Von allen Ländern Afrikas hebt sich ein Land von den anderen ab, das weder als einheimisches Königreich noch als europäische Kolonie gegründet wurde. Das Land Liberia wurde im Jahr 1821 von privaten Gesellschaften gegründet. Amerikanische Bürger erkannten nämlich, dass die Sklaverei in Amerika auf Dauer unhaltbar war, und sie standen vor der Frage: was wird aus den vielen befreiten Sklaven in den USA? Anstatt die freigelassenen Sklaven in die amerikanische Gesellschaft zu integrieren, kamen diese Bürger auf den Plan, Land an der Küste Westafrikas zu kaufen und den freigelassenen Sklaven die Schiffsreise nach Liberia zu zahlen, damit sie sich dort niederlassen könnten, um schließlich unter ihrer eigenen Herrschaft zu stehen. Eine faszinierende Geschichte! Und doch eine tragische: Liberia, das Land der Freiheit, das von freigelassenen Sklaven geführt wurde und dessen erklärtes Motto lautete: „Die Liebe zur Freiheit hat uns hierher gebracht“ – Liberia dachte nicht daran, seine Freiheit auch auf die schon dort lebenden, einheimischen Afrikaner auszudehnen. Schon bald wurden die Häfen von Liberia für den Sklavenhandel genutzt. Freigelassene Sklaven – versklavten nun andere Menschen.
Freigelassene Sklaven, die andere versklaven, das ist schon schrecklich genug – aber stellt euch vor, dass freigelassene Sklaven sich selbst freiwillig wieder der Sklaverei unterwerfen! Dass sie freiwillig wieder Sklaven werden! Das gab es zwar nicht in Liberia, aber das taten die Christen in Galatien [1]. Die Galater dort sind junge Christen, meist Heiden, ihre Bekehrung liegt nicht lange zurück. Frauen, Männer und Kinder, die frei von der jüdischen Tradition sind und früher anderen Göttern folgten, z.T. selber Sklaven waren, die hat Jesus Christus durch die Taufe von der Sklaverei der Sünde freigemacht, sie gehören durch den Glauben an Jesus und sind gerade dadurch frei. Aber nun – nun lassen sie sich freiwillig wieder zu Sklaven machen.
Das war so: Eines Tage kommen Judenchristen in die Gemeinde und stiften Unruhe. Sie sagen: „Der Glaube an Christus allein reicht nicht, um Kind Gottes zu sein. Kind Gottes wird man nur, wenn man auch zum Volk Israel gehört. Und wie wird man Mitglied im Volk Israel? Richtig: durch Beschneidung. Ist vielleicht ein wenig unangenehm, aber dadurch bekommt Eure Beziehung zu Gott nochmal eine ganz andere Dimension. Tut das, und ihr werdet in den Bund Gottes mit seinem Volk aufgenommen!“ Das ist doch unfassbar! Da treiben es die Judenchristen ärger als die Liberianer. Sie, die Judenchristen, waren unter dem Joch der Pharisäer aufgewachsen, d. h. unter der strengen Knechtschaft des Gesetzes. Ihr ganzes Leben lang lernten sie, dass man beschnitten sein muss, um zum Volk Gottes zu gehören, dass man Jude werden muss und sich allen zeremoniellen Gesetzen Israels unterwerfen muss, den Reinheitsgesetzen, den Festtagsgesetzen, den Speisegesetzen usw. Sie lagen unter der Sklaverei des Gesetzes und konnten sich nicht befreien, konnten das Gesetz nicht halten und mussten es dennoch. Aber dann – o, wie herrlich! dann wurden sie durch die Gnade Gottes frei, sie kamen zum Glauben an Jesus Christus, den verheißenen Messias, den Zweck und Sinn und Erfüllung des Gesetzes. Sie ließen sich taufen und empfingen die Erlösung durch den gekreuzigten und auferstandenen Sohn Gottes. Endlich frei von der Sklaverei! Und nun? Nun kehrten sie freiwillig in die Sklaverei zurück, sie legten sie sich selbst wieder die Handschellen und Fußschellen des Gesetzes an. Und schlimmer noch: Sie reisten in andere Gemeinden und – gerade so wie die Liberianer von damals – versklavten sie selbst nun andere freie Christen.
Paulus fasst sich an den Kopf, will sich die Haare herausreißen, findet es einfach unfassbar, dass die freien Christen in Galatien mir nichts, dir nichts ihre Freiheit aufgeben und Christus verwerfen und sich ketten lassen, er fasst sie hart an: [2-4]. Ja, begreift ihr denn nicht, was Jesus für euch getan hat?, ruft er. Jesus Christus hat euch von der von Menschen gemachten Vorstellung befreit, dass ihr nur gerettet werden könnt, wenn ihr das Richtige tut und das Falsche lasst. Er ließ sich ketten, hat eure Schuld auf sich genommen, mit seinem heiligen, teuren Blut bezahlt, hat eure Freilassung bewirkt. Und ihr, was macht ihr damit? Ihr beugt euch freiwillig nieder, legt euch selbst das Joch des Gesetzes wieder auf, wählt Unterdrückung, Knechtschaft, Sklaverei, Schuld. Wie? Indem ihr auf die Lüge, auf die Irrlehre hereinfallt! Anstatt in Freiheit zu leben, die Christus euch geschenkt hat, lasst ihr euch beschneiden, als ob das Gott gefiele und euch zu seinem Volk machen würde. Liebe Gemeinde, so ernst ist die Irrlehre! Man kann als Christ in vielen Dingen Kompromisse eingehen, aber in Sachen Lehre und Evangelium kann es keinen Kompromiss geben, ohne die Freiheit des Christenmenschen zu verlieren. [1]
„Ach nö“, antworten die Galater, „wir meinen es doch gut, das reicht doch!“. „Ach nein!“ antwortet der Herr, „meint ihr wirklich, es reicht, was ihr tut? Die Unruhestifter sagen euch, es reicht, wenn ihr euch beschneiden lasst und Juden werdet. Aber reicht das wirklich? Was reicht? Was reicht, wirklich frei von der Angst zu werden, Gott nicht zufrieden zu stellen, nicht zu genügen?“ Denken wir an einen jungen Mann, der sein Studium auf Anwalt abgebrochen hat und ins Kloster eingetreten ist: Er glaubte, sein Leben (Studium, anschließende Karriere mit gutem Gehalt und schnellem Leben) reicht nicht für Gott. Darum wählte er das strengste Kloster, das er kannte. Er nahm das Klosterleben sehr ernst. Das Beten und Fasten. Doch auch im Kloster fragte er sich noch: Reicht es, als Mönch zu leben? Asketisch, ohne Frau und Kinder. Ohne Besitz. Reicht das, sechs Stunden beten am Tag und einmal wöchentlich fasten? Oder sollte ich besser acht Stunden am Tag beten und zwei Fastentage die Woche halten? Wie bekomme ich einen Gott, dem ich genüge? Diese Frage hat den jungen Mann fast verrückt gemacht. Ihr kennt ihn übrigens. Es ist Martin Luther.
Was Luther bis in sein tiefstes inneres Ich wusste, was die Galater vergessen hatten und was jeder von uns lernen muss, ist dies: Wer den Weg des Gesetzes zu Gott gehen will, wer sich vor Gott beweisen und des Herrn Anerkennung erstmal verdienen will, für den reicht nicht nur das gute Vorhaben und ein fast makelloses Leben, nein, für den reicht nichts als ein völlig perfektes Leben. So lehrt auch Jesus Christus selbst in der Bergpredigt: „Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ Nur die Vollkommenheit reicht! Nur die ist gut genug.
Wenn ich über meine Amtszeit zurückblicke, muss ich staunen wie gerade an dieser Stelle bei so vielen Lutheranern tief im Herzen immer noch die Sorge wühlt: Bin ich denn wirklich – wirklich – gut genug für Gott? Kann ich wissen, dass er mich liebt? Und wenn ich meinen Mitchristen betrachte und seine Lebensführung, dann zweifle ich noch mehr und sage bei mir selbst: Wie kann Gott die oder den noch annehmen? Ihr Lieben, merkt ihr die Herzensbewegung dabei? Wie wir uns und andere mit den Gesetzesaugen bewerten? Und dabei gar nicht merken, wie wir uns wieder das Joch des Gesetzes auflegen?
„Jetzt reicht‘s!“ ruft Paulus dazwischen. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Zur Freiheit!“ Jesus reicht für unser Leben. Er reicht. Und es reicht das, was er für uns getan hat. Und was hat er denn für mich getan? Nun, Jesus hat aus meinem Minus ein Plus gemacht. Denn ehrlich gesagt: Mein Leben reicht doch nie. Zumindest von Gott aus betrachtet bleibe ich doch immer hinter seinen Ansprüchen her. Ganz so leben, wie Gott es will, krieg ich nur ansatzweise hin. Die Liebe zu Gott und anderen gegenüber bleibe ich immer schuldig. Mein Leben hängt im Minus.
Als Jesus hinauf nach Golgatha ging, trug er den Querbalken des Kreuzes auf seinen Schultern. Die Bibel bezeugt: Jesus trug in diesem Augenblick nicht nur die Last des Holzes. Er trug die Schuld der Menschheit. Der Querbalken ist wie ein dickes Minus. Alles, was nicht reicht. Alles, was du und ich Gott, unseren Mitmenschen und uns selbst schuldig bleiben an Gutem. Alles, was nicht dem Leben dient, sondern eher den Tod verdient. Als Jesus oben auf dem Kreuzigungshügel ankommt, steht dort schon der Stamm des Kreuzes. Er wird mit dem Balken verbunden. Aus dem Minus wird ein Plus. Alles, was nicht reicht in meinem und deinem Leben füllt Jesus auf. Er bezahlt für deine Schuld. Er nimmt dir liebevoll das Joch des Gesetzes ab, und deine Unvollkommenheit deckt er zu, und sagt: Es reicht. Was bei Gott in deinem Leben nicht reicht, schenkt Jesus. Jesus ist das Ende deiner aussichtslosen Anstrengungen vor Gott zu genügen. Seine Tat brauchst du dir nur gefallen zu lassen. [5]
Vielleicht fragt jetzt einer: Das ist doch das alte Evangelium, warum müssen wir das jeden Sonntag hören? Lieber Christ, ich muss das Evangelium jeden Tag hören, weil ich es jeden Tag vergesse. Mein Gewissen, mein alter Mensch ist von Natur aus ein alter Liberianer von 1821, schlimmer noch, er versklavt sich selbst und andere auch. Deswegen tut es so gut, sich auf Jesus zu besinnen. Nicht auf uns. Auf unsere Versuche, Gott zu gefallen. Wir genügen nur in Christus. Wir dürfen uns mit leeren Händen vor ihn stellen und sie uns von ihm füllen lassen. Im Vertrauen darauf, dass er uns alles gibt, was wir brauchen. Die Taufe reicht. Der Glaube reicht. Die Schrift reicht. Die Gnade reicht. Christus reicht. Denn er wurde von Gott freigemacht, um uns freizumachen. Unter seinem sanften Joch herrscht wahre Freiheit. Freiheit zu lieben. Freiheit zu dienen. Freiheit, anderen Menschen das befreiende Evangelium zu sagen, dass auch sie frei werden. Sein Evangelium ist nicht das alte Evangelium. Es ist das ewige Evangelium, die ewige Freiheit. Diese Erkenntnis hat der Martin Luther erlangt. Er bekennt: „Glaube ist eine lebendige, verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade, gewiss, dass er tausendmal dafür sterben würde. Und solche Zuversicht und Erkenntnis göttlicher Gnade macht fröhlich, trotzig und lustig gegen Gott und alle Kreaturen, das wirkt der Heilige Geist im Glauben.“ Amen.