,,Sprich doch endlich mal ein Machtwort!” Die Familie macht eine lange Autofahrt und die Kinder streiten sich hinten im Wagen und die Mutter redet, doch… die Kinder streiten weiter und der Vater stiert gedankenverloren auf die Autobahn und die Kinder sitzen außer Reichweite und die Mutter kann die Ohren nicht langziehen und es reicht ihr und sie holt ihren Mann in die Realität zurück und sagt: „Schatz! Sprich doch endlich mal ein Machtwort!” Ein Machtwort, was ist das? Ein Machtwort sprechen bedeutet, seinen Einfluss geltend machen, entscheidend eingreifen. Es ist ein kraftvolles Wort, eine unanfechtbare, autoritäre Entscheidung, die keinen Widerspruch duldet und aufgrund bestehender Machtverhältnisse durchgesetzt wird und die Realität wesentlich ändert. Machtworte kennen wir: Der Richter des Obersten Gerichtshofes verkündet das Urteil: Lebenslange Haftstrafe und aus Freiheit wird von jetzt auf gleich Gefängnis. Ein Machtwort. Als Diener der Kirche und als Staatsbeamte für Home Affairs sagt der Pastor: ,,… so spreche ich euch ehelich zusammen im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes” und ab sofort sind die Trauleute verheiratet. Ein Machtwort.
Solch ein Machtwort spricht heute Gott selbst. Sieht man nicht sofort! Denn die Übersetzung lautet: Bleibt fest in der brüderlichen Liebe”, aber der Urtext: „Die brüderliche Liebe bleibe.” Das ist keine Aufforderung, als wenn der Herr zu euch sagte: „So, nun macht ihr mal…”, sondern das ist ein Machtwort Gottes, eine unanfechtbare Entscheidung, die keinen Widerspruch duldet und die Realität der Kirche bestimmt: Die brüderliche Liebe bleibe.” Wenn das die Realität der Kirche bestimmt, stehen wir als Gemeinde vor der Wahl: Entweder wir gehören zur Kirche und üben die brüderliche Liebe aus, oder aber wir weigern uns und treten damit aus der Gottesliebe aus. Denn so schreibt der Apostel Johannes: „Wenn jemand spricht, ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht. Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.” (1. Joh 4,20f.)
Genau das bestimmt das Machtwort, das der Herr hier spricht: „Die brüderliche Liebe bleibe.” Wer sind denn nun diese Brüder? Die brüderliche Liebe ist die Liebe aller Christen untereinander und zueinander als Glieder der Familie Gottes. Kein Grund zur Aufregung, weil die lieben Schwestern hier nicht genannt werden, sondern Gott eignet allen in Christus den gleichen Wert zu, er schenkt euch in der Taufe allen die Gottessohnschaft ihr erbt alle in Christus das volle ewige Leben und so spricht Christus zu Männern und Frauen, die ihm nachfolgen: ihr aber seid alle Brüder (Mt 23,9). Die brüderliche Liebe ist also konkret die Liebe zu Mitchristen aus der eigenen Gemeinde und allen Gemeinden. So also das Machtwort: Die brüderliche Liebe bleibe”.
Und mehr noch. Der Herr präzisiert genauer: „Gastfrei zu sein vergesst nicht.” Im Urtext steht hier das Wort Philoxenia” wörtlich: die Liebe zum Fremden. In unserem Land erleben wir zurzeit das Gegenteil: Xenophobia” – Hass auf Fremde, die Fremdenfeindlichkeit. Jede Woche wird gegen Fremde, gegen Ausländer protestiert. Es zeigt sich, dass das hochgelobte Ubuntu in Südafrika zunehmend nur den eigenen Stammesgenossen gilt. Gerade davon aber will der Herr uns freimachen, denn in der Kirche gilt nicht, Xenophobia” – Angst vor Fremden oder Hass auf Fremde, sondern Philoxenia”, die Liebe zum Fremden.
Diese Liebe zum fremden Mitchristen, diese, brüderliche Liebe bleibe.” Damit will der Herr von uns kein warmes, wohliges Gefühl dem Mitchristen gegenüber, sondern dass wir ihm Gutes sagen, ihn aufbauen; und nicht nur, dass wir ihm Gutes sagen, sondern, dass wir ihm Gutes tun. So lehrt die Heilige Schrift: Wenn ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und Mangel hat an täglicher Nahrung und jemand unter euch spricht zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was der Leib nötig hat was hilft ihnen das?” (Jak 2,15f.) Tätige Liebe ist die gottbestimmte Realität der Kirche. Bringen wir es auf den Punkt. Wenn der Herr hier sagt: Gastfrei zu sein vergesst nicht, dann geht es nicht um Gastfreundschaft im Sinne von netter Geselligkeit unter Bekannten und Verwandten, sondern um tätige Liebe zu dem Mitchristen, der fremd ist, der nicht dazugehört, der von außen kommt.
Das war für die erste Christenheit lebensnotwendig. Viele Christen waren damals unterwegs, weil sie ihre Heimat verlassen mussten. Sie waren angefeindet worden, ausgegrenzt, bedroht. Sie packten das Nötigste und zogen weiter – oft ohne zu wissen, wo sie am Abend unterkommen würden. Ihre erste und manchmal einzige Anlaufstelle in einer fremden Stadt waren die Glaubensgeschwister. Menschen, die sie noch nie gesehen hatten, aber die zu derselben Familie gehörten. Brüderliche Liebe! Und heute ist sie in unserem Land für viele genauso lebensnotwendig. Ein Beispiel: Der junge Pastor unserer Schwesterkirche in Phoenix und Chatsworth ist Kongolese und hat Frau und Kinder. Seit vielen Jahren bemühen sie sich um Aufenthaltsgenehmigung, doch der Staat versagt, und nun hat dieser Pastor Frau und Kinder nach Swasiland bringen müssen, weil sie befürchten, in Durban angegriffen zu werden; inzwischen dient er weiter. Wie kann da tätige brüderliche Liebe aussehen?
Auch in dieser Kirche gilt die brüderliche Liebe Mitchristen aus anderen Ländern und Kulturen. Wenn hier Gäste im Gottesdienst sind, und keiner sie begleitet – siehst du sie? Heißt du sie willkommen? Hilfst du ihnen zurecht? Dazu haben wir Büchlein auf Englisch und Deutsch im Eingangsbereich vorliegen, damit man ihnen helfen kann, sich in der Liturgie und im Gesangbuch zurechtzufinden. Und willkommen heißen und sich auf Gespräche einlassen kann man auch ohne Büchlein. Bitte nicht 10 Leute auf einmal, aber ein oder zwei mindestens. Und wie sieht die brüderliche Liebe aus zu denen, die öfter wiederkommen, vielleicht schon hier leben und sich angeschlossen haben? Als einer, der selbst lange im Ausland gelebt hat, kann ich euch sagen, wie lange man sich dort sogar in christlichen Gemeinden fremd fühlen kann. Hast du ein Auge, ein Ohr, ein Herz für den oder für die in unserer Mitte mit einem ganz anderen Hintergrund als du? Was sagst du, was machst du, damit solche Mitchristen sich hier wohlfühlen? Ihnen gilt brüderliche Liebe. Leider höre ich als Seelsorger, wie schwierig Leute von außen manchmal den Einstieg in unsere Gemeinde finden. Sie empfinden die Gemeinde als geschlossene Gesellschaft, in der sie nicht wirklich einen Platz finden können, in der ihnen bewusst oder unbewusst zu verstehen gegeben wird: Ihr gehört nicht dazu und werdet niemals wirklich dazugehören. Vielleicht meinst du jetzt: Aber ich habe doch nichts getan, um das zum Ausdruck zu bringen! Aber das ist es ja gerade: wer nichts sagt, wer nichts tut, liebt nicht, denn die brüderliche Liebe ist ein tätiges Ding.
Es ist immer leichter, bei der Kirche und zu Hause zu reden und zu verkehren mit Bekannten und Verwandten und es dabei zu belassen. Aber wer sagt denn, dass wir es uns leicht machen sollen? Wäre es denn so schlimm, die anderer Herkunft mal zum Mittagessen nach Hause oder zum Hof einzuladen und einfach zuzuhören? Oder einfach auf dem Kirchhof mit ihnen ins Gespräch zu kommen? „Gastfrei zu sein vergesst nicht”, spricht der Herr. Ihr Lieben, die Gemeinde ist kein Takeaway, wo man am Sonntag kurz vorfährt, unter sich bleibt, sich bedienen lässt, ins Auto steigt und so schnell wie möglich wieder nach Hause fährt. Denn wo bleibt da die brüderliche Liebe? Haben wir denn vergessen, was der Herr sagt?: „Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.” (Joh 13,34)
Wenn ihr jetzt verzweifelt oder verärgert fragt: Wo kann solch eine Liebe denn herkommen?, dann stellt ihr die richtige Frage. Denn solch eine Liebe entsteht nicht auf Knopfdruck oder Befehl, sondern durch das Machtwort Gottes, und sein Machtwort der brüderlichen Liebe ist zuallererst eine Person, Jesus Christus, das Machtwort Gottes im Fleisch, das sich aufgrund der Machtverhältnisse Gottes durchsetzt und die Realität bis heute wesentlich ändert. Das Machtwort Gottes in Person hat dich geliebt, als du noch fremd warst, anders warst, weit weg warst, und liebt dich noch, hat dich durch die Taufe in die Gemeinde gebracht und dir Dazugehörigkeit gegeben und eine Gemeinschaft, deren höchste Erfüllung diesseits der Ewigkeit sich dort am Tisch des Herrn vollzieht, und er will andere auch herzuziehen. Jesus Christus ist der Inbegriff der brüderlichen Liebe, der euch und mich zuallererst zu seinen Brüdern macht, der er sich nicht leicht, sondern schwer gemacht hat. Diese Liebe, seine Liebe, ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. (Röm 5,5) Da kommt die brüderliche Liebe her, darum gilt das Machtwort Gottes und dadurch wird Liebe zum Fremden auch hier möglich.
denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt eine Erinnerung an den Tag, als Abraham und Sara drei reisende Männer in ihrem Zelt aufnehmen und Gastfreundschaft erweisen, und dann stellt sich raus, diese Männer sind in Wirklichkeit der Herr und zwei Engel. Damit öffnet der Herr Jesus die Augen seiner Brüder für die unsichtbare Realität: Seine Engel sind in dieser Welt unterwegs. Und wenn du einen unbekannten Mitchristen vor dir hast: Wer weiß, ob du nicht einen Engel beherbergst.
Ja, und nicht nur das. Jesus gibt der Gastfreundschaft gegenüber Fremden höchste Bedeutung, wenn er am Jüngsten Tag sagen wird zu denen, die Gastfreundschaft gelebt haben: „Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt. Denn ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen.” Was ihr getan habt einem dieser meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan.” Der Herr Jesus identifiziert sich mit fremden Brüdern vor der Tür. Ihm dürfen und wollen wir in ihnen dienen, bis er uns brüderlich willkommen heißt, wo er zu Hause ist und keiner mehr fremd ist. Wie gut, dass das Machtwort das endliche Machtwort gesprochen hat! Amen.