In der italienischen Stadt Florenz steht die Galleria dell’ Accademia, wo Kunstwerke des Künstlers Michelangelo ausgestellt sind. In der Galleria dell’ Accademia gibt es einen Gang: gedämpfte Stimmen; Geräusche verstummen. In diesem Gang gibt es wenig zu hören, aber viel zu sehen. Vier unvollendete Kunstwerke aus solidem Marmor. Da hat der Künstler gearbeitet, aber plötzlich aufgehört und vier Marmorbrocken zurückgelassen. Die Kanten sind rau. Die Klötze sehen aus, als wären sie aus dem Steinbruch geschnitten und an diesen Ort geschleppt worden. Und doch brechen aus den Marmorklötzen die Anfänge von Figuren hervor. Einige haben keine Gesichter. Anderen fehlen Arme, Hände und Füße. Vier Figuren im Werden. Es sind Sklaven. Gefangene. Angefangen von Michelangelo, aber nie vollendet. Sein Werk ist in der Zeit eingefroren worden. Was sie einmal waren, grobe Marmorblöcke, ist verschwunden. Was sie sein werden, schöne Skulpturen, ist noch nicht da. Irgendwie ein ungemütlicher Übergang. Die Vergangenheit ist weg und doch nicht weg. Die Zukunft-da und doch nicht da. Figuren im Stein verschlossen.
Heute stellt Gottes Wort auch uns in solch einen Gang, zeigt uns, wie wir gefangen sind mitten im Werk Gottes und seiner Zukunftsvision. [18] Leiden und Herrlichkeit halten in diesem Augenblick zusammen. Wie grob behauener Stein ist unsere jetzige Welt voller Leiden. Gott hatte ursprünglich eine wunderschöne Schöpfung geschaffen. Wo immer man hinschaute, war es schön und gut. Doch Adam und Eva brachten Leid in Gottes Schöpfung. Sie waren Gott ungehorsam und brachten Gottes Fluch in die Welt, und damit den Tod, und deswegen unterwarf Gott die Schönheit der Schöpfung der Knechtschaft der Vergänglichkeit. Aus dieser Strafe konnte nur Gott seine Geschöpfe befreien und eine neue Schöpfung hervorbringen. Das ist die Herrlichkeit, die Paulus in Jesus gesehen hat: Der Beginn einer neuen Schöpfung. Der Anfang des ewigen Lebens. Gott hat sein Werk begonnen, und wie bei den Figuren aus Stein ist es eine Frage der Zeit, bis die volle Herrlichkeit Gottes offenbart wird.
Gottes Wort will uns helfen, in diesem schmerzlichen Moment durchzuhalten. In Christus sind wir Kinder Gottes geworden. Ganz sicher, ganz gewiss. Sein Tod hat die Macht der Sünde für euch zerstört und seine Auferstehung hat euch die Verheißung einer neuen Schöpfung gebracht. Doch was wir sind, können wir hier und jetzt nicht vollständig sehen und erfahren. Schaut euch das Volk Gottes genau an, sagt die Schrift, und ihr werdet ein Volk sehen, das gefangen ist und leidet, das stöhnt und seufzt, weil es frei sein will. Wir stehen in einer ungemütlichen Position zwischen den Leiden dieser Welt und der Herrlichkeit, die noch offenbart werden soll.
Schauen wir genau hin auf diese Figuren in Stein, so erkennen wir Parallelen zu uns selbst. Auf den zweiten Blick wird klar, dass jede der Figuren, die Michelangelo gemeißelt hat, anders ist. Die eine ist jung. Eine andere ist älter und bärtig. Eine ist dabei, langsam aufzuwachen, eine andere ist mit der Arbeit beschäftigt und trägt ihre Last in der Hitze des Tages. Aber auch wenn jede anders ist, bleibt eines gleich. Sie alle sind Sklaven. Ob jung oder alt, arbeitend oder schlafend, in den Augen dieser Welt sind sie alle Sklaven.
Das gilt auch für das Volk Gottes. Wenn wir über unsere Lage nachdenken, können wir schweres Leid an Gottes Volk erkennen. In Südafrika war das Christentum früher eine starke Kraft. Aber obwohl viele sich noch als christlich verstehen, verschiebt sich der Schwerpunkt immer weiter. Kirche und Gottesdienst werden zu bloß einer Option unter vielen anderen. Die Kirche wird immer weiter aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt und steht am Rand und bald schon mit dem Rücken zur Wand. Solche Erfahrungen sind beängstigend. Es sieht so aus, als würden wir an Kraft verlieren, als würden wir nicht überleben. Umso schlimmer ist es, wenn wir die schwindende Kraft des Evangeliums im Westen sehen. Hat Gott sein Volk im Stich gelassen? Wie lebt die Kirche in nicht-christlichen Nationen?
Hier bietet Gottes Wort Hoffnung. Heute bietet Gott uns im Römerbrief ganz neu seine Liebe und seinen Segen an. Die Gemeinde in Rom wusste über das Leiden von Christen in dieser Welt Bescheid. In Rom war das Christentum nicht erlaubt. Überall gab es Hindernisse für die Ausübung des Glaubens. Die Christen beteten einen Gott an in einer Stadt, die viele Götter hatte. Sie wollten Jesus als Herrn bekennen in einer Stadt, die Cäsar als Herrn anerkannte. Die Christen verehrten in Christus einen Mann, der mit Rebellion gegen Rom in Verbindung gebracht wurde, öffentlich von römischen Beamten verurteilt und römischen Soldaten gekreuzigt worden war. Dieser leidende Jesus herrschte über ein leidendes Volk. Die Christen wurden ausgegrenzt, an den Rand gedrängt, trafen sich in kleinen Häusern und nicht in großen und schönen Kirchen. Es gab viel mehr Sklaven als Mächtige unter ihnen. Bald würden sie Verfolgung erleben. Sie trugen ihre Toten in Höhlen und Tunnel unter der Erde und hielten dort in der Dunkelheit bei flackerndem Lampenschein Gottesdienste ab in unterirdischen Friedhöfen.
„Bettete ich mich bei den Toten,“ betet der Psalmist, „so bist du auch da“. Wenn Druck oder Verfolgung dich in den Dunkel des Todes stößt, dahin, wo du deine Augen öffnest, aber Gott nicht sehen kannst, dann ist Gott da. Hier gilt nicht sehen, sondern hören. Gottes Geist ist da, selbst an den dunkelsten Orten des Todes. Er seufzt und sehnt sich mit dir. Er schreit dein Gebet mit dir. Und er schreit auch nach dir. Die Natur, das Pangolin, der wilde Hund, das Nashorn, die ganze Schöpfung seufzt, weil sie auf die Offenbarung der Kinder Gottes und die neue Schöpfung wartet. Das Volk Gottes seufzt, weil es in der Sklaverei und Ablehnung dieser Welt gefangen ist. Aber die Schrift offenbart noch etwas anderes. Wir stehen im Gang, um zu hören. Sie öffnet unsere Ohren, damit wir ein weiteres Seufzen hören. Das Seufzen des Heiligen Geistes, der für euch eintritt.
[26-27] Hier verbindet der Apostel das Seufzen mit einem herrlichen Bild. Einerseits betet der Geist für uns mit einem Seufzen, das man nicht in Worte fassen kann. Es gibt Zeiten, in denen uns die Worte fehlen. Das Leid, das wir in dieser Welt gesehen haben, die Sehnsucht nach der neuen Schöpfung ist so stark und so tief, dass wir keine Worte finden, um es auszudrücken. Was sagt man, wenn der Ehepartner schwer krank wird, wenn Menschen entführt oder überfallen werden, wenn ein junger Mann bei einem Überfall zwei Einbrecher töten muss, um seine Familie zu schützen? Das Herz ist erfüllt von einem Seufzen, das sich nicht in Worte fassen lässt. Die Sprache selbst kommt an ihre Grenzen, kann das Leid nicht in Worte fassen. Es fällt uns schwer, miteinander zu sprechen, und noch schwerer, zu Gott zu sprechen. In solchen Momenten fordert Gott uns auf, zuzuhören. Das Seufzen zu hören. Der Geist nimmt unser Leiden auf und verwandelt es in Gebet.
Andererseits aber ist das Seufzen des Geistes mit Herrlichkeit verbunden, mit Gottes herrlichen Pläne für sein Volk. Für die ganze Schöpfung. Faszinierend an den unvollendeten Skulpturen ist die Art und Weise, wie Michelangelo als Bildhauer arbeitete. Michelangelo glaubte, dass seine Arbeit als Künstler darin bestand, Figuren aus dem Stein zu befreien. Anstatt Figuren in den Stein zu hauen, sah er sich als Befreier dieser Figuren aus dem Marmor. Obwohl sein Werk unvollendet ist, können wir einen Blick auf seinen großen Plan werfen. In seinen Gedanken trug er einen herrlichen Plan für diese Figuren, aber nur durch Zeit und Mühe und das Abtragen von Stein, Stück für Stück, wurde diese Hoffnung langsam Wirklichkeit.
Ähnlich spricht Paulus über die herrliche Hoffnung Gottes, die der Heilige Geist jetzt schon sieht. Paulus sagt, [27b]. Der Geist kennt nicht nur die tiefen Geheimnisse unseres Leidens. Der Geist kennt auch die tiefen Geheimnisse Gottes. Gottes Plan einer grandiosen neuen Natur. Ihr seid durch die Taufe mit Gottes neuer Schöpfung in Christus verbunden. Gott ist in ihr am Werk. Er gestaltet unser Leben, unseren Glauben, wirkt auf kleine und manchmal schmerzhafte Weise und setzt seine Verheißung in die Tat um. Wir können diesen Plan Gottes nicht sehen. Wir können seinen Gesamtplan nicht sehen. Manchmal können wir nicht einmal die kleinsten Schnitzereien sehen, die er vornimmt, während er diese Welt dem Tag der neuen Schöpfung entgegenführt. Aber der Heilige Geist ist unser Tröster und Beistand. Der Geist kennt die Gedanken Gottes, und der Geist kennt die Leiden des Volkes Gottes. Und er verbindet diese beiden im Gebet. Seufzen und Herrlichkeit hält der Geist für uns im Gebet zusammen: wenn wir vor Gott stehen, eingefroren in der Zeit, wenn wir leben in dieser Welt und doch schon zu einer anderen gehören, wenn wir Leid erfahren und nicht wissen, wie es in Worte zu fassen, dann spricht der Geist selbst für uns. Er bringt unsere Bitten vor den Thron des Vaters. Unser Leiden berührt Gottes Herrlichkeit in den Worten des Geistes, und wir vertrauen auf sein Wirken aufgrund der Liebe Gottes, die uns im Tod und in der Auferstehung seines Sohnes gewiss geworden ist.
Es kommt die Freiheit. Es kommt der Tag, an dem die gefangenen Figuren an Form gewinnen und frei werden und hinaustreten aus dem Gang und endlich sehen. An dem es kein Leid und kein Sterben und kein Aussterben mehr gibt. An dem die neue Schöpfung kommt, und alles in der Natur wimmelt und lebt. An dem dein Seufzen aufhört. Der Tag, an dem der König in Erscheinung tritt und sich auf den Thron setzt und alles neu macht und für immer regiert, der König aller Könige und Herr aller Herren. Es kommt die Freiheit in Christus. Bis dahin verbindet der Geist euer Seufzen mit der Herrlichkeit durch sein Gebet und vertritt euch, wie es Gott gefällt. I.N.I. Amen.