Predigt zum Sonntag Estomihi, Christusgemeinde Kirchdorf
- Februar 2020
Lk 18,31-43 I.i.
31Er nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. 32Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, 33und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen. 34Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war.
35Es begab sich aber, als er in die Nähe von Jericho kam, dass ein Blinder am Wege saß und bettelte. 36Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. 37Da berichteten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorbei.
38Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! 39Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er solle schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! 40Jesus aber blieb stehen und ließ ihn zu sich führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: 41Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. 42Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. 43Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.
Gutzon Borglum hieß der Bildhauer, der Mount Rushmore in Amerika schuf – die übergroßen Gesichter vier verstorbener US-Präsidenten, die aus massivem Fels an einem Berghang gehauen sind. Borglum erzählt, wie er mal in seinem Studio an einem anderen Projekt arbeitete und einen 6 Tonnen schweren Marmorblock vor sich hatte. Eine Putzfrau, die sein Studio ausfegte, schaute ihm beim Arbeiten verwundert zu, sagte aber nichts. Eines Tages erkannte sie schließlich das Gesicht von Abraham Lincoln, das aus dem Stein heraustrat. Völlig überrascht fragte sie: „Aber Herr Borglum, woher wussten Sie denn, dass Mr. Lincoln in diesem Stein war?“ Eine naive Frage – oder ist sie das? Die Augen der Putzfrau sahen im Vorfeld nur den massiven Marmorblock. Sie sahen einen Stein, einen Klotz, ein massives Ding. Borglums Augen aber sahen von Anfang an das fertige Bild innerhalb des Blocks, und er erkannte, dass er nach und nach entfernen musste, was nicht Teil von Lincolns Gesicht war. Beide sahen das gleiche Objekt. Und doch sahen sie es ganz anders. Es kam auf ihre Augen an. In unserer Lesung sehen wir zwei anscheinend unzusammenhängende Ereignisse aus dem Leben Jesu. Aber wie so oft in der Bibel stehen diese Geschichten nicht einfach zufällig nebeneinander. Wie ein Augenarzt will der Heilige Geist uns heute lehren, mit Augen des Glaubens zu sehen. Dabei vergleicht er 3 verschiedene Sichtweisen: Die Sichtweise von Jesus, von den Jüngern und dem Blinden.
Jesus hat seinen Blick fest auf sein Ziel gerichtet. Er sieht im Geiste sein Ziel vor sich liegen, die Stadt Jerusalem. Er sieht aber auch genau, was ihn dort erwartet. Er sieht uralte Texte vor sich, uralte Schriftrollen, steinalte Worte längst verstorbener Propheten, die voraussagen das Furchtbare, was ihn erwartet. Er sieht verzerrte Gesichter zorniger Menschen, er sieht Verwerfung, er sieht Verachtung, er sieht Verspottung, er sieht die Hand, die ihm die Ohrfeige verpasst, er sieht die Schande in den Gesichtern der Zuschauer geschrieben, er sieht die furchtbaren Peitschen der römischen Soldaten mit den Stahlspitzen, er sieht seine zerfledderte Haut daran hängen und sein Blut auf die Steine spritzen, er sieht sein Kreuz und seine weinende Mutter, er sieht, wie er selbst seinen letzten schaudernden Atemzug tut, er sieht sich selbst sterben… und dann sieht er hinter all diesen Szenen und durch all diesem Leid hindurch, wie er am dritten Tag mit neuem Körper den Tod besiegt und aus seinem eigenen Grab herauskommt in der Auferstehung. Jesus sieht das.
Und er sagt es seinen Jüngern. Erzählt ihnen seine Sichtweise, beschreibt, was er sieht. Sie sollen informiert sein, wissen, worauf sie sich einlassen, sehen, was auf sie zukommt. Aber die Jünger – sie sehen und verstehen gar nichts. Sie sehen nur, was vor Augen ist. Sie sehen Jesus sterbenskranke Menschen heilen, Tausenden Hungrigen zu essen geben, mit Vollmacht über Wind und Wetter zu bestimmen. Sie sehen Jesus jeden Gegner das Maul stopfen, immer behält er die Oberhand, sie sehen Jesus tote Leichname zu lebendigen Menschen machen! Und was schließen sie aus all dem? Wie sehen sie Jesus? Sie sehen, dass niemand diesem Mann etwas tun kann. Sie sehen, dass er von Gott begnadet ist, dass er offensichtlich der verheißene Messias ist, dass er nicht aufzuhalten ist, dass ihm große Dinge bevorstehen. Und wenn Jesus ihnen dann seine Sichtweise sagt, sagt, was ihn in Jerusalem erwartet, Schmerz, Tod – und er sagt es ihnen nicht nur einmal, sondern mindestens sechsmal –, dann sagen sie: Nur keine falsche Bescheidenheit! Du schaffst das schon! Sie können sich aus seinen Wort kein Bild machen, dass Jesus sie auf Schweres vorbereiten will. Doch es ist der Wille des Herrn! Es kommt so oder so.
So ist es mit den Taten Gottes, so ist es mit den Plänen Gottes, so ist es mit dem Willen Gottes. Wenn er darüber spricht, können wir ihn nicht verstehen. Wir sehen mit den Augen der Jünger. Wenn der Herr dir heute sagen würde, was er im kommenden Jahr für dich bereithält, was dich in den nächsten 10 Jahren erwartet, was dir noch in deinem Leben widerfahren wird, dann hättest du Schwierigkeiten, es zu sehen und einzusehen. Wenn er den Marmorblock deiner Zukunft dir vorsetzen und dir sagen würde, was er daraus machen wird, hättest du große Schwierigkeiten, das einzusehen, dir das Bild vorzustellen. Er sieht mit der Sehkraft des Bildhauers, des Schöpfers, des Herrn; wir sehen mit der Augen der Putzfrau, die so gar nicht recht begreifen kann, was da passiert.
Unsere Sehkraft kann Gottes Wege nicht einsehen, verstehen, fassen. Ein paar Beispiele: Wenn Gott sagt, dass alle Toten aus diesem Friedhof eines Tages auferstehen werden, jeder einzige von ihnen, dann können wir es uns nicht vorstellen. Deshalb lachen so viele kluge und gebildete Menschen über unseren Glauben und halten uns für dumm, dass wir ernsthaft erwarten und glauben sollten, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Oder dass der große Gott durch die Gebärmutter einer Jungfrau in diese verdorbene Welt kommen und Mensch werden sollte; unser Verstand kann es weder einsehen noch begreifen. Man muss daran glauben, bis wir es einst sehen und sagen: Jetzt verstehe ich, jetzt ich sehe, dass es wahr ist, was ich früher geglaubt habe. Ich als euer Pastor bin berufen worden, euch in der Beichte eure Sünden zu vergeben. Ihr kommt in die Kirche mit einer Geschichte, mit diesem und jenem, das euch belastet und bewegt, ich spreche euch los und ledig mit dem Wort der Vergebung. Und ihr hört es, aber ihr seht nichts und fühlt nichts, ihr könnt nicht sehen, wie der allmächtige Gott im Himmel und alle seine Engel vor Freude lachen und feiern über uns Sünder, die Buße tun, über jeden verlorenen Sohn und jede verlorene Tochter, die der Vater in seine Arme nehmen darf, nach Hause bringen darf.
Nicht wahr? Und doch ist es so. Wir haben es aus sicherer Quelle, so ist es. Und das bedeutet, du und ich, die wir so natürlich nur mit den Augen der Putzfrau sehen, wir müssen zum Augenarzt. Wir brauchen Hilfe, Augensalbe, Augen des Glaubens. Das ist so ein bisschen wie die 3D Bilder, die es früher in den Zeitschriften gab, wo man stundenlang drauf stierte und starrte, bis endlich das Bild im Bild vor unseren Augen erschien. Das passiert, wenn wir mit den Ohren sehen. Wenn wir setzen auf das, was Gott sagt, nicht auf das, was wir sehen oder verstehen. Wenn wir sehen, wie der Herr unfehlbar all das bewirkt, was er verspricht, egal wie unmöglich es uns vorkommt. Wenn wir die Lektion der Jünger lernen. Und dazu führt der Herr uns drittens den sehenden Blinden vor Augen.
Die Augen dieses blinden Mannes können nicht sehen. Er hört den Tumult, die polternden Schritte, das Schreien, er hört die Aufregung in den Stimmen, aber er kann die Menge nicht sehen, er kann den Weg nicht sehen, er kann die schönen Bäume der Palmenstadt Jerichos nicht sehen. Er ist blind. Er kann auch den Herrn Jesus nicht sehen. Aber er hört, dass er kommt. Er hört, wie die Menge näherkommt. Aber es ist alles zu laut, er kann Jesus nicht einmal hören, wie sollte er seine Stimme überhaupt in dem Stimmengewirr identifizieren? Mir erscheint die Lage aussichtlos. Er fängt an zu schreien. Und dann machen die Menschen es ihm noch schwerer, sie stellen sich zwischen ihn und Jesus, sie wollen ihn nicht herankommen lassen. Sind sie neidisch? Wollen sie einfach keine Störung? Oder hoffen sie doch lieber für sich selbst auf ein Wunder? Der Blinde – seine Augen können nicht sehen, aber seine Stimme kann rufen. Also schreit er in die Finsternis hinein, schreit gegen das Dunkel. Durch Gottes Gnade sieht der Blinde, was die Jünger nicht sehen können. Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Der blinde Mann erkennt Jesus als den König des kommenden messianischen Königreichs. Er sieht mit den Ohren die alten Worte Jesajas: Die Augen der Blinden werden sehen, wenn der Messias kommt (Jes 29,18). Die Menschen versuchen, ihm den Weg zu versperren. Aber er hört nicht auf. Jesus hört. Jesus hält. Jesus wendet sich dem glaubenden Blinden zu. Was soll ich für dich tun? Moment mal, ist das nicht offensichtlich? Der Mann ist blind; was würde er schon wollen? Die Antwort lautet: Nein, es ist überhaupt nicht offensichtlich. Der blinde Mann hätte sich so leicht an Enttäuschungen und Entbehrungen gewöhnen können, an das Dunkel und die Finsternis vor seinen Augen, dass er sich vielleicht nicht einmal vorstellen konnte, dass die Dinge anders sein könnten. Das kann uns passieren. Dass unsere Enttäuschungen und Leiden uns so mürbe machen, dass wir resigniert sind, dass wir uns nicht einmal vorstellen können, wie anders der Herr unser Leben gestalten kann. Wenn der Herr JETZT zu dir käme und dich JETZT fragen würde: Was soll ich für dich tun? – was würdest du antworten? Der blinde Mann hat Augen des Glaubens. Er traut es Jesus zu, ihn sehend zu machen. Jesus will es. Er tut es. Dein Glaube hat dir geholfen.
Zuletzt lenkt Lukas unseren Blick auf die Menge. Sie versperren dem Blinden den Weg. Das Leiden ist ihnen fremd, sie wollen es aus ihrem Leben ausschließen, darum lassen sie den Blinden, der das Leiden, den Kreuzweg, symbolisiert, auch nicht an Jesus heran. Aber Gottes Liebe und Barmherzigkeit werden für dich erst dann sichtbar und spürbar, wenn du sie im Leid erfährst. Der Blinde wendet sich mit seinem Leiden Gott zu und wird geheilt. Dies ist nur möglich, weil er das Leid erfuhr, das ihn letztlich dazu führte, sich allein auf den Glauben einzulassen. So ist das Leid ein Mittel deines Augenarztes. Es hilft dir, mit neuer Sichtweise zu sehen. Du bist auf Gott angewiesen. Das letzte Wort hat ja doch nicht die Medizin (oder jede andere Institution, die versucht, unserem Leben das Leid, in welcher Form es auch immer über uns kommt, zu nehmen), sondern der Herr selbst. Und er? Ihm wird im Garten Gethsemane nicht geholfen. Er sieht schon jetzt, was kommt; aber er geht zuversichtlich auf das Leiden zu, denn er sieht den Herrn darin, und er kann am Leid vorbeisehen. Die Augen des Glaubens blicken auf den massiven 6-Tonnen-Block der ungewissen Zukunft – und sehen die Hände des Herrn am Werk. Sie vertrauen ihm. Sie schauen im Dunkel auf das Licht seines Wortes. Sie erkennen: Er macht etwas Schönes. Und er macht alles gut. Amen.
Soli Deo Gloria Pastor Dr. Karl Böhmer
ESTOMIHI (Mit sehenden Augen)
Wochenspruch
Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.
Lukas 18, 31
Introitus – Nr. 20 (Psalm 31, 3b. 4 u 2)
Epistel
Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen, und hätte die Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze. Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.
1. Korinther 13, 1 – 13
Hauptlied
Ein wahrer Glaube Gotts Zorn stillt 287
Lasset uns mit Jesus ziehen 304
Evangelium
Jesus fing an, seine Jünger zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen. Und er redete das Wort frei und offen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren. Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh weg von mir, Satan! denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist. Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten. Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden? Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse? Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem abtrünnigen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln.
Markus 8, 31 – 38
liturgische Farbe: grün
Festzeit: Vorfastenzeit
Wochenspruch: Lk 18,31
Wochenpsalm: Ps 31a
Eingangspsalm: Ps 31
Epistel: 1. Kor 13,1-13
Evangelium: Mk 8,31-38
Predigttext: Lk 10,38-42
Wochenlied: 413 und 384
Erklärung zu den Perikopen:
Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.)
I(Evangelium): Mk 8,31-38
II: 1. Kor 13,1-13
III: Lk 10,38-42
IV: Amos 5,21-24
V: Lk 18,31-43
VI: Jes 58,1-9a