Predigt – Warum das Leid? Die Heilung des Blindgeborenen – 08. Sonntag nach Trinitatis 2026

 Wie viele Monate haben 28 Tage? Das ist eine Fangfrage. Eine Fangfrage will den Hörer in eine logische Falle locken oder dazu verleiten, vorschnell die falsche Antwort zu geben. Wie viele Monate haben 28 Tage? Antwort: Alle, und die meisten einige mehr. In einem Vorstellungsgespräch soll einmal die Fangfrage gestellt worden sein: „Wie erklärt man einem Blinden die Farbe Gelb?“ Eine eher klassische Fangfrage: Unterhält sich eine Gruppe Männer, und einer fragt einen andern: „Hast du schon aufgehört, in der Nase zu bohren?“ Das ist eine Fangfrage, weil sie nur zwei Antwortmöglichkeiten vorgibt. Sagst du ja, warst du früher ein Nasenbohrer. Sagst du nein, bist du es immer noch.

Sie laufen die Straße entlang, der Herr Jesus und seine Jünger. An einem der Tore zum Tempelhof fällt ihr Blick auf einen blinden Bettler. Von Geburt an ist er blind. Die Jünger kommen ins Grübeln, und stellen Jesus eine akademische Frage: Meister, wer hat gesündigt, dieser [Bettler] oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus merkt sofort, dass das eine Fangfrage ist, denn sie gibt nur zwei Antwortmöglichkeiten vor. Sagt Jesus: Der Bettler, dann bedeutet das, dass dieser Mann schon vor der Geburt gesündigt haben muss. Und zwar so schlimm, dass er dafür mit Blindheit geschlagen wurde. Sagt Jesus: Die Eltern, dann bedeutet das, dass seine Eltern schuld sind an seinem Leiden. Die Frage setzt voraus: Hin oder her: Jemand hat die Blindheit durch Sünde verschuldet, und man will nur noch wissen, wer. „Wer ist schuld, wer hat gesündigt?“ Bald ist es keine akademische Frage mehr. Wir kennen sie gut. „Wie kommt es, dass Familie X so große Probleme mit ihrem Sohn hat? Was ist da schiefgelaufen?“ So fragen wir manchmal. Frau Y bekommt die schlechte Nachricht: Der Krebs ist wieder da. Die Nachricht tut uns herzlich leid, aber wir fragen uns: „Wo kommt der Krebs nur wieder her? Vielleicht weil sie früher viel geraucht hat?“

Warum das Leid? Wo kommt das her? Warum der? Warum die? Was hat er oder sie gemacht, dass es jetzt so schlecht mit ihnen steht? Sind sie selber schuld? Oder ist es die Schuld von anderen? Das sind unsere Fragen. Wir wollen verstehen, wie es zu dieser Situation kommen konnte. Einerseits ist es ja nicht verwunderlich. Je mehr die Wissenschaft über bestimmte Krankheiten und Entwicklungsstörungen und ihre Ursachen herausbekommt, desto deutlicher wird, welche Rolle unser Lebensstil spielt. Wie ernährst du dich? Treibst du Sport? Arbeitest du zu viel? Achtest du auf dein inneres Gleichgewicht?

Wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern…? Diese Frage hat etwas an sich; Taten und Gewohnheiten haben gesundheitliche Konsequenzen. Wenn Frauen in der Schwangerschaft rauchen, Drogen nehmen oder saufen, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ihre Kinder mit schweren Schäden zur Welt kommen. Den neusten Forschungen nach gilt das ebenso sehr für die Väter. Ganz klar: Mein Fehlverhalten kann mich und andere krank machen. Keine Frage: Taten haben Folgen. So steht es auch in der Bibel (Gal 6,7): was der Mensch sät, das wird er ernten. Wer unvorsichtig und waghalsig lebt, sich auf Drogengebrauch, Alkoholmissbrauch, sexuelle Sünde, Fressen usw. einlässt, muss mit Konsequenzen rechnen. Der Herr gebietet: „Du sollst nicht töten.“ Damit verbietet er damit selbstzerstörerisches Verhalten und Risikofreudigkeit.

Aber es gibt auch ein andererseits. „Wer hat Schuld am Leid?“ Hilft diese Frage wirklich weiter? Als Jesus hört, dass unschuldige Menschen von Soldaten niedergestochen wurden, sagt er: Leute, diese Menschen haben nicht mehr gesündigt als die anderen, die davongekommen sind. Als ein Turm eingestürzt und auf Menschen gefallen war, sagt Jesus: Leute, diese Toten waren nicht schuldiger als die, die überlebt haben. Wenn Katastrophen und Leid eintreten, sagt Jesus, dann tut alle Buße. Buße ist die erste gottgefällige Reaktion des Christen auf Leid. Aber, sagt er, hört auf, den Detektiv zu spielen.  

So auch hier. Die Frage der Jünger nach dem Schuldigen an dem Leid des Blinden erweist sich als Fangfrage, weil sie die Jünger in ihrem eigenen Denken gefangen hält. Sie haben keinen Blick dafür, dass seine Blindheit eine völlig andere Ursache haben könnte, die nur Gott weiß. Auch wir stecken oft mental in einem Teufelskreis, in einem Käfig, aus dem wir nicht mehr herauskommen. Nach traumatischen Erfahrungen verzweifeln viele an Gott, denn entweder, so meint man, wollte er nicht helfen, oder er konnte es nicht. Oder man verzweifelt an sich selbst. Eltern, deren Kind während der Schwangerschaft gestorben ist, gehen oft verzweifelt der Frage nach, was sie falsch gemacht haben. „Was haben wir bloß verschuldet, dass unser Kind nun tot ist?“ Man meint, man kann das Schwere leichter tragen, wenn die Schuldfrage geklärt wurde. Nur: In den seltensten Fällen findet man auf diese Weise eine befriedigende Antwort.

Lieber Christ! Krankheit, Trauma, der Tod deiner Lieben ist nicht automatisch eine Strafe, mit der du etwas abbüßen müsstest. Jesus lehrt: Die Verbindung von Krankheit und Schuld ist viel verflochtener, als dass wir sie aufdecken könnten. Einige von euch sind gekennzeichnet von Leid, das in dieser Welt nie wieder verschwindet. Einige von euch wurden geboren mit etwas, das von Anfang an euer Leben belastet. Doch damit seid ihr nicht lebenslänglich zur Schuldfrage verdammt und müsst irgendwie selbst dafür büßen oder das Leid absühnen. Das müsst ihr nicht. Das braucht ihr nicht. Christus ist euer Sühnopfer. Er hat gelitten für all eure Schuld. Denn es kam der Tag, an dem Jesus nicht am Leid vorbeiging, sondern sich dem Trauma und dem Leid der Welt stellte. Gott verbirgt sich nicht vor dem Leid. Nein, er antwortet darauf, indem er es auf sich nimmt. Christus hat alles Leid und alle Schuld dafür auf sich genommen und mit seinem unschuldigen Leben dafür bezahlt. Und das bedeutet: Wer in Christus ist, wem vergeben ist, für den ist die Schuldfrage ein für alle Mal geklärt.

Jesus will auch dich aus dem Teufelskreis deiner Gedanken und Sorgen befreien, die dich gefangen halten. Auf die Fangfrage der Jünger antwortet er: „Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.“ Es gibt noch ganz andere Antworten, auf die sie nie gekommen wären. Und Jesus stehen ganz andere Alternativen offen, als die beiden Antwortmöglichkeiten, die die Jünger sich vorstellen, ganz andere Möglichkeiten, als nur moralische Kriminalfälle zu lösen. Jesus sieht den Blinden nicht, wie die Jünger ihn sehen, d.h. als akademischen Fall. Jesus sieht ihn als Person. Er sieht sein Leid. Und er hält inne – und macht was dran, bevor dem Blinden überhaupt einfällt, dass es Heilung für ihn geben kann, oder darum zu bitten. In seinem Fall gewährt Jesus einen Blick hinter die Kulissen. Dieser ist blind geboren, damit Gottes Werk an ihm getan wird, sodass Gott dadurch verherrlicht wird. Damit dreht Jesus die Blickrichtung weg von der Schuldfrage hin zu der Gegenwart und der Zukunft. „Überseht ihr denn völlig, was Gott aus dem Leben dieses Blinden noch machen kann? Überseht ihr denn ganz und gar die Allmacht und Gnade Gottes?“ Auf die Frage deines Leides gibt Gott der Herr vielleicht erst in der Ewigkeit eine Erklärung. Aber jetzt sieht er dich, hat er dein Leben in der Hand und will, dass seine Werke ganz bestimmt offenbar werden an dir. Damit lädt er dich ein, an ihm festzuhalten, nicht von ihm zu lassen – und offen zu bleiben für seine Gründe und Zwecke und Allmacht, die du nicht erkennen kannst. Dein Umgang mit Leid kann manch anderem als Hinweis auf Christus dienen, der mitten ins Leid kommt und hindurchträgt.

Statt noch lange die Fangfrage nach der Ursache des Leides zu stellen, weist der Herr seine Jünger an, einzugreifen, wo sie Leid erkennen. Er fordert sie auf: Krempelt die Ärmel hoch: „Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.“ Da, wo wir Christen helfend eingreifen, da kommt das Licht Gottes in diese Welt, da ist Jesus am Werk, durch deine Hände – jetzt ist die Gelegenheit da, du kannst was machen, mit deinem Heiland anpacken. Durch dein liebevolles Eingreifen dem Heiland zur Hand gehen. Er hat uns vorgemacht, wie man sich Menschen gegenüber verhält, die gerettet werden müssen. Er geht Leidenden nicht aus dem Weg. Er sieht sie, er wendet sich ihnen zu, er hilft ihnen medizinisch, er hat Gemeinschaft mit ihnen, er nimmt sie liebevoll an und lehrt sie Gottes Wort. Dazu hast auch du Gelegenheit. Jesus hält und heilt den Blinden, dass er sehen kann, und Gottes Werke werden offenbar an ihm.

Ach, sagst du jetzt vielleicht, ich kann doch keinen heilen! Nein, aber du kannst den mitbringen, der Hoffnung gibt, dem keine Fangfrage zu schwer ist. Wie viele Monate haben 28 Tage? Alle, und die meisten auch einige mehr. Wie erklärt man einem Blinden die Farbe Gelb? Jesus ist der Meister, der auf alle Fangfragen die Antwort hat. Er ist es, der Augen öffnet und Blinden nicht nur Gelb, sondern die volle Farbpalette zeigt. Das Problem ist nicht, dass dein Leid zu groß ist, sondern dein Gott zu klein. Ihm stehen alle Möglichkeiten offen. Er schenkt neuen Glauben. Lass dich auf ihn ein. Lobe ihn auch im Leid. Und wo du Not bei anderen erkennst: Geh ihnen nicht aus dem Weg. Setz dich zu ihnen. Hör zu. Leide mit. Hilf, wo du kannst. Und warte auf den Herrn.

Befiehl dem HERRN deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohlmachen und wird deine Gerechtigkeit heraufführen wie das Licht und dein Recht wie den Mittag. Sei stille dem HERRN und warte auf ihn. (Psalm 37) Amen.


Wochenspruch
Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

Epheser 5, 8b – 9

Introitus – Nr. 49 (Psalm 43, 3; Psalm 48, 2)

Epistel

Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist, und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf. Denn was von ihnen heimlich getan wird, davon auch nur zu reden ist schändlich. Das alles aber wird offenbar, wenn’s vom Licht aufgedeckt wird; denn alles, was offenbar wird, das ist Licht. Darum heißt es: Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.

Epheser 5, 8b – 14

Hauptlied
O gläubig Herz, gebenedei 384

Evangelium

Jesus sprach zu seinen Jüngern: Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten. Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind. So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Matthäus 5, 13 – 16