uns nicht vom Gesetz; sie befreit uns zum Gesetz, nicht aus Zwang, sondern aus Liebe. Deswegen kann der Christ zuversichtlich und fröhlich mitbeten Ps 19,8 Das Gesetz des Herrn ist vollkommen und erquickt die Seele. … Die Befehle des Herrn sind richtig und erfreuen das Herz. Das kann nur ein vergebenes Gotteskind sagen. Wer so lebt, der hebt sich von Ungläubigen in der Gemeinschaft ab, denn es strahlt Gottes Liebe aus ihm auch am Arbeitsplatz und im Supermarkt und bei der Bank.
Wir wollen offene Augen haben für die Liebe, mit der Gott das Gesetz gibt: [2] Aus Liebe, aus Gnade, weil Gott zu seinen Versprechen steht, gibt er die 10 Gebote; damit es seinen Kindern gut geht, kommt er selbst vom Himmel herab und gibt ihnen persönlich, was sie brauchen für ein gutes Leben in dieser Zeit und in der Ewigkeit: Vom Berg Sinai die 10 Gebote; vom Hügel Golgotha das Blut des Sohnes Gottes, der um unserthalben alle 10 Gebote perfekt hält und für unsere Übertretungen des Gesetzes alle Strafe bezahlt, sodass Gott [6]. Mit offenen Herzen und mit Dankbarkeit empfangen wir Gottes Gaben zum ewigen Leben. Der neue Mensch in uns will nichts lieber tun als Gott mit seinen Werken gefallen und auch dem Feind Liebe erweisen. Er kommt gerne in die Beichte und lässt sich etwas sagen; er sucht das Abendmahl, um Gottes Nähe und Kraft zu erhalten für ein christliches Leben. Die 10 Gebote hören niemals auf; der Himmel wird gerade deswegen der Himmel sein, weil dort alle Menschen Gottes 10 Gebote halten werden, und es wird uns gutgehen. Amen.
Soli Deo Gloria
Wir beten: Wohl denen, die ohne Tadel leben, die im Gesetz des Herrn wandeln! Wohl denen, die sich an seine Zeugnisse halten, die ihn von ganzem Herzen suchen, die auf seinen Wegen wandeln und kein Unrecht tun. Du hast geboten, fleißig zu halten deine Befehle. O dass mein Leben deine Gebote mit ganzem Ernst hielte. Wenn ich schaue allein auf deine Gebote, so werde ich nicht zuschanden. Ich danke dir mit aufrichtigem Herzen, dass du mich lehrst die Ordnungen deiner Gerechtigkeit. Deine Gebote will ich halten; verlass mich nimmermehr! Ps 119,1–8
Wochenspruch
Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.
1. Johannes 4, 21
Introitus – Nr. 59 (Psalm 106, 3; Psalm 1, 1)
Epistel
Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist. Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen geachtet. Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.
Römer 14, 17 – 19
Hauptlied
Herzlich lieb hab ich dich, o Herr 301 In Gottes Namen fang ich an 454
Evangelium
Es trat zu Jesus einer von den Schriftgelehrten, der ihm zugehört hatte, und fragte ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen? Jesus aber antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften.” Das andre ist dies: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.” Es ist kein anderes Gebot größer als diese. Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer außer ihm; und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. Als Jesus aber sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.
Markus 12, 28 – 34
liturgische Farbe: grün
Festzeit: Trinitatiszeit
Wochenspruch: 1. Joh 4,21
Wochenpsalm: Ps 1
Eingangspsalm: Ps 19, Ps 36, Ps 67, Ps 84, Ps 113
Epistel: Röm 14,17-19
Evangelium: Mk 12,28-34
Predigttext: Mk 10,17-27
Wochenlied: 397 und 494
Erklärung zu den Perikopen:
Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).
I(Evangelium): Mk 12,28-34
II: Mk 12,28-34
III: Mk 10,17-27
IV: Jak 2,1-13
V: 2. Mose 20,1-17
VI: Eph 5,15-21