Predigt – Lebenskraft von Gott: Bleiben und treiben! Jubilate 2026

Was ist das Christentum, was ist der christliche Glaube, was ist die Geschichte von Jesus, was ist das Evangelium, wozu hörst du diese Predigt? Der christliche Glaube, die Verkündigung der rechten Kirche, die Botschaft von Jesus Christus, die Predigt von Gottes Wort ist NICHT zuallererst oder in erster Hinsicht Information, sie ist nicht Tradition, sie ist nicht Ideation, sie ist nicht Appellation, sie ist nicht Edukation, sie ist nicht Kooption, sie ist nicht Instruktion und schon gar nicht Manipulation, nein, sondern sie ist destillierte Triebkraft, Lebenssaft, Energie, Vitalität, Durchschlagskraft, Drang, Dynamik.

So leicht vergessen wir das. „Ach, die alte Geschichte, ach, der alte Text“, unter den Talaren nur der Muff von 1000 Jahren… So hören wir oft die altvertrauten Bibellesungen am Sonntag: Schublade auf, Schublade zu, gähn – schlapp – Schlummer – schnarch. Weiß ich schon, kenn ich schon, alles schon gehört.

Ja, lieber Christ, durch Gottes Gnade hast du Gottes Wort schon oft gehört und das Gleichnis vom Weinstock vielleicht sogar einmal pro Jahr deines Lebens. Das ist nicht Grund zur Langeweile, sondern Anlass zur Dankbarkeit. Bitte den Heiligen Geist, dass er dir die Ohren und Augen, den Verstand und das Herz neu öffne für das, was Gott der Herr durch sein Wort mit dir machen will. Der, der ans Kreuz genagelt wurde, der, dem fünf schreckliche Wunden geschlagen wurden, der, der sein Leben aushauchte und starb, dessen Herz zu schlagen aufhörte und dessen Puls zum Stillstand kam, der, den der Tod verschluckt hat, der dann umdrehte und dem Tod das Maul stopfte, auferstanden ist und ewig lebt, der ist es, der hier spricht. Durch das, was er sagt, kommt nicht nur ein ewig aktueller Inhalt zum Tragen, sondern kommt Gottes Kraft an dich heran.

Ich bin der wahre Weinstock, sagt er, und mit diesem „Ich-bin“ identifiziert Jesus sich als Gott selbst, der, der Himmel und Erde mit seinem Wort erschaffen hat und dieses Wort nun an dich richtet. Am Gründonnerstagabend spricht er, gleich wird er verraten und verhaftet und morgen schon hingerichtet. Jetzt ist keine Zeit für Firlefanz oder staubige Geschichten, sondern es eilt, es drängt, es geht um Leben und Tod. Ich bin der wahre Weinstock, sagt er. Der Weinstock, das ist der dicke Stamm einer Weintraubenpflanze. Der bin ich!, sagt Jesus. Wein gibt es nur, wenn es zuerst Weintrauben gibt, und Trauben gibt es nur, wenn sie an Weinpflanzenzweigen wachsen. Und Weinpflanzenzweige gibt es nur, wenn sie am Stamm der Weintraubenpflanze wachsen. Das heißt, ohne Stamm keine Trauben! Und der Stamm der Weinpflanze, der bin ich, sagt Jesus.

Und mein Vater ist der Weinfarmer. Was hier passiert, das passiert nicht von allein, das wächst nicht einfach wild und kommt von selbst, sondern hier wird mit Absicht, mit Wissen und mit Können und mit Leidenschaft gegärtnert. Nichts passiert durch Zufall. Gott der Vater hat ein ganz bestimmtes Ziel vor oben, nämlich eine Traubenernte, aus der Wein gemacht werden soll. In der Sprache der Bibel gilt Wein, wenn er in Maßen getrunken wird, einerseits verdünnt als Grundnahrungsmittel für den täglichen Gebrauch, andererseits als Reinigungsmittel und Medizin wie in der Hand des barmherzigen Samariters. Er steht als Bild für und im Zusammenhang mit Gastfreundschaft, Gesellschaft, Gottes Segen, Überfluss, Lebensfreude, Feiern, Festmahlzeiten. Ja, sagt die Schrift Psalm 104, du, Gott, tränkst die Berge von oben her, du machst das Land voll Früchte, die du schaffest… dass der Wein erfreue des Menschen Herz…

Aber vor dem Genuss kommt die harte Arbeit, hinter dem Wein im Glas steht der Einsatz des Weinfarmers. Mein Vater ist der Weinfarmer, spricht Christus, und ich bin der wahre Weinstock. So. Und nun kommt’s: Jeden Zweig, der aus dem Stamm wächst, jeden Trieb, der ausschießt und sich an der Laube entlang rankt aber keine Trauben trägt, macht der Weinfarmer weg. Er schneidet ihn ab. Warum? Weil er umsonst Nahrung und Saft aus dem Stamm bezieht, aber nichts liefert – oder, weil er schon längst tot ist und nur noch hängt. Totes Holz muss abgeschnitten werden, unfruchtbare Triebe auch.

Als wir Ende 2019 ins Pastorenhaus einzogen, fiel mir eine Pflanze unten in der Ecke des Grundstücks auf. Sie sah aus wie unförmiger Strauch, wie ein Busch. Es stellte sich raus, dass es eine Weinpflanze ist, die aber lange nicht mehr zurückgeschnitten worden war. Ich holte mir Rat – und fing damit an, dass ich alle Ausschüsse und Triebe abschnitt. Es blieb nur noch der Stamm. Alles andere trocknete aus und konnte verbrannt werden. Gleich im nächsten Jahr aber wuchsen aus dem Stamm wieder neue Triebe. Im Winter mussten sie beschnitten werden. Mein Schwiegervater zeigte mir, wie das geht, und seitdem beschneide ich die Zweige jedes Jahr. Es leuchtet mir eigentlich nicht ein, wieso. Ich hätte gedacht, je länger und üppiger die Triebe, desto mehr Trauben am Ende. Aber das Gegenteil ist der Fall. Ein Weinstock ist eine veredelte Pflanzenart. Lässt man die Triebe einfach wild wachsen, hat man am Ende einen Strauch, ein Durcheinander, und kaum Trauben. Um Trauben zu ernten, müssen die Triebe jedes Jahr beschnitten werden. Die toten sowieso, und sogar auch die lebenden, die Frucht bringen, damit sie noch mehr Frucht tragen, damit die Kraft, die aus dem Stamm, aus dem Weinstock, fließt, effektiv und zielgerichtet dahin geleitet wird, dass sie immer mehr Trauben produziert.

Ihr seid die Reben, sagt Jesus. Ich bin der Stamm, ihr seid die Triebe. Wer keine Frucht bringt, wer keine Trauben trägt, der wird weggemacht und ins ewige Feuer geworfen. Und wer Frucht bringt, der wird „zurückgeschnitten“, damit er noch mehr Frucht bringt. Dass an dir und mir oft geschnitten und uns Schmerz zugefügt wird, das leuchtet uns nicht ein. Wieso schickt der Herr Schweres im Leben, wieso sendet er sogar zu Christen die scharfe Schere seines Gesetzes und zwickt und zwackt an uns herum? Warum treffen uns Missgeschick, Unfall und Not? Warum erleben treue Christen oft Leid? Antwort: Der himmlische Weingärtner schneidet tote Triebe ab und lebende Triebe zurück, damit wir mehr Frucht bringen. Das ist seine Antwort. Ihr Lieben, wenn man genau hinschaut, dann sieht das Leben der Christen und vielleicht dein Leben insbesondere nicht unbedingt schön aus. Aber Weinpflanzen sind nicht Zierpflanzen, werden nicht beschnitten, damit sie möglichst schön aussehen, sondern damit sie möglichst viele Trauben tragen. Der Weingärtner schneidet nicht an dir herum, damit dein Leben wunderbar schön aussieht, oder damit die Menschen in der Welt dich bewundern können, weil du so religiös bist, sondern er schaut nach der Ernte und will besondere Frucht von dir.

Dazu schneidet er. Schimpfe nicht, stelle nicht Gottes Liebe in Frage, wenn er die Gartenschere rausholt und an deinem Leben herumschnipst. Jedes Missgeschick im Leben, das er schickt, ist ein toter Trieb, der wegmuss, ist ein Götze, der umgeworfen werden muss, eine Ablenkung, die beseitigt werden muss. Wir wollen glücklich sein; Gott will, dass wir Frucht bringen. Wir wollen gemütlich sein; Gott will, dass unser Gemüt auf ewig getröstet wird. Wir wollen ungezähmt dahinleben, unser eigen Ding tun; Gott will ernten, Wein machen.

Das große Wort, der rote Faden, der Kernpunkt in Jesu Rede heute ist: „Bleibt.“ Bleibt in mir und ich in euch, sagt Jesus. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Was passiert mit einem Trieb, der sich vom Stamm löst? Er stirbt. Nicht sofort. Langsam trocknet er aus. Ganz bestimmt trägt er keine Trauben. Was passiert mit Christen, wenn sie sich lösen vom Wort Gottes, ob in Form der Predigt oder in Form von Leib und Blut? Genau das gleiche. Der Glaube stirbt. Nicht sofort. Er trocknet langsam aus. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

Wir halten unser Leben in Christus oft für so selbstverständlich. Wir denken, wir schaffen das Leben schon alleine; wir sind halbherzig im Kirchgang und geistesabwesend in der Liturgie, bitte alles so locker wie möglich, alles ok, solange wir hin und wieder einen Schuss Jesus wegkippen. Das flüstert uns der Teufel ein, dass der Trieb nicht unbedingt den Stamm braucht, dass es reicht, wenn der Trieb immer mal wieder in die Nähe des Stammes kommt. Aber nimm du mal einen Weinpflanzentrieb und lege ihn neben den Stamm und schau, wie gut das funktioniert. Bleiben bedeutet, irgendwo zu Hause zu sein, zu wohnen. In Christus zu bleiben heißt, im Glauben an ihn und in ihm zu leben. Das ist die Sprache der Taufe. Ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott, sagt uns Kol 3,3. Ihr seid in den lebendigen Weinstock eingepfropft worden, mit Christus verbunden worden, seine Kraft ist es, die in euch fließt, seine Vergebung, sein Leben, seine Liebe. Ohne ihn gibt es kein Leben! Alles andere ist der Tod. Sein Leben fließt in seinem Wort. Dieses Wort ist keine altbackene Information, sondern Triebkraft, Lebenssaft, sie ist Gottes Dynamik in Jesus Christus, die dich dazu drängt, Frucht zu bringen.

Und was ist diese Frucht? Der Galaterbrief nennt sie die neunfache Frucht des Geistes: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit; das sind die Trauben, die der Weingärtner will, das ist die Ernte, auf die der Weinfarmer wartet, gegen all dies steht kein Gesetz und kein Gesetz kann es produzieren, sondern nur die Kraft Jesu. Sie ist es, die euch belebt und Frucht treibt. Jesus macht es hier so wunderbar deutlich: Die Kraft fließt vom Vater durch den Sohn in dem Heiligen Geist in euch, die Zweige, und treibt Frucht; an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Das ist die Kraft Christi am Werk! Christus spricht: Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger. Vergesst es nicht, ihr Lieben, alles geht in Richtung Ernte. Es kommt der Tag, an dem die Ernte eingebracht wird. Dann sitzen wir mit Christus am Tisch, es kommt Genuss, bekommen aus der Hand des Vaters den allerbesten Wein: Seine Gastfreundschaft, Gesellschaft, Segen, Überfluss, wahre Lebensfreude, und der Genuss wird herrlich sein. Amen.


JUBILATE

(Die neue Schöpfung)

Wochenspruch

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. 2. Korinther 5, 17

Epistel

Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist. Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten. Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer. Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

1. Johannes 5, 1 – 4

Hauptlied

Mit Freuden zart zu dieser Fahrt 187
Nun jauchzt dem Herren, alle Welt 1

Evangelium

Jesus sprach zu seinen Jüngern: Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie müssen brennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

Johannes 15, 1 – 8

Als Sonntage der Osterzeit werden in unterschiedlicher Zählung der christlichen Konfessionen die Sonntage zwischen Ostern und Pfingsten bezeichnet.