Predigt | Gott ist nicht fair! Septuagesimä (Lohn und Gnade) – 2025

Die meisten unter uns kennen wohl noch die Kindergeschichte „Goldlöckchen und die drei Bären“. Es wird Einbruch begangen, ein kleines Mädchen namens Goldlöckchen dringt ins Wohnhaus von drei Bären ein, sieht in den Schüsseln leckeren Brei und bedient sich. Goldlöckchen ist der Brei des Bärenpapas zu heiß, der der Mutter zu kalt, aber der des Bärenbabys genau richtig. Ihr ist der Stuhl des Papas zu hart, der der Mutter zu weich, aber der des Bärenbabys genau richtig. So sind auch die Betten; zu hart, zu weich, genau richtig. Und die Moral von der Geschichte? Nicht, dass Einbruch sich doch irgendwann lohnt, sondern: Nimm den goldenen Mittelweg. Nichts im Übermaß! Nicht zu hart und nicht zu weich, nicht zu heiß und nicht zu kalt, sondern mittig, genau richtig. So lautet dann auch das alte Sprichwort: Halte Maß. So lehrten schon alte Philosophen wie Aristoteles: Lebe nicht verschwenderisch, sei auch nicht geizig, sondern sei freigebig. Hüte dich vor Kleinmut, hüte dich auch vor Hochmut, sei mutig.

Ähnlich scheint auch der Prediger zu lehren, nämlich der weise König Salomo. Sei nicht faul, arbeite dir aber auch nicht die Hände stumpf (4,5f.), sondern finde den goldenen Mittelweg. Trachte nicht ständig nach Reichtum, wirf aber auch nicht alles weg, was du hast, sondern freue dich an dem Besitz, den der Herr dir gegeben hat, und halte Maß. Nun, das ist ja auch alles schön und gut und hat auch seine Richtigkeit, aber bei Gottes Wort geht es doch um mehr als Deckungsgleichheit mit alten Märchen und Philosophenweisheiten. Da müssen wir schon genauer hinschauen, und ganz besonders weil die Weisheit des Predigers zunächst völlig absurd zu sein scheint, nämlich, dass der Prediger einen goldenen Mittelweg zwischen Weisheit und Torheit lehrt: [16f.]

Ist es denn nicht gut, gerecht zu sein und nach Gerechtigkeit zu trachten, weise zu sein und nach Weisheit zu suchen? Hat Salomo das nicht selbst gemacht, Gott um Weisheit gebeten und dafür Gottes Lob bekommen? Und nun scheint es, als wenn er einen Rückzieher macht und meint: Naja, alles in Maßen, zu viel des Guten bringt auch nichts. Sei nicht zu fromm und auch nicht zu gottlos, sondern irgendwo zwischendrin findest du die goldene Mitte.

Aber das klingt nur absurd; es ist es auch. Gott der Herr sagt nämlich nicht: Ich bin der allmächtige Gott, wandle vor mir und sei mehr oder weniger religiös, sondern so spricht der Herr: Wandle vor mir und sei fromm (1. Mose 17); Haltet das Recht und tut Gerechtigkeit (Jes 56,1); seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise (Eph 5). Wenn der Herr seine Kinder regelrecht dazu auffordert, fromm zu sein, gerecht zu handeln, ein weises Leben zu führen – wieso scheint er denn hier alles zu relativieren? Wie haben wir dieses Gotteswort zu verstehen?

Das mag nun alles recht hochtheologisch zu klingen, aber wir haben es hier mit bodenständiger Alltagsweisheit zu tun. Salomo ist in dieser Welt zu Hause und kennt sich mit all den scheinbaren Widersprüchen des Alltags aus. [15] Salomo spricht hier aus Erfahrung und durch die Eingebung des Heiligen Geistes. Ich habe schon so einiges gesehen, sagt er, nämlich, im Leben geht es immer auf und ab, mal besser, mal schlechter, je nachdem, wie Gott die Zeiten lenkt. Aber nicht nur das habe ich gesehen, sagt er. Ich habe auch gesehen wie Menschen, die sich an Gottes Weisheit halten und ihr Leben danach führen, die versuchen, das Richtige zu tun, trotzdem mit Undank belohnt werden und mitunter gerade deswegen leiden. Da kommt ein „Whistleblower“ daher, jemand wie Babitha Deokaran, die ihre Kollegen und Vorgesetzten im Gesundheitsministerium verpfeift wegen Korruption, Missbrauch, Manipulation und Diebstahl in Milliardenhöhe – und dafür kaltblütig erschossen wird. Sogar wenn man das Gute will und nach Gottes Weisheit lebt, gibt es in diesem Leben keine Garantie, dass man dafür auch belohnt wird. Und im Gegenzug gibt es andere, die ein gottloses Leben führen und trotzdem buchstäblich mit Mord davonkommen.

Ihr Lieben, wir Christen leben in der Theologie des Kreuzes. Wir sind gerecht, weil Gott der Herr uns durch den Glauben an den gekreuzigten Christus gerecht macht. Aber wir leben in einer bösen Welt. Gottes Wege sind höher, anders als unsere, sie sind den Wegen der Welt diametral entgegengesetzt. Auch und gerade wir Christen müssen lernen: Das Leben ist nicht fair. Und je schneller wir das lernen, desto besser. Der Fleißige, Weise, Kluge wird oft genug übers Ohr gehauen, oft kommen gerade die Bösen an die Macht oder zumindest ungeschoren davon. Und außerdem – wie wir es in dem heutigen Evangelium sehen – ist Gott der Herr selbst unfair. Gott ist ein Gott der Unterschiede, und er zahlt dem, der den ganzen Tag in der heißen Sonne in seinem Reich gearbeitet hat, den gleichen Lohn wie dem andern, der kurz vor Torschluss hineinkommt, nachdem er den ganzen Tag gefaulenzt hat. Dem einen gibt er 5 Talente, dem anderen bloß eins. Und dann nimmt er von dem, der nicht hat, und gibt es noch dem, der schon hat. Weisheit kann uns in dieser Welt helfen, mit diesem oder jenem umzugehen, kann uns helfen, Probleme ein Stückweit zu bewältigen. Und ja, Gott der Herr verspricht, wenn der Jüngste Tag anbricht, werden die, die nach seiner Weisheit leben leuchten wie des Himmels Glanz, und die viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich (Dan 12,3). Aber bis dahin wird Weisheit uns in diesem Leben viele Probleme weder lösen noch beheben. Manchmal hilft es uns, weise und gerecht zu handeln, und manchmal wird ebendieses Handeln uns Leid und Not, ja sogar Verfolgung, Schmähung, Schande und Misserfolg einbringen. Nicht umsonst ist das Gebet so beliebt: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Um es klar zu sagen: Unser Predigtwort redet von 2 verschiedenen Weisheiten. Einmal von der Weisheit Gottes, die uns rechtfertigt; von dem Glauben an den gekreuzigten Jesus Christus, der uns den Glauben an ihn rechnet zur ewigen Gerechtigkeit, oder wie das Alte Testament sie nennt: die Furcht des Herrn. Weisheit also als Vertrauen auf Gott. Zweitens aber von der Weisheit, die wir in unserem Leben anwenden, die Weisheit der christlichen Heiligung. In den ersten Versen geht es ausschließlich um die zweite Weisheit, die die Frage stellt: Was kann ich in diesem Leben erwarten, wenn ich nach Gottes Weisheit lebe?

Hier warnt Gottes Wort uns davor, übermäßig „gerecht“ oder „heilig“ in dieser Welt zu leben. Hütet euch vor dem Denkfehler, dass ihr meint, wenn ihr nur gerecht genug lebt, ist euch in dieser Welt Erfolg, Wohlstand und Ehre garantiert. Das wird hier nicht garantiert. Im Gegenteil, der Herr garantiert etwas anders, nämlich: der Gerechte muss viel leiden (Ps 34). Herrlichkeit, Erfolg und Ehre sind uns erst in der Ewigkeit garantiert. Der Gerechte wird aus Glauben leben, nicht aus dem Schauen. Gleichzeitig warnt uns Gottes Wort und sagt: Versucht nicht, Menschen euren Glauben und eure Frömmigkeit unter die Nase zu reiben. Ja, lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, aber findet den goldenen Mittelweg. Wenn ihr eure Gerechtigkeit absichtlich zur Schau stellt, macht ihr euch selbst unnötig zur Zielscheibe für Welt und Teufel. Seid gerecht und weise in dem, was ihr tut, aber führt ein ruhiges und stilles Leben in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit. Es herrscht immer die Gefahr, dass wir zu sehr auf uns selbst und unsere Heiligkeit schauen – und dabei immer weniger auf Christus, der allein unsere Weisheit und Gerechtigkeit und Heiligkeit ist (1. Kor 1).

Ein praktisches Beispiel: Wir versuchen wohl alle, uns abzusichern gegen alle möglichen Fälle, schmieden nicht nur Plan A und Plan B, sondern auch C, setzen auf Karriere, Krankenversicherung, Krügerrand, Lebensversicherung, Pension und dergleichen. All das ist an und für sich auch gut. Aber wer Krisenvorsorge für alle Fälle plant, meint leicht, er brauche den lieben Gott nicht mehr, er habe keine Not und brauche keine Gnade von oben, keine Führung und kein Gebet. Wer das meint, wird fallen. Sei dir selbst zuliebe nicht allzu klug.

Falle aber auch nicht von einem Extrem ins andere. Gott will nicht, dass uns alles egal ist, dass wir uns zurückziehen und zynisch durchs Leben gehen und alle anderen sehen sollen, wo sie bleiben. Was wir mit diesem Leben, spielt eine große Rolle. Er verdammt sowohl die Faulheit als auch die Rebellion, das Saufen und Fressen. Bloß weil ich in Afrika lebe, heißt nicht, dass ich auch zu schmutzigen Tricks wie Schmiergeld greifen darf. Ja, die Welt ist ein sinkendes Schiff, aber das gibt mir kein Recht, es aufzugeben oder zu verlassen. Wenn ich die Methoden der Welt ergreife, soll ich mich nicht wundern, wenn ich deswegen von der Welt umgebracht werde. Wer ein gottloses Leben ohne Gottes Weisheit führt, muss sterben vor seiner Zeit. Sollen wir denn um so mehr sündigen, damit Gottes Gnade umso größer werde? Nein! Weil der auferstandene Christus uns Gnade schenkt, wollen wir tun, was richtig ist, und erst wenn wir versagen, zur Beichte und zur Absolution greifen. Weiter, liebe Brüder: Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was einen guten Ruf hat, sei es eine Tugend, sei es ein Lob – darauf seid bedacht! (Phil 4,6)

Zwischen den Extremen der übermäßigen Gerechtigkeit und der Gottlosigkeit liegt der goldene Mittelweg. Tu, was vor Augen ist, setze dich ein für andere, führe aus, was du anpackst, bleibe treu und wahr, stelle dich deinen Herausforderungen. Halte gleichzeitig fest am Gottvertrauen zu jeder Zeit und an jedem Ort. Das eine tun und das andere nicht lassen!

Es gibt in diesem Leben keine Garantien – bis auf eine: „wer Gott fürchtet, entgeht dem allen.“ „Der Gerechte muss viel erleiden, aber aus alledem hilft ihm der HERR. (Ps 34)“. Um Jesu willen. Amen.


Septuagesimä (Lohn und Gnade)

Wochenspruch
Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.
Daniel 9, 18

Introitus – Nr. 18 (Stücke zu Daniel 3, 2a. 3a; Psalm 18, 2 – 3)

Epistel

Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt. Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen. Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt, sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.

1. Korinther 9, 24 – 27

Evangelium

Jesus sprach: Das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere müßig auf dem Markt stehen und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg. Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten. Da kamen, die um die elfte Stunde eingestellt waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen. Als aber die ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und auch sie empfingen ein jeder seinen Silbergroschen. Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben. Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin? So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.

Matthäus 20, 1 – 16a


Septuagesimä – Liturgische Farbe: grün

Festzeit: Vorfastenzeit

Wochenspruch: Dan 9,18

Wochenpsalm: Ps 31b

Eingangspsalm: Ps 31

Epistel: 1. Kor 9,24-27

Evangelium: Mt 20,1-16a

Predigttext: Lk 17,7-10

Wochenlied: 342 und 409

Erklärung zu den Perikopen:

Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).

I(Evangelium): Mt 20,1-16a

II: 1. Kor 9,24-27

III: Lk 17,7-10

IV: Jer 9,22-23

V: Mt 9,9-13

VI: Röm 9,14-24