Predigt | Gesungenes Evangelium – sympathische Resonanz | Kantate 2025

Am Abend zückt ein Einwohner der Stadt Philippi sein iPhone und zieht sich die Nachrichten ein. Der Vorspann läuft, „Bong“ schlägt die Stunde, „hier ist das erste mazedonische Fernsehen mit der Tagesschau. In der Stadt Philippi kam es heute zu einem dramatischen Zwischenfall, der mit einem Exorzismus begann und in der öffentlichen Misshandlung zweier jüdischer Missionare gipfelte. Wie Augenzeugen berichten, war eine Gruppe von Missionaren zuvor einer jungen Sklavin begegnet, die als Wahrsagerin ihren Besitzern beträchtlichen Gewinn einbrachte. Mehrere Tage lang belästigte die Frau laut rufend den bekannten Prediger Paulus und seine Begleitung. Schließlich wandte Paulus sich direkt an den Geist, der in der Frau gesprochen haben soll, und befahl ihm „im Namen Jesu Christi“ zu weichen. Berichten zufolge verließ der Geist die Frau sofort – für ihre Besitzer jedoch bedeutete dies das Ende einer lukrativen Einkommensquelle. Infolgedessen eskalierte die Situation. Unter dem Eindruck der öffentlichen Empörung und der vorgebrachten Vorwürfe ordneten die Stadtrichter harte Maßnahmen an. Die beiden Missionare wurden öffentlich entkleidet und halbtot geschlagen und ins Gefängnis geworfen.“

 

So oder so ähnlich wird damals über Paulus und Silas berichtet worden sein. Eins führte zum nächsten. Der Heilige Geist hatte ihre Pläne auf den Kopf gestellt; sie durften nicht dorthin, wo sie hinwollten, sondern er führte sie nach Europa. Dort gibt es zunächst großen Erfolg; durch die Predigt des Evangeliums kommt die reiche Geschäftsfrau Lydia zum Glauben und lässt sich mit ihrer ganzen Familie taufen. Paulus und Silas dürfen bei ihr wohnen. Sie halten ihre Gebetszeiten ein und predigen das Reich Gottes, wo sie können – bis es zu dem Exorzismus kommt. Seht, böse Geister mögen nicht vom Blut Jesu Christi hören. Es ist ihnen zu stark. Sie wollen nicht, dass Menschen von Sünden reingewaschen werden, sie lieben die Dunkelheit und hassen das Licht, sie ärgern sich über das Wort vom Kreuz und Vergebung in Christus Jesus. Der böse Geist will die Predigt des Evangeliums verhindern. Nach dem Exorzismus ist mit der Besessenheit Schluss – und damit auch mit den vielen Profiten, die die Wahrsagerei einbrachte. Nun schmoren Paulus und Silas halbnackt im Hochsicherheitstrakt mit den Beinen im Block fixiert. Leise bluten ihre Wunden vor sich hin. Der wunderbare Erfolg des Evangeliums auf europäischem Boden kommt abrupt zum Stillstand, ein kläglicher Misserfolg, scheint es.

 

Gott hatte sie dorthin berufen! Und nun? An Schlaf ist nicht zu denken. Paulus und Silas könnten vor Schmerzen wimmern, vor Demütigung stöhnen, vor Enttäuschung weinen. Aber was machen sie? Sie beten. Sie singen. Was denn? Klagelieder? Nein, buchstäblich heißt es: „Sie beteten Lobgesänge.“ So sagte schon der Kirchenvater Augustin: „Wer singt, betet doppelt.“ Paulus und Silas singen betend und beten singend Gesänge, die sie auswendig gelernt hatten.

 

Lasst uns nicht unterschätzen den Wert der Gesänge, die wir auswendig lernen! Sie haben schon manch einem in tiefer Not Worte in den Mund gegeben. So leicht unterschätzen wir die Gabe der Musik. Wir tendieren dazu, nur dann zu singen, wenn uns danach zumute ist; d.h. unsere Stimmung und unsere Befindlichkeit bestimmen, wann und was wir singen – oder eben nicht. Aber Paulus und Silas erkennen, dass es umgekehrt funktioniert. Das gesungene Gebet ändert unsere Stimmung, unseren Ausblick auf unsere Lage. Das kennen wir auch aus der Welt der Filme. Komponisten der Filmmusik behaupten, dass sie durch Musik jede beliebige Stimmung im Menschen wecken können. Ihre Musik stimmt dich melancholisch, nachdenklich, neugierig, ängstlich, aufgeregt, usw. Die Musik bewegt den Menschen. Sie ist eine Gabe Gottes, die vieles erreichen kann; bestimmen kann, wie man sich fühlt. Bei Glaubensliedern ist das doppelt so, weil gute Gesänge nichts anderes beten und aussagen als Gottes Wort selbst und die Erkenntnisse, die daraus fließen. Gottes Wort lässt uns nicht unberührt, sondern es ändert uns. Wenn wir voller Hoffnung auf den Herrn vertrauen wollen, tun wir gut daran, mit Singen anzufangen. In den Liedern der Kirche, in den alten, bewährten Gesängen, die wir als Kinder auswendig lernten, steckt mehr drin, als wir je geahnt haben, sie singen das Lied der Kirche, sie singen, um Traurigkeit und Selbstmitleid zu vertreiben, sie singen Kampf- und Kriegslieder, um dem Feind die Stirn zu bieten. „Fühlst du den Stärkeren, Satan, du Böser? Jesus ist kommen, der starke Erlöser!“

 

Martin Luther schreibt 1534 eine Trostschrift an einen Freund in Schwermut. Er sagt: Höre nicht auf deine Gedanken. Vertraue nicht der Stimme in dir. „Wenn du traurig bist und die Schwermut überhandnehmen will, dann sprich: Auf! Ich muss unserm Herrn Christus ein Lied auf der Orgel spielen – sei es ein Herr Gott, dich loben wir oder Gesegnet bist du – denn die Schrift lehrt mich, dass er gerne fröhlichen Gesang und Saitenspiel hört. Greif frisch in die Tasten und singe drauf los, bis die Gedanken vergehen, wie David und Elisa das taten. Kommt der Teufel zurück und gibt dir Sorgen und traurige Gedanken ein, dann wehre dich frisch und sprich: ‚Raus mit dir, Teufel, ich muss jetzt meinem Herrn Christus singen und spielen!‘ Und so musst du wirklich lernen, ihm zu widerstehen und nicht erlauben, dass er dir Gedanken eingibt. Denn wenn du einen Gedanken reinlässt, dann schickt er sofort 10 Gedanken hinterher, bis er dich besiegt. Es ist das Beste, dass du ihm sofort auf die Schnauze schlägst – so wie das auch ein bestimmter Ehemann tat. Als seine Ehefrau anfing, zu nagen und zu beißen, da nahm er die Flöte hervor und flötete zuversichtlich daher; da ward sie schließlich so müde, dass sie ihn in Ruhe ließ. So musst du auch die Tasten schlagen und dazu singen, bis du lernst, den Teufel zu verspotten.“

 

Das ist die erste Erkenntnis von Paulus und Silas: das gesungene Gebet ändert unsere Stimmung, vertreibt Traurigkeit und lehrt Zuversicht und fröhliche Hoffnung in der Not. Und die zweite ist diese: Weil sie nach Gottes Willen handelten, sind sie überzeugt, dass ihr Leid keine Strafe von Gott ist, sondern Teil seines Plans, ja, dass sie im Leid und unter Schmerzen Gott loben können, weil er auch das gebrauchen wird, um seinen Namen zu heiligen, sein Reich kommen und seinen Willen geschehen zu lassen. Sie können sich fügen und im Voraus loben für das, was er gewiss tun wird. Und das können wir auch. Auch und gerade in der Not: Unsere Verlegenheiten sind Gottes Gelegenheiten!

 

Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott [mit Liedern]. Und die Gefangenen hörten sie. Schon mal von sympathischer Resonanz gehört? Wenn du auf einer Gitarre zwei Saiten nach dem gleichen Ton stimmst, und du spielst die erste Saite an, beginnt die zweite auch zu spielen. Du kannst die erste zum Stillstand bringen, die zweite spielt weiter. So ist es auch mit den Lob- und Dankliedern der Kirche. Gott der Herr hat seine Kirche durch seine Wohltaten zum Singen gebracht; auch wenn die früheren Generationen jetzt alle schweigen, so schwingt das Loblied in uns weiter. Und nicht nur das: Die Bibel sagt uns, dass Gott der Herr allen Menschen die Ewigkeit ins Herz gelegt hat. Der Mensch ist gemacht und darauf ausgerichtet, mit Gott zu rechnen und ihn zu loben. Wir sind, wenn man so will, nach dem gleichen Ton gestimmt. Auch wenn viele sich weigern, kann der Herr durch die Resonanz des gesungenen Evangeliums und das singende Bekenntnis andere auch zum Gotteslob bewegen. „Ich auch auf der tiefsten Stufen, ich will glauben, reden, rufen, ob ich schon noch Pilgrim bin: Jesus Christus herrscht als König, alles sei ihm untertänig, ehret, liebet, lobet ihn!“ Und die Gefangenen hörten sie. Das Wort des Kreuzes und die unerschütterliche Hoffnung dieser geschlagenen Missionare wird den Gefangenen ins Ohr eingetrichtert, und sie hören zu. Vielleicht wird unser Gotteslob unseren Mitmenschen glaubwürdiger, wenn es in der Not ertönt, wenn es aus der Tiefe kommt und sich dennoch lobend und preisend an den einzigen Helfer klammert, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Nach dem heftigen Erdbeben öffnen sich die Türen und fallen die Fesseln aller Gefangenen. Aber keiner läuft davon. Alle sind gebannt und gefesselt vom Wort des lebendigen Herrn, von seiner frohen Botschaft, die stärker ist als Schmerz und Leid und Sorge und Not. Der Kerkermeister geht davon aus, dass alle geflohen sind, und will sich das Leben nehmen, da ruft Paulus laut, dass alle noch da sind; und dann geschieht das große Wunder. Durch das Wort Gottes kommt der Kerkermeister zum Glauben. Weil der Vater den gekreuzigten Christus kennen und vertrauen gelernt hat, bittet er um die Taufe für sich und sein ganzes Haus. Spät in der Nacht geben Paulus und Silas trotz Beulen, Blut und blauer Flecke diesem Mann, seiner Frau, den Kindern, Eltern, Dienern, dem ganzen Haufen, eine Taufanweisung im Glauben, und der Kerkermeister nimmt sie auf und wäscht ihre Wunden. Wie bei Lydia kommt es auch hier zur Taufe und Kindertaufe. Sie sind erfüllt mit Freude über ihren Herrn. Ob sie dann auch gesungen haben? Von wegen Misserfolg! Das Evangelium Christi setzt trotz des Leidens der Diener Gottes, oder besser gesagt, durch ihr Leiden, seinen Einzug in den europäischen Kontinent fort, und die Kirche wächst. Was zunächst wie ein vernichtende Niederlage aussah, war in Wirklichkeit das Mittel, mit dem Gott seinen Erfolg herbeiführte und den Glauben siegreich nach Europa brachte.

 

Ihr Lieben, wann immer euch nicht nach Singen zumute ist, wenn eure Stimmung mies ist und ihr euch von Gott vernachlässigt, vergessen, verlassen fühlt – dann denkt daran, dass ihr angegriffen werdet. Der Böse will immer noch, dass das Lob der Kinder Gottes verstummt. Dass die Botschaft vom Sieg in dem Blute Jesu und in seiner Auferstehung ein Ende hat. Aber denkt an den trotzigen Gesang der geschlagenen Missionare im Gefängnis, das Lied vom geschlagenen Knecht Gottes, in dessen Wunden und Leiden der Sieg aller Siege errungen wurde. Macht euch ihr Lied zu eigen. Nutzt die Gabe der Musik. Stärkt euch mit Liedern. Nehmt das Gesangbuch und singt zu Hause. Die Musik bringt euren Glauben zum Ausdruck und bewegt euer ganzes Wesen zum Gotteslob, ihr werdet von der lebendigen Hoffnung erfüllt, neu belebt, gestärkt. Amen.


Kantate (Der singende Gemeinde)

Wochenspruch

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.

Psalm 98, 1a

Epistel

Zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar. Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

Kolosser 3, 12 – 17

Hauptlied

Lob Gott getrost mit Singen 248. Nun freut euch, lieben Christen gmein 240

Evangelium

Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Matthäus 11, 25 – 30


liturgische Farbe: weiß

Festzeit: Österliche Freudenzeit

Wochenspruch: Ps 98,1

Wochenpsalm: Ps 98

Eingangspsalm: Ps 118

Epistel: Kol 3,12-17

Evangelium: Mt 11,25-30

Predigttext: Mt 21,14-17 (18-20)

Wochenlied: 243 und 341


Erklärung zu den Perikopen:

Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).


I(Evangelium): Mt 11,25-30

II: Kol 3,12-17

III: Mt 21,14-17 (18-20)

IV: Apg 16,23-34

V: Jes 12,1-6

VI: Offb 15,2-4