01. Advent (Der kommende Herr) – 2020

Predigt zum 1. Advent, den 29. November 2020

Christusgemeinde Kirchdorf


Sach 9,9-10                                                                                                                                                         I.i.

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. Denn ich will die Wagen wegtun aus Ephraim und die Rosse aus Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde.

Stellt euch vor, Präsident Ramaphosa gäbe heute Abend bekannt, der ANC habe beschlossen, dass Südafrika einen König bekommt. Südafrika – einen König. Wie würden wir wohl reagieren? Wenn in Südafrika von Königen gesprochen wird, denken wir zumeist an Goodwill Zwelithini oder Zwelibanzi Dalindyebo, an Könige, die staatlich finanziert über bestimmte ethnische Gruppen zeremoniell regieren. Da können wir es uns wohl kaum vorstellen, noch solch einen König zu bekommen. Ramaphosas Bekanntgebung würde bei uns wohl Gefühle der Ablehnung hervorrufen. „Einen König? Danke bestens, wir brauchen keinen König, die Demokratie ist schlimm genug.“ O.ä.

Bei Israel war es andersherum. Als sie aus Ägypten auszogen, hatten sie keinen König – aber wollten unbedingt einen. Am Berg Sinai schloss Gott einen Bund mit ihnen und sagte: ich will euch annehmen zu meinem Volk und will euer Gott sein (2. Mose 6,7). Mit Gott als Anführer dringt das Volk in Kanaan ein. Mit Gott als Anführer besiegt Israel alle Könige vor Ort. In Josua 12 steht eine Liste von 31 Königen, die entthront werden, weil Gott Israel den Sieg schenkt. Mit Gott als Anführer ist Israel stärker als jeder König! Doch kaum hat das Volk Israel Fuß gefasst, wird es neidisch und unzufrieden. Die Israeliten schauen auf die Nachbarstaaten, die alle neue Könige haben, und will auch einen (1.Sam 8,5). Israel hatte keinen König, nur Richter wie den Propheten Samuel. Und nun hieß es: Wir wollen ein König! Aufgeregt bringt Samuel das Meckern der Israeliten vor Gott. „Herr,“ sagt er, „sie wollen mich nicht mehr, sie haben mich verworfen, sie wollen einen König!“ Gott antwortet: Nein, Samuel, sie haben nicht dich, sondern mich verworfen (1.Sam 8,7). Denn ich bin Israels Anführer. Und dann warnt der Herr die Israeliten vor dem, was passiert, wenn sie einen König bekommen: Er wird ihre Kinder zu Soldaten machen, von ihrem Land das Beste nehmen, hohe Steuern kassieren. Gott warnt: Ja, so wird das. Und wenn ihr dann zu mir kommt und den König verwünscht, dann – dann werde ich nicht auf euch hören. Doch Israel hält sich die Ohren zu: „Danke bestens, wir wollen einen König!“

Die Geschichte der Könige Israels ist eine hoffnungslos traurige Angelegenheit. Der beste war David, der seinen Elitesoldat und treuen Freund ermordet, weil David mit seiner Frau Ehebruch treibt. Sogar die besten Könige haben ihr Amt vergeigt. Und die guten waren in der absoluten Minderheit. Unter den allermeisten Königen Israels gab es Zank, Vetternwirtschaft, ruchlose Intrigen, Götzenanbetung, Korruption, Bürgerkrieg, Gewalt, Verrat, sinnlose Allianzen und konfuse Kriegsführung innerhalb und außerhalb der instabilen Grenzen des Landes. Immer wieder lautet das Urteil der Schrift: „Und er tat, was dem Herrn missfiel.“ Es wurde zuletzt so schlimm, dass bei einem Großsaubermachen im Tempel jemand eine Abschrift der damaligen Bibel findet und sagt: „Was ist das?“ … Zu wenig, zu spät, bis Gott endlich genug hat. Er lässt im Jahr 586 fremde Armeen ins Land, die den letzten König Israels absetzen und seine Untertanen in die Gefangenschaft verbannen.

Das war damals. Bei der Politik in unserm Land heute geht es nicht um Könige, sondern um Reibungen zwischen Sozialismus und Demokratie und Kommunismus. Das ist ein neues Phänomen. Während des größten Teils der Weltgeschichte war die Monarchie die Norm. In vielen Teilen der Welt liegt heute unter dem Deckmantel der Demokratie oder des Kommunismus die De-facto-Herrschaft in den Händen eines einzigen Mannes. Für den größten Teil der Geschichte lautete die Wahl nicht „König oder Demokratie“, sondern sie lautete „guter König“ oder „schlechter König“. Aber eine Wahl war das auch nicht wirklich – man konnte sich seinen König in der Regel nicht wählen, man bekam ihn einfach. Unter einem guten König blühen die Menschen auf. Es gibt Recht und Ordnung, Stabilität, Gerechtigkeit, die Wirtschaft blüht, es gibt Einheit. Aber unter einem schlechten König zerstreuen sich die Menschen wie Schafe ohne einen Hirten. Unter einem schlechten König werden Menschen unterdrückt und arm. Israel hat das erlebt, und die Folgen auch, spätestens in der Gefangenschaft, als der König endgültig vom Thron gestoßen war. Unser Text aus Sacharja greift die Lage um 520 v. Chr. auf, nachdem das Volk aus der Gefangenschaft zurückgekehrt ist. Ab dann stand das Volk Israel immer unter Fremdherrschaft und hatte gar keinen König mehr. Aber gerade dann, gerade dort macht Gott seinem Volk ein Versprechen. Durch Sacharja spricht der Herr zu seinem enttäuschten, vom Krieg zerrissenen, konfliktbeladenen Volk: „Freut euch! Ihr bekommt wieder einen König!“ Da kann man sich vorstellen, wie das Volk sagt: „Na endlich! Einen König, der uns mächtig macht! Ein König, der unser Militär wiederaufbaut! Ein König, der unsere Feinde besiegt!“ „Immerhin,“ spricht Gott, „dein König ist ein Gerechter und ein Helfer.“ „Wunderbar, das passt!“ sagt Israel. „Allerdings ist was sehr besonders an diesem König.“ Israel sagt: „Besonders?“

Gott sagt: Ja. „Freu dich, denn dein König kommt, und er ist arm. Freu dich, denn dein König reitet nicht auf einem weißen Schimmel, fährt nicht in goldener Kutsche, sondern kommt auf einem Eselfüllen, einem Jungtier, das ihn gerade mal tragen kann.“ So war das Volk auf den armen König auf dem Eselchen vorbereitet. Aber zu Palmarum, als er endlich kommt und das Volk ihn sieht – das Volk, das sich nach einem König so sehr sehnt! – feiert es seine Ankunft probeweise, überlegt es sich und sagt: „Danke bestens! Solch einen König will doch niemand.“ Er kommt in tiefer Demut, ignoriert, abgelehnt, verachtet von denen, die er retten wollte. Der Schöpfer aller Dinge, doch seine Schöpfung will ihn nicht. Ein armer König, nicht einmal eine Matratze, wo er seinen Kopf hinlegen kann. Selbst sein Eselchen ist geliehen, notdürftig in Dienst genommen. Stellt euch vor, ein König leiht sich einen alten Peugeot-Pickup, um seinen großen Auftritt zu feiern. Was ist das denn für ein König?

Der arme König mit dem geliehenen Eselchen ist König der Welt und dennoch ein Bettlerkönig. Einer, der reich war, aber um unseretwillen arm geworden ist. Einer, der seine Hände leermacht, um unsere Hände und Herzen zu füllen, Einer, der sich nicht dienen ließ, sondern kam, allen zu dienen. Einer, der die Macht und Majestät des Himmels fahren ließ, um die Demut der Krippe und des Kreuzes auf sich zu nehmen. Einer, der das königliche Purpur nur trug, damit Menschen ihn verspotteten. Einer, der offen als König bezeichnet wurde, aber nur zum Spott und als Grund für seine Kreuzigung. Armer, toter König der Juden. Seine Krone – aus  Dornen. Sein Zepter ein Nagel, nicht in der Hand, sondern durch die Hand. Sein Thron – das Kreuz, an dem er starb. Sein Sieg war sein Tod, mit dem er den letzten und größten Feind unserer Menschheit besiegte, den Tod. Aber durch diesen Sieg lebt er, der gerechte König der Welt.

Das Volk, das unbedingt einen König wollte, wollte diesen König nicht. Und so geht es vielen, vielen Menschen heute. Sie sagen: „Dieser König ist nichts für mich. Er könnte gut für andere sein. Er ist gut für meine Kinder. Er ist gut für schlimme Sünder. Er ist nicht gut für mich.“ Menschen, die sagen: „Der Thron meines Herzens ist besetzt. Von mir. Ich mag es, die Dinge auf meine Art zu tun.“ Sie lehnen die göttliche Monarchie ab und wollen unbedingt eine Demokratie. Sie wollen gemeinsam mit Gott ihr Leben bestimmen, mit abstimmen, am besten ihn sogar überstimmen. Der Herr darf einige Teile meines Lebens haben, aber nicht alle; einige Abschnitte meiner Zeit, aber nicht alle; einige Teile meines Herzens, aber nicht alle. Aber, ihr Lieben, Gott schickt hier keinen Regierungsminister, keinen Parlamentssprecher, keinen Parteiabgeordneten, hier gilt keine freie Wahl. Gott der Herr schickt einen König. Den König, den die Welt braucht. Einen ganzen König. Bei dem Thron deines Herzens hat er kein Interesse an Demokratie. Dieser König fordert alles.

Dein König kommt zu dir. Gott sagt es selbst, dieser König wird nicht nur König einer ethnischen Gruppe sein, von nur einem Teil der Erde, von nur einem Teil der Welt. Nein, er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde. Er wird über alles herrschen. Nichts gegen die Demokratie, aber letztlich wird jedes Land und alle Welt einen König bekommen, DEN König, ob sie es wollen oder nicht, den Untertanen zum Segen, den Feinden zum Fall, diesen König mit dem Namen über alle Namen, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters. (Phil 2). Dieser König ist ein ganzer König. Er ist der rechte König. Er fordert alles. Er gibt alles. Er fordert Gerechtigkeit. Er gibt Gerechtigkeit. Er kommt für Sünder. Und macht sie zu Gottes Kindern. Er kommt in wahrer Armut. Er gibt wahren Reichtum. Er ist Gottes Sohn. Er steht allein für sich. Er ist gewaltig, er ist einzigartig. Er beachtet die Missachteten. Er ist der Einzige, der allen unseren Nöten gleichzeitig abhelfen kann. Er gibt den Schwachen Kraft. Er ist da für die Versuchten und Geprüften. Er hat Mitgefühl und er rettet. Er hilft den Hilflosen, er leitet die Verirrten, er gesellt sich zu den Einsamen. Er heilt die Kranken und reinigt die Aussätzigen. Er vergibt Sünden und erlässt Schulden. Er befreit die Gefangenen. Er segnet die Kinder. Er beachtet die Alten. Er beendet die Kriege. Er beginnt den Frieden.

Das ist er. Unser König. Er kommt. Er ist der König der Erkenntnis. Die Quelle der Weisheit, die Tür der Befreiung. Der Weg des Friedens. Mächtig über alle Mächtigen, Herrscher aller Herrscher, Prinz aller Prinzen, der König aller Könige. Sein Amt ist vielfältig, seine Verheißungen sind gewiss. Sein Licht ist ohne gleichen, seine Güte ohne Grenzen, seine Gnade ohne Ende, seine Liebe hört nicht auf. Sein Joch ist sanft, seine Last ist leicht. Du kannst ihn nicht überleben und du kannst nicht ohne ihn leben. Wer ihn hat, der hat das Leben, wer ihn nicht hat, den hat der Tod. Seine Feinde konnten ihn nicht abhalten, und sie konnten ihn auch nicht aufhalten. Du kannst ihn nicht einsperren und er wird nicht zurücktreten. Denn er kommt, das Erdreich zu richten mit Gerechtigkeit und die Völker mit Recht. Sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, für immer und ewig! Das ist unser König. Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir. Amen.

SOLI DEO GLORIA

Pastor Dr. Karl Böhmer


01. Advent (Der kommende Herr)


liturgische Farbe: violett

Festzeit: Adventszeit

Wochenspruch: Sach 9,9

Wochenpsalm: Ps 24

Eingangspsalm: Ps 24

Epistel: Röm 13,8-12 (13-14)

Evangelium: Mt 21,1-9

Predigttext: Offb 5,1-5 (6-14)

Wochenlied: 4 und 16


Erklärung zu den Perikopen:

Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = IV). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).


I(Evangelium): Mt 21,1-9

II: Röm 13,8-12 (13-14)

III: Jer 23,5-8

IV: Offb 5,1-5 (6-14)

V: LK 1,67-79

VI: Hebr 10,(19-22) 23-25