Weihnachten 2021

Predigt: Matt. 1, 18-25

1 Text

18 Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe er sie heimholte, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist. 19 Josef aber, ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen. 20 Als er das noch bedachte, siehe, da erschien ihm der Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist. 21 Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden. 22 Das ist aber alles geschehen, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Jesaja 7,14): 23 »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns. 24 Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich. 25 Und er berührte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihm den Namen Jesus.

2 Predigt

2.1

Letzte Woche haben wir die Geschichte gehört, wie der Engel Gabriel zur Jungfrau Maria kam. Und diese Woche haben wir die Geschichte, wie ein Engel, wahrscheinlich derselbe, Gabriel, zu Josef kam, um ihm zu helfen, die richtige Entscheidung zu treffen. Maria und Josef, zwei vorbildliche Gläubige. Aber von den beiden hat einer definitiv das bessere, wie die Engländer sagen, PR-Team. Ich meine, abgesehen von dieser Geschichte von Josef hören wir kaum noch etwas von ihm, außer am Rande. Selbst in den folgenden Jahren bis heute spielt Josef im christlichen Glauben keine große Rolle, nicht einmal im römisch-katholischen Glauben. Maria hingegen, die Mutter Gottes, ist nicht nur eine der wichtigsten Heiligen der katholischen Konfession, sie wird auch so sehr verehrt, dass sie von vielen Katholiken als sündlos angesehen wird; sie wurde ja auserwählt, Gott zu gebären. In der christlichen Kunst ist es fast unmöglich, eine Kirche mit Heiligenbildern zu finden, die kein Bild der so genannten Heiligen Mutter zeigt. Nicht nur das, aber in einigen Ländern, wie z. B. Spanien, wird es als normal angesehen, seinen Sohn mit dem zweiten Vornamen Maria zu nennen, um diese Heilige zu ehren.

2.2

Josef hingegen ist nicht einmal der berühmteste Josef der Bibel. Wenn wir an den berühmten Josef denken, denken wir in erster Linie an Josef, den Sohn Jakobs, mit seiner phantastischen Geschichte von einem schönen Mantel, dem Verrat durch seine Brüder, der Sklaverei, noch mehr Verrat, gefolgt von seinem Aufstieg zu einem der mächtigsten Männer Ägyptens. Dann gibt es auch den Josef von Arimathäa, der Pilatus um den Leichnam Jesu bat, um diesen in sein Grab zu legen. Erst nach ein paar Sekunden erinnern wir uns überhaupt an Josef, den Vater von Jesus. Und das mag damit zu tun haben, dass Josef nicht wirklich der Vater Jesu ist. Er steht nur irgendwie neben Maria im Stall und ist nicht wirklich wichtig. Ich werde dieses Argument später noch einmal aufgreifen, aber für jetzt genügt es, zu sagen, dass dies die Perspektive ist, die wir oft von Josef haben: Er ist nur das unnötige fünfte Rad am Wagen.

2.3

Aber vielleicht hat es auch etwas damit zu tun, dass die Geschichte, die wir heute gehört haben, sehr wenig mit Josef zu tun hat. Ja, ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass die Geschichte, die wir letzte Woche gehört haben, nur sehr wenig mit Maria zu tun hat. Diese Geschichten, die wir von Maria und Josef gehört haben, sind in erster Linie Geschichten über Jesus. Sie lehren und erzählen uns etwas über unseren Gott, der zu uns gekommen ist. Das ist auch der Grund, warum wir als lutherische Konfession versucht haben, die Bedeutung von Maria im Christentum zu verringern. Denn es geht nicht um sie, es geht nicht um Josef, es geht um Jesus.

2.4

Unsere Bibelstelle handelt von Jesus und davon, wie Josef zum ersten Mal von ihm erfuhr und wie Gott Josef half, als er im Begriff war, einen falschen Weg zu gehen. Aus der Art und Weise, wie Josef mit der Situation umgehen wollte, können wir ziemlich sicher schließen, dass Josef nur wusste, dass Maria schwanger war; er wusste nichts von der Beteiligung des Heiligen Geistes, sonst hätte er ganz anders reagiert und nicht versucht, sich von ihr scheiden zu lassen, denn eine Verlobung war damals bindend und nur durch Scheidung konnte man sie auflösen. Ich kann mir vorstellen, dass Josef es irgendwie herausfand, während Maria noch versuchte, die richtigen Worte zu finden, um diese unglaubliche Sache, die ihr widerfahren war, einigermaßen glaubhaft zu machen. Aber leider hatte Josef nicht alle Fakten auf dem Tisch, als er sich von Maria scheiden lassen wollte. Josef wollte tun, was richtig war, wenn seine Annahme, dass Maria eine Ehebrecherin war, richtig war. Josef war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen. Aber das war ganz sicher nicht das Richtige. Und hier ist eine kleine Lektion für uns. Wie oft glauben wir, zu wissen, was richtig oder falsch ist, wie oft denken wir uns, wir wissen es besser, wir sind gebildete Menschen, wir wissen genau, was gut und was böse ist. Aber das sollten wir nicht entscheiden. Wir haben nicht alle Fakten, wir würden uns wie Josef für die Scheidung von der Mutter Gottes entscheiden.

2.5

Wir neigen leider immer dazu, uns für den falschen Weg zu entscheiden, und darum hat Gott uns hier in diesem Buch, in seinen Worten an uns, eine wunderbare Leitlinie gegeben. Hier sehen wir, was gut und was böse ist. So wie er Josef half, indem er durch den Engel Gabriel zu ihm sprach, so spricht er auch heute zu uns und leitet uns durch seine Worte. Er sagt uns: Fürchte dich nicht, die schwangere Teenagerin zu deiner Frau zu nehmen; fürchte dich nicht, das zu tun, was gegen die Kultur zu sein scheint; fürchte dich nicht, Gottes wunderbare Botschaft der Erlösung allen zu verkünden.

2.6

Und obwohl es in diesem Gotteswort hauptsächlich um Jesus geht, können wir doch etwas von Josef lernen. Nachdem er Gottes Botschaft gehört hatte, zögerte Josef nicht mehr. Er verstand und glaubte. Das ist in der Tat ein Merkmal des stillen Heiligen, der seine Pflicht erfüllt hat. Josef wurde mit dem wunderschönen Evangelium konfrontiert und er reagierte darauf, indem er gehorchte und Maria sofort als Frau nahm, indem er ein guter Vater war, der seine Familie beschützte, der seine eigenen Bedürfnisse absichtlich in den Hintergrund schob. Nicht, um ein berühmter Heiliger zu werden, der in allen Kirchen eines Tages abgebildet wird, sondern nur weil Gott dies fordert und Josef an seinem Gehorsam zufrieden ist.

2.7

Denn das Wichtige ist nicht, dass wir erhöht werden; dass Menschen denken, „wir sind aber so tolle Menschen“, nein das Wichtige ist und bleibt Jesus. Das ist worum es geht. Aber viel zu oft neigen wir dazu, als „öffentliche“ Christen zu leben, dass wir nur in der Öffentlichkeit nach Gottes Wort leben. Am Sonntag gehen wir in die Kirche, aber sobald wir uns außerhalb unserer christlichen Kreise befinden, vergessen wir Gott. Wenn wir allein zu Hause sind und niemand uns sieht, vernachlässigen wir oft, in der Bibel zu lesen oder eine Andacht zu halten, weil es keine negativen Folgen hat, wenn wir es nicht tun. Wenn wir in den Urlaub fahren, neigen wir dazu, nicht zur Kirche zu gehen, weil es niemanden gibt, der uns gehen oder nicht gehen sehen wird. Wenn wir von nichtchristlichen Freunden umgeben sind, wollen wir, dass unser Glaube nicht zum Thema wird, weil wir uns sonst gegen viele Dinge aussprechen müssten. Viel zu oft leben wir nur als Christen, wenn es uns besser aussehen lässt. Wir leben so, weil wir eigentlich Angst haben, was die Welt von uns denken wird.

2.8

Aber wie Josef brauchen wir keine Angst zu haben, denn Gott, der mit uns ist, Immanuel, ist ein Gott, der rettet, Jesus. Jesus kam in die Welt und indem er am Kreuz starb und all unsere Sünden auf sich nahm, indem er den Tod besiegte und am dritten Tag auferstand, handelte er auch wirklich als Jesus. Gott rettet. Dieser Jesus, dieser Gott, der rettet, ist der, auf den wir und alle Propheten und das Volk des alten Israel gewartet haben. Er ist der letzte Nachkomme Davids – der Messias -, der über das Volk herrschen wird. “Siehe, es kommen Tage, spricht der HERR, da will ich David einen gerechten Spross erwecken, der soll König sein und weise handeln und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben. In seinen Tagen wird Juda gerettet werden, und Israel wird in Sicherheit wohnen. Und dies ist der Name, mit dem er genannt werden wird: ‘Der HERR ist unsere Gerechtigkeit’. (Jer. 23,5-6) Jesus ist unsere Gerechtigkeit. Jesus ist durch Adoption durch Josef königlicher Abstammung. Das ganze Argument am Anfang, dass Josef nicht sein richtiger Vater war, ist eigentlich nicht wahr. Indem er Jesus annahm, nahm Josef Jesus als seinen Sohn an. Mit allem, was das mit sich brachte; dazu gehörte auch, dass Jesus nun Teil der königlichen Linie Davids war. In der Vergangenheit war Adoption keine halbherzige Sache. Man wurde nicht als Stiefvater betrachtet, sondern als Vater des Kindes. Das ändert natürlich nichts an der Tatsache, dass Jesus Gott war, aber wir sollten Josef nicht so schnell beiseite schieben. Er war ebenso wie Maria ein Elternteil von Jesus. Denn diese Art der Adoption ist genau das, was mit uns in unserer Taufe geschieht. Wir werden zu Gottes Kindern. Es gibt keinen Unterschied zwischen uns und den Kindern Abrahams, wir sind die Kinder Abrahams und uns gehören nun seine Verheißungen, einschließlich der Verheißung des Messias, der uns rettet. Gott, der uns rettet: Jesus, der in diesem Stall zur Welt gekommen ist.

Amen.