Es hat gut geregnet. Die Bedingungen sind günstig, der Dünger tut sein Werk, der Mehlis wächst wie verrückt. Die neuen Pflanzengifte haben hervorragend funktioniert. Auf der großen Farm sind Lantana, Cadolos, Bonga-bonga, Disteln, sozusagen alle alten Unkrautarten wie ausgerottet. Der „gifsmous“, der Agrochemikalienberater, kommt zu Besuch. Er hält neben dem Büro in seinem alten Datsun-Pickup. Er kann sich nichts Besseres leisten. Seine Gifte waren so erfolgreich, dass die Verkäufe eingebrochen sind. Sein Besuch ist Formsache. Sie setzen sich in den Cruiser. Der kräftige Dieselmotor knurrt. Stolz fährt der Farmer ihn herum, zeigt ihm die Ländereien. Alles blüht und gedeiht. Es wird eine Bombenernte. Betrübt schaut der Gifsmous drein. Schon wendet er sich ab, um zu gehen, als er innehält, sich umdreht und genauer hinschaut. Er lässt sich die Mehlisblätter durch die Hände gleiten – und wendet er sich dem Farmer zu. „Du hast ein Problem. Ein großes Problem.“ Der Farmer stutzt. Kann nicht sein! Doch die Tests bestätigen es. Das neue Unkraut, der Eindringling, vor dem alle Farmer sich fürchten, ist bereits über die ganze Farm verbreitet. Schlechtere Nachricht kann es nicht geben!
„Wo kommt das her?“, ruft der Farmer verärgert. „Das ist kein Zufall,“ antwortet der Gifsmous. „Dieses Unkraut kommt nicht von allein auf. Jemand hat dir das Unkraut in die Länder gesät.“ „Mein Nachbar! Der alte Sack. Wollte mich schon immer fertig machen. Was kann ich tun?“, schimpft der Farmer. „Hast du ein Gift dagegen?“ „Nein,“ antwortet der Gifsmous. „Dieses Unkraut ist gegen jedes Gift resistent.“ „Ich schicke meine Arbeiter in die Felder, die rupfen das Unkraut aus, weg damit!“ „Bloß nicht,“ sagt der Gifsmous. „Es ist kaum vom Mehlis zu unterscheiden. Schau: Mehlis und Unkraut, miteinander verwachsen. Die rupfen dir noch den ganzen Mehlis aus.“ „Was bleibt mir denn übrig?“ „Warte bis zur Ernte. Dann wird man den Unterschied sehen, und die Arbeiter können es rausziehen und bündeln. Und dann kannst du ernten.“
Ihr Lieben, ihr ahnt wohl schon, es geht hier nicht mehr um die Farmerei, sondern um unser Leben in dieser Welt – ja, um unser Leben in der Gemeinde. An der Schule z.B. und bei den Matrikzeugnissen stehen beide erfolgreich da, können sich mit ihren guten Noten sehen lassen – diejenigen, die hart gearbeitet und sich viel Mühe gegeben, fleißig gelernt und vom lieben Gott ein helles Köpfchen geschenkt bekommen haben. Aber nicht nur sie, sondern auch diejenigen, die gemogelt haben, sich Spickzettel in die Jacke genäht haben, dem Lehrer Schmiergeld gezahlt haben, sich auf krumme Touren den Fragebogen im Internet geangelt haben. Beide stehen sie da, und die Mogler wohl besser als die Ehrlichen. So geht es im Geschäft, so geht es in der Politik. So singen es die Prinzen: „Das ist alles nur geklaut und gestohlen, nur gezogen und geraubt; Entschuldigung, das hab ich mir erlaubt.“ „Die Welt ist ein Gerichtssaal / Und die Bösen kriegen Recht.“
Wer schon mal übers Ohr gehauen und betrogen wurde, wer sich alle Mühe gibt und alles richtig macht – und dann zusehen muss, wie der Schwindler mit den krummen Tricks und den rechten Beziehungen den Zuschlag bekommt, und der Ehrliche sehen muss, wo er bleibt; wer angegriffen und verletzt wurde, und dann stellt sich raus, dass Polizisten mitschuldig waren an dem Ganzen, der will vielleicht das Gesetz in die eigene Hand nehmen – oder aber dem lieben Gott an den Kragen packen und in die Ohren brüllen: Siehst du das denn nicht? Warum machst du nichts daran? Warum sagst du nichts? Warum lässt du die einfach machen und ungeschoren davonkommen?
Doch nicht nur in der Welt geht das so zu. Auch in der Kirche. Wie oft werden Christen nicht gerade von Mitchristen verletzt? Missbrauchsskandale gibt es auf der Welt genug; auch auf der Ebene der Laien geht das zu. Da sitzt man am Sonntag brav und bieder wie die Lämmer nebeneinander auf der Kirchenbank, aber am Montagmorgen steckt einem schon das Messer des Mitchristen im Rücken, man flucht sich gegenseitig an, es herrscht Zank und Zorn und Streit und Konflikt. Oder aber es kommt zu Erbstreitigkeiten in christlichen Familien, da fügt man sich gegenseitig Wunden zu, die lange wehtun. Oder aber Pastoren und leitende Figuren in der Kirche verfallen ihren Machtgelüsten oder sie missbrauchen die Güter der Gemeinde oder erweisen sich als große Heuchler. Oder aber Pastoren dienen treu, predigen, trösten, ermahnen und weisen zurecht, aber man nimmt es ihnen übel und sorgt dafür, dass die Pastoren fertig gemacht werden. Jeff Gibbs, einer meiner Dozenten, stellt es so: „Die streitende Kirche scheint die einzige Armee auf der Welt zu sein, die ihre eigenen Verwundeten erschießt.“ Wie viele Christen gibt es nicht auf der Welt, die ausgerechnet von Mitchristen oder gar der Gemeinde enttäuscht und verletzt wurden? Dabei wird man leicht entmutigt. Und so mancher versucht sich selbst zu schützen und zieht sich zurück. Doch – um beim Bild zu bleiben – wir Christen arten nicht als Topfpflanzen, wir gedeihen nicht und tragen nicht Frucht im Gartenhäuschen zuhause. Doch was ist denn die Alternative? In der Gemeinde zu bleiben, wo rechte Christen und Heuchler nebeneinander bestehen und blühen?
So mancher hat schon versucht, zumindest die Gemeinde von Heuchlern zu befreien. Wie unvorsichtige Arbeiter, die mit dem Unkraut auch den Mehlis herausrupfen, schrieben sie andere ab und sprachen ihnen den Glauben ab. „Wenn jemand so etwas tut, kann er kein rechter Christ sein“, hieß es. In der Zeit des Pietismus, zum Beispiel, erklärten einige Christen sich selbst und vielleicht eine Handvoll andere in der Gemeinde zu rechten und recht frommen Christen – aber sahen auf alle anderen herab. „Wir sind die Gemeinde in der Gemeinde“, hieß es. Doch da wurden Gerechte schnell zu Selbstgerechten, denn sie urteilten oberflächlich und sprachen rechten Mitchristen den Glauben ab.
Andere sind den Weg der Gewalt gegangen. Wir denken dabei z.B. an die spanische Inquisition, die sich an vermeintliche Heuchler in der Gemeinde heranmachten und durch Folter und Verhör Menschen zu Geständnissen zwangen. Oder an die Hexenjagden des Mittelalters, wo unliebsame Frauen zu Hexen erklärt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. All das, um auf allerlei Weisen und alle Kosten die Gemeinde von Heuchlern zu befreien. Was hat das alles gebracht? Ja, einige Heuchler sind aufgeflogen, die in Wirklichkeit gar nicht glaubten, und wurden dafür bestraft; aber auch viele rechtmäßige, treue Christen sind auf diese Weise in den Tod gegangen. Das Kraut wurde mit dem Unkraut herausgerupft und zerstört.
Ja, ihr Lieben, wie kann man denn zwischen rechten Christen und Heuchlern unterscheiden? Die Antwort des Herrn lautet: Wir können es nicht. Und wir sollen es nicht. Keiner kann dem anderen ins Herz schauen. Im Gegenteil. So spricht der Herr: Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte, Kraut und Unkraut! Ich will, dass beide, Christen und Heuchler, neben- und miteinander wachsen und leben. Genau das macht der Herr Jesus selbst vor. Er allein hat das Recht, die Pharisäer und andere Heuchler zu nennen, und er tut es auch. Aber er lässt sie gewähren und hält sie nicht auf. Zu seinem eigenen Nachteil. Denn im Namen der Rechtschaffenheit greifen sie ihn zu später Stunde in der Nacht auf und sprechen als Selbstgerechte über den einzigen Gerechten das Urteil, das er dann auch trägt. Wenn hier einer ist, der von Heuchlern benachteiligt wurde, dann ist es der Herr Christus selbst. Und wer ähnliches leidet, leidet mit ihm. Nicht nur das, sondern er hat Kraut und Unkraut miteinander wachsen lassen, auch unter seinen engsten Angehörigen, hat nicht zwischen Spreu und Weizen getrennt, sondern er wurde vor der Nase der rechten Christen von seinem Freund und Heuchler Judas Iskariot verraten. Doch auch für ihn ging er ans Kreuz – wenn Judas nur Buße getan hätte!
Es ist nicht eure Pflicht, zu trennen und zu sortieren, den anderen in der Gemeinde zu durchschauen und zu verurteilen. Es ist nicht eure Pflicht, den zu bestrafen, der das Unkraut gesät hat. Diese Arbeit kommt dem großen Landeigentümer selbst zu, Gott dem Herrn. Das Feld gehört ihm. Der Feind, der die Heuchler sät, ist sein Feind: der Teufel. Den hat er am Kreuz besiegt. Ja, er lässt ihn noch gewähren und weiter sein Unheil im Feld des Herrn tun. Aber es kommt der Tag, an dem Christus selbst für Gerechtigkeit und Ernte sorgen wird. So sagt es schon das deutsche Sprichwort: „Gottes Mühlen mahlen langsam, mahlen aber trefflich fein. Ob aus Langmut er sich säumet, bringt mit Schärf’ er alles ein.“ Es kommt der Tag, da wird nicht nur der Feind, sondern da werden alle Heuchler gebunden und ins Feuer geworfen. Er wird sich drum kümmern.
Bedeutet das nun, dass die Kirchenzucht nicht mehr ausgeübt werden soll? Nein. Derselbe Herr ist es, der die Kirchenzucht gebietet. Wieso? Weil es bei der Kirchenzucht nicht um Heuchlerbekämpfung geht, sondern um den rechten, gottgefälligen Umgang mit öffentlichen Sündern in der Gemeinde. Das ist etwas anderes. Was bedeutet es denn? 1. Der Herr will keinen Pietismus und er will auch keine neue Inquisition. 2. Er will, dass du und ich, ein jeder von uns, sich selbst prüfen soll und sehen, wie es um uns steht, dass nicht wir unter den Heuchlern befunden werden. 3. Er will uns aber auch die Scheuklappen von den Augen nehmen, dass wir mit Sünde und Heuchlern in der Gemeinde rechnen. Nicht, um uns zu entmutigen, sondern um uns geradezu zu ermutigen! Dass du und ich aufatmen können. Erleichtert sein dürfen. Dass wir freudig zur Gemeinde gehören sollen und wollen, sogar wenn Heuchler mit dabei waren oder sind. Die sollen uns nicht davon abhalten, im guten Land fest eingewurzelt zu bleiben. Denn dort stehen wir unter der Aufsicht und unter dem Schutz und der Fürsorge des Herrn. Dort dürfen wir treu Frucht bringen für ihm. Irgend Unrecht können wir ihm anbefehlen. Er sieht es und wird sich drum kümmern. Denn er wird für die Ernte sorgen. Und dann wird es richtig gut. Amen.