Kantate (Die singende Gemeinde) – 2020

Predigt zu Kantate, den 10. Mai 2020 | Christusgemeinde Kirchdorf – Apg 16,23-34 I.i.

Mitternacht im Gefängnis in der Hafenstadt Philippi. Meistens ist es um Mitternacht mucksmäuschenstill im Gefängnis, hört das Schimpfen und Grölen der Gefangenen auf, versucht jeder ein bisschen zu schlafen. Aber diese Nacht ist nicht an Schlaf zu denken. Im sonst so schweigsamen Kerker schläft kein einziger Gefangener. Aus einer Zelle in der Mitte erklingt – merkwürdigerweise – Musik. Folgen wir der Melodie. Durch den Eingangsbereich in den dunklen Gang, es riecht moderig und muffig, weiter nach hinten in den Hochsicherheitstrakt. Da – eine Zelle, aus der Singen kommt. Singen im Gefängnis? Drinnen zwei Männer. Mitgenommen sehen sie aus. Die Kleidung zerrissen, die Rücken mit Beulen, blauen Flecken und geronnenem Blut bedeckt, das die paar Lumpen, die sie anhaben, durchtränkt hat. Es ist kalt. Die Kerze ist ausgeweht worden. Pechdunkel. Sie zittern vor Schmerzen und Trauma. Nicht nur der Rücken schmerzt. Auch ihre Beine brennen, sie sind in unnatürlich-unangenehmer Pose im Block befestigt. Sie können sich nicht bewegen. An Schlaf ist nicht zu denken. Sie könnten wimmern. Sie könnten stöhnen. Sie könnten weinen. Stattdessen – singen sie.

Die Geschichte dieser beiden Gefangenen ist eine Geschichte von zuerst großem Erfolg, gefolgt von bitterem Misserfolg. Ihre Namen sind Paulus und Silas, und sie sind im Gefängnis, weil sie kamen, als Gott sie rief. Der Herr hatte Paulus in einer Vision nach Europa berufen, um das Evangelium zu predigen. Sofort reist er mit Silas, sie gehen hin, wohin Gott sie ruft. Die Reise verläuft gut. Nachdem sie europäischen Boden betreten, gehen sie in eine größere Stadt, eine römische Kolonialstadt namens Philippi. Unter all den Römern finden sie dort am ersten Samstag (dem Sabbat) auch eine Gruppe von Menschen, die sich versammeln, um Gott anzubeten. Und Paulus bittet, ob er mit ihnen reden darf. Er predigt die Botschaft vom Kreuz, und der Herr schenkt offene Ohren und Herzen; an diesem Tag kommt die allererste Person in Europa zum Glauben, die reiche Kauffrau Lydia. Sie wird mit ihrem ganzen Haushalt getauft. Und sie öffnet ihnen ihr Haus, und nun dürfen Paulus und Silas umsonst bleiben. Von da an benutzen sie Lydias Haus und Vermögen als Basis für Mission in Europa. Ein wunderbarer Erfolg für das Evangelium!
Aber dann laufen die Dinge schief. Paulus und Silas gehen umher und missionieren, es hängt sich ihnen eine Magd an die Fersen, eine Sklavin. Nicht, weil sie hören will, nicht, weil sie das Evangelium will, sondern weil sie besessen ist. Tagelang macht diese Sklavin ihnen die Arbeit sehr schwer, schreit sie an und macht Ärger. Der böse Geist in ihr brachte den Besitzern des Sklavenmädchens viel ein; er konnte durch die Sklavin die Zukunft voraussagen, die Eigentümer verdienten durch ihre Wahrsagerei viel Geld. Aber böse Geister mögen nicht vom Blut Jesu Christi hören. Es ist ihnen zu stark. Sie wollen nicht, dass Menschen von Sünden reingewaschen werden, sie lieben die Dunkelheit und wollen nicht das Licht, sie ärgern sich über das Wort vom Kreuz und Vergebung in Christus Jesus. Und so versucht der böse Geist die Predigt des Evangeliums zu verhindern, treibt das besessene Mädchen dazu, Paulus und Silas hinterherzuschreien, bis Paulus irgendwann genug hat. Er dreht sich um und treibt den bösen Geist in Jesu Namen aus. Und der Geist fährt aus – er muss es, Jesu Name ist ihm zu stark – er fährt aus und mit die Profite und das Geld, das er einbrachte. Die Sklavin kann nicht mehr die Zukunft vorhersagen, ihre Besitzer sind wütend, Paulus und Silas sind schuld, und sie zerren sie vor Gericht. Beschuldigen sie als Unruhestifter. Peitschen die antisemitischen Gefühle der Menge auf, die Juden sind an allem schuld, sie rauben uns das Einkommen, bis die Römer so in Aufruhr geraten, dass Paulus und Silas entgegen allen römischen Gesetzen gepackt werden, ihnen werden die Kleider vom Leib gerissen, man schlägt sie, peitscht sie aus. Heftige Prügel, bis an die Grenze dessen, was ein Mann ertragen kann; ohne fairen Prozess werden sie ins Gefängnis geworfen und ihre Beine in den Block gesteckt, Kette fest, Gittertür zu. Der wunderbare Erfolg des Evangeliums auf europäischem Boden kommt abrupt zum Stillstand, ein kläglicher Misserfolg. Gott hatte sie dorthin berufen! Aber jetzt weil sie das Evangelium predigen, Dunkelheit mit Licht bekämpfen, werden sie fast totgeprügelt. Alles schmerzt. An Schlaf ist nicht zu denken. Sie könnten wimmern. Sie könnten stöhnen. Sie könnten weinen. Stattdessen – singen sie.

Wann bekommen wir Lust zu singen? Für die meisten von uns ist es in den Momenten, in denen wir so voller Freude sind, dass Worte nicht ausreichen, dass sich Gefühle in Musik ausdrücken und wir die Duschwände mit unserer Kunst verwöhnen. Aber wenn die Stimmung schlecht ist, wenn wir schwere Zeiten durchmachen, in Trübsal und Trauer singen wir nicht. Habt ihr mal den alten Film „Zulu“ gesehen? Er schildert die Schlacht von Rorke’s Drift (übrigens auch ein „Misserfolg“ auf einer Missionsstation). Kurz vor der Schlacht sieht man die Zulu-Krieger sich in Massen heranschleichen. Dann ist das Schleichen zu Ende, die Krieger beginnen, mit Stöcken gegen ihre Schilder zu schlagen, umzingeln die Missionsstation, in ihr suchen britische Soldaten Schutz; und dann beginnen die Zulukrieger, zu singen. Obwohl es nur ein Film ist – diese Kriegerstimmen machen mir eine Gänsehaut. Sie singen zur Vorbereitung auf die Schlacht. Sie singen, um die Feinde herauszufordern. Aber dann, mitten im Kriegslied der Zulus, fängt die kleine eingeschlossene Streitmacht hinter den Mauern auch an zu singen, zuerst einer, bald alle, singen sie als Antwort der Übermacht ein eigenes Kriegslied. Warum tun sie das? Warum singen sie? Weil ihnen danach ist? Weil die Stimmung sie bewegt? Nein – beide Seiten singen Kampflieder, um dem Feind die Stirn zu bieten, um sich Mut „einzusingen“, und sich Tapferkeit zuzusingen. Sie singen, um sich zu bewegen, um Stimmung zu schaffen! Musik ist eine Gabe Gottes, die vieles erreichen kann. Musik bewegt, sie schafft Emotionen, sie beeinflusst und bestimmt, wie man sich fühlt. Wenn wir voller Hoffnung auf den Herrn vertrauen wollen, tun wir gut daran, mit Singen anzufangen. In den Liedern der Kirche, in den alten, alten Gesängen, die wir als Kinder auswendig lernten, steckt mehr drin, als wir je geahnt haben, sie singen das Lied der Kirche, sie singen, um Traurigkeit und Selbstmitleid zu vertreiben, sie singen Kampf- und Kriegeslieder, um dem Feind die Stirn zu bieten. „Fühlst du den Stärkeren, Satan, du Böser? Jesus ist kommen, der starke Erlöser!“

Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott [mit Liedern]. Und die Gefangenen hörten sie. Dieser eine Satz deutet auf große Kraft. Es ist die Kraft des betenden Singens, den Mächten der Finsternis zu trotzen, die das Zeugnis des Wortes Christi zum Schweigen bringen wollen, die nicht wollen, dass die Welt vom starken Erlöser und seinen mächtigen Engeln hört. Diese geschundenen Männer singen vom Glauben an den Herrn aller Herren – trotz der Schmerzen in ihren Rücken und Beinen und der schmerzhaften Erniedrigung und Demütigung, die sie erlitten haben. Man könnte meinen, im Gefängnis, nachdem man zu Grus und Mus geschlagen wurde, das wäre der letzte Ort, an dem man singen würde. Aber dass sie es dort tun, ist ein starkes Zeugnis vom starken Erlöser. „Ich auch auf der tiefsten Stufen, ich will glauben, reden, rufen, ob ich schon noch Pilgrim bin: Jesus Christus herrscht als König, alles sei ihm untertänig, ehret, liebet, lobet ihn!“ Und die Gefangenen hörten sie. Das Wort des Kreuzes und die unerschütterliche Hoffnung dieser geschlagenen Missionare wird den Gefangenen ins Ohr eingetrichtert, und sie hören zu. Vielleicht wird unser Lob Gottes unseren Mitmenschen glaubwürdiger, wenn es in der Not immer noch ertönt, wenn es aus der Tiefe kommt und sich dennoch lobend und preisend an den einzigen Helfer klammert, an den, der Himmel und Erde gemacht hat. Paulus und Silas singen ein Kampflied im Angesicht des Feindes, preisen Gott da, wo es keinen Grund zu geben scheint, und die Gefangenen hören zu. Und der Herr handelt. Ein heftiges Erdbeben erschüttert das Gefängnis, öffnet die Türen, löst die Fesseln aller Gefangenen. Aber niemand läuft davon. Alle sind gebannt und gefesselt vom Wort des lebendigen Herrn, von seiner frohen Botschaft, die stärker ist als Schmerz und Leid und Sorge und Not. Der Herr gibt diesem Ereignis einen gesegneten Ausgang. Der Kerkermeister sieht, wie sich die Türen öffnen, geht davon aus, dass alle geflohen sind, und weil er dafür haftbar ist und wird büßen müssen, ist er schon im Begriff, sich lieber selbst zu töten, aber Paulus ruft und versichert ihm, dass alle noch da sind; und durch das Wort Gottes wird der Kerkermeister zum Glauben gebracht. Er wird durch den Glauben an den Herrn Jesus gerettet, er und sein ganzes Haus. Spät in der Nacht, in den Stunden der frühen Morgenzeit, geben Paulus und Silas trotz Beulen, Blut und blauer Flecke diesem Mann und seinem ganzen Haus, den Kindern, Großeltern, Dienern, dem ganzen Haufen, eine kurze Taufanweisung im Glauben, und der Kerkermeister nimmt sie auf und wäscht ihre Wunden, und dann werden er und sein ganzes Haus getauft. Und sie sind erfüllt mit Freude über ihren Herrn. Ob sie dann auch gesungen haben? Von wegen Misserfolg! Auch wo wir keinen Ausweg sehen und verzagen wollen, schafft Gott der Herr selbst durch sein Wort Segen, es erreicht bestimmt, wozu er es sendet. Und so setzt das Evangelium Christi trotz des Leidens der Diener Gottes, oder besser gesagt, durch ihr Leiden, seinen Einzug in den europäischen Kontinent fort, und die Kirche wächst. Was zunächst wie ein vernichtende Niederlage aussah, war in Wirklichkeit das Mittel, mit dem Gott seinen Erfolg herbeiführte und den Glauben siegreich nach Europa brachte.

Ihr Lieben, in dieser Zeit, in der wir uns befinden, vergeht uns vielleicht die Lust am Singen. Wir singen nicht bei der Kirche im Gottesdienst, und vielleicht bleibt es zu Hause auch still. Vielleicht fühlt ihr euch zu Hause eingekerkert. Aber ich möchte Euch Mut machen, das Gesangbuch zu nehmen und bei der Andacht zu Hause zu singen. Auch wenn es zuerst kläglich klingen mag – es klingt. Wann immer euch nicht nach Singen zumute ist oder ihr denkt, ihr hättet Grund genug, es nicht zu tun, wenn eure Stimmung mies ist und ihr euch von Gott vernachlässigt, vergessen, verlassen fühlt – dann denkt daran, dass ihr auf einem Schlachtfeld steht. Dass ihr angegriffen werdet. Der Böse will heute immer noch, dass das Lob und das Zeugnis der Kinder Gottes verstummt. Dass die Botschaft vom Sieg in dem Blute Jesu und in seiner Auferstehung ein Ende hat. Aber ihr habt nicht nur allen Grund zum Singen, sondern auch Anlass dazu. Denkt an den trotzigen Gesang der geschlagenen Gottesboten im Gefängnis, das Lied vom geschlagenen Knecht Gottes, in dessen Wunden und Leiden der Sieg aller Siege errungen wurde. Macht euch ihr Lied zu eigen. Nutzt die Gabe der Musik. Gott hat diese Gabe ausdrücklich zur Stärkung der Kirche gegeben (1. Kor 14,26c). Singt zu Hause. Und wenn ihr nicht singen könnt, dann blast oder flötet oder klimpert oder geigt. In der Musik steckt große Kraft, sie ist eine Gabe Gottes; sie bringt unseren Glauben zum Ausdruck und bewegt unser ganzes Wesen zum Gotteslob, wir werden wieder mit der lebendigen Hoffnung verbunden, neu belebt, gestärkt.

Martin Luther schrieb: „Wenn du entweder Traurige aufrichten willst, oder Fröhliche schrecken, Verzweifelnde ermutigen, … Rasende stillen, Gehässige begütigen – … was kannst du Wirksameres finden als eben die Musik? Selbst der Heilige Geist ehrt sie als ein Werkzeug seines eigenen Amtes, da er in seinen heiligen Schriften bezeugt, dass durch [die Musik] der Teufel ausgetrieben werde, das heißt der, der zu allen Lastern antreibt, wie an Saul, dem König Israels, gezeigt wird. Daher wollten die Väter und die Propheten…, dass nichts enger mit dem Wort Gottes verbunden sei als die Musik. Denn daher kommen so viele Gesänge und Psalmen, in denen zugleich die Rede und die Stimme im Herzen des Zuhörers wirken.“ „Wir wissen, dass die Musik auch den bösen Geistern verhasst und unerträglich ist. … Dafür ist ein klarer Beweis, dass der Teufel, der Urheber trauriger Sorgen und beängstigender Unruhe, bei der Stimme der Musik fast gleicherweise flieht, wie er flieht bei dem Wort der Theologie.“

Ihr Lieben, in dieser Zeit dürfen wir wieder den Schatz der Kirche ganz neu entdecken, den wir im Gesang haben. Über YouTube und das Internet bietet sich Euch die herrlichste Musik der Kirche. Viele unserer Gesänge finden wir dort als Aufnahmen. Wenn ihr einsam seid, in Schmerzen, in Schwierigkeiten, in Trauer: Lasst euch nicht überwältigen, verzweifelt nicht an den Verheißungen und der Hilfe unseres treuen Gottes! Stellt euch im Geiste neben Paulus und Silas und singt das Siegeslied, um dem Feind die Stirn zu bieten. Der Kirchenvater Augustin sagte: „Wer singt, betet doppelt“. So ist es. Wenn ihr zweifelt, singt. Wenn ihr trauert, singt. Wenn ihr Schmerzen habt, singt. Lasst das Lied des Glaubens den Ton eures Lebens angeben. Amen. SSOLI OLI DDEO EO GGLORIALORIA


Kantate (Der singende Gemeinde)

Wochenspruch

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.

Psalm 98, 1a

Epistel

Zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar. Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

Kolosser 3, 12 – 17

Hauptlied

Lob Gott getrost mit Singen 248. Nun freut euch, lieben Christen gmein 240

Evangelium

Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Matthäus 11, 25 – 30


liturgische Farbe: weiß

Festzeit: Österliche Freudenzeit

Wochenspruch: Ps 98,1

Wochenpsalm: Ps 98

Eingangspsalm: Ps 118

Epistel: Kol 3,12-17

Evangelium: Mt 11,25-30

Predigttext: Mt 21,14-17 (18-20)

Wochenlied: 243 und 341


Erklärung zu den Perikopen:

Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).


I(Evangelium): Mt 11,25-30

II: Kol 3,12-17

III: Mt 21,14-17 (18-20)

IV: Apg 16,23-34

V: Jes 12,1-6

VI: Offb 15,2-4