JUDIKA (Der Hohepriester)
Allesverloren – das ist nicht nur ein feiner Wein, sondern die Geschichte Hiobs in einem Wort. Alles verloren. Die Geschichte von Hiob ist in der Bibel 42 Kapitel lang. Unmöglich, sie in einer Predigt zusammenzufassen, was eigentlich nötig wäre, um zu verstehen, was Hiob bewegt so zu reden, wie wir es eben gehört haben. Seht, Hiob hatte tatsächlich alles verloren. Er war reich und angesehen gewesen – und gottesfürchtig, ein frommer Mann. Aber dann erreichte ihn eine schlechte Nachricht nach der anderen, Hiobsbotschaften. Sein Vieh, seine Wirtschaft, sein Einkommen – weg, tot, verloren. Seine Kinder alle an einem Tag weg, tot, verloren. Seine Gesundheit – weg, am Boden, er ist nur noch krank. Seine Ehre, sein Stolz, sein Ruf – weg, kaputt, dahin. Seine Existenz zerstört, sein Alltag eine Plage, es ist dunkel um ihn geworden. Nun ist er völlig am Ende und sitzt am Boden. Seine eigene Frau tippt sich an die Stirn und sagt zu ihm: „Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Sage Gott ab und stirb!“ Hiob ist am Ende, er wünscht sich nur noch in Frieden gelassen zu werden und in Ruhe sterben zu können. Aber eine Frage lässt ihn einfach nicht los und hält ihn paradoxerweise am Leben: „Warum tut Gott mir das an? Wieso ist er mir zum Feind geworden?“ Keiner kann ihm darauf eine Antwort geben. Nicht einmal seine besten Freunde.
Und dann kommen ihn seine besten Freunde besuchen. Diese Freunde machen nur eins richtig: [2,12f.] Sie lassen ihn nicht im Stich. Nein, sie setzten sich zu ihm und sagen erst einmal 7 Tage lang gar nichts. Ihr Lieben, wenn einer aus der Gemeinde oder einer von euren Lieben plötzlich in tiefen Kummer und Herzeleid gestürzt wird, dann ist das mitunter das Beste, was ihr tun könnt. Hingehen. Und nichts sagen. Einfach nur mitleiden. Denn wenn Notleidende eins wissen, dann dies: Gutgemeinte Vorschläge und Ratschläge will man nur, wenn man darum bitten. Alles andere kann im tiefen Leiden sehr oberflächlich klingen und ist nicht hilfreich. So auch bei Hiob. Sie sagen 7 Tage nichts und sitzen nur bei ihm im Leid und leiden mit. Ja, das ist gut und richtig. Aber als sie erstmal ihren Mund öffnen, geht alles schief. Auf alle Art und Weise und mit vielen Argumenten versuchen sie, ihm Antworten zu geben und ihn zurechtzuweisen. Nun schreit er sie an: „Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen! Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch?“ Hiob hält das einfach nicht mehr aus. Er fleht seine Freunde an, den Mund zu halten. Er kann ihre Vertröstungen und Erklärungsversuche nicht mehr ertragen. Was ihn am meisten ankotzt (entschuldigt die derbe Ausdrucksweise, aber es war tatsächlich so), ist, dass seine Freunde ihm gegenüber auch noch den lieben Gott verteidigen, so als könnte der sich nicht selber wehren.
Kennt ihr so etwas auch, liebe Gemeinde? Hast du auch schon mal diese Erfahrung gemacht, dass dir die Ratschläge deiner nächsten Angehörigen und besten Freunde zum Hals heraushingen? Nun, vielleicht nicht in der Weise, wie es Hiob erlebt hat. Mit seiner unfassbaren und überbordenden Not, in die er geraten war, lassen sich unsere Nöte wohl kaum vergleichen. Und dennoch kennen wir wohl auch solche Lebenslagen, in denen wir mit Gott gehadert haben. Wo die Schmerzen unerträglich wurden. Wo uns die Ängste packten und uns aufschreien ließen. Wo wir so in Niedergeschlagenheit verfallen waren, dass uns kein tröstendes Wort mehr erreichte. Wo wir dann vielleicht auch mit Worten um uns gebissen haben und man uns lieber aus dem Weg ging. Wo sich die eigene Familie von uns abkehrte. Wo sich andere vor uns ekelten oder bei unserm Anblick erschrocken zurückwichen. Wo viele nur noch ein Schulterzucken für uns übrig hatten.
Wer das erlebt hat, kann nachfühlen, wie es Hiob erging. Er hat keine Kraft mehr sein grenzenlos tiefes Leid zu ertragen. Wenn einem Gott und die Menschen zum Feind geworden sind, dann hat das Leben endgültig seinen Sinn verloren. Dann erscheint tot zu sein als die beste Alternative. Das einzige, was Hiob in dieser Situation noch will, ist, dass seine unglaubliche Geschichte für die Nachwelt aufgeschrieben wird – und zwar so, dass sie nicht mehr verloren geht. Alle sollen erfahren, was ihm zugemutet wurde und wie er versucht hat, das zu verarbeiten, und damit letztlich gescheitert ist. Das scheint sein einziger und allerletzter Trost zu sein, dass wenigstens das Gedenken an ihn nicht verloren geht. „Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, mit einem eisernen Griffel in Blei geschrieben, zu ewigem Gedächtnis in einen Fels gehauen!“
In gewisser Weise ist das dann ja auch tatsächlich gelungen, liebe Gemeinde. Die Geschichte Hiobs hat in dem meistgelesenen Buch der Welt, in der Bibel, Platz gefunden und gilt als ein Stück Weltliteratur. Und so weiß heute auch fast jeder, was Hiobsbotschaften sind. Aber nur wenige wissen, was der eigentliche Sinn dieser Geschichte ist. Denn sie spiegelt ja nicht nur die Lebensgeschichte eines frommen Menschen namens Hiob wider, in dem wir uns ein Stückweit wiederfinden können, sondern in Hiobs Geschichte ist ja auch die Passion Jesu Christi wiederzuerkennen, derer wir in diesen Wochen gedenken.
Da liegen die Parallelen auf der Hand. Am Ende klagt Jesus am Kreuz hängend ähnlich wie Hiob und schreit seine Not heraus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Aber was ihn noch mehr mit Hiob verbindet, ist das, was wir ganz zu Anfang in der Hiobsgeschichte lesen. Das ist schier unfassbar und nahezu unerträglich, was uns da verraten wird. Etwas, von dem Hiob selber nichts wusste, aber letztlich erklärt, warum er so sehr leiden musste.
Satan, der Teufel, war an Gott herangetreten und hatte behauptet, dass der gottesfürchtige Hiob seine Frömmigkeit aufgeben und Gott absagen würde, wenn Gott seine Segenshand von ihm abzieht. Und Gott hatte sich tatsächlich auf diese Wette eingelassen und dagegengehalten und behauptet, genau das würde nicht passieren. Und er lässt dem Satan freie Hand, mit Hiob zu tun, was er will. Wer das Hiobbuch zu Ende gelesen hat, weiß, dass es letztlich gut ausgegangen ist. Hiob hat durchgehalten, oder besser gesagt: Gott hat sich in den tiefsten Tiefen menschlichen Leids gegenüber den Anläufen und Versuchungen des Teufels als der Stärkere erwiesen. Aber man muss schon sagen: Was da auf dem Rücken Hiobs ausgetragen wurde, war im wahrsten Sinne des Wortes unmenschlich: Ein Kampf zwischen Gott und dem Teufel.
Man kann auch sagen: Es war eine Vorabbildung dessen, was dann später mit Jesus Christus geschehen ist. Auch Jesus hat wie Hiob durch die tiefsten Stationen menschlichen Leids hindurch den Versuchungen und Anfeindungen des Teufels widerstanden. Und er hat’s bis zum Ende durchgehalten – bis in den Tod hinein und durch ihn hindurch. In ihm hat Gott endgültig den Sieg über den Tod und alle bösen Mächte errungen und den Teufel in die Schranken gewiesen.
Das Drama, das Hiob erlebt hat, hat in Jesus Christus seine Erfüllung gefunden. Er ist der Erlöser, von dem Hiob hier in unserm Bibelwort spricht. Natürlich kannte Hiob ihn noch nicht persönlich. Er lebte ja vor Jesus. Er weiß nur und glaubt, dass einer nach ihm kommt, der ihn aus dem endgültigen Untergang, aus dem Tod erretten wird. Dass Gott ihn nicht auf ewig fallen lassen wird. „Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben“, bekennt Hiob. Man könnte auch sagen: Er glaubt gegen Gott an Gott. Gott ist ihm zwar zum Feind geworden. Er verwünscht ihn regelrecht für das, was er ihm angetan hat. Aber genau das treibt ihn paradoxerweise noch tiefer in die Arme Gottes. Lässt ihn seine Hoffnung ganz auf ihn setzen.
Das klingt total verrückt. Man kann das nicht erklären, warum das geschehen ist. Aber genauso, liebe Gemeinde, geschieht es heute noch: Wo die eigene Leidensgeschichte übermächtig wird, wo du an den Rand des Unerträglichen kommst, vielleicht sogar schon dem Tod ins Auge schaust, da gibt es am letzten Ende nur noch zwei Möglichkeiten. Entweder du kehrst dich gänzlich von Gott ab und ergibst dich dem Unvermeidbaren. Du sagst Gott ab und stirbst – zuerst geistlich und irgendwann auch leiblich. Aber davor bewahre dich Gott! Oder du wirfst dich ihm in die Arme in der Hoffnung und Gewissheit, dass er nicht Gott wäre, wenn er dich nicht auch über deine Todverfallenheit hinaus erretten könnte. Wenn er nicht auch aus deinem tiefsten Leiden helfen könnte.
Das hat Hiob getan als er sagte: „Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.“ Und wir, liebe Gemeinde, können das umso mehr und gewisser tun, uns Gott in die Arme zu werfen, weil wir den Erlöser kennen. Weil Jesus Christus für uns den Tod durchschritten hat und auf der anderen Seite auf uns wartet. Weil er das auf sich genommen und durchgestanden hat, was wir nicht schaffen: den Versuchungen und Angriffen des Teufels bis ins Allerletzte zu widerstehen. Wir, liebe Gemeinde, wissen den an unserer Seite, den Gott selber gesandt hat, um uns durch alles Leid und alle Not hindurch dorthin zu bringen, wo wir ihn von Angesicht zu Angesicht schauen und ewigen Frieden haben werden. Wir dürfen auch und gerade im Leid das Dennoch schreien: Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an. (Ps 73) Und so wird denen, die Gott dennoch lieben, am Ende aus dem Allesverloren ein gnädiges Goedgevonden. Amen.
JUDIKA (Der Hohepriester)
Wochenspruch
Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele. Matthäus 20, 28
Epistel
Christus hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte, und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt. Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden.
Hebräer 5, 7 – 9
Hauptlied: O Mensch, bewein dein Sünde groß 154
Evangelium
Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, gingen zu Jesus und sprachen: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, um was wir dich bitten werden. Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue? Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist. Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein, und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.
Markus 10, 35 – 45