Palmarum (Der Schmerzensmann)
Christusgemeinde Kirchdorf, den 5. April 2020
Mk 14,3-9 I.i.
Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.
Jesus aber sprach: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.
Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! (2Kor 13,13) Amen.
In den Glanzzeiten des Römischen Reiches traf das römische Volk sich im Kolosseum für öffentlichen Blutsport. Filme wie „Gladiator“ zeigen uns das abscheuliche Schauspiel von bis an die Zähne bewaffneten Männern, die bis zum Tod gegeneinander kämpfen, während blutrünstige Zuschauer auf den Tribünen sitzen und sie anfeuern. Es wird überliefert, dass die Gladiatoren zu Beginn in die Arena marschierten und dem Kaiser zuriefen: „Ave, Cäsar! Morituri te salutant!“ – „Heil, Cäsar! Die zum Sterben bestimmt sind, grüßen dich!“ Ein Moriturus ist einer, der sterben soll. Die zum Sterben bestimmt sind, grüßen, die Menge tobt und erweist diesen unglücklichen Kriegern vor dem Tod eine letzte Ehre.
Es ist ungefähr derselbe Zeitrahmen, in dem Jesus auf einem bescheidenen Esel sitzt und zu Beginn des Passafestes in die Stadt Jerusalem reitet. Menschenmengen säumen die Straßen, halten Palmenzweige und applaudieren und feuern ihn als König von Israel an. Diese Menge jubelt ihm zum letzten Mal zu, ohne sich der Kürze des Augenblicks bewusst zu sein und ohne zu wissen, dass sie einem „Moriturus“, einem, der zum Sterben bestimmt ist, eine letzte Ehre erweisen. Unwissend waren auch die Jünger. Sie wussten nicht, was passieren würde. Am Tag zuvor hatten Jesus und seine Jünger in der Nähe Jerusalems im Dorf Bethanien zusammen mit den Freunden Lazarus, Martha und Maria im Haus eines Freundes gewohnt. Und an diesem Tag geschah etwas Ähnliches: Jemand erwies Jesus eine letzte Ehre vor seinem Tod; aber die Anwesenden hatten davon keine Ahnung.
Dieser Jemand war Maria. Maria, deren Schwester Martha sich beklagte, dass Maria Jesus nicht diente, Maria, deren Bruder Lazarus von den Toten auferweckt wurde, Maria, die zu den Füßen des Meisters gesessen und seinen Worten zugehört und sie in ihrem Herzen behalten hatte. Diese Maria kommt nun zu Jesus, während er zu Tisch liegt, um zu essen. Sie trägt in ihren Händen eines der kostbarsten Dinge, die eine Frau zu dieser Zeit haben konnte, ein großes Glas mit reinem Nardenparfüm, sehr wertvoll, umgerechnet mehr als eine halbe Million Rand. Jesus hatte reiche Freunde! In einem Zug bricht sie das Siegel auf und gießt den Inhalt über Jesus aus und salbt Kopf, Hals, Schultern und Füße, und das ganze Haus ist erfüllt vom teuren Duft.
Noch heute zucken wir bei solchen Kosten zusammen! Was hat Maria dazu bewegt? Jesus hat nie danach gefragt! Aber das macht das Handeln Mariens umso wertvoller. Wir begreifen den wahren Sinn ihres Tuns erst dann, wenn wir erkennen, dass Maria, als sie ihr Parfüm ausgoss, auch ihr Herz ausschüttete, erfüllt von Dankbarkeit, Hingabe und Liebe zu ihrem Heiland. Ungebeten, unaufgefordert führt sie diese kostbare Salbung aus als persönlichen Ausdruck ihrer tiefsten Frömmigkeit und Liebe zu ihrem Herrn. So viel hatte er für sie getan, so sehr hatte Jesus die Liebe Gottes über sie ausgeschüttet, sie angenommen, ihre Sünden vergeben, sie durch sein Wort aufgebaut, ihr Leben mit großem Segen versehen, dass sie so bewegt ist, dass sie seine Liebe mit einer einfachen, aber auch tiefen eigenen Liebe beantwortet. Nun, wir wären heute vielleicht nicht so begeistert, wenn uns jemand ohne Vorwarnung eine ganze Flasche Parfüm über den Kopf gießen würde. Doch damals in einer Zeit noch ohne Duschen war das ein Ausdruck ganz großer Ehrerbietung, so mit Öl gesalbt zu werden.
Habt ihr schon einmal erlebt, was Pferde machen, wenn sie sich aufregen? Sie schnauben. Sie schnauben empört, um Irritation auszudrücken. Markus verwendet das gleiche Wort, um die Reaktion der Jünger auf das, was Maria getan hat, zu beschreiben. Die Jünger fangen an zu schnauben. Wären sie Anwälte im Gerichtssaal gewesen, hätten sie geschrien: Einspruch! Ich erhebe Einspruch! Empört schnauben sie: Was soll diese Vergeudung des Salböls?
Einspruch abgewiesen, sagt Jesus. Jesus aber sprach: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Jesus verteidigt Maria und sagt: Lasst sie! Es ist nicht eure Aufgabe, darüber Urteile zu fällen, wie ein anderer Mensch seinen Glauben an mich zum Ausdruck bringt! Ihr macht ein Entweder/Oder, wo in Wirklichkeit beides geht. Warum sollte sie lieber den Armen dienen als mir? – Ja, aber, sagt der Anwalt im Gerichtssaal, willst du damit sagen, dass Maria sich nicht um die Armen kümmern sollte? Oh doch, das sollte sie, sagt Jesus; wie oft habe ich euch nicht genau dazu aufgefordert? Aber, seht ihr, Maria und ihre Schwester hatten die Gewohnheit, genau das zu tun, indem sie den Armen und ihrem Meister gegenüber Gastfreundschaft erwiesen, wann immer diese armen Leute in der Nachbarschaft waren. Maria vernachlässigt die Armen nicht. Maria entscheidet sich nicht zwischen dem Dienst an den Armen und dem Dienst an Christus. Sie tut beides. Ja, sie dient dem Herrn Christus hier auf eine Weise, die weit über das Übliche hinausgeht, aber sie tut es, weil ihr Herz überfließt. Ihr Handeln zeigt: Liebe ist verschwenderisch.
Die Liebe hängt sich an das, was sie liebt, will verbunden sein und verbunden bleiben und ihre Liebe so gut es geht zeigen. Die Jünger schnauben. Sie verstehen das nicht. Und wir? Auch wir schnauben manchmal darüber, wie Geld in der Kirche ausgegeben wird. Es kann in der Kirche so leicht passieren, dass wir über die Kosten schnauben, die Menschen in der Kirche auf sich nehmen, wenn sie ihre Liebe zu ihrem Herrn zeigen – weil wir es für übertrieben halten. Fahren wir durch die vielen Plaasdorpies in unserem Land, dann sehen wir, welche Gebäude in der Regel am meisten auffallen. Sind es nicht die Kirchen? Ist das falsch? Wie können Christen es heute rechtfertigen, dass wir Millionen für den Bau schöner Kirchen ausgeben, dass wir Abendmahlsgeräte aus Gold und Silber kaufen, oder schöne Paramente und Talare? Sollten wir dieses Geld nicht lieber für den Dienst an anderen verwenden – für Dinge wie Gemeinschaftshilfe, Suppenküchen, Weltfriedensinitiativen usw.? Schaut mal, das ist eine falsche Alternative. Klar, die Kirche soll nicht ihr ganzes Geld in schöne Kirchen, schöne Gesangbücher und schöne Hallen investieren. Es kann nicht um schöne Gottesdienste und schöne Gebäude auf Kosten von schönen Liebesdiensten gehen – Diensten an den Armen, den Bedürftigen, den Ungläubigen. Aber umgekehrt ist es auch nicht richtig. Leidenschaftlicher Kirchenbesuch und schöne Gottesdienste müssen nicht zwangsläufig Platz machen für Liebesdienste, als wenn es entweder/oder ist. Beides hat seinen Platz.
Zu schnell schnauben auch wir in Empörung über Menschen, die ihre Liebe zum Herrn auf sichtbare Weise zeigen wollen. Wir können nicht in das Herz eines anderen schauen. Das kann nur der Herr tun. In dieser Geschichte gibt uns beispielsweise das Johannes-Evangelium zusätzliche Information darüber, was in den Herzen der Jünger vor sich ging. Johannes sagt uns, dass Judas sich zuerst über das teure Parfüm der Maria beschwerte – aber er tat es, weil er ein Dieb war und das Geld für sich selbst behalten wollte. Und die anderen Jünger folgen blindlings seinem Beispiel, bloß weil er am lautesten redet. Im Reich Gottes müssen wir vorsichtig sein, wem wir folgen. Nicht einfach denjenigen, die am lautesten reden.
Maria hat mehr getan, als man zunächst denkt. Jesus weist auf die wahre Bedeutung ihres Liebesakts hin: Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis. In der Geschichte des Volkes Gottes wurden Menschen für nur drei Ämter gesalbt: Zu Propheten, Priestern und Königen. Die Salbung war also eine Art Ordination, eine Einführung. Früher hatte Jesus sich immer geweigert, wenn man ihn zum König salben wollte. Zu Palmarum aber, als Jesus in Jerusalem einzieht, duldet er es, dass die Menge ihn als den König Israels bejubelt. Hier erlaubt er es Maria, ihn zu salben. Aber wir müssen wissen: Die Salbung hatte noch einen anderen Zweck – sie wurde an Toten ausgeübt. Jesus erklärt, dass Marias Tat eine Vorbereitung auf sein Begräbnis war. Jesus wird als Moriturus einbalsamiert; Jesus wird als sterbender König gesalbt. Er ist nicht der König, für den die Menge ihn hält, und sein Königreich ist nicht, was sie erwarten. Aber er ist dennoch König, auch und gerade im Sterben. Im Tod wird er zum König über alle. In seiner Auferstehung besiegt er den Tod und erringt den Sieg über Satan und bricht den Würgegriff der Sünde über dich und mich. Er ist der Gesalbte, er ist König! König von Israel, ja, aber mehr noch, König dieser Welt und des ganzen Universums, mein König – und deiner. Er, der die Liebe ist, der die Liebe zeigt, der Liebe schenkt: Würdig ist er, auch geliebt zu werden! Und du? Wie erweist du ihm Liebe, deinem König?
An den meisten historischen Stätten findet man Denkmäler, die zum Gedenken an die eine Person oder das andere Ereignis errichtet wurden – das Brandenburger Tor, das Filter/Larsen Monument, Fort Napier in PMB usw. Aber mit der Zeit zerbröckeln all diese Denkmäler. Maria hat Jesus lieb. Und sie zeigt ihre Liebe auf einfache Weise, indem sie ihm ihr Teuerstes und Bestes gibt. Maria tut es nicht, um ihn zu beeindrucken oder ihm etwas abzukaufen. Sie tut es, weil sie nicht anders kann. Sie liebt, weil sie geliebt wird. Und Jesus erkennt das an: Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Nein, Maria will nicht belohnt werden für ihre Tat, aber der Herr Jesus ehrt ihre Tat, er ehrt sie mit einem Denkmal: Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat. Und so ist es. Das Christus-Denkmal für Maria steht noch immer – weil Christen heute auf der ganzen Welt sich an ihre Tat erinnern. Jesus ist für uns gestorben. Wir dürfen für ihn leben. Christus, unser König, wird diejenigen ehren, die für ihn leben, die ihn ehren. Das tun wir mit unserem Geld hier in der Kirche. Und wir tun es mit unserem Geld, Hab und Gut draußen in der Welt. Beides geht. Beides ist gut. Wir wollen unserem König Liebe erweisen! Nun sage keiner: Er ist nicht mehr hier, wie soll ich das denn machen? Liebe zur Kirche ist Christusliebe. Nächstenliebe ist Christusliebe. Jesus rechnet es alles an: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. Amen.
Soli Deo Gloria
Pastor Dr. Karl Böhmer
Palmarum (Der Schmerzensmann)
Wochenspruch
Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Johannes 3, 14b. 15
Introitus – Nr. 26 (Matthäus 21, 9; Psalm 69, 31 u 33)
Epistel Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht: Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.
Philipper 2, 5 – 11
Hauptlied
Du großer Schmerzensmann 161
Evangelium
Als die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem käme, nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel! Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf, wie geschrieben steht: „Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.” Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte. Das Volk aber, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat. Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan. Die Pharisäer aber sprachen untereinander. Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.
Johannes 12, 12 – 19