Predigt | Schrift und Christus: Pass und Foto | 01. Sonntag nach Trinitatis 2025

In der Gegend haben nicht mehr viele Saisontickets für Kings Park. Die Liebe zu den Sharks scheint lau. Aber als vor 3 Wochen in Loftus die Sharks gegen die Bulls spielten, kamen plötzlich wieder Sharks-Farben zum Vorschein, viele hofften auf ein spannendes Spiel und auf Blue Bulls mit hängenden Ohren. Doch es kam anders. Bei den Springboks ist keine Frage; wenn die spielen, trägt bis auf die All Blacks-Anhänger in den Cape Flats das ganze Land Grün und Gold.

Die Menschen zu Jesu Zeiten waren ebenso leidenschaftlich. Da ging es auch um große Rivalitäten. Mit dem Unterschied, dass es ihnen nicht ums Rugby oder überhaupt um irgend Sportart ging, sondern – so merkwürdig uns das klingen mag – um wetteifernde Rabbis. Die hatten Anhänger im ganzen Land, die ihren Lieblingsrabbi unterstützten, und auch noch lange nach dem Tod der Rabbiner waren sie ihnen ergeben. Zu Jesu Zeiten waren es nicht Rugbyteams oder politische Parteien, die miteinander konkurrierten, sondern Rabbis. Die großen Namen zu Jesu Lebzeiten waren „Rabbi Hillel” und „Rabbi Schammai”. Jeder von ihnen hatte Scharen von Anhängern um sich versammelt, und wann immer sie miteinander debattierten, versammelten feuerten diese sie an. Die hätten bestimmt Aufkleber auf ihre Kamele geklebt, wenn sie gekonnt hätten. Diese beiden Rabbis aus Jesu Lebzeiten, Hillel und Schammai, werden bis heute zu den größten Autoritäten der jüdischen Geschichte gerechnet. Was sind Rabbis? Rabbiner waren Lehrer, die die Heilige Schrift auslegten. Sie trafen sich mit ihren Schülern, diskutierten die Einzelheiten der Gesetze des Alten Testaments, extrapolierten und interpretierten und definierten ethisches Verhalten bis ins kleinste Detail des täglichen Lebens. Ihre Spezialität war es, Wege zu finden, das Gesetz so auszulegen, dass ein Durchschnittsmensch es halten konnte. Das Sabbatgesetz besagte z.B., dass man nur eine bestimmte Strecke weit gehen durfte und dann nach Hause gehen musste. Da erklärte z.B. ein Rabbi, dass man am Ende seines Spaziergangs nur Essen für zwei Mahlzeiten bereitstellen müsse, und dann könne man diesen Ort technisch gesehen als sein Zuhause bezeichnen – auf diese Weise könne man seine Sabbat-Entfernung verdoppeln.

Wenn man sich nun mit solchen willkürlichen, gesetzlichen Spitzfindigkeiten beschäftigt, kommt es zwangsläufig zu unterschiedlichen Interpretationen. Hier kommen die Rabbiner ins Spiel. Die Rabbis bauten sich eine Anhängerschaft auf, die auf ihren Lehren basierte. Ihre Autorität beruhte aber auch auf ihre Person, ihre Herkunft. Wenn sie aus einer adligen Familie stammten, mussten sie nur eine gründliche Ausbildung an einer der beliebten Schulen absolvieren, und dann konnten sie hinausgehen und sich einen Namen machen. So stritten sich die Menschen untereinander über das Kleingedruckte des Gesetzes Gottes und sagten: Nun, Rabbi Soundso sagt dies, und das reicht mir. Mit anderen Worten, die Menschen akzeptierten die Lehre aufgrund dessen, wer sie lehrte. Dadurch aber – und das ist die große Gefahr – wurde das eigentliche Wort Gottes immer mehr in den Hintergrund gedrängt, während die Lehrer um Ehre wetteiferten. Ihre Autorität überschattete in der Praxis die Autorität des Wortes Gottes. Und die Liebe Gottes wurde durch die neuen Gesetze der Lehrer ersetzt.

Dann kommt Jesus – und was macht er? Er lehrt mit Vollmacht – allein durch sein Reden stellte er alle anderen Lehrer in den Schatten. Dabei lässt er es. Er überlässt die Ehre Gott, dem Vater. Jesus kommt, um Gesetzesliebhabern die Liebe Gottes zu bringen; aber nicht um seiner eigenen Ehre willen. Seine Absicht ist es immer, dem Namen des Vaters Ehre, Lob und Ruhm zu bringen. Das Traurige ist: Hätte Jesus ins eigene Horn gestoßen, hätte er sein eigenes Lob gesungen, hätte er seine eigene Ehre gesucht, dann wären die Menschen wahrscheinlich in Scharen zu ihm geströmt. Hätte Jesus sich mit Hillel und Schammai öffentliche Debatten geleistet, hätte er bald Anhänger in Scharen gehabt. Sie hätten in ihm einen der ihren gesehen. Aber Jesus spielt ihr Spiel nicht mit. Er kommt nicht, um eine Autorität unter vielen zu sein, sondern die Autorität selbst. Er handelt nicht aus Menschenfurcht oder Menschen-gefälligkeit, sondern, um die Wahrheit zu reden. Und so lehnten sie ihn ab.

Wem sind wir ähnlich? Hillel und Schammai? Oder Christus? Wir wollen von den Menschen gesehen und geschätzt werden. Wir streben nach Ehre. Und doch lehnt unser Glaube an Christus seine eigene Ehre ab. Unsere einzige Ehre besteht darin, durch die Taufe und den Glauben zu dem zu gehören, dem alle Ehre für immer gebührt. Wir sollen sorgen, dass wir ihm die Ehre geben in allen Dingen. Und wir müssen uns vor Christen, Kirchen und Lehrern hüten, die ihre eigene Ehre suchen. Wir sind Lutheraner nicht wegen Luther, sondern weil wir durch die Gnade Gottes danach streben, die Wahrheit der Schrift zu bekennen und zu leben. Darin liegt unsere Ehre! Nirgendwo anders als in Jesus Christus.

Wir glauben, dass die Bibel das unfehlbare Wort Gottes ist. Das taten auch die Lehrer Israels. Sie kannten das AT in- und auswendig. Jesus lobt sie: Ihr studiert fleißig die Schriften, weil ihr glaubt, durch sie das ewige Leben zu besitzen. Und das ist wahr! Was war denn das Problem? Jesus fährt fort: Diese Schriften zeugen von mir, doch ihr weigert euch, zu mir zu kommen, um das Leben zu haben. Vielleicht hilft uns ein Beispiel, dies zu verstehen. Jesus sagt, dass das Alte Testament sein Pass ist. Es bestätigt seine Glaubwürdigkeit und untermauert seine Autorität. Das Alte Testament ist wie ein Pass, der alle Informationen über den Passinhaber enthält – außer seinem Foto. Es handelt vom neuen David, vom neuen Bund, von der Zeit der Erlösung, vom kommenden Propheten, vom Messias, vom wahren König. Es ist ein Buch der Erwartung. Und alle Linien des Alten Testaments laufen in der Person des gekreuzigten und auferstandenen Christus zusammen. Er ist die Erfüllung! Kein anderes Bild kann in diesen Pass eingefügt werden. Jesus kann nur verstanden und angenommen werden, wenn wir in ihm die Erfüllung der Vorhersagen und Prophezeiungen Gottes erkennen. Nun, ein Pass ohne Foto ist nutzlos. Das Alte Testament ist ohne seine Erfüllung bedeutungslos. Es kann nur richtig verstanden werden, wenn es mit seinem Foto gelesen wird. Es muss als Hinweis auf Jesus Christus gelesen werden. Nur dann macht es Sinn.

Die Lehrer Israels konzentrierten sich auf das Kleingedruckte im Pass und diskutierten über nebensächliche Rechtsfragen; sie waren mit dem Pass ohne Foto zufrieden. Viele Menschen machen heute den Fehler, dass sie das Foto ohne den Pass haben wollen. Sie wollen Jesus nur als den Jesus des Neuen Testaments haben, ohne das Alte Testament, oder manchmal sogar nur einen Jesus, der noch weniger ist. Sie sehen in ihm ein gutes Vorbild, einen bemerkenswerten Propheten, einen Lehrer der Liebe oder einen revolutionären Denker seiner Zeit. Jesus ist all das – aber er ist noch viel mehr. Er ist der Sohn Gottes, der für euch Mensch geworden ist! Der den Fluch der Sünde in seinem Leib am Kreuz getragen hat, der euch durch seinen Tod als euer Stellvertreter vor der ewigen Verdammnis gerettet hat. Das ist die Botschaft der gesamten Heiligen Schrift. Sie muss in ihrer Gesamtheit geglaubt, angenommen und bekannt werden, nicht nur teilweise, sondern als Ganzes, damit wir im AT und im NT Gesetz und Evangelium trennen können; denn wir brauchen beides.

Schaut, Jesus denkt nicht einmal daran, sich selbst als einen weiteren Mitspieler in dem leidenschaftlichen Kampf um den rechten Rabbi zu präsentieren. Er braucht nicht andere Lehrer als falsch zu beweisen. Sie haben bereits jemanden, der sie beschuldigt: Mose. Die Rabbis setzten ihre Hoffnungen auf Mose als den großen Gesetzgeber und studierten daher seine Schriften (die ersten fünf Bücher der Bibel) sehr genau. Aber Jesus sagt, sie erkennen nicht, dass Mose über ihn, Jesus, geschrieben hat. Mit anderen Worten, sie missverstehen Mose; tatsächlich glauben sie nicht, was er geschrieben hat, und deshalb akzeptieren sie denjenigen nicht, über den er geschrieben hat.

Wie kann es sein, dass Menschen, die sich so intensiv mit der Heiligen Schrift befassten, solche Fehler machen konnten? Wie kommt es, dass man Christen – ja, manchmal sogar engagierte Gläubige – und sogar Pastoren findet, die zentrale Lehren der Heiligen Schrift leugnen? Viele streiten ab, dass Gott diese Welt erschaffen hat; es gibt Professoren, die die Existenz der Hölle leugnen; ja, es gibt sogar Pastoren, die ganz offen die Auferstehung Christi leugnen. Wie kann das sein? Wenn die Bibel nicht als das unfehlbare Wort Gottes angesehen wird, wenn die Heilige Schrift nicht als das reine und irrtumslose Wort Gottes anerkannt wird, das in seiner Gesamtheit fehlerfrei und wahr ist, dann steht die Tür für alle Arten und Formen der eigenen Interpretation weit offen. Der Glaube wird zu einer Frage der Vorlieben und Meinungen. Dann ist man ärger dran als die Rabbis von früher, denn es heißt nicht mehr: So sagt Rabbi Soundso, sondern das sage ich. Nein: Die Heilige Schrift ist die einzige und alleinige Grundlage, auf der der Dialog und der gemeinsame Glaube beruht. So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi (Röm 10,17).

Wie lesen wir die Bibel? Wir lesen und verstehen sie richtig, wenn Christus als Schlüssel dient, der alle ihre Geheimnisse entschlüsselt. Wenn wir erkennen, dass er nicht unser Ankläger sein will, sondern der Weg, die Wahrheit und das Leben. Ja, das und noch mehr! Erinnert ihr euch daran, wie es früher war, als Kinder noch keinen eigenen Pass hatten? Ihre Namen standen im Pass ihres Vaters, und sein Pass galt auch für sie. So ist es auch für uns in Christus. Wenn wir in der Taufe wiedergeboren werden, stehen unsere Namen in seinem „Pass”, und seine Autorität und Identität gelten auch für uns. Unser Name steht im Buch des Lebens geschrieben. Dort liegt unsere Erlösung und unsere Ehre. Und deshalb ist es so wichtig, dass dieser Pass aktuell bleibt, denn davon hängt unsere Erlösung ab. Deshalb muss die Kirche immer bereit sein, den Herrn Christus in aller Wahrheit und Reinheit der Schrift zu verkünden. Damit wir glauben und bekennen, was Johannes schreibt: Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen. (Joh 20,31). Amen.


Wochenspruch
Christus spricht: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich. Lukas 10, 16

Introitus – Nr. 42 (Psalm 34, 23 u 2 u 5)

Epistel
Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die  Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe. Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht,  wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht? Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.

. Johannes 4, 16b – 21

Hauptlied
Nun bitten wir den Heiligen Geist 216

Evangelium
Jesus sprach: Es war ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren und begehrte, sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel;  dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre. Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben. Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah  Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen. Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, dass du dein  Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, und du wirst gepeinigt. Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüber will, dorthin kommen kann und auch niemand von  dort zu uns herüber. Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. Er aber  sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.

Lukas 16, 19 – 31


liturgische Farbe: grün

Festzeit: Trinitatiszeit

Wochenspruch: Lk 10,16

Wochenpsalm: Ps 34a

Eingangspsalm: Ps 19, Ps 36, Ps 67, Ps 84, Ps 113

Epistel: 1. Joh 4,16b-21

Evangelium: Lk 16,19-31

Predigttext: Joh 5,39-47

Wochenlied: 124


Erklärung zu den Perikopen:

Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).


I(Evangelium): Lk 16,19-31

II: 1. Joh 4,16b-21

III: Joh 5,39-47

IV: Jer 23,16-29

V: Mt 9,35-38; 10,1 (2-4) 5-7

VI: 5. Mose 6,4-9