„Krise in der Gemeinde? Durch den Dienenden zum Dienen befreit werden“ – 13. Sonntag nach Trinitatis 2026

Der vorherige Pastor war vorbildlich: Er war handwerklich begabt und liebte es, das Pastorenhaus, die Gebäude, den Rasen auf dem Kirchhof und die Blumenbeete in Schuss zu halten. Der neue Pastor aber tat das nicht. Diese Aufgaben blieben liegen, andere mussten übernehmen. Auch das Rasenmähen. Das kostete natürlich Geld und bereitete dem Finanzbeirat Sorge. Einer wurde hingeschickt, den neuen Pastor taktvoll auf das Problem anzusprechen. Er sagte zu ihm: „Wissen Sie, unser früherer Pastor hat den Rasen selber gemäht. Haben Sie sich diese Möglichkeit einmal überlegt?“ Der Neue antwortete: „Ja, und ich habe ihn auch gefragt, aber er will es nicht mehr machen.“

Was fällt eigentlich unter den Aufgabenbereich des Pastors – und was nicht? Seitdem Gott der Herr das heilige Predigtamt eingesetzt hat, ist viel Zeit vergangen. Und obwohl die wesentlichen Kernpunkte dieselben geblieben sind, sind hin und wieder andere Aufgaben dazugekommen, sodass es schwierig wird, genau zu definieren, was ein Pastor tun soll und was nicht. Meistens macht man sich darüber kaum Gedanken – bis man plötzlich muss. Wie bei so vielen anderen Dingen muss es erst zu einer Krise kommen, bis wir wieder neu nach dem Predigtamt schauen und überdenken, worin die Berufung des Pastors – das heilige Predigtamt – besteht. Unsere deutsche Schwesterkirche z.B. hat sich in den letzten Jahren intensiv mit diesem Thema befassen müssen, weil bei ihr der Pastorenmangel so akut geworden ist.

Zu einer Krise war es auch unter den allerersten Christen in Jerusalem gekommen. Zu Anfang erlebte die Gemeinde dort enormen Zuwachs. Wo zu Pfingsten etwa 3.000 Menschen getauft wurden, nahm die Zahl der Christen rasant zu, sodass wir kurze Zeit später – nämlich in Apg 6 – von einer Gesamtzahl zwischen 20- und 25.000 ausgehen können. Da muss man sich doch fragen: Was haben die ersten Christen richtig gemacht, dass sich so viele anschlossen? Die Heilige Schrift sagt uns genau, was ihre Prioritäten waren. Es waren vier Eckpfeiler, nach denen das Gemeindeleben ausgerichtet war: die Lehre der Apostel, die Gemeinschaft, das heilige Abendmahl und das Gebet. Das sind die Eckpfeiler, die die rechte christliche Kirche bis heute ausmachen. Doch der Grund, warum die Gemeinde wuchs, den nennt die Schrift eindeutig. Sie sagt: Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden. Dass die Gemeinde wuchs, lag nicht an Pastoren, die in Jeans mit Mikrofonen vor der Gemeinde herumliefen, um TED-Talk ähnliche Messages zu sharen, nicht an Programmen und Motivationsrednern, nicht an Lichtern oder Lasern oder Nebelmaschinen, nicht an Powerpoint oder Bildschirmen oder Bühnen. Nein, nichts, was Menschen taten, ließ die Gemeinde wachsen, sondern das tat allein der Herr, und zwar durch ganz bestimmte Mittel. Darüber gleich mehr.

Das rasante Wachsen der Gemeinde brachte aber auch Probleme mit sich. Eines der ersten Probleme war, dass bestimmte Mitglieder übersehen wurden. Das war so: Damals hatten Witwen keine Ansprüche auf einen Lebensunterhalt, auf rechtliche Vertretung, auf Pension, auf medizinische Fürsorge. Und so kam es, dass die Gemeinde diese Aufgaben übernahm. Wohlhabendere Christen spendeten regelmäßig Geld, Lebensmittel, Medizin, und andere Güter für die Witwen. Die Apostel verteilten die Spenden nach Bedarf. Aber bei immer mehr Gemeindegliedern wurden viele Witwen übersehen und übergangen. Hinzukam ein weiteres Problem. Die ersten Christen waren in zwei Sprachgruppen unterteilt: eine Gruppe sprach Griechisch und die andere Hebräisch und Aramäisch. Das brachte Spannungen mit sich, denn die Sprachgruppen wurden nicht gleich berechtigt. Hebräischsprachige Witwen wurden versorgt, viele Griechischsprachige aber nicht. Und das sorgte für hungernde Frauen und für Ärger zwischen den Sprachgruppen in der Gemeinde. Dahinter steckte keine böse Absicht, sondern die Apostel, die die Spenden verteilten, konnten mit dem Wachstum der Gemeinde einfach nicht Schritt halten. Und weil die Apostel selbst hebräischsprachig waren, kam es zu Vorwürfen von Bevorzugung und Begüngstigungspolitik. Wir sehen: Probleme im Aufgabenbereich der Prediger führen schnell zu Krisen in der Gemeinde.

Genau an dieser Stelle beweisen die Apostel kompetente Führungsqualitäten. Sie handeln sofort. Das ist gut. Wenn Krisen in der Gemeinde auftauchen, bringt es nichts, sie vor sich hinauszuschieben, sondern man packt sie an bevor sich die Krise verschlimmert. Gleichzeitig machen die Apostel einen geschickten Schub. Sie bestimmen nicht eigenmächtig, was jetzt passieren soll, sondern sie stellen einen Antrag und berufen die nächste Gemeindeversammlung ein. Sie machen alle auf die Krise aufmerksam. Sie gehen die Krise geistlich an. Sie gestehen ihre Schuld ein. Aber gleichzeitig weisen sie auf das eigentliche Problem hin. Oft geht es bei Krisen nicht um das eigentliche Problem, sondern um Randerscheinungen. Krisen in der Gemeinde – auch Krisen um weltliche Dinge oder Mitteldinge – lassen sich oft auf tieferliegende Ursachen zurückführen. Deswegen ist geistliche Einsicht und Weisheit in der Gemeinde gefragt. Und wir sehen: die Stärke der christlichen Gemeinde liegt nicht darin, dass sie keine Probleme hat, sondern darin, wie sie in Christus damit umgeht.

Manche schoben die Schuld den Aposteln in die Sandalen. Sie sagten: „Ihr Pastoren macht eure Arbeit nicht richtig! Deshalb werden unsere Gemeindemitglieder vernachlässigt.“ Einerseits hatten sie damit recht. Apostel damals, Pastoren heute sind sündige Menschen. Und so kommt es leider vor, dass sie ihre Aufgaben nicht schaffen, und dass sie Gemeindeglieder verletzen. Genau das war hier der Fall. Die Vernachlässigung jener Witwen war eine Sünde. Sie musste angesprochen werden – bekannt werden; vergeben werden Aber das tieferliegende Problem war, dass die Apostel – die Vorgänger der heutigen Pastoren – Aufgaben übernahmen, die nicht zu ihrem Amt gehörten. Dadurch waren sie überfordert; und dadurch vernachlässigten sie ihre eigentliche Aufgabe, zu der sie berufen waren. Die ganze Gemeinde musste sich erstmal besinnen auf das Wort des Herrn. Was hatte der Herr Jesus gesagt? Als er sie berief, sagte er zu ihnen: Geht – macht zu Jüngern alle Völker – tauft sie – lehrt sie. Er vertraute den Apostel das Amt der Schlüssel an und machte sie zu Verwaltern der Sakramente. Das ist die Aufgabe des Pastors bis heute: Taufen; predigen; die Lehre der Apostel lehren; beten; das heilige Abendmahl verwalten; Seelsorge. ALLES ANDERE IST ZWEITRANGIG – so gut es auch sein mag. Wenn das Zweitrangige die Hauptsache verdrängt, dann ist die schriftgemäße Antwort nicht, dass der Pastor mehr macht, sondern dass er sich wieder auf die Hauptsache konzentriert. Wenn die Aufgaben des Pastors ihn abhalten von der Predigt, den Sakramenten, dem Unterricht, der Seelsorge, wenn zweitrangige Dinge ihn überlasten, dann muss sein Aufgabenbereich neu ausgerichtet werden, sodass der Dienst am Wort im Mittelpunkt steht. Wieso? Weil das Wort Gottes die eigentliche Arbeit in und an der Gemeinde und nach draußen hin tut. Es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben. Das Wort Gottes baut Gemeinde und schafft Glauben; denn es ist das Wort von Jesus Christus, der ja selber das Wort Gottes in Person ist, und wo sein Kreuz und seine Auferstehung gepredigt wird und damit das Evangelium von der Liebe Gottes zu allen Menschen, da werden Seelen gerettet, denn der Glaube kommt aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi. Und der Pastor ist dazu da, dieses Wort an den Mann und die Frau zu bringen.

Der Aufgabenbereich des Pastors muss immer wieder auf den Dienst am Wort Gottes ausgerichtet werden. Das ist das eine. Und das zweite ist, dass alle weiteren Aufgaben in der Gemeinde delegiert werden. Die zwölf Apostel stellen einen Antrag an die Gemeindeversammlung, und sieben Männer mit gutem Ruf, festen Glauben und Weisheit werden unter Handauflegung eingeführt, um die Diakonie, den Hilfsdienst in der Gemeinde zu beaufsichtigen. Bitte beachtet: Mit diesem Schritt haben die Apostel nicht einige ihrer Aufgaben an andere delegiert; sondern es war klar, dass die Laien einbezogen werden mussten, um nötige Dienste in und an der Gemeinde zu tun; ihre Gaben auszuüben; Aufgaben zu übernehmen, die nicht zum pastoralen Amt gehören, aber in der Gemeinde erledigt werden müssen. Auf diese Weise wurden die Apostel entlastet, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: [4]. Müssten wir heute über das Diakonenamt wieder neu nachdenken?

Ihr Lieben, ich bin als Pastor enorm dankbar, dass so viele von Euch in verschiedenen Ämtern in der Gemeinde tätig seid, von den Vorstehern bis zu freiwilligen Gärtnern. Es geht ja gar nicht anders. Die Gemeinde hat viele Ämter, um den Dienst an der Gemeinde zu ermöglichen. Mein Amt will ich recht ausrichten. Dazu helfe mir Gott. Ich will predigen, Seelsorge tun, die Sakramente verwalten, lehren. Dann kommt auch in die Lehrgottesdienste. Ruft mich auf zu treuem Dienst am Wort! Ich rufe euch auf zu treuem Dienst in der Gemeinde. Wir wollen nicht einige wenige mit vielen Diensten beladen. Das ist auch nicht recht. Stellt euch wählbar, wo ihr könnt. Wieso muss „65 Jahre“ eine Grenze sein? Bietet den Dienenden euren Dienst an. Wenn wir Träger brauchen für eine Beerdigung, oder Bläser, dann kommt und dient. Wenn die Leiterinnen und Unterleiterinnen Dienste verteilen, tut sie gerne und bleibt nicht einfach weg. Wenn es nicht geht, sorgt für Vertretung. Ich bin auch sehr dankbar für die Sekretärinnen, die mir treu zur Hand gehen. Heute wachsen die Anforderungen an Pastor und Gemeinde. Um sie recht zu bewältigen, ist es entscheidend wichtig, dass wir sie auflisten und immer wieder neu dafür sorgen, dass Menschen nicht zu kurz kommen, Dienste nicht vernachlässigt werden, Dienende nicht überlastet werden und ganz besonders, dass die Hauptsache die Hauptsache bleibt: dass der Dienst am Wort zum Tragen kommt. Schaut, was nach dieser Entscheidung passierte: [7] Ob der Herr Wachstum an der Zahl gewährt oder nicht, liegt bei ihm! Aber lasst uns das Unsere tun, mit Gottes Hilfe für die Bedürfnisse der Menschen recht zu sorgen durch Dienste helfender Liebe und durch den treuen Dienst am Wort. Amen.


Wochenspruch
Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Matthäus 25, 40

Introitus – Nr. 54 (Matthäus 5, 7; Psalm 139, 23 – 24)

Hauptlied – Ich ruf zu dir, Herr Jesus Christ 400

Epistel

Ihr Lieben, lasst uns einander liebhaben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden. Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.

1. Johannes 4, 7 – 12

Evangelium

Siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte Jesus und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete und sprach: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben. Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halbtot liegen. Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit; als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn, und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme. Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!

Lukas 10, 25 – 37