Tag der Heiligen Dreifaltigkeit (Trinitatis) – 2022

Predigt zu Tag der Heiligen Dreifaltigkeit Trinitatis

Christusgemeinde Kirchdorf 06. Juni 2022
Röm 11,33–36 I.i.

„O!“ Um „O“ geht es uns heute. „O!“, das kann bedeuten „Ach so!“ oder „Wirklich?“ oder einfach „Meine Güte!“ „O!“ kann auch bedeuten: „Ach nein!“ Das sagen wir, wenn uns etwas wehtut, oder wenn wir enttäuscht sind, oder wenn der Pastor zu lange predigt. Nein, darum geht es heute nicht, nicht um solche Os, sondern um ein Omega, um ein langes griechisches „O!“, das auch bei uns im Deutschen ein langes „O!“ ist, wenn wir staunen. Solch ein „O!“ bedeutet nicht Überraschung, nicht Langeweile, nicht Enttäuschung oder Frust, und auch kein Stöhnen. Sondern bei dem langen „O!“ des Staunens geht es um etwas anderes, etwas außerhalb mir selbst, um etwas, bei dem ich von mir selbst vergesse und mich selber gar nicht mehr wahrnehme, sondern nur noch dieses Andere, das ich bestaune, da gehe ich sozusagen aus mir selber heraus, und staune und sage ein langes „O!“, so wie der Apostel Paulus hier.

„O!“ Staunen ist der Anfang alles Wunderns und alles Bewunderns und aller Neugier und damit der Anfang alles Wissens und aller Wissenschaft. Wer staunt, nimmt Dinge, die er erfährt, nicht als selbstverständlich hin, sondern erkennt, dass das, womit er da konfrontiert wird, seinen bisherigen Horizont übersteigt. Das „O!“ leitet an zum neugierigen Nachfragen, zum Nachdenken, aber auch zur Bewunderung und zur Anbetung.

Wann hast du eigentlich das letzte Mal „O!“ gesagt? Wann hast du das letzte Mal so richtig gestaunt? Kann es sein, dass wir Menschen derart berieselt werden, zugedröhnt werden von Nachrichten und Impulsen den ganzen Tag lang, dass wir das Staunen verlernt haben? Staunen gibt es oft nur noch bei Kindern. Aber dann so erfrischend und so natürlich und so reizend, dass man gleich mitstaunen will. Kinder werden mit so viel Neuem konfrontiert, mit so viel unbekannter Wirklichkeit, dass sie häufig Anlass zum Staunen haben. Das hört natürlich auf, wenn ihr Leben nur noch mit Computer und Fernsehen ausgefüllt ist. Gewöhnen wir damit nicht schon unseren Kindern mehr und mehr das Staunen ab, weil die künstlichen Realitäten, mit denen sie umgehen, ihnen Blick und Empfinden rauben für die staunenswerte Realität, die sie tagtäglich umgibt? Und staunen wir Erwachsenen deshalb heutzutage vielleicht auch so wenig, weil wir langsam, aber sicher zu der Überzeugung gekommen sind, dass sich letztlich alles, was wir erfahren und erleben, irgendwie und irgendwann und von irgend schlauen Leuten ganz bestimmt erklären lässt? Da muss man bloß eine Weile lang googeln, bis man die Lösung findet, aber irgendwo finden wir sie – und damit gefühlt den Grund, wieso wir eigentlich über nichts, was es auf dieser Welt gibt, wirklich noch staunen müssen!

Doch die Tatsache, dass wir etwas erklären können, bedeutet nicht, dass wir nicht mehr darüber staunen könnten. Natürlich kann ich erklären, wie Leben im Mutterleib entsteht und wie ein Kind auf die Welt kommt. Aber das ändert nichts daran, dass ich staunen muss, wenn ich ein kleines neugeborenes Kind auf meinen Armen halte und feststelle, dass an diesem winzigen Kind schon alles dran ist und alles so funktioniert, wie es soll. Was für ein Wunder, was für ein Grund, ganz lange „O!“ zu sagen! Wenn wir erst einmal anfangen, kommen wir aus dem Staunen gar nicht wieder heraus. Dass jede Zelle unseres menschlichen Körpers durchdacht aufgebaut ist, wie ein kleiner Computer, der programmiert ist und ausführt, was ihm eingeprägt worden ist – ein Bauprogramm für einen ganzen Menschen in mikroskopischem Format. Das soll alles durch Zufall entstanden sein? Nein, „O!“ müssen wir staunen, anbetend niederfallen, denn durch Gott sind alle Dinge. Schaue hinaus ins Weltall, beginne einmal, die Dimensionen zu erahnen, die die modernsten Teleskope noch nicht einmal ansatzweise erfassen können. Ein Staubkorn ist unsere Erde im Vergleich zu den Welten, die sich uns immer mehr auftun, je länger und je mehr wir forschen. Und dann fangen wir an zu ahnen, was es bedeutet, dass unsere Erde unendlich mehr ist als bloß solch ein Staubkorn, was es bedeutet, dass du Gott wichtig bist, dass er dich wollte, dass du staunend mit dem Psalmisten beten darfst: Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war. Dein ganzes Leben ist in Gottes Hand. Zu ihm sind alle Dinge, betont der Apostel. Alles, was in deinem Leben passiert, geht letztlich darum, dass du und ich dem begegnen, der zu uns gekommen ist, um uns ein Leben in seiner Gemeinschaft zu schenken. Er, der die unendlichen Tiefen des Weltalls geschaffen hat, sitzt nicht einfach irgendwo ganz weit weg, sondern ist hier und jetzt am Werk in unserem Leben, in dieser Welt, in jeder Zelle deines Wesens, keinen Herzschlag, keinen Puls gibt es ohne ihn; alle Dinge sind auch durch ihn. Nimm dir heute am Trinitatissonntag Zeit, darüber nachzudenken, was es heißt, dass Gott dein Schöpfer ist, dass von ihm und durch ihn und zu ihm alle Dinge sind, und damit auch alles, was du in deinem Leben bist und erfährst. Nein, das geht nicht schnell mal. Da muss man anbeten und schlicht und einfach „O!“ sagen!

Denken wir darüber nach, dass dieser Gott, der die ganze Welt, der auch dich geschaffen hat, auch der Herr der Geschichte ist, dass er seine Pläne auch und gerade da durchsetzt, wo wir selber überhaupt keinen Sinn in diesen Wegen erkennen können, die er uns und die Welt führt. Aber gerade da fehlen wir immer wieder, ihr Lieben. Wir verstehen Gott nicht und kritisieren und wollen ihm unbedingt auf die Sprünge helfen, dass er doch endlich das tut, was wir wollen, dass er endlich einsieht, dass wir es besser wissen und anders wollen. Das aber ist Sünde. Denn der dreieinige Gott lädt uns zwar immer wieder ein, zu ihm zu beten, er will hören, was seine Kinder bewegt, hört die Gebete. Aber wir sind und bleiben dabei seine Kinder, nicht seine Ratgeber. Wir sitzen nicht neben ihm am Tisch wie die Ratgeber des Präsidenten und schreiben ihm vor, was er zu tun hat. Wir haben nicht Gottes Pläne durchschaut und sehen es alles so viel besser und klarer und müssen ihm nun erklären, wo es lang geht. Wenn das unsere Haltung ist, haben wir lange schon mit dem Staunen aufgehört, haben stattdessen die Arme verschränkt und die Stirn gerunzelt und den Zeigefinger erhoben. Nein, so nicht. Da ist kein Raum für das Staunen mehr. Der HErr ruft: „Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin! Ich will der Höchste sein unter den Heiden, der Höchste auf Erden.“ Gott schuldet uns keinen Gefallen und schon lange keinen Gehorsam. Wir wollen Buße tun und uns neben die Kinder setzen und die Augen öffnen und uns vom Heiligen Geist belehren lassen und staunen, staunen über Gottes Wege, die so anders als unsere sind, über Gottes Gedanken, die so weit höher als die unseren sind, über Gottes Gnade und Geduld und Liebe, die gehen, soweit der Himmel ist. Immer wieder wollen wir anbeten und wahrnehmen, wie er auch aus all dem Unheil, das Menschen anrichten können und von dem unsere Wirtschaft und unsere Existenz betroffen sind, doch immer Gutes schaffen kann und will und tut.

Zum Staunen leitet uns St. Paulus hier an – aber wenn wir versuchen würden, nur aus dem, was wir in unserem Leben erfahren und erkennen, zu schließen, wer dieser Gott ist, der da geheimnisvoll seine Fäden in unserem Leben und im Geschick dieser Welt zieht, dann würde unser Staunen sehr schnell in Erschrecken und Entsetzen umschlagen. Dann kämen wir auf die Idee, dass Gott vielleicht doch nur ein furchtbarer Sadist ist, der Menschen immer wieder sinnlos leiden lässt oder sich beleidigt aus dieser Welt zurückgezogen hat. Nein, dagegen kämen dann auch noch so viele schöne Sonnenuntergänge im Buschveld, noch so viele schöne und beglückende Erfahrungen nicht an.

Nein, Gott ist für uns nicht irgendein unbekanntes Wesen, nicht das Ergebnis menschlicher Spekulation, sondern dieser große Gott, von dem alle Dinge sind und der so geheimnisvoll alles durchwirkt, er hat sich uns zu erkennen gegeben, hat gezeigt, wer er wirklich ist. Und da kann man wirklich nur noch ganz lange „O!“ sagen. Denn er hat sich zu erkennen gegeben als ein Gott, der in seinem tiefsten Wesen Erbarmen und Liebe ist, als ein Gott, dem alles daran liegt, dass wir Menschen für immer in seiner Gemeinschaft leben, dass unser Leben endgültig heil wird. Das kann ich nur erkennen, wenn ich auf den gekreuzigten Christus schaue, wenn ich in ihm den lebendigen Gott erkenne, wenn ich erkenne, dass der Gott, von dem und durch den und zu dem alle Dinge sind, sich in Christus endgültig zu unseren Gunsten festgelegt hat, sich im wahrsten Sinne des Wortes für uns hat festnageln lassen. Gott ist für mich, er will mein Heil – so hat er sich uns selber gezeigt, und wenn mir das aufgeht, dann beginne ich zu ahnen, dass auch all das, was ich in meinem Leben an scheinbar völlig Widersinnigem erfahre, letztlich doch Gottes Plan dienen muss, Gottes Plan, wonach mir alle Dinge zum Besten dienen müssen, auch wenn meine Erfahrung dem ganz und gar zu widersprechen scheint.

„O!“ Dieses „O!“ fasst den ganzen Trinitatissonntag zusammen. Wenn wir uns zu dem dreieinigen Gott bekennen und ihn anbeten, dann bekennen wir, dass Gott die letzte verborgene Wirklichkeit dieser Welt ist, dass diese Welt ihm jeden Tag ihre Existenz verdankt und wir auch ganz persönlich ihm unsere Existenz verdanken, dass dieser Gott, von dem alle Dinge sind, sich uns in seinem Sohn Jesus Christus zu erkennen gegeben hat, dass wir durch ihn erkennen können, dass er unser liebender Vater ist. Und wir bekennen heute wieder neu, dass wir eben dies nicht erkennen und nicht bekennen könnten, wenn Gott uns nicht durch seinen Heiligen Geist dafür die Augen geöffnet hätte, dass dieser eine Gott doch zugleich Vater, Sohn und Heiliger Geist ist, in sich selbst ein lebendiges Gegenüber ist und doch zugleich der eine Gott bleibt. Da wollen wir sehen und staunen wie die Kinder und still werden mit aufgerissenen Augen und offenem Mund und freudiger Überraschung und immer wieder nur „O!“ sagen. Amen.


Tag der Heiligen Dreifaltigkeit (Trinitatis)

Wochenspruch
Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner
Ehre voll. Jesaja 6, 3

Introitus – Nr. 41 (Psalm 145, 1 u 3)

Epistel

O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! Denn „wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen?” Oder „wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm vergelten müsste?” Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

Römer 11, 33 – 36

Hauptlied
Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist 217
Gelobet sei der Herr 228

Evangelium

Es war ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, einer von den Oberen der Juden. Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist. Nikodemus antwortete und sprach zu ihm:Wie kann dies geschehen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bist du Israels Lehrer und weißt das nicht? Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben; ihr aber nehmt unser Zeugnis nicht an. Glaubt ihr nicht, wenn ich euch von irdischen Dingen sage, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch von himmlischen Dingen sage? Und niemand ist gen Himmel aufgefahren außer dem, der vom Himmel herabgekommen ist, nämlich der Menschensohn. Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.

Johannes 3, 1 – 15