Predigt zum Sonntag Reminiszere
Jesaja 5,1-7 I.i.
Diggaz, Rippe, Hleza – umgangssprachliche Begriffe für „Freundin“, einige schön, andere weniger schön. Da liebt ein junger Mann eine Frau so sehr, dass er an nichts anderes denken kann. Er glaubt, dies ist die Liebe seines Lebens, macht sich große Hoffnung, gibt sich große Mühe, tut alles, um die Frau zu gewinnen, und sie sagt ja, lässt sich reich beschenken! Aber dann wird ihre Liebe kalt, sie lebt nur noch für sich. Er ist tief enttäuscht, fühlt sich verstoßen, niedergeschlagen, traurig – Liebeskummer eben. Und Liebeskummer tut weh.
Gott hat Liebeskummer. Auf jeden Fall war es für die ersten Hörer sofort klar, um was es in dem Lied ging, das Jesaja bei einem Volksfest anstimmte: Ein Lied von seinem Freund und seinem Weinberg. So klingt es zunächst, wie eine Geschichte von Fehlversuchen beim Farmen, aber die ersten Hörer wußten es genau: Das ist ein Liebeslied. Nicht Diggaz oder Hleza nennt er seine große Liebe, sondern „Weinberg“. Das Wort „Weinberg“ war damals ein gängiger Begriff für eine Geliebte. Wenn heute einer seine Freundin als „Weinberg“ identifiziert, blüht ihm eine Gardinenpredigt; damals war „Weinberg“ jedoch eine Liebesbezeugung, zu der eine Frau sich durchaus freuen konnte.
Ein Liebeslied singt Jesaja; schwärmt von der tollen Braut, die sich sein Freund da an Land gezogen hat: Der Weinberg liegt auf einer fetten Höhe, das bedeutet: Bodenqualität ausgezeichnet, auf der Höhe bekommt er ordentlich Sonne ab, die die Trauben süß macht. Und damit nicht genug: Der Freund macht aus dem Grundstück einen Weinberg von allerfeinster Qualität, daneben würde das Ernie Els Weingut verblassen. Der Freund gräbt den Boden um, holt Steine heraus, was im steinreichen Israel eine enorme Arbeit war, errichtet mit den Steinen eine Mauer um das Grundstück, die wilde Tiere fernhält, pflanzt besonders edle Trauben an. Und dann baut er auch noch einen Turm, von dem aus man den Weinberg bewachen kann, damit nicht nachts heimlich Diebe eindringen und die Weintrauben stehlen. Schließlich baut er auch eine fein verfugte Kelter, um die Trauben sofort nach der Ernte zu Wein verarbeiten zu können. Mehr kann man wirklich nicht machen. Die ersten Zuhörer verstanden sofort, worum das Liebeslied ging: Der Prophet singt von seinem Freund ein Liebeslied, singt davon, wie er alles gibt, um seine Geliebte zu verwöhnen, sie mit allen möglichen Geschenken überschüttet, alles für sie tut, was er kann.
Doch mit einem Mal fängt das Liebeslied an zu kippen: Der Freund wartet auf die Ernte, auf gute Trauben – aber es kommen schlechte. Na so was! Wie ist das denn möglich? Solch ein gut umsorgter Weinberg sollte schlechte Trauben bringen? Diese verwöhnte Freundin hatte zuerst ja gesagt, und nun geht sie so dreckig mit ihrem Freund um, dass einem die Worte fehlen? Doch den Zuhörern bleibt nicht lange Zeit, über diese Frage nachzudenken, denn mit einem Mal verändert sich die Szenerie völlig: Der Freund zerschlägt die Gitarre an der Wand, ergreift selbst das Mikrofon, fordert die Zuhörer auf, ein Urteil zwischen ihm und seiner Geliebten zu fällen: „Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm?“ Ist doch klar: Nichts hätte er noch mehr tun können; wenn der Weinberg nach solch einem Einsatz keine guten Früchte bringt, dann ist er offenbar nicht mehr zu retten. Erschrocken beginnen die Zuhörer zu ahnen: Hier geht es um tiefsten Liebeskummer, und man kann ihn verstehen: Wie enttäuscht muss er über die Reaktion seiner Geliebten sein nach all dem, was er ihr Gutes getan hatte! Doch dann spricht der Freund selber sein Urteil über seinen Weinberg: Er wendet sich von ihm ab, reißt Zaun und Mauer um das Grundstück ein, überlässt ihn damit sich selber. Spätestens hier werden die Zuhörer unruhig: Was sollen diese Bilder denn bloß bedeuten, was will denn der Freund da mit seiner Geliebten anstellen? Eine dunkle Ahnung kommt auf, eine Ahnung, die sich verdichtet, als der Freund verkündigt: „Ich will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.“ Ja, wer anders könnte so reden als allein Gott der Herr?
Und dann wird die dunkle Ahnung zur Gewissheit: Das Urteil, das sie, die Zuhörer, gerade über den Weinberg, über die verstockte Freundin in ihrem Herzen gesprochen hatten, gilt in Wirklichkeit ihnen selber: [7a] Was sie gerade gehört hatten: ein Liebeslied eines zutiefst enttäuschten und verletzten Liebhabers. Kein Geringerer als Gott selber spricht hier – aber der Anlass zu dieser enttäuschten Liebe sind sie selber: [7b] Gott hatte sein Volk so sehr geliebt, es so reich beschenkt, so sehr umsorgt, liebevoll beschützt, hatte doch nichts weiter erwartet, als dass es nun auch so lebt, dass er sich darüber freuen kann, dass sich seine Liebe in ihrem Verhalten untereinander widerspiegelt. Doch genau das Gegenteil muss Gott im Blick auf sein Volk wahrnehmen. Statt Rechtsspruch – Rechtsbruch. Statt Gerechtigkeit – nur Schlechtigkeit. Was Gott hier mit Rechtsbruch und Schlechtigkeit meint, wird in den folgenden Versen deutlich: Die reiche Oberschicht im Volk macht sich ein schönes Leben auf Kosten der Armen, sorgt dafür, dass die Reichen reicher werden und die Armen ärmer. Die Reichen im Land nutzen ihren Einfluss aus, um den Armen ihre Häuser, ihren Besitz abzupressen und sie von sich abhängig zu machen, dass sie von dem, was sie erarbeiten, mit ihren Familien selber nicht mehr leben können. Was die Reichen da taten, das nimmt Gott persönlich, es trifft ihn, enttäuscht ihn, verletzt ihn, macht ihm unmissverständlich deutlich, dass es mit der Liebe seines Weinbergs, seines geliebten Volkes zu ihm, seinem Gott, wohl nicht weit her sein kann, wenn es sich so in seinem Alltag verhält.
Liebeskummer tut weh. Und deswegen kündigt Gott seinem Volk hier unmissverständlich das Gericht an: Er wird sein Volk sich selbst überlassen, es so weiterleben lassen, wie es ganz offenkundig will: ohne ihn, ohne die liebevollen Grenzziehungen seiner Gebote. Was dabei herauskommt, darin kommen sich am Ende Bildwort und Realität sehr nahe: ein verwüstetes Land.
Ihr Lieben, ich bin nicht Jesaja, und ihr seid nicht Israel, nicht in diesem Sinne. Aber es ist derselbe Gott, der damals durch Jesaja zu Israel sprach und der heute auch in diesem Gottesdienst zu uns spricht. Und er, Gott der Herr, will heute klarmachen, wie sehr er auch uns liebt, ja, was er aus Liebe zu uns schon alles unternommen hat: Und heute wissen wir mehr, als Jesaja es wusste, wir wissen, dass Gott in seiner Liebe zu uns seinen einzigen Sohn in den Tod gegeben hat, nur um unser Herz zu gewinnen, nur damit wir für immer in seiner Gemeinschaft leben können. Was hat er sich nicht alles Mühe gemacht, um und zu gewinnen! Das ist noch unendlich mehr, als bloß Steine auszubuddeln und einen Turm zu bauen. Und diese Liebe, die er in der Hingabe seines Sohnes bewiesen hat, die hat er uns nun auch noch einmal ganz persönlich zugute kommen lassen: In der Heiligen Taufe hat er uns zu seinen Kindern gemacht, hat uns in die Gemeinschaft seines geliebten Volkes gerufen, hat uns bis zum heutigen Tag immer und immer wieder unsere Schuld vergeben und uns immer wieder von Neuem gestärkt mit den Gaben seines Heiligen Mahles. Jedem von uns hat er diese Liebe erwiesen – und er hat sie auch unserer Gemeinde insgesamt so reichlich zukommen lassen, hat uns so reich beschenkt mit wunderbaren Menschen, die er in unsere Mitte geführt hat, hat seinen Segen auf die Arbeit hier gelegt, dass wir darüber immer wieder nur staunen können.
Wie enttäuscht muss Gott sein, wenn er sieht, wenn wir seiner Einladung nicht folgen, wenn wir Anderes als so viel wichtiger ansehen als ihn und sein Wort. Kein Wunder, wenn ihn da der große Liebeskummer packt! Wie enttäuscht muss Gott sein, wenn er sieht, wie oft wir in unserem Leben nur um uns selber kreisen und Gott und den Nächsten völlig vergessen. Wie enttäuscht muss Gott sein, wenn er sieht, dass wir den reichen Segen, den er auf unsere Gemeinde legt, oftmals so wenig zu schätzen wissen, nicht mehr nach Gelegenheiten suchen, mitzuhelfen, uns manchmal so schwer tun, zu dienen.
Allen Grund hätte Gott dazu, auch an uns sein Gericht zu vollziehen, uns uns selber zu überlassen. Denn genau darin besteht ja sein Gericht, das er jetzt schon hier auf Erden vollzieht: Dass er die Menschen genau das tun lässt, was sie wollen. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich – oder oft genug eher seine Hölle. So mancher denkt, das ist Freiheit, wenn die Zäune von Gottes Geboten niedergerissen werden, wenn er machen kann, was er will; in Wirklichkeit kommt gerade dadurch Gottes Zorn über die Sünde. Ein ungezügelter Appetit hat noch nie den Glauben gestärkt. Schon in Israel war das immer eine Generationenfrage. Eine Generation kehrt um, bekennt sich Gott und seinem Wort und bleibt treu. Und die nächste? Und die nächste? Abfall von der Kirche beginnt mit wachsender Lauheit. Oft hat man es schon gesehen, wie Familien durch Wohlstand und Gemütlichkeit von der Kirche getrennt werden; eine Generation wird lau, die nächste bleibt der Kirche fern, und oft genug ist bei der dritten auch der Wohlstand damit hin. Jede Generation muss sich fragen: Sind wir bereit, treu zu bleiben, zu opfern, zu dienen, wie die vorigen? Ja, allen Grund hätte Gott dazu, auch an uns sein Gericht zu vollziehen. Doch noch wirbt er um uns, leidenschaftlich, kreativ, wie es ihm, dem Schöpfer entspricht, wirbt um uns und unsere Liebe, möchte doch einfach nichts Anderes, als dass wir uns seiner Liebe nicht verweigern, sondern aus der Kraft dieser Liebe unser Leben gestalten und ihm treu bleiben – als einzelne Christen, als Gemeinde, ja auch darüber hinaus in unserem Volk. Heute ist Gnadenzeit; heute gibt der Herr Gelegenheit, zu ihm umzukehren. Heute darf unsere Kirche Gottes Vergebung, sein Erbarmen verkündigen, heute lädt Gott ein, immer wieder von Neuem die Erweise seiner Liebe zu empfangen. Gott geb’s, dass wir eben dies stets erkennen, dass uns allein diese Vergebung vor Gottes Strafgericht retten kann, seine reichlich überströmende Liebe in dem Heiland, Jesus Christus. Gott geb’s, dass uns der Empfang seiner Liebe nicht unverändert lässt und er auch bei uns ernten kann, was er doch selbst bei uns angebaut hat! Nichts würde ihm größere Freude an uns bereiten. Amen.
REMINISZERE (Der Knecht Gottes)
Wochenspruch
Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns
gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Römer 5, 8
Introitus
Nr. 22 (Psalm 25, 6; Psalm 25, 1, 2a. 4)
Epistel
Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. [Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben. Nun stirbt kaum jemand um eines Gerechten willen; um des Guten willen wagt er vielleicht sein Leben. Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Um wieviel mehr werden wir nun durch ihn bewahrt werden vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind! Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wieviel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch Gottes durch unsern Herrn Jesus Christus, durch den wir jetzt die Versöhnung empfangen haben.]
Römer 5, 1 – 5 [6 – 11]
Hauptlied
Wenn wir in höchsten Nöten sein 342
Evangelium
Jesus fing an, zu den Hohenpriestern und Schriftgelehrten in Gleichnissen zu reden: Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter und baute einen Turm und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes. Und er sandte, als die Zeit kam, einen Knecht zu den Weingärtnern, damit er von den Weingärtnern seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs hole. Sie nahmen ihn aber, schlugen ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort. Abermals sandte er zu ihnen einen andern Knecht; dem schlugen sie auf den Kopf und schmähten ihn. Und er sandte noch einen andern, den töteten sie; und viele andere: die einen schlugen sie, die andern töteten sie. Da hatte er noch einen, seinen geliebten Sohn; den sandte er als Letzten auch zu ihnen und sagte sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen. Sie aber, die Weingärtner, sprachen untereinander: Dies ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten, so wird das Erbe unser sein! Und sie nahmen ihn und töteten ihn und warfen ihn hinaus vor den Weinberg. Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg andern geben. Habt ihr denn nicht dieses Schriftwort gelesen: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen?” Und sie trachteten danach, ihn zu ergreifen, und fürchteten sich doch vor dem Volk; denn sie verstanden, dass er auf sie hin dies Gleichnis gesagt hatte. Und sie ließen ihn und gingen davon.
Markus 12, 1 – 12
Reminiszere (Der Knecht Gottes)
liturgische Farbe: violett
Festzeit: Fastenzeit
Wochenspruch: Röm 5,8
Wochenpsalm: Ps 10
Eingangspsalm: Ps 34
Epistel: Röm 5,1-5 (6-11)
Evangelium: Mk 12,1-12
Predigttext: Mt 12,38-42
Wochenlied: 366
Erklärung zu den Perikopen:
Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).
I(Evangelium): Mk 12,1-12
II: Röm 5,1-5 (6-11)
III: Mt 12,38-42
IV: Jes 5,1-7
V: Joh 8,(21-26a) 26b-30
VI: Hebr 11,8-10