Personalisierung – das Schlagwort des Jahrhunderts. Mach dein eigenes Ding draus, gestalte das Ganze neu, ganz, wie du es willst. Nehmen wir mal das Smartphone als Beispiel. Ja, für einige bleibt das Smartphone nur ein Werkzeug, und sie lassen es, wie sie es bekommen haben, aber die meisten personalisieren ihr Smartphone, um es einzigartig zu machen. Man kauft sich eine Schutzhülle, entwirft ein eigenes Design dafür, ändert Hintergrundbilder und Schriftgrößen, gestaltet die Startseite, sucht sich ein Profilbild aus, wählt sich seine eigenen Widgets, passt die Icons an, bestimmt die Farbpalette vom Display, ändert den Klingelton, lädt sich Apps runter und organisiert sie beliebig – schier endlos ist die Auswahl an Gestaltungsvarianten. Personalisierung – darum geht es.
Daran ist ja auch nichts auszusetzen. Schön, dass man sich so ausdrücken kann. Problematisch aber wird es, wenn wir uns so daran gewöhnen, zu gestalten und zu ändern, wie wir es wollen, dass wir es auch mit der Nachfolge machen. Der Herr Jesus hat uns in seine Nachfolge gerufen, und da kann es sein, dass wir auch bestimmen wollen, wie diese Nachfolge aussehen sollte – und wie nicht. Dass wir in den Papierkorb werfen, was nicht zu unserer Persönlichkeit passt. Dass wir unsere Christusnachfolge individuell gestalten, personalisieren wollen.
Lukas berichtet über gleich drei Leute, die Christus nachfolgen, ihre Nachfolge aber unbedingt selbst gestalten wollen. Der erste macht Jesus ein Angebot, das er eigentlich gar nicht ablehnen kann: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Was für Überzeugen, mögen wir staunen, was für Hingabe, was für Entschlossenheit. Aber vielleicht kommt das Angebot ein bisschen zu schnell, übermütig, zu viel Selbstvertrauen. Der Mann hofft oder nimmt an, dass die Christusnachfolge ihm nichts kosten wird.
Der zweite Bewerber macht ein Angebot, das keinen Raum für neue Prioritäten lässt. Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Kann man verstehen, klingt vernünftig, sogar ehrenwert. Jeder rechtgläubiger, frommer Mensch wusste, dass die Pflicht, für die Eltern zu sorgen und überhaupt den Vater zu beerdigen, die erste und höchste Pflicht war. Wer seinen Vater beerdigen musste, wurde von allen anderen Pflichten befreit, vom Gottesdienstbesuch, sogar vom Priesterdienst. Dieser Grund, würde man meinen, ist stichhaltig und richtig. Aber Gottes Reich setzt und fordert neue Prioritäten. Lass die Toten ihre Toten begraben! Nicht einmal der Sterbefall des Vaters gilt als triftige Entschuldigung. Was Jesus hier sagt, hat sogar die frömmsten Menschen damals schockiert! Denn er macht hier überhaupt keine Zugeständnisse. Nichts ist wichtiger als Gottes Reich! Kein „lass mich zuerst meine Eltern versorgen“ – nicht einmal die heiligste Pflicht anderen gegenüber ist wichtiger als der Ruf des Herrn.
Der dritte will dem Herr Bedingungen stellen. Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind. Habt ihr’s gehört? Habt ihr drauf geachtet? „aber“, „zuvor“, „zuerst“… Diese Antwort kennen wir alle. „Komm zur Küche und hilf mir!“ „Ja, Mama, aber ich will nur eben… ich bin gerade dabei… lass mich nur schnell…“ – mein Spiel zu Ende spielen, meine Arbeit schaffen, den letzten Over vom Cricketspiel schauen. Tut mir leid, Mama, aber das Cricket steht an erster Stelle, nicht das, was ich in der Küche tun soll. Tut mir leid, Jesus, ich werde mich gleich um dich kümmern, aber zuerst muss ich noch ein paar Dinge erledigen. Es gilt bei Jesus kein „zuerst“ – kein „zuerst meine Gäste versorgen“ oder „zuerst meine Freiheit auskosten und dann“ oder „zuerst meine Eltern versorgen und dann“ – unmissverständlich, klipp und klar spricht der Herr: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes. Die Hauptsache ist, dass die Hauptsache die Hauptsache bleibt.
Drei Menschen hören, wie Jesus sie in die Nachfolge ruft. Was ist aus ihnen geworden? Was haben sie gemacht? Gottes Wort sagt uns nicht, ob sie die Ermahnung des Herrn zu Herzen genommen haben. Es geht hier nicht darum, was diese drei Menschen gemacht haben. Sondern es geht darum, was du machst. Und ich. Wie antwortest du dem Herrn Jesus, wie reagierst du auf seinen Ruf? Ist das Reich Gottes deine erste Priorität?
Oder bist du es, der zurückschaut oder zur Seite? Folgen wir dem Herrn nach, oder haben wir uns unsere eigene Art und Weise der Nachfolge zurechtgebastelt, personalisiert? Diese Frage ist von größter Bedeutung. Denn der Herr hat auch dich gerufen. Du hast ihn gehört. Du hast ihn und seine Gaben empfangen. Dich hat er von Sünden reingewaschen, du hast mit dem Glauben geantwortet. Du und ich, wir haben versprochen, was der erste Mensch in der Lesung versprochen hat: Herr, ich will dir folgen, wohin du gehst. Am Tage unserer Konfirmation haben wir vor dem Alter gestanden, da hat der Pastor uns gefragt: „Entsagst du dem Teufel und allen seinen Werken und all seinem Wesen, glaubst du an Gott Vater, Sohn und Heiligen Geist, hältst du die Bücher der Bibel für Gottes unfehlbares Wort? Wollt ihr auch die Gnadenmittel treu gebrauchen, dass ihr in solchem Glauben bleibt, wachst und Frucht bringt zum ewigen Leben?“ Und wir haben geantwortet: „Ja, mit Gottes Hilfe.“
Gott hat einen jeden von uns gerufen und wir haben alle gelobt, ihm zu folgen. Und so hören wir die Worte, die Jesus hier zuletzt ausspricht, als unheilvolle Drohung: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. Wie ist das möglich, wie kann das sein, dass jemand, den Christus gerufen hat, nicht geschickt ist, nicht geeignet ist, nicht brauchbar ist für Gottes Reich? Antwort: Wenn wir unsere Christusnachfolge selbst gestalten wollen. Wenn wir Jesus uns so personalisieren, anpassen, individuell gestaltet, dass wir ihm auf eigene Weise nachfolgen. Wenn wir anderen Dingen den Vorrang geben, andere Dinge priorisieren, als Gottes Wort zu hören und zu lernen und heilig zu halten. Wenn wir unseren Kindern vorleben, dass andere Dinge wichtiger sind. Wenn wir Jesus nur in der Kirche Raum geben aber nicht in der Steuererklärung oder im Geschäftsabkommen oder zwischenmenschlichen Beziehungen.
Die größte Gefahr besteht darin, dass wir uns einen Jesus personalisieren, den wir selbst gestalten, wie man sich seine Startseite auf dem Smartphone selbst einrichtet, dass wir Gottes Wort so deuten und auslegen, wie wir es für zeitgemäß halten, und dass wir ihm so nachfolgen, dass es uns und unseren Prioritäten passt. Dass wir Gott nach unserm Bild schaffen, statt zu akzeptieren, dass er es andersherum gemacht hat.
Sehr leicht übersehen wir in diesem Gotteswort die sehr wichtige Eingangsbemerkung. „Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm“ – auf dem Wege wohin? Die Antwort findet sich wenige Verse zuvor, da heißt es: „da wandte er sein Angesicht, stracks nach Jerusalem zu wandern…“ Stracks, das bedeutet: auf dem kürzesten Weg, ohne Abstecher, sofort, geradewegs, als erste Priorität, ohne zuerst zu schauen, was gemütlicher wäre, ohne sich erstmal abzusichern… Jesus hat sich gebunden. Seine Entscheidung steht. Sein Weg ist abgesteckt. Seine Priorität ist klar: er geht entschlossen und ohne zurückzuschauen den Weg, der ihm keine Gemütlichkeit bringt, keine besseren Gelegenheiten, sondern Ablehnung, Verwerfung, Verhaftung, Misshandlung, Schande, Scham und Tod. Und dort, am Ziel seines Weges, in Jerusalem, da schafft er auf vollkommene Weise, was wir mit unserem bedingten Ja und unserer eigenwilligen Priorisierung nie erreichen können: Er wäscht euch rein von allen Sünden, er macht nicht sich selbst, sondern euch, euch! zu seiner ersten Priorität, er reinigt euch von aller Untugend. Durch seine Hingabe und Entschlossenheit und seine Zielstrebigkeit bewirkt er Vergebung für alle, die seinem Ruf folgen.
Der ist es, der dich ruft. Der ist es, dem du folgst. Nicht einem, der auf Biegen und Brechen Gehorsam um des Gehorsams willen fordert, nicht einem, der immer mehr Druck macht, um zu sehen, wie weit du es schaffst, sondern einem, der dir und deinen Kindern ewiges Leben schenkt und einlädt, ein neues Leben zu führen in seinem Reich in enger Gemeinschaft mit ihm. Der ist es, der dich ruft, dich einlädt, ihm zu folgen.
Und wenn du müde bist, erschöpft bist, besorgt bist, frustriert bist, dann liegt die Antwort nicht darin, dass du dich erstmal um dich selbst kümmerst, sondern darin, dass du zu ihm kommst und dich von ihm aufnehmen lässt, dass du ihm deine Last gibst und dich von ihm tragen lässt. Er sieht dich ja – nicht nur als einen, den er herumkommandiert und allein laufen lässt, sondern er sieht dich als Person und geht mit dir. Er will dir heute mit diesen Worten und im Gottesdienst deiner Gemeinde neuen Mut machen, mit ihm weiterzugehen. Dein Herr und Heiland Jesus Christus will dir heute und morgen und übermorgen neue Kraft und neue Freude schenken, damit du mit ihm nach vorn schaust.
Er gibt dir das Vorrecht, dich mit ihm zu identifizieren. Er ruft dich, sein rettendes Wort anderen zu sagen. Sein Geist wirkt in dir, was du nicht bewirken kannst, sodass du deine Lebenserfüllung findest nicht durch Selbstverwirklichung, nicht durch die Erfüllung all deiner Bedürfnisse und Wünsche, sondern in der Nachfolge mit ihm und hin zu ihm, der selbst das Leben ist und allein Leben schenken kann. Er hat den Weg auch für dich abgesteckt. Im Abendmahl will er dich stärken und dir Kraft geben für den Weg. Weil wir wissen, wer es ist, der uns ruft, hören wir seine Stimme und folgen ihm nach. Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Wochenspruch
Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
Lukas 9, 62
Introitus – Nr. 23 (Psalm 25, 15; Psalm 34, 16 u 20)
Epistel
So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch. Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört. Auch schandbare und närrische oder lose Reden stehen euch nicht an, sondern vielmehr Danksagung. Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – das sind Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes. Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams. Darum seid nicht ihre Mitgenossen. Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn.
Epheser 5, 1 – 8a
Hauptlied
Wenn meine Sünd mich kränken 162
Evangelium
Als Jesus und seine Jünger auf dem Wege nach Jerusalem waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
Lukas 9, 57 – 62
liturgische Farbe: violett. Festzeit: Fastenzeit.
Wochenspruch: Lk 9,62
Wochenpsalm: Ps 34b
Eingangspsalm: Ps 34
Epistel: Eph 5,1-8a
Evangelium: Lk 9,57-62
Predigttext: Mk 12,41-44
Wochenlied: 82 und 96
Erklärung zu den Perikopen:
Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).
I(Evangelium): Lk 9,57-62
II: Eph 5,1-8a
III: Mk 12,41-44
IV: 1. Petr 1,(13-17) 18-21
V: Jer 20,7-11a (11b-13)
VI: 1. Kön 19,1-8 (9-13a)