Predigt – Das ewige Zuhause – Judika 2026

Aus unserer Gemeinschaft hat es schon viele in die Großstädte gezogen – nach Durban, Johannesburg, Pretoria. Und zur Ausbildung muss man ja meistens immer noch dorthin. Und nicht alle kehren wieder. Einige mögen eben die Reize der Stadt – die Einkaufsmöglichkeiten, Arbeitsgelegenheiten, die guten Restaurants und Krankenhäuser, die vielen Schulen, die große Auswahl an Sport und Entertainment. Und einige Städte haben irgendwie einen besonderen Anreiz – Kapstadt, London, Los Angeles, New York. Denn – so das Empfinden – wer dort lebt, der gehört dazu, der ist Insider, der ist angekommen, wo es zählt.

Zur Zeit der Abfassung des Neuen Testaments gab es auch Städte, die besonders glänzten, allen voran die Stadt Rom. Die Metropole Rom war das Herzstück des römischen Kaiserreiches. Da lebte die römische Elite, da gab es monumentale Bauten, prächtige Paläste, gute Wasserversorgung, heiße Bäder, da schlug das Herz der römischen Wirtschaft und Regierung und Bildung mit großer Auswahl an Entertainment und allen möglichen Reizen. Wer in Rom lebte, sogar in den Armenvierteln, galt im Reich als Insider. Inzwischen lebten auch viele Juden in Rom. Ja, es gab Spannungen zwischen Juden und heidnischen Römern, aber hatte man sich doch gut arrangiert. Schon Julius Cäsar hatte dafür gesorgt, dass die Juden toleriert wurden; sie genossen einen Sonderstatus und durften ihren Glauben öffentlich ausleben, ihre jüdische Identität beibehalten und trotzdem als gute Römer gelten. Aber dann kamen Petrus und auch Paulus auf Christi Befehl nach Rom, und als Folge der Predigt von Jesus Christus schlossen sich jüdische und heidnische Römer zu christlichen Gemeinden zusammen.

Der Brief an die Hebräer ist an solch eine Gemeinde gerichtet – eine Gemeinde jüdischer Christen, höchstwahrscheinlich in Rom. Zuerst fielen diese Christen in Rom nicht auf. Sie waren ja nach wie vor Juden, lebten wie die andern Juden, mit dem einen, wesentlichen Unterschied: sie erkannten Jesus als Messias an und bekannten sich zu seinem Namen. Zuerst galten diese Christen als eine jüdische Gruppe und wurden toleriert. Doch nach und nach änderte sich die Toleranz der Römer diesen jüdischen Christen gegenüber, und bald auch die Toleranz der Juden. Sie wurden von der jüdischen Gemeinschaft ausgestoßen. Es wurde deutlich, dass ihre Lebensart, ihre Ethik und ihre Werte anders waren. Am schlimmsten war, dass sie Christus folgten, einem Verbrecher, einem Kriminellen, der den schandbarsten Tod überhaupt gestorben war – als Geächteter und Ausgestoßener an einem Kreuz. Zunehmend brachte der Name Jesus den jüdischen Christen Schande, Schmach und Scham ein. Von Insidern in der Elitestadt Rom wurden sie zu Outsidern, von Rom verfolgt. Sie wurden öffentlich verspottet, ihre Häuser und Geschäfte beschlagnahmt, ihre Karrieren beendet, ihr Ruf zerstört. Das Ergebnis? Druck. Diese jüdischen Christen standen unter Druck, sich von Christus loszusagen, wieder die jüdische Identität zu ergreifen, ihren Glauben nicht zu bekennen, ihren Heiland zu verleugnen. In dieser hebräischen Gemeinde wurden Stimmen laut, die lehrten, dass man doch unbedingt wieder streng nach den jüdischen Speisevorschriften essen sollte, wieder die jüdischen Opferfeste feiern musste; irgendwas tun, alles tun, bloß die Schande des Namens Jesu loswerden, die Demütigung, die damit zusammenhing, den Skandal, und sich davon distanzieren, alles, damit man in der Elitestadt wieder erfolgreich und zu Insidern werden konnte.

Der Hebräerbrief ruft diese Christen auf, den Mut nicht sinken zu lassen, Christus nicht wieder loszulassen, nicht dem Druck nachzugeben, sondern auf ihn zu schauen und von ihm Kraft zu bekommen, denn Christus ist die Erfüllung des Heiligen Schrift, und es gibt kein Zurück mehr, ohne alles zu verlieren! Haltet aus, ruft der Herr ihnen zu. Schaut nicht zurück, sondern nach vorn! Zu Christen, die zunehmend unter Druck stehen, sich anzupassen, Christus nicht zu bekennen, hat der Hebräerbrief viel zu sagen! Leben wir nicht unter ähnlichem Druck? Auch hier in unserer Gemeinschaft wird mit dem Namen Jesus oft mehr geflucht als gelobt. Ja, viele in unserer Gegend verstehen sich als Christen, aber auch wir empfinden einen Druck, uns anzugleichen – besonders an die Insider unserer Gemeinschaft, die was gelten, es geht eben auch um unseren Status und vielleicht auch um Erfolg und Vorwärtskommen hier in der Gegend.

Damals wie heute gilt: Als Christen passen wir nicht hinein in eine Welt, in eine Gesellschaft, die sich als religiös versteht, aber sich orientiert an dem, was die die Insider-Elite für gut hält. Wir passen als Christen nicht hinein in eine Gesellschaft, in der der Sonntagmorgen zur Vergnügungszeit oder zumindest Erholungszeit von dem wilden Abend zuvor erklärt worden ist. In der man schon damit rechnet, dass einige manchmal zur Kirche gehen, aber ganz bestimmt nicht jeden Sonntag, nicht zu zwei Gottesdiensten, nicht, wenn Sport oder Vergnügung angesagt ist, und schon gar nicht auch noch am Mittwoch zum Passionsgottesdienst oder überhaupt zum Gründonnerstag, Karfreitag, Ostersonntag und Ostermontag. Wir passen als Christen nicht hinein in eine Gesellschaft, die überhaupt nicht mehr im Blick hat, dass es ein größeres Glück auf Erden geben könnte, als erfolgreich zu sein, Sonntag zu einem Familientag aber ohne kirchliches Leben zu erklären. Wir passen als Christen nicht hinein in eine Gesellschaft, die sich nach außen hin tolerant gibt und doch sofort anfängt, intolerant zu reagieren, wenn jemand zu deutlich zu seinen christlichen Überzeugungen und Werten stehen sollte im Geschäft.

Doch Gottes Wort stimmt hier nun kein Klagelied an, schimpft nicht auf Leute, die deutlich machen, dass der Glaube nicht hingehört in das Gespräch am Braai oder den Arbeitsplatz. Sondern der Herr weitet unseren Blick, macht deutlich: wenn wir seine Schmach tragen und dadurch zu Außenseitern werden, wir uns in bester Gemeinschaft befinden, nämlich mit Christus selber. Denn sein Leben endete nicht unter den Eliten, den Insidern, nicht in Rom, nicht mal in der heiligen Stadt Jerusalem, sondern draußen vor dem Tor, wo man den Müll hinwirft, auf dem Hügel Golgatha, weit entfernt von den Wohnsitzen der Insider. Das musste so sein, dass Jesus draußen vor dem Tor starb, am Ort der Unreinheit. Denn er hatte ja die Sünde und Unreinheit und den Schmach der ganzen Welt auf sich genommen. Ja, Jesus ließ sich ausstoßen draußen vor das Tor, damit die, die zu ihm, zu seinem Volk gehören, geheiligt werden, das heißt: in die Gemeinschaft mit Gott aufgenommen werden. Ja, eben darin liegt auch unser Heil, unsere Hoffnung, unsere Rettung begründet, dass Jesus seinen Weg konsequent weitergegangen ist – bis er ganz draußen schließlich sein Blut vergoss und starb: als Outsider außerhalb der Stadt – für uns.

Gott macht deutlich: Wenn du in der Ewigkeit ankommen willst, wo es wirklich zählt, zu den ewigen Insidern gehören willst, dann geht es nur so, indem du jetz zu ihm hinausgehst, dort, wo er sich finden lässt: nicht bei den jubelnden Massen, nicht bei der großen Mehrheit, nicht bei den Insidern. Im Gegenteil! Wenn du den Weg gehst, den er dir zeigt, musst du damit rechnen, zum Außenseiter zu werden, dass es dich was kostet, dass du ausgelacht wirst, wenn andere mitbekommen, dass dich dein Weg sonntags in die Kirche führt und im Alltag ihren Heiland und seine Werte und Wahrheit und Erlösung in dein Leben.

Doch seid getrost: Wenn Christus im Alltag und am Sonntag in euch Gestalt gewinnt, ist er euch nah und ihr seid ihm nah. Er wird euch nie im Stich lassen, euch sitzen lassen für andere, bessere, sondern er selber, der große Außenseiter, Jesus Christus schließt euch unter seinem Kreuz zu einer neuen Gemeinschaft zusammen, zu seinem Volk, zu seiner Kirche. Bei ihm wirst du zum Insider! Ja, und der gekreuzigte Christus lenkt euren Blick weiter nach vorne, auf ein Ziel, das so wunderbar, so großartig ist, dass es allen Misserfolg und alles am-Rande-Stehen, das wir hier auf Erden erfahren, unendlich aufwiegen wird.

Viele von uns leben bewusst und gern auf dem Lande, weil uns das Stadtleben mit seinem Lärm, seiner Hektik, seinem Verkehr, seiner Enge, seinem Schmutz und Elend nicht gefällt. Dennoch lenkt Christus über die Schönheit von Gottes Erde hinaus auf die herrliche Hoffnung der Stadt Gottes. Aber es wird eine Stadt, wie die Welt noch nie eine Stadt gesehen hat. Ohne Schmutz, ohne Elend, ohne Enge, ohne Hektik, ohne Lärm, eine geräumige, lauschige, wunderbar geordnete Stadt. Jesus sagt: In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. … Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten… Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, auf dass auch ihr seid, wo ich bin. Und wo ist das? In der herrlichen Stadt, die der auferstandene Jesus selbst jetzt baut, in einer wunderbaren Heimat, in seinem himmlischen Jerusalem bereitet er dir ein herrliches Zuhause, wo du nie wieder fremd, ausgestoßen, am Rande irgendwo, sondern für immer dazugehören wirst. Dort gibt es keine Finsternis und keine Nacht, denn der Herr Gott und seine Herrlichkeit durchfluten die ganze Stadt mit dem schönsten ewigen Licht. Diese Stadt suchen wir, dort wollen wir Insider sein, dort wollen wir hin. Sie wird eine freie Stadt mit viel Raum (Gal 4), dort werdet ihr leben mit vielen tausend Engeln und der ganzen großen Schar, die im Himmel aufgeschrieben sind, und Gott mittendrin, der Mittler des neuen Bundes, Jesus selbst. Festlich geschmückt ist diese Stadt wie eine Braut für ihren Bräutigam (Offb 21), mit Mauern und Grundsteinen und Toren aus kostbaren Edelsteinen und massiven Perlen, und es wird nichts Unreines in sie hineinkommen und keiner, der Greuel tut und Lüge, sondern nur die Insider, die geschrieben stehen im Buch des Lammes, und Gott selbst kümmert sich um die perfekte Infrastruktur: Straßen aus reinem Gold wie durchscheinendes Glas, lebendiges Wasser genug für jeden, weite Plätze und Obstanlagen und – Bäume des Lebens wie im Paradies, aber weit besser. Obwohl wir das irdische Leben genießen mögen, erleben wir hier alle Trauer und Enttäuschungen. Aber in der himmlischen Stadt wird Gott jede Träne von unseren Augen abwischen. Wer in dieser Stadt ankommt, lebt, wo es ewig zählt. Wir haben hier keine bleibende Stadt – aber die zukünftige suchen wir! Amen.


JUDIKA (Der Hohepriester)

Wochenspruch

Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele. Matthäus 20, 28

Epistel

Christus hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte, und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt. Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden.

Hebräer 5, 7 – 9

Hauptlied: O Mensch, bewein dein Sünde groß 154

Evangelium

Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, gingen zu Jesus und sprachen: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, um was wir dich bitten werden. Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue? Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist. Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein, und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Markus 10, 35 – 45