Jubilate (Die neue Schöpfung) – 2024

Sehen und Glauben: Scheuklappen der Wahrnehmung und die erneuernde Kraft Gottes

Lebron James ist einer der berühmtesten Basketballspieler der Welt. Er gilt heute als erfolgreichste Korbwerfer in der Geschichte der NBA. Aber das war nicht immer so. Zu Beginn seiner Karriere hatte Lebron James den Ruf, Fehler zu machen gerade in entscheidenden Momenten. Aber er arbeitete daran, und irgendwann wurde er richtig gut. Aber obwohl die Spiele im Fernsehen übertragen und die Statistiken gezeigt wurden, wie er immer besser spielte, dauerte es enorm lange, bis seine Kritiker das auch sahen und beachteten.

Warum beachten wir manchmal Dinge nicht, die so offensichtlich sind? Dies Phänomen zeigt sich nicht nur im Sport, sondern auch in allen anderen Bereichen des Lebens. Wir haben blinde Flecken, beachten bestimmte Dinge immer wieder – und andere überhaupt nicht. Sehen und beachten sind 2 unterschiedliche Dinge. Neulich hat eine ganz liebe Person in meinem Leben eine neue Brille bekommen – gesehen habe ich es wohl schon, aber beachtet habe ich es überhaupt nicht. Unsere Erfahrungen und die Informationen, die wir aufnehmen, bestimmen, was uns wichtig ist und was nicht, was wirklich ist und was nicht, und überhaupt wie wir die Welt sehen und verstehen. Genau wie Scheuklappen, die man Pferden auf verkehrsreichen Straßen anlegt, sorgen blinde Flecken in unserer Weltanschauung dafür, dass wir uns konzentrieren, weniger auf potenzielle Ablenkungen reagieren und die enorme Datenflut, die unser Gehirn jeden Tag empfängt, besser verarbeiten können. Aber unsere blinden Flecken können uns davon abhalten, wichtige, sogar lebensnotwendige Dinge in der Wirklichkeit und Realität unmittelbar um uns herum zu beachten.

Heute ruft der Heilige Geist uns dazu auf, danach zu schauen, was wir schauen, zu sehen, was wir sehen, zu beachten, was wir beachten. Durch welche Linsen, mit welchen Scheuklappen sehen wir die Welt und unser Leben in der Welt, was gestaltet unsere Wahrnehmung – und wie führen wir unser Leben dementsprechend, mit welchen Linsen betrachtet/beachtet der Christ die Wirklichkeit um sich herum?

Das mag jetzt wie eine sehr theoretische Übung klingen. Aber sie ist allemal praktisch. Denn ist nun einmal so: Wir tendieren dazu, negativen Erfahrungen und Erlebnissen größeres Gewicht zuzumessen. Wir beachten sie mehr als gute Zeiten. Wir erleben Kämpfe, die über unsere Kräfte hinausgehen; wir erleben Anfechtungen und Trübsal und Leid. Diese Dinge sind nicht nur an sich schwer zu ertragen, sondern sie beeinflussen, wie wir die Welt und die Zukunft sehen. Ernüchterung, Enttäuschung führen zu Verbitterung und Aussichtslosigkeit, weil wir uns fragen, wozu wir uns denn noch anstrengen sollen, wenn der Ausgang am Ende doch von Faktoren bestimmt wird, die wir nicht beherrschen und die „alles bestimmen“. Und daraus erwächst der Pessimismus.

Zu dem allen kommt erschwerend hinzu, dass uns die Kräfte ausgehen und wir älter werden. „Unser äußerer Mensch verfällt“, schreibt Paulus. Der äußere Mensch ist dem Verfall preisgegeben. Damit meint er: Der Körper lässt nach – aber auch der Verstand. Das griechische Wort für „verfallen“, das da steht, beschreibt die allmähliche Korrosion eines Bauwerks, den Rostfraß eines Eisenträgers, der am Ende so zerfressen ist, dass er bricht. Unser äußerer Mensch verfällt – das ist wahr. Wir werden älter, können nicht mehr so viel ab wie früher. Aber auch unsere seelische Belastungsfähigkeit nimmt ab. Wir werden müde. Manche Erfahrung ist schwer, vieles raubt uns die Kraft.

Trotzdem ist da etwas in uns, sagt Paulus, das nicht kaputt zu kriegen ist. Er nennt es: „den inneren Menschen“. Ganz wichtig. Paulus meint damit nicht, dass wir innerlich aus eigener Kraft so stark wären, dass uns nichts kaputtkriegen kann. Jeder, der schon mal sich hineingeguckt, weiß: Diese Stärke haben wir nicht in uns. Sondern er meint: Etwas ist in uns, das Gott fest hält. Niemand, nichts, nicht einmal unsere eigene Mutlosigkeit, unsere eigene Müdigkeit kann das kaputtkriegen. Im Gegenteil: Es wird täglich erneuert.

Paulus spricht damit eine Wirklichkeit an, die über das hinausgeht, was wir zunächst einmal mit unseren Augen wahrnehmen können. Nein, mit dem inneren Menschen ist nicht irgendein unsterblicher Teil in uns gemeint, nicht unser Geist im Unterschied zu unserem materiellen Körper. Sondern dieser innere Mensch, das sind wir selber mit Leib und Seele, seit dem Tag unserer heiligen Taufe. Da hat Gott eine neue Wirklichkeit in unserem Leben geschaffen. Mehr noch: Er hat uns selber ganz neu geschaffen, als neue Menschen, als innere Menschen. Mein Abbau, den ich Tag für Tag an mir selber erlebe, meine Müdigkeit und Mutlosigkeit – das ist nicht alles. Sondern ich bin zugleich schon ein neuer Mensch. Ein neuer innerer Mensch. Ich bin ein Mensch, der schon von den Kräften aus Gottes neuer Welt lebt, der durch diese Kräfte aus Gottes neuer Welt Tag für Tag erneuert wird.

Wir sprachen zu Beginn von Lebron James, dessen Kritiker überzeugt waren, dass er in entscheidenden Momenten versagte, dass sie nur noch seine Fehler sahen und seine Verbesserung nicht sehen konnten. So ist es auch bei uns. Wir meinen meistens, wir sind total objektiv, und das Leben besteht nur aus Fakten, denen wir ins Auge sehen müssen. Aber in Wirklichkeit beeinflussen unsere Erlebnisse und Erwartungen das, was wir sehen; unsere Weltanschauung bestimmt unser Realitätsempfinden, sodass wir einige Dinge überall sehen und andere überhaupt nicht. Scheuklappen eben. Aber welche Informationen, welche Wirklichkeiten sehen wir nicht?

„Seht ihr den Mond dort stehen? / Er ist nur halb zu sehen / und ist doch rund und schön. / So sind wohl manche Sachen, / die wir getrost belachen, / weil unsre Augen sie nicht sehn.“ Heute therapiert uns der göttliche Augenarzt unsere Wahrnehmung und heilt unsere Weltanschauung. Dass wir mit in Betracht nehmen, was die Augen nicht sehen können, was dennoch da ist und alles überwiegt. Für uns wiegen Enttäuschungen und Misserfolge und Leidenserfahrungen sehr schwer. Es betrübt uns schwer, dass wir älter werden und alles dem Tod entgegenzugehen scheint. Wenn wir diese Dinge auf eine Waage legen würden, dann überwiegen Trübsal und Leid und Trauer und Tod leicht alles andere im Leben, ziehen uns zu Boden. Dagegen wiegen in unserer Wahrnehmung manchmal selbst Gottes Verheißungen nicht gegen die harte Realität auf. Aber Gott will, dass wir den Mond in voller Größe und Schönheit betrachten. Er will, dass wir uns von dem Sichtbaren in und um uns herum nicht die Augen verblenden lassen. Er will, dass wir wissen: Es gibt einen „Gott dieser Welt“ (V.4), der uns den Sinn verblendet, dass wir gar nicht mehr „sehen das helle Licht des Evangeliums von der Herrlichkeit Christi“. Der Satan ist es, der uns verblendet, dass wir nur noch starren auf das Kaputte und das Leid. Es gibt eine böse Macht, die uns nicht nur Leid zufügen will, sondern unsere ganze Wahrnehmung und unser Realitätsverständnis bestimmten will.

[14] Jesu Auferstehung ist der Fakt, der die Welt verändert. Denn sie zieht uns mit in sie hinein. Statt dass wir auf Dunkel und Düsterkeit und Finsternis zugehen, rast unaufhaltsam auf uns das Leben und das Licht zu. Es bricht in Jesus Christus ein neues Dasein an, und das bestimmt, wie wir diese Welt sehen. Wenn wir diese Dinge gegeneinander aufwiegen, sagt Gott, dann kommt es ganz anders, als wir in der Dunkelheit meinen; im Lichte der Erlösung durch das Blut und die Auferstehung Jesu ist unsere Trübsal zeitlich und leicht. D.h. sie kommt – und sie wird gehen. Sie ist begrenzt. Ihre Macht ist ihr genommen, ihr Gewicht. Im Verhältnis zu dem, was wir in Christus schon haben und einst mit den Augen sehen werden, wiegt unsere Trübsal nicht auf. Sieh den ganzen Mond, sagt er; sieh, wie das Wiegen ausgeht; gegen die Trübsal kommt und ist schon jetzt eine exponentiell übermäßige Herrlichkeit, die alles Leiden überwiegt; die Trübsal ist zeitlich, die Herrlichkeit ewig; die Trübsal ist leicht, Jesu Herrlichkeit wiegt schwer, weil sie soviel mehr zählt und bald und jetzt schon alles Sichtbare in den Schatten stellt. Gott der Herr will uns alle Schatten der Verbitterung und Aussichtslosigkeit und des Pessimismus aus den Augen wischen, damit wir das Leben Jesu sehen, der in seiner Hand hält die Schlüssel des Todes und der Hölle, der alle Macht hat über das Leben, der unsere Arbeit krönt mit seinem Segen, wenn es sein Wille ist, oder aber Leid schickt als ein gekonnter Arzt, weil er unsere Augen heilen will, dass unsere Scheuklappen fallen, damit wir immer besser sehen lernen nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare, und daran unser Leben erfahren und messen.

Das bestimmt unsere Weltanschauung: Die Ewigkeit und Herrlichkeit des Auferstandenen, die schwer wiegt und hell leuchtet und ewig scheint, sodass alles andere ins rechte Licht und ins rechte Gewicht gerückt wird, sodass wir sprechen können mit CS Lewis: „Ich glaube an Jesus Christus, so wie ich an den Sonnenaufgang glaube; nicht nur, weil ich ihn sehe, sondern weil ich durch ihn alles andere sehe.“ Schau! Gottes Kraft überwiegt alle Schwachheit. Schau! Das Leben Jesu fließt durch dein Leiden in das Leben anderer Menschen. Schau! Gott trägt dich in deiner Trübsal und lässt nicht zu, dass sie dich zerstört. Schau! Deine Trübsal ist zeitlich, nur noch kurze Zeit dauert sie, nicht für die Ewigkeit. Schau! Deine Herrlichkeit in Jesus wird ewig dauern! Schau! Deine Trübsal ist leicht, sie hat kein Gewicht im Vergleich zu der Freude, die kommt. [16–18] Dein Leid schafft etwas, es ist nicht nutzlos, es schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit. So sieh auf diese Dinge. Beachte sie. Glaube, was Gott sagt. Lass dich von ihm täglich erneuern. Und lerne neu Gottes Wirklichkeit in Deinem Leben zu sehen.

„Jesu, gib gesunde Augen, die was taugen, rühre meine Augen an; denn das ist die größte Plage, wenn am Tage man das Licht nicht sehen kann.“ Amen.


JUBILATE

(Die neue Schöpfung)

Wochenspruch

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. 2. Korinther 5, 17

Epistel

Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist. Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten. Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer. Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

1. Johannes 5, 1 – 4

Hauptlied

Mit Freuden zart zu dieser Fahrt 187
Nun jauchzt dem Herren, alle Welt 1

Evangelium

Jesus sprach zu seinen Jüngern: Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie müssen brennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

Johannes 15, 1 – 8

Als Sonntage der Osterzeit werden in unterschiedlicher Zählung der christlichen Konfessionen die Sonntage zwischen Ostern und Pfingsten bezeichnet.