Predigt | Exaudi 2025

„Vergiss, was du an der Schule gelernt hast.“ Oder: „Vergiss, was du an der Uni gelernt hast. Und hör mir zu. Willkommen in der harten Schule des Lebens.“ So mag ein erfahrener Meister zu dem jungen Mann sprechen, der die Theorie an der Schule oder Uni gelernt hat und nun seine erste Arbeitsstelle antritt. „Vergiss, was du gelernt hast. Jetzt geht es mit dem Lernen erst richtig los.“ So mag ein Professor im Medizinstudium mit seinen Studenten reden. „Früher habt ihr gelernt, dass jedes Teil des Gehirns für eine bestimmte Funktion zuständig ist. Nicht wahr. Schaut mal, was bei Gehirnschaden passiert!“ So mag der Küchenchef in der Kochschule seine Lehrlinge ansprechen. „Ihr habt gelernt: Viel Pasta, wenig Soße. Ich sag euch was: Macht es genau andersherum.“

Viele Beispiele könnten wir noch anführen. Das Grundprinzip dabei ist, dass unser Lernen im Leben mehr oder weniger linear verläuft. Man bewegt sich weiter auf einer geraden Skala: Man beginnt mit elementarem Wissen und arbeitet sich allmählich zu komplizierterem Wissen auf, irgendwann lässt man das Elementare hinter sich und steigt auf zu dem Fortgeschrittenen. Unser Lernen ist oft wie Fahrradfahren – man beginnt mit dem Dreirad, dann kommt das Kinderfahrrad mit Stützrädern und irgendwann das Mountainbike.

So ist es in vielen Lebensbereichen. Aber wie steht es um das Lernen und Wissen im Bereich des Glaubens, in der Beziehung zwischen Gott und uns? Genau darum geht es in diesen Versen aus der Heiligen Schrift, unserem Gotteswort zur Predigt. Paulus betet: „Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, dass…“ Dies ist ein Gebet – aber worum geht es im Gebet, worum wird gebetet? Paulus verfolgt eine bestimmte Absicht, er hat ein Ziel: Dass die Epheser und wir etwas lernen sollen, etwas erkennen, nämlich: Die Liebe Christi. Das ist das Anliegen, dass wir lernen und erkennen sollen: die Liebe Christi.

Da stellt sich die Frage: Wie geschieht dieses Lernen? Ist das christliche Lernen im Glauben auch linear? Sagt Paulus: Vergiss, was du früher gelernt hast! Hör mir zu, jetzt sind wir beim fortgeschrittenen Kurs angekommen? Nein, das sagt er nicht. Stattdessen erklärt Paulus, wie wir die Liebe Christi lernen können.

Erstens: Das Wissen, das Paulus vermitteln will, können wir uns nicht selbst erarbeiten. Es gelingt nicht mit Anstrengung und Studium bis spät in die Nacht. Wir sind aus eigener Kraft nicht einmal fähig, die Liebe Christi zu begreifen. Darum bittet Paulus darum, dass Gott Kraft gibt, damit wir stark werden durch seinen Geist an unserem inneren Menschen. Paulus würde das nicht beten, wenn unser innerer Mensch nicht stark genug wäre, zu erkennen, was Gott uns lehren will.

Das heißt nicht, dass wir uns nicht bemühen sollen, mehr über die Bibel, über Gott und sein Wort zu lernen. Natürlich ist es richtig, fleißig Bibel zu lesen, Bibelverse auswendig zu lernen und Gottes Wort zu studieren. Lest nicht nur im Andachtsbuch – lest die Bibel! Kauft euch eine gute Erklärungsbibel; wenn eure Kinder lernen, lernt mit! Aber es geht hier um mehr: Gott will uns etwas lehren, das wir aus uns heraus nicht begreifen können. Darum brauchen wir Demut, wenn wir an die Schrift gehen: „Lieber Gott, ich brauche deinen Geist, der mich stärker macht als ich bin.“

Nun die Überraschung: An wen schreibt Paulus? An Christen, die bereits gläubig sind! Er betet, dass unser inneres Wesen gestärkt wird, damit etwas geschehen kann. Sollte das nicht schon passiert sein? Ja und ja – und doch: Er betet, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und dass ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid, damit ihr mit allen Heiligen begreifen könnt…

Halten wir inne: „In der Liebe verwurzelt und gegründet“ – das erklärt, warum Paulus beten kann, dass wir etwas wissen sollen, das wir eigentlich schon wissen. Im Leben lernen wir oft linear und lassen Altes hinter uns. Im Glauben aber ist das anders: Wir springen nicht von einer Sache zur nächsten, sondern es geht in die Tiefe. Dasselbe Fundament, dieselbe Lage, derselbe Grund. Deshalb hören wir im Kirchenjahr oft Dinge, die wir schon kennen – es geht nicht um neues Wissen, sondern um Tiefe, um Wurzeln, um Festigkeit.

Schließlich kommt Paulus zum Ziel seines Gebets: Dass wir die Liebe Christi erkennen. Das ist etwas, das alles Wissen übersteigt. Man kann es nie ganz begreifen. Es ist die Liebe Christi. Ihr kennt sie schon – und doch betet Paulus, dass ihr sie noch tiefer erkennt.

Wie passiert das? Durch die Bibelgeschichten, durch den Unterricht, durch die Predigt, immer durch das Wort Jesu. Aber damit diese Botschaft wirklich tief Wurzeln schlägt, muss unser Herz aufgebrochen werden – wie harte Erde. So lernen wir die Liebe Christi: indem wir unsere eigenen Bedürfnisse, Schwächen, Grenzen und Sünden erkennen. Gott zeigt uns, dass er uns nicht nur liebt, sondern auch in unseren schwersten Momenten bei uns ist.

Damit unser Glaube in die Tiefe geht, gibt es Zeiten der Schwäche und des Stolperns. Das kann weh tun. Wenn wir überwältigt sind, sehen wir oft nur noch unsere Schwachheit. Doch dann – und das ist das Wunderbare – hören wir Gottes Zusage: Jesus gab sein Leben auch für dich, gerade jetzt, wo du kämpfst. Seine Liebe ist neu, kraftvoll, erfrischend wie Wasser auf trockenem Boden.

Lieber Christ, heute Morgen ist dein Heiland hier. Jesus ist da. Er hat uns zusammengerufen. Im Abendmahl verwurzelt und gründet er euch neu in seiner Liebe. Eines Tages, wenn er wiederkommt, werden wir von Gottes ganzer Fülle erfüllt sein. Bis dahin möchte Gott euch im Innersten stärken, damit ihr begreifen könnt, was ihr nie ganz begreifen konntet.

Also: Bringt eure Schwäche mit. Bringt euren Kummer. Bringt eure Not. Kommt und esst und trinkt die Liebe Jesu. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.


Exaudi (Die wartende Gemeinde)

Wochenspruch

Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen. Johannes 12, 32

Introitus – Nr. 38 (Psalm 27, 7a. 8 u 9a. 1a)

Epistel

Ich beuge meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid. So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle. Dem aber, der überschwenglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Epheser 3, 14 – 21

Hauptlied
Wir danken dir, Herr Jesus Christ 197
Höchster Tröster, komm hernieder 224

Evangelium

Jesus sprach zu seinen Jüngern: Wenn der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir. Und auch ihr seid meine Zeugen, denn ihr seid von Anfang an bei mir gewesen. Das habe ich zu euch geredet, damit ihr nicht abfallt. Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen. Es kommt aber die Zeit, dass, wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst damit. Und das werden sie darum tun, weil sie weder meinen Vater noch mich erkennen. Aber dies habe ich zu euch geredet, damit, wenn ihre Stunde kommen wird, ihr daran denkt, dass ich’s euch gesagt habe. Zu Anfang aber habe ich es euch nicht gesagt, denn ich war bei euch.

Johannes 15, 26 – 16, 4


liturgische Farbe: weiß

Festzeit: Österliche Freudenzeit

Wochenspruch: Joh 12,32

Wochenpsalm: Ps 27

Eingangspsalm: Ps 47

Epistel: Eph 3,14-21

Evangelium: Joh 15,26-16,4

Predigttext: Joh 7,37-39

Wochenlied: 128

Erklärung zu den Perikopen:

Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).

I(Evangelium): Joh 15,26-16,4

II: Eph 3,14-21

III: Joh 7,37-39

IV: Jer 31,31-34

V: Joh 14,15-19

VI: Röm 8,26-30