2. Sonntag nach Epiphanias (Der Freudenmeister)
Wenn du die Aufgabe hättest, nach Durban zu gehen und dort eine neue Gemeinde zu gründen, wie würdest du das machen?
Wen würdest du als Zielgruppe wählen? Welchen Ort würdest du nehmen? Wie würdest du die Menschen dort ansprechen und erreichen? Wie würdest du sie für die neue Gemeinde gewinnen? Wie würdest du die Gemeinde aufbauen? Wie würdest du Mitarbeiter ausbilden? Und wie würdest du das Ganze finanzieren, wenn du zu keiner Synode gehörst und in der ganzen Aufbauzeit kein Gehalt bekommst?
Es gibt in vielen christlichen Buchläden viele Bücher zu kaufen, die einem genau erklären, wie man das machen soll. Wo unsere Gemeinde ein schönes Rezeptbuch veröffentlicht hat, das einem genaue Anweisungen gibt, wie man z.B. diesen oder jenen Kuchen backt, gibt es „Rezeptbücher“ zu kaufen, wie man diese oder jene Art Gemeinde gründet oder aufbaut. Solche Bücher musste ich im Studium zum Vergleich lesen. Ein Beispiel ist das Buch „The Nuts and Bolts of Church Planting: A Guide for Starting Any Kind of Church.“ Das Buch beschreibt z.B., wer Gemeinden gründen sollte, was für eine Art Mensch das sein sollte: Ganz bestimmte Persönlichkeiten, die Gott als Kirchengründer geschaffen hat. So steht es im Buch: Sie müssen überzeugt sein von ihrem Traum, eine bestimmte Art Gemeinde zu gründen, und sie müssen diese Überzeugung ausgezeichnet kommunizieren können. Sie müssen zuversichtlich und fesselnd reden können. Und so gehört es denn dazu, dass man sich selbst und seine Gaben prüfen muss, um festzustellen, ob man auch ein geschaffener Kirchengründer ist: mit der nötigen Leidenschaft und Redevermögen und Zuversicht und Erfahrung und Temperament. So das Buch.
Um es gleich vorwegzusagen: Der Apostel Paulus wäre nach all diesen Angaben der letzte, der eine Gemeinde gründen sollte. Gott hat ihn nämlich gegen seinen Willen zur Gemeindegründung gerufen. Paulus hatte gar keinen „Traum“, ganz bestimmte Gemeinden zu gründen. Sondern sein Traum war es, alle Christen auszurotten. Dafür hat er sich leidenschaftlich eingesetzt. Gott hat ihn radikal konfrontiert und trotz seines Traums und gegen seinen Willen bekehrt und dann gerade ihn zu seinem Werkzeug gemacht, um Menschen das Wort zu lehren und durch die Predigt zu bekehren und zu taufen und Gemeinden zu gründen in großen Teilen der bewohnten Welt. Und das hat er dann auch getan. Im Jahr 51 kommt Paulus nach Korinth, predigt und lehrt in der Synagoge, und mehrere Juden glauben, dass Jesus der Messias ist, und Paulus und seine Mitarbeiter taufen sie. Als Paulus aber aus der Synagoge verbannt wird, beginnt er, unter den Heiden zu wirken. Korinth war ähnlich wie Durban, oder genauer gesagt, es hatte den gleichen Ruf wie Point Road am Hafen. So kommt es, dass die Gemeinde, die Paulus dort gründet, aus einer bunten Ansammlung von Gliedern besteht, aus bekehrten männlichen und weiblichen Prostituierten, aus Sklaven und einigen Sklaveneigentümern, Seefahrern und Händlern – und frommen Judenchristen. Total unterschiedliche Leute, aber eines hatten sie alle gemeinsam, nämlich wer und was und wie ihr Pastor sein sollte. In Korinth gab es damals außer billigem Sex und unzüchtigen Feiern nur eine Art Entertainment, nämlich live Redner. Statt „Dancing with the Stars“ gab’s „Speeching with the Stars“, statt „America’s got Talent“ im Singen „Corinth’s got Talent“ im Reden, statt Netflix „Rede-Tricks“. Und immer wieder kommen neue Redner und traten auf und versuchten, Menschen zu beeindrucken und Wow-Effekte zu erzielen und bei den Prominenten zu punkten und wieder eingeladen zu werden und schließlich ein Leben zu machen aus bewegenden Reden und lukrativem Unterricht.
So waren die Erwartungen der Gemeindeglieder an ihre Redner, ihre Pastoren vorprogrammiert. Sie wollten ruhmreiche Redner, leidenschaftliche Sprecher mit überzeugenden Predigten, die sie regten und bewegten und den weisen Inhalt mit schlagenden Argumenten belegten, sodass sie wie Simon Cowell die Hände ans Gesicht drücken aus fassungslosem Staunen über die unerwarteten Fähigkeiten. Und so spielen die Gemeindeglieder einen Prediger auf gegen den nächsten, wer kriegt den Buzzer und geht durch zur nächsten Runde. Seht, so hätte auch das Handbuch für Gemeindegründung Ausgabe 55 entsprechend genau beschrieben, was für Fähigkeiten ein Gemeindegründer haben muss und wie er an die Leute herankommt und was für Inhalte sie bräuchten, um überzeugt zu werden, damit er die Gemeinde und damit sich selbst zur Prominenz und zu Reichtum führt.
Diesem allen, diesem Idealrezept mit seinem idealen Erfolgskonzept und Idealredner verpasst der Heilige Geist im 1. Korintherbrief eine eiskalte Dusche. Nein, sagt der Herr, was ihr da alles für überzeugend und beeindruckend haltet, das habe ich zu Torheit, zur Blödheit gemacht, gezeigt, wie leer und nichtig es alles ist, ich habe ausgewählt, was die Korinther für absoluten Irrsinn halten, ich habe Menschen in die Gemeinde berufen, die aus den verachteten Schichten kommen, ich habe Pastoren und Prediger berufen, die nicht wegen ihrer Leistungen punkten können, und ich habe ihnen einen Inhalt zu predigen gegeben, eine Nachricht, eine Botschaft, die nicht menschlich überredet und anspricht, sondern die Menschen für gering achten, verachten und verwerfen, nämlich das Wort vom Kreuz, die Nachricht von Gott, der stirbt, weil er hingerichtet wird mit dem verachtungswürdigsten Folterinstrument der ganzen Weltgeschichte, dem römischen Kreuz. So baue ich Kirche. So gründe ich Gemeinden. So lasse ich meine Weisheit predigen.
Ganz deutlich wird das an dem Beispiel von Paulus und seiner Predigt. Er erinnert daran, wie er nach Gottes Befehl Gemeinde in Korinth gründete. Nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit… nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit… Sondern: Ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern. Ich weiß von einem Pastor, der aus Angst und Nervosität vor dem Predigen sich jeden Sonntagmorgen erbricht. So einer scheint der Paulus gewesen zu sein. Paulus war eher als schwacher Redner bekannt, der sich verhaspelte und nicht immer die richtigen Worte fand. Und wie arbeitete er und was predigte er in dieser weisheit- und rednergewöhnten Stadt? Ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus – aber welchen Christus? Nicht zuallererst den Weisheitslehrer-Christus, nicht zuallererst den Wundermann-der-Weltgeschichte-Christus oder den allmächtigen Christus, sondern immer und zuerst den gekreuzigten Christus, den hingerichteten Christus, den sterbenden-Gott-am-Kreuz Christus.
Nun, ihr Lieben, da stellt sich doch die Frage: Wie konnte denn die Gemeinde in Korinth überhaupt bestehen, geschweige denn wachsen? Wie konnte Paulus mit seinen Fähigkeiten denn überhaupt dort wirken, wenn damit quer gegen die Regeln und Richtlinien im Gemeindegründerhandbuch gehandelt wird? Aus einem Grund allein: Weil Paulus, dieser unwahrscheinliche Prediger, dort wirkte und predigte und Seelsorge trieb „in Erweisung des Geistes und der Kraft“ – d.h. weil es dem Heiligen Geist gefällt, gerade durch die Predigt vom gekreuzigten Christus zu wirken und seine Kraft auf diese unscheinbare Weise zu erweisen. Weil Paulus sich und seinen Wirkungsort nicht selbst aussuchte, sondern weil der Geist ihn berief und befähigte und hinschickte, wo er ihn haben wollte. Kein Mensch hat das Recht, eigenhändig und auf eigenem Gutdünken und mit menschlichen Fähigkeiten nach einem menschlichem Handbuch Gemeinde zu gründen oder zu bauen, sondern er muss dazu von Gott berufen sein. Nicht nur als innere Vermutung, sondern durch ausgesprochene Berufung. Nach Paulus und den andern Aposteln hat keiner gottgefällig in der Mission oder Gemeindegründung gewirkt, der nicht von der Kirche dazu berufen wurde. Gott der Herr hat durch die Kirche, durch Paulus und die Apostel, Titus und Timotheus und Apollos und andere Pastoren entsandt und berufen und in ihr Amt eingesetzt. So auch heute. Immer wieder zeigt es sich, dass Gemeinden, die sich um selbsterwählte Prediger scharen, die dann noch auf eigene Fähigkeiten setzen, oft genug falschen Messiasen folgen, vom Wort Gottes abweichen, von dem Wort vom Kreuz und dem gekreuzigten Christus.
Ihr Lieben, was heißt das für uns? Das hat Auswirkungen auf jeden Christen und jede Christengemeinde, auf unsere Erwartungen und Maßstäbe und Prioritäten. Denn das Wort vom Kreuz, vom gekreuzigten Christus, der oft in Schwachheit und Angst und Zittern verkündet wird, dieses Evangelium ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben. Es bedeutet, dass das Wort vom Kreuz Inhalt jeder Predigt bei uns sein muss. Das prägt unsere Kirchenmusik, so erkennen wir rechtmäßige Prediger und Predigten: Nicht nur das leere Kreuz, sondern der Gekreuzigte muss Mittelpunkt bleiben, denn dadurch wirken nicht Menschen, sondern der Heilige Geist selbst. Daran erkennen wir christliche Kirche – nicht an Zungenrede und ekstatischen Gaben und Gefühlen, sondern am Wort vom Kreuz. Dieses Wort baut Gemeinden und Christen. Durch dieses Wort und nicht durch unser Empfinden und Sensibilitäten werden wir unserer eigenen Seligkeit gewiss. Denn da ist Gott am Werk, und was er tut, das gerät wohl. Daran messen wir unsere Pastoren – nicht an klugen Witzeleien und entspanntem Stil, an Wortgewandheit und Überzeugungskraft, sondern am Inhalt, an Ehrfurcht vor und Nachdruck auf dem Mittelpunkt, Jesus, dem Gekreuzigten. Gott sei Dank kann das Wort vom Kreuz auch durch menschlich schwache Pastoren und Predigten wirken! Nach dem Kreuz wollen wir messen und urteilen, was wir in der Predigt hören, was unsere Pastoren sagen und was unsere Synode macht. Und nicht zuletzt daran, dass die Kirche sich Mühe gibt, das Wort vom Kreuz zu fördern indem sie die Mission unterstützt, treue Pastoren und Missionare aussendet, damit durch treue Arbeit und gottgefällige Gemeindegründung das Wort vom Kreuz sein Werk ausrichtet unter denen, die Gott noch in sein Reich holen will. Amen.
Wochenspruch
Das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. Johannes 1, 17
Epistel
Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor. Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft. Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht. Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug. [Vergeltet niemand Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.” Vielmehr, „wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.” Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.]
Römer 12, 9 – 16 [17 – 21]
Hauptlied
Gottes Sohn ist kommen 73 In dir ist Freude 334 Evangelium Am dritten Tage war eine Hochzeit in Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen. Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus spricht zu ihr: Was geht’s dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut. Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße. Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt’s dem Speisemeister! Und sie brachten’s ihm. Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten’s, die das Wasser geschöpft hatten,- ruft der Speisemeister den Bräutigam und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie betrunken werden, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückbehalten. Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.
Johannes 2, 1 – 11