Karfreitag (Die Erhöhung ans Kreuz) – 2022

Trotz WhatsApp Pindrops ist es doch manchmal nötig, dass dir jemand den Weg beschreibt. Es gibt 2 Wegbeschreibungsweisen; entweder der Wegweiser nutzt Orientierungspunkte oder wissenschaftliche Angaben. „Nach dem großen Baum musst du rechts abbiegen“, sagen sie. „Und dann die Straße entlang an dem alten Haus vorbei durch die Lunke, bis du zu den Avocados kommst. Dahinter ist unsere Einfahrt. Da ist leider kein Schild. Aber Du kannst sie nicht verfehlen.“ Das sind Wegbeschreibungen nach Orientierungspunkten. Und dann gibt es die Wissenschaftler. Bei denen braucht man Kompass und Landkarte. „Bleib auf der R614, fahr 6½ km nach Ostnordosten, bei der T-Kreuzung biegst du rechts auf die P480 und fährst genau …“ Wie man beschreibt wirkt sich darauf aus, wie man folgt, wonach man sich richtet.

St. Lukas geht in seinem Evangelium eher wissenschaftlich vor. In seiner Erzählung über die Geburt Christi verweist er auf Könige und Weltreiche. „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging…“ Es „geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war“ (2,1-4). Lukas nennt uns den ungefähren Zeitpunkt, an dem Jesus sein Amt antrat: „Im fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war und Herodes Landesfürst von Galiläa und sein Bruder Philippus Landesfürst von Ituräa und der Landschaft Trachonitis und Lysanias Landesfürst von Abilene, als Hannas und Kaiphas Hohepriester waren“ (3,1-2). Lukas geht wissenschaftlich vor. Das bestimmt auch, wie wir den Ereignissen folgen. Wir erkennen sie als Teil der Geschichte an. Aber wenn Lukas die Kreuzigung beschreibt, beginnt er, Orientierungspunkte zu verwenden. Er verweist auf die Schöpfung und auf den Tempel. [44-45]. Man braucht keine Landkarte des Heiligen Landes, um zu wissen, was bei der Kreuzigung passiert ist. Man muss nicht den Unterschied zwischen einem Statthalter und einem Landesfürst kennen. Nein, Lukas nutzt das Offensichtliche, um das Geschehen so zu beschreiben, dass jeder auf der Welt es sehen und an die Gnade Gottes glauben kann.

So oft machen Menschen aus der Religion eine Wissenschaft. Es gibt so viele Fragen, die Menschen haben, wenn sie in dieser Welt leben, und noch mehr, wenn sie Gott nahekommen wollen. Wenn ihr den Fernseher einschaltet, bietet sich eine Auswahl an religiösen Systemen. Es gibt Regeln für das Leben und Versprechen für die Zukunft. Wenn ihr nur fest genug daran glaubt, wird Gott Heilung schenken. Die Leute sagen dir, was du mit deinem Geld tun sollst, wo du investieren sollst, wie du im Geist beten sollst. Und dann schaltet man den Fernseher aus und wird mit der Komplexität des Lebens konfrontiert: Familienglieder mit gesundheitlichen Nöten; astronomische Dünger- und Dieselpreise; die Mühle kann das Zuckerrohr nicht mahlen und nimmt nichts an und du bereitest dich auf ein Gespräch mit Kreditgebern vor – und dann will die Mühle plötzlich mehr Zucker, als du liefern kannst – und dann kommen der Regen und die Fluten und unterbrechen Fahrten und Lieferketten, und du fragst dich: „Wo finde ich Gott in diesem Durcheinander?“ Da kann der Glaube schwieriger werden, als die Landschaft Trachonitis auf einer Landkarte zu finden. Und ein Herz, das bereits mit Sorgen belastet ist, verliert den Mut.

Vielleicht bist Du heute müde, weil du versucht hast, Gott dazu zu bringen, in deinem Leben zu wirken. Du hast alle möglichen Regeln befolgt. All die rechten Bücher gelesen. Du bist einfach müde von dem Kampf … erschöpft von der Komplexität … und hast tief im Inneren Angst, dass Gott vielleicht nicht für dich da ist. Lieber Christ! Hör auf Gottes Wort. Es spricht heute für alle, die jemals in einem religiösen System verlorengegangen sind. Seien es Lebensregeln und Vorschriften, die Politik der Kirchen oder die Versprechen irgendeines Evangelisten im Fernsehen. Wenn ihr jemals verloren wart, hört auf Gottes Wort. Das Lk-Ev verweist auf etwas Wichtiges und Zentrales in der Religion, nämlich auf den Tempel. Um zu verstehen, was bei dieser Kreuzigung geschieht, sagt sie, stellt euch einen Gottesdienst vor, bei dem ein Riesenvorhang Menschen von ihrem Gott trennt. Wenn dieser Tempelvorhang zerreißt, wisst ihr, dass etwas passiert ist. Der ganze Gottesdienst hat sich verändert. Gott ist nicht mehr vor seinem Volk verborgen, muss nicht mehr durch das Blut von Opfern erreicht werden. Er braucht nicht mehr unsere religiösen Aktivitäten und Bemühungen, um ihn zu finden. Hier öffnet Gott euch sein Herz. Er kommt zu euch und öffnet die Tür zur ewigen Vergebung.

Braucht ihr noch eine Wegbeschreibung zu ihm? Lukas verweist auf etwas Allgemeines: auf die Schöpfung. Um zu verstehen, was bei dieser Kreuzigung geschieht, muss man einfach in einer Welt gelebt haben, in der die Sonne morgens aufgeht und sich ihren Weg von einer Seite des Himmels zur anderen bahnt. Wenn es mitten am Tag ist, zwischen der sechsten und neunten Stunde, wenn dann die Sonne in der Mitte des Himmels steht und es plötzlich dunkel wird, dann weiß man, dass etwas passiert ist. Die Art und Weise, wie die Welt funktioniert, hat sich geändert. Für einen Moment neigt die Schöpfung ihr Haupt und schließt ihre Augen. Es ist eine Dunkelheit wie keine andere. Doch dann wird ein Sonnenaufgang folgen. Der Beginn eines neuen, nie endenden Zeitalters. Diejenigen, die in dieser Finsternis die Liebe Gottes gesehen und erfahren haben, werden niemals müde und matt, denn ihr Gott ist lebendig. Er kommt auch in der Dunkelheit zu euch, nimmt den Zorn Gottes für euch auf sich, damit des ewige Licht seiner Gnade euch leuchtet. Der, der sich um die ganze Schöpfung kümmert, kommt an diesem Tag zu euch, um euch wissen zu lassen, dass er sich um euch kümmert.

Aber für diejenigen, die noch mehr brauchen, bietet Lukas einen weiteren Orientierungspunkt auf dem Weg. Als Jesus stirbt, gibt es viele Reaktionen. Die Menschenmenge schlägt sich an die Brust. Die Frauen stehen von ferne. Josef, ein Mitglied des Hohen Rates, bittet Pilatus um den Leichnam. Komplexe Emotionen und Handlungen, und dann gibt es mitten drin eine besonders seltsame Reaktion. Der römische Hauptmann: [47]. Dies ist das einzige gesprochene Wort im LkEv zwischen der Kreuzigung und der Auferstehung. Jesu Lippen schließen sich im Tod. Nun kommen keine weiteren Wörter der Weisheit über diese Lippen, keine Lehren von Gott, keine Gleichnisse mehr, die liebe, vertraute Stimme verklingt im Tod und die ganze Welt schweigt betroffen… und dann ertönt eine einzige Stimme. Eine Stimme in der Stille. Sie preist Gott. Der heidnische Hauptmann preist Gott.

Lobpreis ist das, was passiert, wenn Jesus Wunder tut. Wenn ein Wunder geschieht, öffnen die Menschen den Mund und loben Gott. Die Hirten auf dem Feld sehen himmlische Wunder, laufen zu Jesus und öffnen den Mund zum Lob. Die Menschen von Nain nehmen an einer Beerdigung teil. Als Jesus das Kind der Witwe von den Toten auferweckt, öffnen sie den Mund zum Lob. Ein Aussätziger wird geheilt und läuft zu Jesus zurück, ein Blinder wird sehend und schaut sich seinen Herrn genau an. Ihre Münder öffnen sich zum Lobpreis. Die Wunder Jesu bewegen Menschen zum Lobpreis. Aber nun, wo man meinen würde, dass die Zeit der Wunder vorbei ist, wo man meinen würde, dass alle Wunder vorbei sind, jetzt, wo Jesus tot am Kreuz hängt, öffnet der römische Hauptmann seinen Mund zum Lobpreis. Warum? Weil er ein Wunder gesehen hat, das alle Wunder übertrifft. Er hat gesehen, wie Gott einen wunderbaren Wechsel bewirkt hat. Er tauscht deine Sünde für seine Gerechtigkeit ein, bestraft einen Gerechten anstelle aller Sünder. Ganz abgesehen von der Komplexität deines Lebens, abgesehen von deinem Wohlbefinden, deinem Stress, deiner Angst, deiner Trauer, abgesehen davon, wie viele Bücher für das geistliche Leben du in deinem Regal stehen hast, eines bleibt gewiss: Jesu Gerechtigkeit rettet dich vor der Sünde. Für die Ewigkeit steht dein Weg fest. Das Kreuz ist für dich zu einem Ort des Lobes geworden. Gott schaut auf dein Leben, sieht deine Sünde und beschließt dennoch, dich um seines Sohnes willen gerecht zu sprechen. Das ist sein Werk, nicht deins. Sein Gehorsam, nicht deiner. Seine Liebe, nicht deine. Seine Gnade, nicht deine. Nur eine Stimme spricht, und sie teilt eine einfache Wahrheit mit: Dies war ein frommer Mann, und durch seine Gerechtigkeit bist du gerettet.

Wir leben in einer komplexen Welt: gesundheitliche Schwierigkeiten in der Familie, Probleme beim Mahlen der Mühlen und Instabilität des Marktes, Naturkatastrophen und Seuchen und Krankheiten und Kriege und Versorgungskrisen. In dieser Komplexität verlieren wir leicht den Überblick. Wir versuchen, alle unsere Verantwortlichkeiten und Verpflichtungen und Versorgungsnöte unter einen Hut zu bringen und finden keine einfachen Antworten. Es ist nie so einfach, wie den Fernseher einzuschalten oder ein Buch über christliches Leben in die Hand zu nehmen. Wir kämpfen, wir beten, wir lieben von Herzen und wir leben von Herzen. Manchmal schwanken wir und wissen den Weg nicht mehr. Es wird uns zu viel. Aber selbst wenn wir in unserer Schwäche in Sünde fallen, bleibt Gott ein Retter, der uns Rettung bringt. Solange wir leben und kämpfen, gibt es eine Sache, die sich nicht ändert. Menschen können auf meine Sünde hinweisen, aber ich kann auf meinen Retter hinweisen. Auf Jesus. Dieser, der am Kreuz starb, war ein gerechter Mann. Und so hat Gott diesen Ort, Golgatha, zu einem Ort des Lobes gemacht. Heute öffnet Gott das Himmelreich. In Christus vergibt er dir deine Sünden und Schwächen. Finden deinen Trost in dieser Gewissheit. Auch wenn dein Leben kompliziert ist, hat Gott dir im Tod seines Sohnes das Leben geschenkt. Er geht deinen Weg mit dir. Bei ihm bist du nie verloren. Dafür wollen auch wir ihn loben.

 

Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht,

Du führst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht.

So nimm denn meine Hände und führe mich

bis an mein selig Ende, und ewiglich!


Karfreitag (Die Erhöhung ans Kreuz)

Tagesspruch
Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Johannes 3, 16

Introitus – Nr. 28 (Johannes 1, 29; Psalm 22, 2 u 20)

Epistel

[Wenn einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben. Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist. Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr. Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Aber das alles von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt.] Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

2. Korinther 5, [14b – 18] 19 – 21

Hauptlied
Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld 158

Evangelium

Pilatus überantwortete Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber, und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern, dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben. Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt: „Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.” Das taten die Soldaten. Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund. Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied.

Johannes 19, 16 – 30