Predigt – Verlorene Menschen – und der, der sie sucht. 14. Sonntag nach Trinitatis 2026

Zachäus war auf dem besten Weg in die Hölle. Strenggenommen müsste man das anders ausdrücken. Denn er war ja gar nicht auf dem Weg. In die Hölle kommt man, wenn man vom Weg abkommt oder eben nie auf dem Weg gewesen ist. Vielleicht sagt man besser: „Zachäus bewegte sich sicher und zielstrebig auf die Hölle zu“. Der Herr Jesus sagt das: Zachäus war verloren. Im Deutschen entgeht uns dabei eine Ironie, die mit dem Namen Zachäus zusammenhängt. Zachäus bedeutet der Reine, der Aufrichtige. Doch gerade der ist verloren. Verloren bedeutet: dazugehören und dann abhandenkommen. Ein Haar wächst dir auf dem Kopf, aber dann fällt es aus und geht verloren. Wenn dein rechtes Auge dich verführt, reiß es aus und wirf es von dir, denn es ist besser, dass das Auge verlorengehe, als dass der ganze Leib in die Hölle komme. Oder buchstäblich in Psalm 1: „Denn der Herr kennt den Weg der Gerechten, aber der Gottlosen Weg geht verloren.“ Was verlorengeht, das kommt um, das wird zu nichts, das landet in der Hölle.

Von Geburt war Zachäus ein Kind Gottes, ein Nachkomme Abrahams, aber im Laufe seines Lebens war er auf Umwege und Abwege gekommen. Ob er noch ab und zu in Gottes Haus ging? Gerne wurde er dort nicht gesehen. Auf gut Südafrikanisch war Zachäus ein „Tenderpreneur“ mit allem, was dazugehört. Ein Geschäftsmann, der politische Kontakte nutzt, um öffentliche Aufträge vom Staat zu erhalten im Gegenzug für Geld, Schmiergeld und Gefälligkeiten. Ja, er musste den Römern eine Stange Geld für den Tender zahlen, aber die hat er schnell wieder wettgemacht. Durch Jericho führte die sehr profitable Ost-West-Handelsstraße hindurch. Er durfte bei jedem Transporter beliebig Zölle erheben, und solange er seinen Oberherren einen bestimmten Tarif zahlte, durfte er den Rest in die eigene Tasche streichen. Und obendrein brauchte er als Oberzöllner nicht einmal die Arbeit zu tun. Dafür gab es die Unterzöllner, und die mussten ihm auch noch etwas dafür zahlen, dass sie die Arbeit tun und ihrerseits in kleinerem Umfang die Geschäftsleute übers Ohr hauen konnten. Wie die Spinne saß der Zachäus als Drahtzieher in der Mitte, steckte seine Hände in jeden Topf.

Die Geschichte von Zachäus ist eine gefährliche Geschichte. Sie ist doppelt und dreifach gefährlich. Erstens finden wir sie vielleicht zu niedlich. Beim Namen Zachäus spielt in unserem Kopf das Kinderlied: „Zachäus war ein kleiner Mann, ein sehr kleiner Mann war er …“ Aber nichts mit niedlich! Verloren zu gehen ist kein Kinderspiel; Zachäus steht in der Macht des Teufels, ihm droht die ewige Verdammnis. Die Lage ist bitterernst.

Zweitens ist sie gefährlich, weil wir meinen, dass sie uns nicht berührt. Ein offensichtlicher Betrüger mit so schlechtem Ruf ist schließlich keiner von uns – das sind höchstens Tenderpreneurs wie Vusi Cat Matlala und die Construction Mafia – nicht wir, die wir uns ja nicht auf schmutzige Geschäfte mit dem Staat einlassen und alle ehrbaren Berufen nachgehen. Dabei ahnen wir nicht, wie gefährlich es auch um uns und unsere Seelen stehen kann. Einige Beispiele mögen es deutlich machen. Wir trennen oft fein säuberlich zwischen Glauben und Geschäft. In Gottes Haus gehen wir gern, verstehen uns selbst als Kinder Gottes, aber wenn der Arbeitstag beginnt, lassen wir Gott und seine Gebote wie das Andachtsbuch zu Hause, denn Geschäft ist Geschäft, und bei Geschäftsbeschlüssen ist jeder sich selbst der Nächste, und da können uns alle Mittel recht sein. Versteht mich bitte richtig: Sich mit Fleiß und Hingabe mit klugem Geschäftssinn einzusetzen und sein Geschäft aufzubauen, strebsam Gewinn zu machen, ist eine gute Sache, die man gut und gerne als Christ tun und vertreten kann. Denn dann kann man anderen helfen, den Zehnten geben, ein guter Verwalter der Gaben Gottes sein. Diese Welt und die Kirche brauchen fleißige, strebsame Geschäftsleute. Aber zu meinen, dass die 10 Gebote und allen voran Gott der Herr selbst in meinem Geschäftsplanen nichts zu suchen haben, ist ein fataler Fehler. Voranzukommen im Geschäft geht auf verschiedene Weisen: indem ich Gelegenheiten erkenne und ergreife, gute Risiken eingehe, viele Jahre fleißig arbeite und das Familiengeschäft voranbringe; ich kann aber auch im Geschäft vorankommen, indem ich andere am Erfolg hindere oder sogar für ihre Misserfolge sorge, ihnen Gelegenheiten nehme, auf Kosten der anderen für mein Geschäft und mein Einkommen und Vorwärtskommen sorge. Das kann ich aber auch passiv machen: Ich brauche gar nicht erst aktiv dem anderen einen Stock in die Speichen zu stecken; manchmal reicht es, wenn ich dort, wo ich Verantwortung trage, die Dinge einfach ein bisschen aufhalte, auf Zeit spiele, die Wirtschaft auch mal herabkommen oder gar verkommen lasse, damit ich bloß nicht anderen Profite auszahlen oder helfen muss – und damit ich zu gelegener Zeit das Eigentum oder das Geschäft selber billig übernehmen und neu aufbauen kann.

Geschäft ist nie nur Geschäft, Geld nie nur Geld. Wo immer es um Geld geht, da geht es um Gottesdienst. Geld ist nie neutral. Mit dem Geld dient man immer einem Gott – und die Frage ist nur, welchem. Wo immer Geld fließt, ob über einen Holztisch unter einem Zelt oder über die App auf dem Handy oder über einen Laptop im Büro, da werden unsere Hände leicht schmutzig. Jesus sagt es klipp und klar: Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Wer Gott und die 10 Gebote aus seinem Geschäft, seiner Geldbörse, seinen Gesprächen mit dem Buchführer und Finanzplaner ausklammert, der will buchstäblich auf gottlose Weise sein Geld verdienen. Der versucht, zwei Herren zu dienen, aber jeweils in Teilzeit. Und wenn es je eine Person gab, die den Beweis dafür lieferte, dass das nicht geht, dann Zachäus. Bei Zachäus geht es ja gerade darum, dass eine gottlose Geschäftsethik sich mit dem Glauben an den lebendigen Herrn nicht vereinbaren lässt. Jesus macht deutlich: Geschäftsleben und Gottesdienst sind ein und dasselbe. Ihr könnt nicht Gott dienen und der Sucht nach dem Geld. Das Ergebnis bescheinigt Jesus selbst. Zachäus hat viel Geld bekommen, aber sein gutes Gewissen hat er verloren. Und mit schlechtem Gewissen zu leben, macht die Seele lebenskrank. Zachäus hat die Welt gewonnen aber an seiner Seele Schaden genommen. Bei allem Geld und Gut, Land und Wohlstand, den Zachäus fand, ist er selbst verlorengegangen. Wer verlorengeht, der verliert schließlich alles und landet in der Hölle.

Wenn es an Zachäus gelegen hätte, wäre damit alles verloren. Sein Rennen und Baumsteigen hätten ihm nichts gebracht. Hier ist einer unterwegs, der Zachäus keinen Zoll zu zahlen braucht, weil er nichts besitzt, das besteuert werden kann. Das nicht. Und das, was er besitzt, kann keiner kaufen. Der Augenblick, als sich diese beiden Männer in die Augen blicken, ist ein Punkt, der in die Geschichte eingeht. Der ist der Inbegriff der heilvollen Wende schlechthin. Aus Zachäus‘ Augen geht ein kalkulierender, neugieriger Blick; aber Jesus blickt den Oberzöllner und behält den Durchblick, er durchschaut alle Lagen der Gier und des Geizes, des Hochmuts und der absoluten Geringschätzung anderer Menschen. Jesus kennt Sünder. Er weiß, wie ihr Leben aussieht, und er weiß, dass hinter ihrer Geldgier eine Krankheit des Herzens steht, eine Krankheit zum Tode, für die nur er das Heilmittel hat. Zachäus kann ihm gar nichts nehmen; aber Jesus kann ihm alles geben. Zachäus ist verloren, aber dazu ist Jesus gekommen. Für hoffnungslose Fälle. Für Verlorene. Das sind die Fälle, zu denen Jesus kommt. Ja, und das müssen die schimpfenden Selbstgerechten in der Menge lernen. Die sind alle sauer, weil Jesus sich mit Verlorenen abgibt. Und wollen es vielleicht nicht wahrhaben, dass Jesus nur für die gekommen ist.

Jesus ist hier der wahre Zachäus – der Reine, der Aufrichtige. Seine Liebe treibt ihn zu den Verlorenen, der Gerechte kommt und findet sie und führt sie wieder sicher auf den Weg, er macht sie zu Gerechten, deren Weg der Herr kennt. Er tut das mit Zachäus, indem er ihn vom Baumstamm runterschickt, und selbst für ihn am Stamm des Kreuzes erhöht wird – ja, und für dich. Wenn Jesus zu Zachäus sagt: ich muss heute in deinem Haus einkehren, dann steht hinter diesem Muss der göttlichen Notwendigkeit der unbändigen Liebe Gottes, die ihn zu den Verlorenen treibt. Die verlorene Münze wird gefunden und das verlorene Schaf nach Hause getragen und der rennende Vater schlingt seine Arme um den verlorenen Sohn, und Zachäus nahm Jesus auf mit Freuden, und die Engel Gottes sangen und sprangen und der ganze Himmel freute sich über diesen Sünder, der Buße tat.

Buße, das ist nicht nur eine Sinnes- oder Herzensänderung, sondern Buße macht den zwischenmenschlichen Schaden wieder gut. Zachäus bietet nicht an, alles zu verkaufen, und Jesus verlangt das auch nicht von ihm. Das Problem war nie der Reichtum selbst, sondern die Geldgier und der schmutzige Betrug. Zachäus macht Ernst mit der Buße. Nachdem er die Hälfte von seinem Geld und Gut verschenkt und den Betrogenen vierfach zurückgegeben hat, befindet er sich in reduzierten Lebensverhältnissen. Aber das stört ihn nicht. Er hat etwas viel Wertvolleres gefunden. Sein Haus hat nun ein festes Fundament, sein Leben ein Ziel, und sein Gewissen ist rein. Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn, sagt Jesus. Abrahams Kindeskind war er ja immer gewesen, aber nun ist Zachäus tatsächlich auch Abrahams Sohn und teilt seien Glauben und seinen Heiland, der ihn gerecht macht. Zachäus‘ Schande ist vorbei; er ist wiederhergestellt. Das ist die Macht der Vergebung. Jesus hat ihn der Hölle entrissen, und wo Jesus ist, da ist das Heil und der Himmel selbst.

Ihr Lieben! Wenn man den ganzen Auftrag Jesu, sein Kommen in diese Welt, seine Menschwerdung, sein Leben, sein Leiden, seinen Tod und seine Auferstehung und Himmelfahrt zusammenfassen will, Jesus selbst mit einem Satz auf den Nenner und den Punkt zum Springen bringen, dann so: Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.Heute will er in deinem Hause einkehren. Lass dich von ihm finden. Amen.

Wochenspruch

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Psalm 103, 2

Introitus – Nr. 55 (Psalm 50, 23; Psalm 146, 2)

Epistel

Wir sind nicht dem Fleisch schuldig, dass wir nach dem Fleisch leben. Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben müssen; wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Fleisches tötet, so werdet ihr leben. Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.

Römer 8, 12 – 17

Evangelium

Es begab sich, als Jesus nach Jerusalem wanderte, dass er durch Samarien und Galiläa hin zog. Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser! Und als er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein. Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter. Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde? Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.

Lukas 17, 11 – 19

 


liturgische Farbe: grün

Festzeit: Trinitatiszeit

Wochenspruch: Ps 103,2

Wochenpsalm: Ps 146

Eingangspsalm: Ps 19, Ps 36, Ps 67, Ps 84, Ps 113

Epistel: Röm 8,(12-13) 14-17

Evangelium: Lk 17,11-19

Predigttext: Mk 1,40-45

Wochenlied: 365


Erklärung zu den Perikopen:

Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).


I(Evangelium): Lk 17,11-19

II: Röm 8,(12-13) 14-17

III: Mk 1,40-45

IV: 1. Thess 1,2-10

V: 1. Mose 28,10-19a

VI: 1. Thess 5,14-24