Letzter Sonntag nach Epiphanias (Jesu Verklärung) – 2022

Figuren, die im Dunkeln leuchten – Kinder mögen sie besonders im Schlafzimmer, am Bett, an der Decke überm Bett. Plastikmonde, -sterne, -sonnen, -komete, die im Dunkeln leuchten. Sie enthalten Phosphor, das Lichtenergie von einer Lampe absorbiert und wieder ausstrahlt. Sie leuchten so schön, wenn man das Licht ausschaltet. So ähnlich leuchtete auch Moses Gesicht, wenn er mit Gott gesprochen hatte. Mose ging auf den Berg Sinai, um Gott zu begegnen, oder in die Stiftshütte, und sogar die verdeckte Herrlichkeit Gottes, die er dort sehen durfte, brachte Moses Gesicht zum Leuchten als wäre es aus Phosphor. Aber Phosphorsterne leuchten nur eine kurze Zeit, bevor der Glanz verglüht und bald vergeht. So auch Moses Gesicht, er musste es verschleiern, damit die Leute nicht sehen konnten, wie der Glanz nachließ und sein Gesicht aufhörte, zu leuchten und alles wieder beim Alten war.

 

Wie Petrus, Jakobus und Johannes wohl zumute gewesen sein muss, als sie Mose mit ihren eigenen Augen sahen? Mehr als 1,200 Jahre zuvor war Mose gestorben, und nun steht er vor ihren Augen und redet mit Jesus dort oben auf dem Berg. Und nicht nur er, sondern auch Elia. Elia war ja nie gestorben; auch er war Gott hoch oben auf einem Berg begegnet, und als seine Amtszeit vorüber war, um das Jahr 850 v. C., sandte Gott Pferde und einen Wagen aus leuchtendem Feuer und ließ Elia in den Himmel holen. Und nun, hunderte Jahre später, führt Jesus diese drei Jünger auf einen hohen Berg, und es kommt wieder zu einer Gottesbegegnung in dem himmlischen Lichtglanz, und Mose ist wieder da und redet mit Jesus, und Elia auch. Wo Moses damals aber dem Abglanz der Herrlichkeit Gottes begegnete, und wo Elia Gott nicht im Sturmwind, Erdbeben, lodernden Feuer, sondern im stillen, sanften Sausen begegnet, geschieht nun das Gegenteil. Jesus begegnet nicht etwa mit seinen Jüngern der Herrlichkeit Gottes oder auch nur dem Abglanz der Herrlichkeit Gottes, er begegnet hier nicht etwa seinen Vater im Himmel, sondern Jesus selbst leuchtet grell wie die Sonne, seine Kleidung wird hell und durchflutet vom ewigen Licht, und er begegnet Mose und Elia und redet mit ihnen.

Und diese drei Jünger dürfen es sehen. Selbstverständlich war die Herrlichkeit Gottes hier abgedunkelt, sonst hätten die drei Jünger sie nicht überlebt. Als Jesus leuchtet, kommt das Licht nicht von außen, sondern von innen, er leuchtet nicht wie ein Phosphorstern, sondern wie die Sonne selbst; in Jesus wohnt die Fülle Gottes leibhaftig, und hier sehen wir die im Menschen Jesus verborgene Gottheit leuchten; was Mose unbedingt auf dem Sinai sehen wollte und nicht durfte, was Elia in seiner Depression sehnsüchtig suchte, als Isebel ihn umbringen wollte, das erscheint hier, und Mose sieht es und Elia sieht es und die drei Jünger auch, ein völlig abgehobenes Erlebnis, ein phantastisches, himmlisches, abgefahrenes Bild.

 

Wer hätte das gedacht? Vor wenigen Tagen noch ging es ganz anders zu. Da hatte Petrus Jesus als Messias erkannt, aber als Jesus den Jüngern sagte, dass er leiden musste und getötet werden musste und auferstehen würde, da kehrt Petrus mit Händen und Füßen, da dichtet er den Gesang um und singt: Jesus, geh voran auf der Lebensbahn, führ uns weg von Tod und Leiden, schenk uns Herrlichkeit und Freuden, richte unsern Sinn auf Erfolge hin, aber Jesus dreht die Musik aus und weist Petrus scharf zurecht: Geh weg von mir, Satan! Unbeirrt bleibt Jesus beim Kreuzesprogramm: [16,24] Aber jetzt, nur kurze Zeit später, dürfen Petrus und zwei andere Jünger doch sehen, wie Jesus leuchtet wie die Sonne, ganz offensichtlich, seht, sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen, ruft Petrus, Amen, Amen. Denn das Unfassbare geschieht, Petrus sieht wie Jesus mit Mose und Elia redet, und Petrus – unterbricht! Klar wie Kloßbrühe, Petrus rafft hier überhaupt nichts: [4] Petrus denkt: Jetzt sind wir angekommen, endlich, Jesus, Elia und Mose, alle auf einer Ebene, besser geht’s nicht, Handbremse anziehen, Anker werfen, Hütten bauen, festhalten an der Herrlichkeit. Aber wie die Wolke der Gegenwart Gottes dem Volk Israel in der Wüste; wie bei der Stiftshütte, als Gott ins Zelt hineinzog; wie bei der Tempeleinweihung, als Gott beim Gebet Salomos in einer Wolke einzieht; wie bei der Vision Jesajas im Tempel, als er Gott den Vater sieht und das Haus voll Rauchs und Nebel war, so zieht hier auf dem Berg auch die Wolke herbei und Gott der Vater redet aus der Wolke und sagt: „Hört mal zu!“ [5c–6] Ja, jetzt packt die Jünger die Angst, wie ein dröhnender Donnerschlag kracht die Stimme des Vaters und die Jünger stürzen zu Boden und begreifen endlich, in wessen Gegenwart sie sind, und der Vater weist sie auch noch zurecht: Hört zu, was dieser mein geliebter Sohn sagt. Und damit weist der Vater sie wieder auf den Weg des Kreuzes. Denn von hier aus geht’s wieder hinab ins Tal, Jesus hinterher, hinunter in sein Leiden, hin zu seinem Tod, denn die nächste Höhe, auf die sie steigen werden, wird sein der Hügel Golgotha. Daran hindert Jesus kein Johannes der Täufer und kein Petrus und nicht einmal der Satan selbst; der Weg, den er geht, ist der Kreuzesweg.

 

Ihr Lieben, was fangen wir mit diesem Erlebnis an? Oder besser, was fängt dieses Erlebnis mit uns an? Denn uns scheint es fast so abgehoben, so weltfremd zu sein, dass wir Schwierigkeiten haben, es einzuordnen, wir sehen nicht ein, was die wunderbare Verklärung mit uns zu tun hat. Aber der Berührungspunkt ist ganz einfach der, dass auch wir unsere Not und großen Schwierigkeiten mit dem Weg des Kreuzes haben, und dass wir wie die Jünger die Herrlichkeit Gottes falsch einordnen und falsch verstehen. Jesus sagt nicht nur seinen Jüngern von damals, sondern auch dir, auch mir heute: [16,24] Nicht nur Jesu Leben hier auf Erden, sondern das Leben eines jeden Christen ist das Leben unter dem Kreuz. Christen leiden. Wenn man in der Bibel nachschaut, wird das überdeutlich. Joseph wird ins Gefängnis geworfen, weil er sich weigert, mit Potiphars Frau Ehebruch zu begehen. Sie lügt über ihn, und Potiphar lässt Joseph ins Gefängnis werfen. Er leidet, weil er treu war. Jeremia wird von einem Gefängnis ins andere gebracht, gerade weil er treu war. Schadrach, Meschach und Abednego sind drei Männer, die sich weigern, sich niederzuwerfen und ein Götzenbild anzubeten, und sie werden dafür in einen Feuerofen geworfen. Weil sie ihrem Gott treu bleiben wollten. Jeder kennt die Geschichte von Daniel, der sich weigert, den König anzubeten, und daraufhin wird er in die Löwengrube geworden. Weil er Gott treu blieb. Und die Liste lässt sich beliebig fortsetzen; das ist die Geschichte der Propheten, es ist die Geschichte Jesu Christi, es ist die Geschichte der Apostel. Aber genau diese Wahrheit – dass Christen leiden, ja, dass Christen häufig leiden, gerade weil sie treu sind – wird von den heutigen Wohlstandspredigern regelmäßig ignoriert. Viele Pastoren, Prediger, spirituelle Figuren heute wollen euch weismachen, dass das Glück, das ihr im Leben erfahrt, der Erfolg, der Segen, den Ihr im Leben bekommt, dass er in direktem Zusammenhang damit steht, wie treu ihr seid. Sie sagen euch: Wenn ihr Gott treu seid, Gott gehorsam seid, seine Gebote befolgt, dann werdet ihr gesegnet sein. Je treuer ihr seid, desto erfolgreicher werdet ihr sein.

 

Und so denkt der Christ bei sich selbst: Ich bin treu, ich spreche meine Gebete, ich führe ein christliches Leben – Gotte sollte besser tun, was ich ihm sage! Er sollte besser so handeln, wie ich es von ihm verlange. Nun, diese Sicht von Gott steht im völligen Widerspruch zum Zeugnis der Geschichte, zu unserer eigenen Erfahrung und zu den Worten der Heiligen Schrift. Tatsache ist, dass Christen genauso viel leiden wie alle anderen. Ja, Jesus macht sogar deutlich, dass Menschen leiden werden, gerade weil sie Christen sind. Aber nicht jedes Kreuz, das wir tragen, ist eine Folge der Art und Weise, wie wir reden und leben, wenn wir Christen sind. Gott legt uns häufig Lasten auf, um seinen Willen an uns zu vollenden, dass wir gerade im Leiden ihn suchen und ihn finden und ihm nahekommen und er uns. Aber oft sind diese Lasten für uns besonders schwer zu tragen, weil wir sie nicht verstehen, ihn nicht verstehen.

 

Gott der Herr aber will, dass wir nicht an ihm irre werden. Er wollte auch nicht, dass die Jünger alle wie Judas von Jesus abfallen, weil der Weg nur von Kreuz und Niederlage gekennzeichnet ist. Sondern er weist darauf hin, dass Jesus gerade im Kreuz, im Leiden und Tod siegt. Und so auch wir. Sein Kampf ist unser Sieg, sein Tod ist unser Leben, denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5,4) Die Verklärung Jesu macht deutlich: Wenn wir vom Kreuz reden und vom Leben des Christen unter dem Kreuz, dann bedeutet das nicht, dass es keine Herrlichkeit für uns geben wird, oder für Jesus selbst. Sondern er ist schon eingegangen in die Herrlichkeit Gottes und leuchtet selbst jetzt schon wie die Sonne; so sieht Johannes den Herrn Christus in der Offenbarung, sein Haupt und sein Haar weiß wie der Schnee und seine Augen wie eine Feuerflamme und sein Angesicht leuchtet wie die Sonne scheint in ihrer Macht, das ist der Herr Christus, den wir anbeten, das ist der Heiland, dem wir folgen, das ist der Herr in seiner Macht, so werden wir ihn sehen, wenn er kommt, das Erdreich zu richten und die Völker mit Macht. Und nicht nur er: Auch wir, wenn er kommt, denn dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich. (Mt 13,43) Diese Herrlichkeit steht uns bevor. Aber der Weg dorthin ist der Weg des Kreuzes. Wenn wir das Kreuz beiseite schmeißen und jetzt schon auf Kraft und Herrlichkeit bestehen, verlieren wir alles und behalten nichts. Zuerst das Kreuz und dann die Herrlichkeit, das ist es, was wir heute wieder neu lernen, danach wollen wir unser Leben einschätzen, dann singen wir es richtig, denn durch Trübsal hier geht der Weg zu dir. Das ist es, was wir auch von William Penn lernen: „Keine Pein, keine Palme; keine Galle, keine Ehre; keine Dornen, kein Thron; kein Kreuz, keine Kron.“ Als die Jünger die Augen aufheben, sehen sie nichts als Jesus allein; und so wollen auch wir nur ihn sehen, Jesus allein, denn er führt uns durch das Kreuz zur Krone, und dann wird kommen die Kraft und die Herrlichkeit – in Ewigkeit. Amen.