22. Sonntag nach Trinitatis (Gedenktag der Heiligen)

Wenn wir klein sind, stellen wir die Frage auf eine bestimmte Weise. Wenn wir größer werden, ändert sich zwar die Art und Weise, wie wir die Frage stellen, aber die Frage bleibt die gleiche. Wenn man klein ist, lautet sie: „Was willst du werden, wenn du groß bist?“ Später lautet sie: „Was willst du denn studieren?“ Und dann irgendwann: „Wo willst du denn deinen Beruf ausüben?“ Oder: „Hast Du denn schon eine Arbeitsstelle gefunden?“ Und später vielleicht: „Meinst du, dass du lieber da arbeiten solltest oder hier?“ Und schließlich irgendwann: „Wie lange willst du dies noch machen?“ Dann: „Was sind denn deine Pläne für den Ruhestand?“ Aber die Frage ist immer da, denn wir sind immer irgendwo und wir sind immer jemand – auch jetzt schon – und wir sind immer im Werden, sind immer dabei, jemand zu werden und auf der Reise irgendwo hin zu sein, immer.

 

Die Jacarandas beginnen zu blühen, und die Examenszeit nähert sich, und und einige gewöhnen sich noch an Tests und andere schreiben zum ersten Mal Examen und wieder andere zum letzten Mal und andere stehen vor dem Studienabschluss und wieder andere machen das Praktikum oder einen ganz neuen Schritt in eine andere Berufsrichtung, und es steht eine neue, vielleicht unsichere Welt bevor. Und manche haben diese Dinge bereits hinter sich, und andere stehen kurz vor der Pension, aber wir sind alle gleich. Die Frage bleibt.

 

Unsere heutige Lesung gibt tatsächlich eine Antwort darauf. Und nicht nur eine Antwort, sondern Gottes Antwort. 1 Johannes 3 Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen. Hinter dieser Aussage steht ein großes Staunen, eine kräftige Verwunderung. Aber auch viel mehr als das. Ihr Lieben, in den drei Briefen des Johannes wird nur eine Person direkt „Gottes Sohn“ genannt. Nur eine, aber Christen werden dort immer und überall „Gottes Kinder“ genannt, oder manchmal auch seine „Kindlein“, seine kleinen Kinder. Mit diesen Worten drückt der Apostel Johannes hier im ersten Vers sein Staunen aus. Und dann sagt er nicht nur: „Seht, welch Liebe hat uns der Vater erwiesen“, sondern er sagt: „Seht, welch eine Liebe – welche eine Art Liebe – hat uns der Vater erwiesen“. Und dann sagt er nicht nur, dass wir Kinder Gottes genannt werden, d.h. „seht, welche lieben Dinge Gott über uns sagt“, sondern er breitet das aus, bestätigt es ausdrücklich und sagt: „Und wir sind es auch!

 

Warum diese Betonung, warum dieses Staunen? Weil es hier darum geht, dass Johannes tatsächlich an die Familienähnlichkeit glaubt. Wir reden ja auch manchmal so, wir schauen Kinder an und sagen „ach, der ist doch ganz der Vater“ oder „man sieht sofort, wessen Tochter sie ist“, oder „ach, guck doch mal, die Oma, als sie jung war“. Wir sagen diese Dinge, aber Johannes glaubt sie tatsächlich. Der Sohn des Vaters zu sein bedeutet also, dass er das Ebenbild des Vaters ist, das Ebenbild, die lebende und leibhafte Repräsentation, das lebende und sterbende und auferstandene Ebenbild seines Vaters, in dem überhaupt keine Finsternis ist, nur Licht, bei dem es nichts als eine reine und mächtige und sterbende und auferstehende und lebendige Liebe gibt. Nur einer, nur einer ist mit Fug und Recht und von Anfang bis Ende Sohn des Vaters – nur Jesus, der sich für alle dahingegeben hat und der lebt, um sich für alle einzusetzen. Nur Jesus ist ein Sohn des Vaters. Aber seht, seht, welch eine Liebe der Vater uns erwiesen hat, dass wir Gottes Kinder heißen sollen. Das sollte eigentlich nicht möglich sein, und es fiel ihm auch nicht leicht, es uns möglich zu machen. Johannes redet hier Worte, die wir alle kennen, die aber vielleicht keiner von uns so ganz versteht. Er sagt uns sowohl im Evangelium als auch in seinen Briefen, dass wir tatsächlich „wiedergeboren“, von neuem geboren, von oben geboren werden mussten. Er sagt uns, dass wir in der Finsternis lebten und in sein wunderbares Licht gebracht werden mussten. Er sagt uns, dass wir in der Lüge lebten und in die Wahrheit gebracht werden mussten. Denn wenn wir so leichtsinnig wären zu meinen, dass wir keine Sünde haben, würden wir uns selbst betrügen, und die Wahrheit wäre nicht in uns. Aber seht, welch eine Liebe der Vater uns wegen der Verheißung erwiesen hat; weil das Wasser über euch kam wegen der Verheißungen, die ihr seht und hört und glaubt, dürft ihr Gottes Kinder sein wegen des Sohnes Gottes. Und überraschenderweise, erstaunlicherweise, sind wir genau das.

 

Und so sagt Johannes es noch einmal, damit wir es auch ganz bestimmt sollen: Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder. Was willst du denn werden, wenn du groß bist? Was willst du nächstes Jahr machen? Was sind Gottes Ziele für dein Leben? Vieles wissen wir noch nicht. Aber Gott weiß es, und er sagt es uns: Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein, denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Das ist die Antwort Gottes auf die Frage, und so soll es auch sein. Heute darfst du es wissen: Du wirst sein wie – Jesus. Wie er Liebe ist, so wirst du Liebe sein. Wie er rein ist, so wirst du rein sein. Wie er liebt und Gerechtigkeit übt, so wirst du lieben und Gerechtigkeit üben. Wie er euch geliebt hat, so werdet auch ihr einander lieben, wenn er erscheint. Ihr werdet sein wie er. Es wird an jenem Tag reichen, Jesus so zu sehen, wie er ist. Das wird mich verändern und dich, und wir werden das sein, was Gott von uns will: Gottes Kinder, die wie der Sohn Gottes sein werden.

 

Was willst du werden, wenn du erwachsen bist? Die Antwort lautet: Ich will wie Jesus sein. Jetzt seid ihr überraschenderweise Kinder Gottes, und dann werdet ihr überraschenderweise wie Jesus sein, und zwar so, dass es eine Freude und ein Vorrecht sein wird, für immer mit euch zu leben. Bis dahin, bis dahin, bis dahin reinigt euch. Wenn ihr Sünde in eurem Leben seht, wenn ihr Finsternis in eurem Leben seht, wenn es bei euch eher aussieht wie bei jemandem, der ein Kind des Teufels ist, dann reinigt euch. Wendet euch davon ab. Sei es Zorn, sei es Gleichgültigkeit, sei es Selbstsucht, sei es Verachtung eines Bruders oder einer Schwester, dann reinigt euch. Befiehlt das alles dem Blut des Herrn an, das uns reinwäscht von aller Ungerechtigkeit. Wendet euch von der Finsternis ab zu dem Licht. Macht euch die Sünde nicht zur Gewohnheit. Macht Schluss mit der Gewohnheit. Das nennt man Reue. Macht Schluss damit und lebt das neue Leben, das in euch ist, denn, liebe Kinder, ihr seid jetzt Kinder Gottes. Ehrt euch gegenseitig. Seid füreinander da, damit wir eine Gemeinschaft sind, die Licht ausstrahlt und andere Menschen zum Licht hinzieht. Tut das wegen dem, was ihr eines Tages sein werdet. Bleibt nicht in der Sünde, bleibt in Christus, denn jetzt sind wir Kinder Gottes, und wenn Christus erscheint, werden wir ihm gleich sein, denn wir werden ihn sehen, wie er ist.