Diese ausführliche Bibelstelle, diese komplizierte Logik, diese knifflige Sprache – diese 12 Verse sind im Griechischen ein einziger langer Satz. Ein Satz! Da ist es schwer, den Überblick zu behalten, schwer zu übersetzen, schwer zu verstehen. Wieso so kompliziert? Der Apostel Paulus, der hier redet, ist überwältigt und fassungslos und tief gerührt von diesem Gott, der sich unser Gott nennt, und von dem, was er getan hat und tut und tun wird. Ihr Lieben, wenn wir einen Menschen beschreiben müssen, dann tun wir das, indem wir ihn mit anderen Menschen vergleichen, etwa so: „Der Mann, den ich meine, der hat helle Haut und dunkles Haar und blaue Augen, er ist recht groß gebaut und ihm fehlen fünf Zähne.“ Er ist also größer als die meisten und heller als die meisten, sein Haar ist dunkler als das von anderen und er hat größere Probleme, sein Fleisch zu kauen. Das können wir mit Gott nicht machen. Wenn die Bibel Gott identifiziert, wenn sie darüber spricht, wer er ist, sein Wesen und wie er wirklich ist, sagt sie NIEMALS: „So, jetzt kommt die Zusammenfassung, der große Vergleich.“ Denn mit wem wollten wir ihn vergleichen? Was wäre ein passender Anhaltspunkt? Welche anderen gibt es in seiner Kategorie? Als Mose Gott fragt, wie er ihn den Israeliten vorstellen soll, sagt der Herr von sich selbst: Ich bin, der ich bin – ich werde sein, der ich sein werde (2. Mose 3,14). Anstatt uns eine klinische Beschreibung zu geben, so nach dem Motto: Größer als, weiser als, älter als, geheimnisvoller als, sagt Gott ganz einfach: Hört auf das, was ich sage, schaut auf das, was ich tue und getan habe, und dann werdet ihr langsam und bruchstückweise lernen, wer ich bin. Wir lernen Gott kennen durch seinen Umgang mit seinen Kindern.
Heute feiern wir den Trinitatissonntag, da geht es ja darum, wer Gott ist und wie er ist, und die Kirche versucht an diesem Tag meistens, Gott so gut zu erklären, wie es geht, den Schleier über das Geheimnis seines Wesens zu lüften und Definitionen für ihn zu finden. Nun aber geht unser Gotteswort für heute die Sache so ganz anders an. Ja, in diesem einen langen Satz geht es um Gott den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Aber statt ihn zu beschreiben und zu definieren und ihn zu artikulieren, sagt dieser lange Satz uns in aller Kürze und mit aller Würze, was er tut und getan hat. Denn wer ist hier der Handelnde? Wer ist hier am Werk? Wer tut das, was hier getan hat? Das wird deutlich:
Er hat uns gesegnet… er hat uns erwählt… er hat uns zu seinen Kindern vorherbestimmt… er hat uns begnadet… er hat uns erlöst… er hat uns seine Gnade reichlich widerfahren lassen… er hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens… er hat ihn zusammengefasst… er hat uns zu Erben eingesetzt… er hat uns versiegelt mit dem Heiligen Geist… er hat uns zu Erben gemacht… er hat uns erlöst… er hat uns zu seinem Eigentum gemacht. Er, Gott, hat das alles getan. Und wie hat er alles getan, oder besser: durch wen? Durch Christus… in ihm… durch Jesus Christus… in dem Geliebten… in ihm… in Christus… in Christus… in ihm… in ihm… in ihm. Und für wen? Für uns… dass wir… seine Kinder zu sein… für uns… für uns… sind wir… die wir… damit wir… die wir… auch ihr… die ihr… auch ihr… zu unsrer Erlösung… dass wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit. Dieser ellenlanger Lobpreissatz geht also konkret und präzise um Gottes Handeln in Christus und durch Christus mit dem Heiligen Geist für uns damit wir seine Ausgewählten und seine Vorherbestimmen und seine Kinder und seine Geliebten und seine Geheiligten und seine Erlösten und seine Vergebenen und seine Beschenkten und seine Erben und seine Seliggemachten und sein Eigentum sein würden in aller Ewigkeit.
Wer ist der Vater? Der, der das alles für uns tut. Wer ist der Sohn? Der, durch den das alles getan wird. Wer ist der Heilige Geist? Der, mit dem wir versiegelt wurden und die Garantie unserer Erbschaft.
Es ist hier ein bisschen so, wie wenn man in alten Familienalben blättert, sich alte Familienfotos anschaut, wie die Familie damals aussah. Da kann es nämlich durchaus demütigend sein, zu erkennen, dass deine Eltern ein Leben hatten, bevor es dich gab… dass deine Eltern und Großeltern Dinge erlebt haben, an Orte gegangen sind und ein erfülltes Leben führten, bevor du überhaupt existiertest. Das ist es, was dieser lange Satz im großen Maßstab tut: Bevor es dich gab, deine Eltern gab, Menschen gab, war Gott da. Bevor es Bäume gab, gab es Gott. Gott war schon da, bevor diese Welt überhaupt entstanden ist. Und dass sie da ist, und du nun da bist, das ist keine Zufallserscheinung, keine Sache des Unglücks oder Glücks, sondern dieser ewige und herrliche und allmächtige und große Gott plante unsere Existenz schon lange vorher, ja, er wollte, dass wir hier sind, noch bevor diese Welt erschaffen wurde. Du bist nicht zufällig hier. Du bist kein planloser Zufall, keine zufällige Kombination aus genetischem Materials, nicht nur ein zufälliger DNA-Strang – Gott will dich! Und er hat schon lange, lange Zeit auf dich gewartet. Er wollte, dass du hier bist. Und er hat was mit dir vor.
Ganz anders sieht es die Evolutionstheorie. Sie besagt, dass diese Welt ein verrückter Unfall ist, ein (un)glücklicher Zufall, eine zufällige Kollision der Elemente des Lebens. Ihr Lieben, so ist es nicht! Der Herr steht nicht untätig daneben, sieht nicht aus seinem Sofa aus der Ferne zu, wie die Welt sich zufällig selbst entwickelt. Er ist eng mit seiner Schöpfung verbunden. Er hat sie von Anfang an geplant, er hat sie geschaffen, er erhält sie, trotz ihres Sündenfalls und trotz der Katastrophe. Gott wollte Menschen, also schuf er sie. Du bist weder ein Fehler noch ein Unfall; du wurdest von dem Gott dieses Universums bewusst geplant und geschaffen und vorherbestimmt und erwählt.
Erwählt? Nach welchen Kriterien? Vielleicht erinnert ihr euch noch daran, wie beim Sport an der Schule manchmal die Mannschaften ausgewählt wurden. Der Coach wählte die beiden besten Spieler aus, die großen Jungs. Und jeder von ihnen wählte aus allen anderen Spielern seine Mannschaft aus, einen nach dem anderen, bis nur noch du und der kleine Hozziedog Darryl übrig waren. Und dann wählten sie Darryl. So ist das bei uns, wir wählen aufgrund von Können und Leistung und Fähigkeit und Verdienst. Aber Gott der Herr nicht. Er erwählt nicht aufgrund solcher Kriterien. Wenn er sagt: Ich habe euch auserwählt, ich habe euch vorherbestimmt, dann bedeutet das nicht, dass er irgendjemanden von uns auf der Grundlage von Leistung oder Verdienst erwählt hat. Er hat uns nicht für das ausgewählt, was wir sind, sondern für das, was wir sein werden. Er erwählt uns trotz dessen, was wir sind – nämlich sündig und verdorben, taub und blind –, er erwählt uns für das, was er aus uns machen wird, und er hat bereits damit begonnen. Und falls wir zweifeln sollten: Die Bibel sagt nie, dass Gott einige Menschen zur Verdammnis auserwählt hat; nein, sie sagt, dass Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen (1Tim 2,4). Wenn Menschen verdammt werden, dann wegen ihres Unglaubens, wegen ihrer Hartherzigkeit und ihrer Ablehnung seiner Gnade; wenn wir aber gerettet werden, dann deshalb, weil Gott uns erwählt hat.
Dieser eine lange Satz aus dem Eph beschreibt die Geschichte als einen großen Bogen, einen Bogen, der mit dem Herrn beginnt, mit seiner Liebe, mit seiner reichen Gnade, mit seiner Weisheit und seinem Verständnis und seinem großen Plan, mit der Tatsache, dass dein Ursprung und der Ursprung aller Dinge in dem Allmächtigen, dem dreieinigen Gott liegt. Dieser Bogen spannt sich von seiner Entscheidung vor aller Zeit bis zu dem Punkt, an dem diese Entscheidung konkrete Wirklichkeit wird: Wenn Christus offenbart wird und alle Eigenschaften Gottes in ihm. Christus kommt als die Erfüllung aller alten Verheißungen des Vaters, er kommt, um dich und mich durch sein Blut aus der Knechtschaft zu befreien, indem er für dich und mich die Vergebung unserer Schuld mit seinem eigenen Leben erkauft. Dieser Bogen setzt sich fort durch den Lauf der Geschichte bis zu dem Punkt, an dem es dich gibt, an dem du wie der kleine Hein heut Morgen zum Glauben gebracht und in die Erlösung des Sohnes einbezogen wurdest, an dem du in deiner Taufe mit dem Heiligen Geist versiegelt wurdest als Gottes Eigentum zum Lob seiner Herrlichkeit. Vater, Sohn, Heiliger Geist, in deinem Leben, der wahre Gott, euer Gott.
In unseren schwachen Augenblicken denken wir manchmal, dass Gott immer einen Schritt hinter uns herläuft, als ob wir vorn an der Spitze stehen und uns durchschlagen müssen, als ob wir Gott dann mit unseren Bedürfnissen und Wünschen und Plänen auf den neuesten Stand bringen müssten. Nein, sagt Gott, ich bin nicht Teil eures Plans. Ihr seid Teil meines Plans. Ich gehe in eurem Leben nicht immer einen Schritt hinterher, sondern ich warte schon vorn auf euch und geh dennoch jeden Schritt mit euch. Sein ganzer Plan, all sein Tun, euer ganzes Leben – der Allmächtige hat ein Ziel für euch. Ihr wisst noch nicht, was das ist. Er sagt uns aber, was das heißt: Der Vater hat uns erwählt, damit wir heilig und untadelig vor ihm sind. Er hat uns durch Jesus Christus zu seinen Söhnen und Töchtern gemacht. Er hat uns durch Christi Blut befreit, um uns einzubeziehen, wenn er alles im Himmel und auf Erden unter einem Haupt, nämlich Christus, zusammenführt. Ihr wurdet mit dem Heiligen Geist gezeichnet und versiegelt als ein Pfand, das euer Erbe garantiert, das ihr zu dem von Gott geplanten Zeitpunkt erhalten werden zum Lob seiner Herrlichkeit. Der Bogen schließt sich und bringt euch zu Gott. Was unser dreieiniger Herr sonst noch für euch auf Lager hat, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass jeder von uns ein integraler Bestandteil seines Plans ist, dass wir auf eine Zeit zusteuern, die niemals enden wird, und dass wir uns des unsterblichen Lebens in der Gesellschaft und Gegenwart des dreieinigen, allmächtigen, gnädigen Gottes erfreuen werden. Welch ein Segen! I.N.I. Amen.
Tag der Heiligen Dreifaltigkeit (Trinitatis)
Wochenspruch
Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner
Ehre voll. Jesaja 6, 3
Introitus – Nr. 41 (Psalm 145, 1 u 3)
Epistel
O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! Denn „wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen?” Oder „wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm vergelten müsste?” Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.
Römer 11, 33 – 36
Hauptlied
Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist 217
Gelobet sei der Herr 228
Evangelium
Es war ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, einer von den Oberen der Juden. Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist. Nikodemus antwortete und sprach zu ihm:Wie kann dies geschehen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bist du Israels Lehrer und weißt das nicht? Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben; ihr aber nehmt unser Zeugnis nicht an. Glaubt ihr nicht, wenn ich euch von irdischen Dingen sage, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch von himmlischen Dingen sage? Und niemand ist gen Himmel aufgefahren außer dem, der vom Himmel herabgekommen ist, nämlich der Menschensohn. Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.
Johannes 3, 1 – 15