Es gibt Probleme in einer Gemeinde. Es ist Streit aufgekommen. Der Pastor hat sich aufgeregt. Gemeindeglieder auch. Nun ist der Pastor mit seinen Mitarbeitern weg, neue sind gekommen, und die Neuen kommen gut an und predigen gut und überzeugend, sie können so richtig die Herzen ansprechen. Und nun sucht man die Schuld für die Probleme, die es in der Gemeinde gab. Ha, heißt es. Wo Rauch ist, da ist auch Feuer. Ganz bestimmt muss es der alte Pastor gewesen sein. Denn seit der Neue da ist, geht alles so viel besser. Dabei war der alte Pastor doch Gründer der Gemeinde! Aber inzwischen vertraut man ihm nicht mehr. Vielleicht muss er sich zuerst ganz von neuem ausweisen, seine Vertrauenswürdigkeit beweisen, bevor man wieder auf ihn hört.
Ihr Lieben, der Fall, um den es hier geht, die Gemeinde, um die es hier geht, ist die Gemeinde in Korinth. Und der alte Pastor, das ist der Paulus selbst, der inzwischen weiterziehen musste. Paulus beschreibt im ersten Korintherbrief seine Gemeinde dort, und in seinem Zeugnis erscheint eine Gemeinde mit zwei Seiten. Einerseits war die Gemeinde in Korinth in jeder Hinsicht reich an Glauben und in der Treue, und es fehlte ihr an keiner geistlichen Gabe. Es waren in der Gemeinde Lehrer und Evangelisten und Vorsteher, freiwillige Helfer, Männer und Frauen, die sich für die Gemeinde einsetzten, eine Vorzeigegemeinde. Andererseits aber schien sie genau das Gegenteil zu sein. Die Gemeindeglieder waren unreif, weltlich und streitsüchtig. In der Gemeinde gab es Spaltungen und Sittenlosigkeit. Mitglieder warfen einander die Schuld zu und waren vors Gericht gezogen und hatten sich gegenseitig angeklagt. In der Gemeinde vertraten einige falsche Lehren über die Auferstehung. Außerdem gab es Probleme im Gottesdienst selbst. Die Gottesdienste liefen manchmal ungeordnet, es ging respektlos zu, einige Frauen wollten predigen, es gab Missbrauch beim Abendmahl, manchmal redeten alle im Gottesdienst durcheinander, ein Chaos. Und jeder wollte den Gottesdienst so gestalten, dass er ihm passt. So. Das war alles viel schlimmer geworden nachdem der Apostel Paulus mit seinen Mitarbeitern weiterziehen musste, anderen Städten das Evangelium zu bringen, weitere Gemeinden zu gründen. Und dann schließen sich der Gemeinde in Korinth neue Glieder an, die die Führung übernehmen, anders predigen, Paulus widersprechen, Irrlehre verkündigen. Es scheint, viele Korinther haben ihren Katechismus nicht gut gelernt. Denn die Irrlehrer werden aufgenommen, leugnen nicht nur die Botschaft des Evangeliums, verkündigen nicht nur das Gesetz als seligmachenden Weg zu Gott, reden nicht nur, was die Leute hören wollen, sondern sie werden persönlich, sie beschuldigen Paulus für die Probleme, greifen seine ethische Integrität und seine göttliche Berufung und seine apostolische Autorität an.
Im zweiten Brief an die Korinther muss Paulus sich verteidigen, und nicht nur sich, sondern insbesondere seine Predigt des Evangeliums. Paulus verteidigt ausführlich seine persönliche Integrität und seine Autorität als echter, berufener und ordinierter Apostel Jesu Christi. Aber Paulus tut das nicht, indem er erstmal zurückpfeffert und zurückfeuert und den Gegenangriff als beste Verteidigung wählt, sondern – gegen alle Erwartung – beginnt Paulus, indem er seine innige und herzliche Liebe zu diesem – diesem unruhigen, streitsüchtigen Haufen erklärt. Er erinnert sie daran, dass dies der zweite Brief ist, den er schreibt. Und über den ersten Brief sagt er: „Ich habe euch aus großer Not und Herzensangst und unter vielen Tränen geschrieben. Nicht um euch Schmerzen zu bereiten, sondern um euch die große Liebe zu zeigen, die ich für euch empfinde.“
Und diese Liebe kommt auch wunderbar in der Art und Weise zum Ausdruck, wie er seine apostolische Autorität in Korinth verteidigt. Paulus fragt sie: Brauchen wir – d.h. Paulus und Timotheus – brauchen wir, so wie andere Leute, Empfehlungsschreiben an euch oder von euch? Empfehlungsschreiben, die nennen wir heute „Character References“ oder „Testimonials“ – Briefe von angesehenen und anerkannten Leuten, die jemanden empfehlen, für ihn sprechen. Nun, Empfehlungsschreiben spielten damals in der alten Kirche eine wichtige und wesentliche Rolle. Paulus weiß genau, wieviel authentische Empfehlungsschreiben bedeuten. Schließlich schrieb Paulus oft selbst solche Briefe, und seine Briefe dienten gerade diesem Zweck, dass er Leute empfahl, die er an seiner Stelle schickte. Die Kirchengeschichte bezeugt ausführlich, welch wichtige Rolle Empfehlungsschreiben damit spielten, denn sie authentifizierten sowohl Pastoren als auch Laien. Das war damals, wie heute: Wer nicht regelmäßig die Posaunenfeste und Sängerfeste unserer Kirche besucht und selten reist, der kennt kaum die Pastoren oder Glieder anderer Gemeinden wie Wittenberg oder Newcastle. So war das damals auch. Das muss man sich vorstellen, da gab es über das ganze römische Reich verstreut immer mehr neue Gemeinden, und wer z.B. in Korinth lebte, kannte die Epheser nicht und auch nicht die Pastoren, die umherzogen und behaupteten, sie seien rechtmäßige Prediger. Und außerdem gab es regelmäßig das Problem, dass Ketzer mit gefälschten Dokumenten von Ort zu Ort zogen. Deshalb war es unabdingbar, dass wenn ein Laie oder ein Pastor in eine andere Stadt oder ein anderes Land reisen wollte, er ein echtes Empfehlungsschreiben oder einen Überweisungsschein von einem Apostel oder später von seinem Bischof mit sich brachte, wenn er in einer anderen Gemeinde anerkannt werden und am Abendmahl teilnehmen wollte. Nun mit einer echten Empfehlung durfte man anderswo am Abendmahl teilnehmen. Und es konnte nicht einfach irgendwer, der ankam und sich als Pastor vorstellte, predigen.
Gut und schön! Genau dafür gab Empfehlungsschreiben. Aber der Gedanke, dass der Apostel Paulus in der Gemeinde Korinth solch ein Schreiben braucht, der ist doch lächerlich. Paulus hat die Gemeinde gegründet, ihn kannten sie alle. Er hatte seine Apostolizität vielfach durch Wunder und Predigten bezeugt.
Der erste bekannte Katechismus der Kirche stammt aus dem 1. Jahrhundert. Er legt fest, nach welchen Kriterien man Apostel oder Prediger beurteilen sollte, die neu in die Gemeinde kamen und behaupteten, Apostel zu sein. Darin heißt es unter anderem, dass, wenn ein Möchtegernprediger ankommt und sagt: „Gebt mir Geld“, soll man ihm nichts geben. Und das hat Paulus vorgelebt, er hat nie Geld für seine persönlichen Bedürfnisse von der Gemeinde Korinth genommen. Er hat vollzeitig als Zeltmacher gearbeitet und dabei die Gemeinde betreut. So. Und dieser Paulus spricht nun die Frage des Empfehlungsschreibens an, aber mit einer überraschenden Wendung. „Brauchen wir, wie manche es tun, Empfehlungsschreiben von euch oder an euch? Ihr selbst seid unser Empfehlungsschreiben! Auf unser Herz geschrieben, damit es alle sehen und lesen können. Und ihr zeigt, dass ihr ein Brief von Christus an uns seid. Geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf Papier oder steinerne Tafeln, sondern auf Tafeln des menschlichen Herzens.
Moment mal! Jetzt lobt der Paulus diese Gemeinde? Redet Paulus denn noch von derselben Gemeinde, die er im ersten Brief beschrieben hat? Diese unordentliche, stolze, streitsüchtige Gemeinde? Ja. Und nun sagt er ihnen, dass, wenn jemand in Korinth seine Glaubwürdigkeit als wahrer Apostel Christi in Frage stellt, er sich ansehen soll, was Paulus‘ Predigt und seine Schriften bei ihnen bewirkt haben. Das Evangelium, der Geist des lebendigen Herrn, hat ihnen das Leben geschenkt. Hat ihnen in Jesus Christus die Seligkeit geschenkt, Freiheit vom Gesetz gegeben, im gekreuzigten Heiland Gerechtigkeit geschenkt. Ihre lebendige Antwort und ihr Bekenntnis in Wort und Tat kann von allen gesehen und gehört werden. Deshalb sagt Paulus: Ihr wollte einen Empfehlungsbrief? Hier ist mein Brief. Ihr seid mein Brief.
Ihr Lieben, ist das nicht gefährlich? Dass ein Pastor solch einer Gemeinde, wie die Korinther es waren, sagt: Ihr seid mein Empfehlungsbrief an andere? Ja, mehr noch, dass Christus das selbst sagt? Klingt es nicht unfassbar, wenn ich euch sage: Ihr als Gemeinde Kirchdorf, ihr seid mein Empfehlungsbrief an die Gemeinschaft; ja, mehr noch, ihr seid ein Brief von Jesus Christus selbst, geschrieben nicht mit Tinte auf Papier, sondern mit dem Geist Gottes auf fleischerne Herzen, nämlich eure Herzen! Aber so ist es. Denn auch beim rechtschaffensten Pastor und bei den rechtschaffensten Gemeindegliedern geschieht das nicht durch unsere eigene Tüchtigkeit, sondern durch das herrliche Evangelium von Jesus Christus und durch seinen lebendig machenden Geist.
Deshalb ist das Evangelium so wichtig. Denn das Evangelium von Jesus Christus legitimiert sich selbst. Es kann eine Gemeinde von Sündern ansprechen und zu Gottes Kindern machen. Und das Werk des Heiligen Geistes unter ihnen loben. Und so darf ich als euer Pastor das auch tun; darf ich euch sagen, dass ich unter euch oft und viel Werke der Liebe sehe und Herzen, die ihren Heiland liebhaben. Dass hier in Glaubensdingen eine Einheit herrscht, dass es eine Bereitwilligkeit zum klaren Bekenntnis gibt, dass Männer und Frauen gerne einander und der Gemeinde und auch Fremden dienen und sich hier freiwillig einsetzen, dass wir uns in Versammlungen aussprechen und dennoch einmütig handeln können. Wo ihr das tut, da seid ihr das Empfehlungsschreiben von Jesus Christus selbst. Sein herrliches Evangelium mache uns immer wieder recht frei, damit unser Leben ihn unserer Gemeinschaft empfehle. Amen.
20. Sonntag nach Trinitatis (Unter Gottes guter Ordnung)
Wochenspruch
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. Micha 6, 8
Introitus – Nr. 61 (Psalm 119, 89 – 90a; Psalm 148, 12 – 13)
Hauptlied
Wohl denen, die da wandeln 42
Epistel
Wir bitten und ermahnen euch in dem Herrn Jesus, da ihr von uns empfangen habt, wie ihr leben sollt, um Gott zu gefallen, was ihr ja auch tut, – dass ihr darin immer vollkommener werdet. Denn ihr wisst, welche Gebote wir euch gegeben haben durch den Herrn Jesus. Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, dass ihr meidet die Unzucht und ein jeder von euch seine eigene Frau zu gewinnen suche in Heiligkeit und Ehrerbietung, nicht in gieriger Lust wie die Heiden, die von Gott nichts wissen. Niemand gehe zu weit und übervorteile seinen Bruder im Handel; denn der Herr ist ein Richter über das alles, wie wir euch schon früher gesagt und bezeugt haben. Denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit, sondern zur Heiligung. Wer das nun verachtet, der verachtet nicht Menschen, sondern Gott, der seinen Heiligen Geist in euch gibt.
1. Thessalonicher 4, 1 – 8
Evangelium
Pharisäer traten zu Jesus und fragten ihn, ob ein Mann sich scheiden dürfe von seiner Frau; und sie versuchten ihn damit. Er antwortete aber und sprach zu ihnen: Was hat euch Mose geboten? Sie sprachen: Mose hat zugelassen, einen Scheidebrief zu schreiben und sich zu scheiden. Jesus aber sprach zu ihnen: Um eures Herzens Härte willen hat er euch dieses Gebot geschrieben; aber von Beginn der Schöpfung an hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein. So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden. [Und daheim fragten ihn abermals seine Jünger danach. Und er sprach zu ihnen: Wer sich scheidet von seiner Frau und heiratet eine andere, der bricht ihr gegenüber die Ehe; und wenn sich eine Frau scheidet von ihrem Mann und heiratet einen andern, bricht sie ihre Ehe. Und sie brachten Kinder zu ihm, damit er sie anrühre. Die Jünger aber fuhren sie an. Als es aber Jesus sah, wurde er unwillig und sprach zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. Und er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie.]
Markus 10, 2 – 9 [10 – 16]
liturgische Farbe: grün
Festzeit: Trinitatiszeit
Wochenspruch: Mi 6,8
Wochenpsalm: Ps 119b
Eingangspsalm: Ps 19, Ps 36, Ps 67, Ps 84, Ps 113
Epistel: 1. Thess 4,1-8
Evangelium: Mk 10,2-9 (10-16)
Predigttext: 1. Mose 8,18-22
Wochenlied: 295
Erklärung zu den Perikopen:
Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).
I(Evangelium): Mk 10,2-9 (10-16)
II: 1. Thess 4,1-8
III: 1. Mose 8,18-22
IV: 1. Kor 7,29-31
V: Mk 2,23-28
VI: 2. Kor 3,3-9