Lätare (Das Brot des Lebens) – 2021

Predigt zu Latäre, 14. März 2021

Joh 12,20-26                                                                                  I.i.

 

Stell dir vor, mit deinen eigenen Augen Jesus zu sehen. Ihm in die Augen zu schauen und sich von ihm gekannt zu wissen. Sich unter die Menschen zu setzen und seiner Predigt zuzuhören, zu hören, wie das Wort Gottes sich selbst auslegt. Zu sehen, wie er die kleinen Kinder in die Arme nimmt und auf den Kopf seinen Segen zuspricht. Zu sehen, wie er die Werke des Teufels zerbricht, Bessessene befreit, Kranke heilt, Kaputte aufrichtet, Traurige tröstet, Tote erweckt, die Kraft Gottes am Werk zu sehen. Und von ihm getröstet zu werden. Jesus sehen. Das wünsche ich mir von ganzer Seele. Und du wohl auch.

Ja, und nicht nur wir, sondern auch damals schon gab es viele, die das wollten. Es war das Fest der Ungesäuerten Brote in Vorbereitung auf das Passafest, Jerusalem voller Menschen aus aller Welt, der Heiland war gerade an diesem Morgen auf einem Esel als Davidssohn triumphierend in die Stadt hineingeritten, wurde mit Jubelrufen willkommengeheißen, der König ist da. Unter den vielen Menschen im bunten Gewimmel sind auch Griechen. Sie sind gekommen, um zu feiern und in den Festen Gott anzubeten. Sie beteten nicht Zeus und Hermes und die anderen griechischen Götter an, sondern waren zum Glauben an den einen Gott Himmels und der Erde gekommen, hatten sich vielleicht schon beschneiden lassen und durften nun an dem jüdischen Fest teilnehmen und mitfeiern. Ihr Ziel im Leben ist, dass sie unbedingt zum Volk Gottes dazugehören wollen. Die Pharisäer sind ihre Helden, sie wollen gerne sein wie sie, Eliten im Volk des Herrn.

Aber die Pharisäer und das ATliche Volk Israel hatten so ihre Problem damit. Gott der Herr wollte durch Abraham und seine Nachkommen ALLE Völker der Welt segnen, ALLE sollten sie hinzugezogen werden und sich zu dem einen lebendigen Gott bekennen als dem Schöpfer und Erlöser aller Welt. Aber die Israeliten sahen Gott als ihren persönlichen Schutzgott an, als wenn sie die meistbegünstige Nation der Erde waren und der liebe Gott nur bei ihnen barfuß spazieren ging. Alle anderen Völker waren für sie Goyim, unbeschnittene dreckige garstige Heiden. In den Augen der waschechten frommen Israeliten und besonders der Pharisäer würden auch die Griechen immer Menschen 2. Klasse sein, Ausländer, Fremde. Doch nun kommen einige – und wollen Jesus sehen. Sie wenden sich an Philippus. Er hat einen griechischen Namen. Philippus geht mit Andreas zu Jesus und trägt ihm die Bitte vor: „Es sind Griechen hier, die wollen dich sehen.“ Aber die Griechen werden nicht zu Jesus vorgelassen. Denn Jesus antwortet den Aposteln, und vermutlich sagen die Apostel den Griechen Jesu Antwort weiter. D.h. sie sehen Jesus hier – nicht.

Und so geht es den Griechen genau wie uns. Auch wir haben vielleicht den brennenden Wunsch, Jesus einmal ganz direkt zu sehen. Doch auch wir kommen nicht dichter an Jesus heran als durch die Apostel. Denn im NT haben wir das Wort der Apostel. Aber es ist nicht „nur“ ihr Wort, sondern es ist das Wort Jesu selber, da redet er zu uns. Wie damals zu den Griechen. Sein Wort rettet die Griechen. Nicht der Anblick seiner Wunder, nicht unbedingt seine persönliche Stimme, sondern sein Wort, das die Apostel ihnen sagen.

Was sagt er denn in diesem Wort? Der Herr Jesus sieht das Kommen der Griechen als die Erfüllung von Gottes Verheißungen, z.B. Ps 98 Aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes… denn er kommt, das Erdreich zu richten.

Oder Mi 4, die Völker werden herzulaufen und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des Herrn gehen und zum Hause des Gottes Jakobs. Bei dem Kommen der Griechen erklärt Jesus, dass sein Tod über die Grenzen Israels geht und aller Welt gilt, auch diesen Griechen. Herr, wir wollten Jesus gerne sehen. Jetzt ist die Stunde da! [23]

Wie also gibt Jesus sich ihnen und uns zu sehen? Sagt die Bibel uns, dass Jesus eine angenehme Stimme hatte, dass er lieb war, dass er 1m 70 groß war oder einen Bart hatte? Nein. Wenn wir Jesus sehen wollen, dann sollen wir immer wieder auf seine Darstellung als Gekreuzigter, als Kruzifixus schauen, so zeigt er es uns selber hier im Heiligen Evangelium. Auf die Bitte: „Herr, wir wollten Jesus gerne sehen“ antwortet Jesus mit dem Wort vom Weizenkorn, das in die Erde fällt, erstirbt und gerade darin reiche Frucht bringt. Jesus sagt also, euer Garten lehrt euch den Weg vom Kreuz. Im Frühling nehmt ihr einige Samen und vergrabt sie. Und in gewisser Weise sterben sie. In ein paar Tagen, wenn ihr sie ausgraben würdet, würden sie nicht mehr wie Samen aussehen. Aber wenn man sie in Ruhe lässt, gehen sie in ein paar Wochen auf und wachsen zu Pflanzen heran, die Früchte tragen und viele Samen haben. Das ist der springende Punkt bei dem Vergleich: Damit ein Weizenkorn seinen Zweck erfüllt, muss es sterben. Wenn es das nicht tut, bleibt es allein und fruchtlos. Wir erkennen Jesus eben nicht recht, wenn wir ihn nur als Propheten ansehen, nur als Wundertäter bestaunen, nur als mächtigen Prediger hören, nur als einen Sozialrevolutionär verstehen. Jesus ist unendlich mehr: Er ist Weizenkorn, stirbt, wird in die Erde gelegt – und bleibt doch nicht tot, ersteht vom Tode und sammelt durch seinen Tod Menschen aus allen Völkern. Seine Stunde der Herrlichkeit ist die Stunde, in der er sich selbst tot am Kreuz zeigt. In seinem Tod sehen wir seine Herrlichkeit. Die Welt lebt durch den Tod von Christus.

Und dann geht Jesus hier noch einen Schritt weiter. Er sagt nicht bloß: Schaut auf mich, das Weizenkorn, lasst euer Herz davon anrühren, was ich für euch getan habe! Sondern er lädt uns dazu ein, dieses Geheimnis des Weizenkorns auch zum Geheimnis unseres eigenen Lebens werden zu lassen. Wessen Herz von der Lebenshingabe des Herrn angerührt ist, der wird nicht länger um sich selber kreisen, der wird auch sein Leben nach dem Weizenkorn-Prinzip führen: [26a] Hier sagt Jesus ausdrücklich: Ihr findet mich, ihr seht mich und meine Herrlickeit im Leiden, in der Selbsthingabe für andere. Und da sollt ihr auch sein! Damit lädt der Herr uns ein, einen ganz neuen Blick auf das Leiden zu tun. So sagt es uns auch unsere Epistel: Die Leiden Christi kommen reichlich über uns! Haben wir Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil! Das hören und sehen wir aber nicht gern. Wir scheuen uns vor Leiden und wollen es nicht sehen. Aber der Heiland macht hier deutlich: Wer meint, er müsse in seinem Leben immer nur darauf achten, dass er nicht zu kurz kommt, wer meint, er müsse unbedingt so viel wie möglich für sich selber in diesem Leben mitnehmen, wer so sehr an seinem eigenen Leben hängt, dass er nur noch um den Erhalt und die Verbesserung des eigenen Lebens kreist, der wird am Ende feststellen, dass er sein Leben verfehlt, vertan hat.

Nein, das passt uns nicht. Wir lieben unser Leben und wollen es nicht verlieren. Wir vestecken uns vor dem Tod, halten ihn möglichst weit weg. Wir lieben den Ostersonntag, aber nicht die Passionsgottesdienste. Das leere Grab passt uns gut, aber nicht das Kreuz. Wir wollen nicht mehr singen:

Du hast lassen Wunden schlagen, dich erbärmlich richten zu,

um zu heilen meine Plagen, um zu setzen mich in Ruh;

ach, du hast zu meinem Segen lassen dich mit Fluch belegen.

Tausend-, tausendmal sei dir, liebster Jesus Dank, dafür.

Wir scheuen uns davor, dass kleine Kinder Jesus ein herzliches „Tausendmal Dank“ dafür sagen, dass er blutet und stirbt. Wir versuchen, sie vor der Härte des Todes zu schützen, schützen sie vor dem Tod eines Haustiers oder eines geliebten Menschen, bringen sie nicht mehr zu Beerdigungen. Und wir versäumen es, ihnen das eine beizubringen, das sie wissen müssen, um die Welt, in der sie leben, zu verstehen: dass das Sterben die einzige Möglichkeit ist, in einer gefallenen Welt zu leben. Das Weizenkorn muss sterben. Jesus muss sterben. Du musst sterben. Denn, so paradox es auch scheinen mag, wir sterben, um zu leben. [25] Nur wenn wir loslassen, unser Leben in dieser Welt tot umfallen lassen, haben wir ein Leben, das wir nicht verlieren können, sondern zum ewigen Leben behalten.

Lassen auch wir uns mit den Griechen und mit allen Völkern auf Erden von diesem Gesetz des Weizenkorns prägen! Entdecken wir, dass unser Leben reicher wird, wenn wir nicht zuerst und vor allem danach fragen, was uns nützt, sondern wir unser Leben hingeben im Dienst an anderen und gerade darin im Dienst an Christus, dem Herrn, selber! Denn gerade darin sehen wir Christus. Machen wir diese Erfahrung als Gemeinde, dass wir nicht zuerst und vor allem darauf achten, ob wir das bekommen, was wir wollen, ob unsere eigenen religiösen Bedürfnisse hier befriedigt werden, sondern dass wir Gemeinde sind für andere, dass wir uns hingeben im Dienst an denen, die Christus uns an den Weg gestellt oder gelegt hat! Solche Hingabe macht uns nicht ärmer, sondern reicher, so erleben wir es immer wieder miteinander hier voller Freude. Ja, solche Hingabe hat eine ganz große Verheißung: „Wo ich bin, da soll mein Diener auch sein.“ Gerade da, wo wir uns hingeben für andere, leben wir in der Nachfolge unseres Herrn, dürfen wir gewiss sein, dass Christus an unserer Seite ist, dass wir da sind, wo Christus eben auch ist. Er begegnet uns auch gleich wieder mit seinem Leib, für uns dahingegeben, mit seinem Blut, für uns vergossen, im Heiligen Mahl, begegnet uns dort gleich wieder in der Gestalt des Weizenkorns und schenkt uns so die Kraft, auch unser Leben für andere zu geben. Und zuletzt gilt sein Versprechen: [26b] Der Vater wird euch ehren für den Dienst, den ihr an Christus tut, indem ihr in seinem Namen den Geringsten dient. Und das bedeutet, dass wir eben auch an der Auferstehung und an der Himmelfahrt Jesu teilhaben und für ewig da sind, wo Jesus ist. Und dann, dann dürfen wir ihn mit eigenen Augen sehen, und seine Stimme hören, und seine Gegenwart persönlich spüren, und immer, immer bei ihm sein. Amen.

Soli Deo Gloria


Latäre (Das Brot des Lebens)

Wochenspruch
Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt
es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.
Johannes 12, 24

Introitus – Nr. 24 (Jesaja 66, 10; Psalm 84, 6 u 8)

Epistel Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. Haben wir aber Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden. Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.

2. Korinther 1, 3 – 7

Hauptlied
Jesus, meine Freude 332

Evangelium Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. Die traten zu Philippus, der von Betsaida aus Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr wir wollten Jesus gerne sehen. Philippus kommt und sagt es Andreas, und Philippus und Andreas sagen’s Jesus weiter. Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Wer sein Leben lieb hat, der wird’s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s erhalten zum ewigen Leben. Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.

Johannes 12, 20 – 26


Lehrgottesdienst


liturgische Farbe: violett

Festzeit: Fastenzeit

Wochenspruch: Joh 12,24

Wochenpsalm: Ps 84

Eingangspsalm: Ps 34

Epistel: 2. Kor 1,3-7

Evangelium: Joh 12,20-26

Predigttext: Joh 6,55,65

Wochenlied: 98 und 396


Erklärung zu den Perikopen:

Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).


I(Evangelium): Joh 12,20-26

II: 2 Kor 1,3-7

III: Joh 6,55,65

IV: Phil 1,15-21

V: Joh 6,47-51

VI: Jes 54,7-10