Predigt: Fluch statt Segen – Segen statt Fluch – Estomihi – 2026

An den Kinderlagern früher hatten wir großen Spaß bei einem einfachen Spiel: Alle Kinder standen in einem großen Kreis, jedes Kind vor einem Stuhl, und Pastor Schroeder blieb in der Mitte und rief entweder das Wort Jer-usalem oder Jer-icho aus. Bei „Jer-icho“ musste man stehenbleiben, bei „Jer-usalem“ sich setzen. Da musste man genau hinhören; wer einen Fehler machte, schied aus, bis zuletzt nur einer übrigblieb und den Siegespreis bekam.

Um Jerusalem und Jericho geht es uns heute auch, um viele und um einen, um Verlierer und Gewinner. Seit der Zeit Davids galt Jerusalem als Stadt Gottes, hier stand der Tempel, hier hatte Gott der Herr seine Wohnadresse auf Erden, hier die Priester, hier stand der Königspalast, hier tagte der Hohe Rat, hier versammelte sich Gottes Volk zu den großen Festen. Hierher ist der Herr Jesus mit seinen Jüngern unterwegs. Jerusalem – Stadt des Friedens.

Jericho war die erste Stadt im gelobten Land, die die Israeliten einnahmen; als sie am 7. Tag mit Kriegsgeschrei und beim Schall der Posaune um die Stadt zogen, fielen die Stadtmauern, eroberten sie Jericho – und verbrannten dann die Stadt mit Feuer. Weniger bekannt aber ist, dass Josua damals einen Fluch aussprach über Jericho. Ein doppelter Fluch würde den Mann treffen, der Jericho wieder aufbaute. „Wenn er ihren Grund legt, das koste ihn seinen erstgeborenen Sohn, und wenn er ihre Tore setzt, das koste ihn seinen jüngsten Sohn!“ (Jos 6,26) Und so kam es auch – als Hiël von Bethel es später wagte, den Grund der Stadt Jericho neu zu legen, starb sein erstgeborener Sohn Abiram, und als er die Stadttore einsetzte, auch sein jüngster Sohn Segub (1 Kö 16,34). In diesem Sinne also: Jericho – Stadt der Sünde, Stadt des Fluches.

Doch Segen und Fluch kommen in diesem Bibelabschnitt ganz anders als erwartet. Das hat mit unterschiedlichen Sichtweisen zu tun. Wir hören hier von Sehenden, die nicht sehen, und einem Blinden, der sieht. Sehende Menschen, die nichts sehen, das kann bedrohlich werden: z.B., wenn ein Pilot sich im Nebel beim Landeanflug auf sein Radar verlässt, und das Radar fällt aus. Geistliche Blindheit ist viel gefährlicher. Wenn man meint, mit Gott in Ordnung zu sein – und es stimmt nicht – dann kostet diese Blindheit am Ende die Ewigkeit. Leider bleibt geistliche Blindheit, im Gegensatz zur körperlichen, in d Regel unerkannt.

Eine große Menschenmenge kommt durch Jericho, um die letzten steilen 30km hinauf nach Jerusalem anzupacken. Sie reisen zusammen, um dort das Passafest zu feiern – Jesus, seine 12 Jünger, galiläische Frauen, mehr als hundert andere Nachfolger, und dazu noch eine große Volksmenge. In der Nähe von Jericho aber nimmt Jesus seine zwölf Jünger beiseite. Was er jetzt sagt, gilt erstmal nur ihnen. Schon zweimal hatte Jesus ihnen verraten, was kommt: Dass er leiden muss, dass die Anführer der Juden ihn verwerfen und dafür sorgen werden, dass er leidet und stirbt – und dass er am 3. Tag wieder von den Toten auferstehen wird. Nun sagt er es den Jüngern zum 3. Mal. Dabei sind diesmal 3 Details neu:

1. Er wird in Jerusalem sterben – in der Stadt des Friedens, und sie gehen mit;
2. Im AT ist alles vorhergesagt, was nun kommt, wie es kommt – z.B. auf einem Esel wird er reiten (Sach 9), man wird ihn verspotten, misshandeln, anspucken, seinen Bart ausreißen (Jes 50; 53); der gute Hirte wird geschlagen (Sach 13), verraten, verkauft zu 30 Silbermünzen (Sach 11); wird durchbohrt werden (Sach 12), bei Reichen beerdigt werden (Jes 53); der Messias wird für andere leiden und sterben und am 3. Tage auferstehen (Ps 22; Jes 53; Hos 6; Jona 1); und

3. der Messias wird den Heiden überantwortet werden. Für gläubige Juden damals ein besonders schrecklicher Gedanke. Denn das bedeutet Unreinheit – Jesus würde verunreinigt werden von Heiden und unrein sterben.

Die Jünger kennen Worte der Propheten natürlich. Dennoch verstehen sie überhaupt nichts. Lukas berichtet: „Sie begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen…“ Das meint geistliche Blindheit! Jesus spricht davon, dass er als der Messias Gottes leiden und sterben wird. Und die Jünger denken: „So schlimm muss es doch nicht kommen! Leiden muss man nicht aus-halten und erleiden, sondern bekämpfen. Jesus, was redest du?“ Das ist doch die packende Frage: Hatte Gott keinen anderen Plan zur Rettung? Muss sein Sohn unsertwegen sterben? Wieso? Ich verstehe die Gefahr nicht; mein Radar ist ausgefallen. Erschreckend aber auch, wie heftig Jesus heute im Evangelium Petrus anfährt. Petrus leidet ja auch an geistlicher Augenschwäche: „Jesus. Du musst nicht leiden und sterben!“ – „Geh weg von mir Satan! Du meinst nicht, was göttlich ist, sondern was menschlich ist!“ (Mk. 8,33) Geistliche Blindheit.

Was können wir machen? Das, was Jesu Jünger tun. Sie bleiben bei Jesus und gehen mit ihm den beschwerlichen Weg „hinauf nach Jerusalem“. An Jesus zu glauben, ihm nachzufolgen, bedeutet nicht, dass wir ihn immer und unbedingt verstehen müssen, sehen müssen, was er tut. Sondern es bedeutet, an ihm dranzubleiben, auch wenn wir nichts sehen. Das machen die Jünger richtig. Als Jesus am Kreuz stirbt, sind sie in Jerusalem. Am Ostermorgen zeigt sich der auferstandene Herr ihnen und sie empfangen den Heiligen Geist. Da gehen ihnen die geistlichen Augen auf und sie werden ergriffen von einer Wahrheit, die ihnen vorher zu hoch war, nämlich, dass Gottes Sohn alle seine Qualen für uns ertragen hat und dass sein Leiden uns vom Zorn Gottes über die Sünde rettet.

Und wir, die wir vielleicht mit unserer eigenen geistlichen Blindheit kämpfen, Gottes Wege nicht verstehen, sein Handeln an uns nicht erkennen, nicht einsehen, was Jesus sagt: wir wollen auch dranbleiben bei Jesus. Auch wenn uns manchmal Fluch wie Segen und Segen wie Fluch aussieht. Mit seiner Kirche gehen wir auch die beschwerlichen Wege mit. Dazu hilft uns die Umkehrgeschichte vom blinden Bettler, der sehend wird. Sie wird uns so erzählt, dass es unsere Geschichte werden kann.

[35] Bei der Stadt des Fluches, bei Jericho sitzt einer am Weg und bettelt. Das passt auch irgendwie, denn allem Anschein nach hat Gott ihn verflucht. Warum sollte er sonst blind sein? So zumindest verstehen es die vielen Menschen in der Menge. Irgendwo muss der Blinde schon von Jesus gehört haben. Jesus war seine Hoffnung geworden. Da haben seine Ohren seinen geistlichen Augen schon wirklich viel zu sehen gelehrt. Aber weil er weiß, dass Hoffnung allein ihm nichts nützt, fängt er an zu rufen: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ Das ist nicht nur ein Hilferuf. Das ist auch ein Bekenntnis. Gott hatte vor fast 1000 Jahren versprochen, dass einer von Davids Nachkommen, ein Sohn Davids, für immer auf dem Thron sitzen würde. Aber nun hatte es schon bald 600 Jahre keinen König mehr in Israel gegeben. Der Blinde aber weiß und sieht und glaubt und bekennt: Jesus ist der Sohn Davids, der rechtmäßig auf den Thron gehört und bald regieren wird. Der Blinde sieht: Nur Jesus kann helfen.

Zuerst wird er für sein Rufen angekeift: „Was schreist du so? Halt’s Maul, sonst passiert was!“ „Die aber vorne gingen, fuhren ihn an.“ Ja, so können leider auch die frömmsten Kinder Gottes reagieren. Es soll uns eine Warnung sein. Die, die sehen können, sehen hier in Wirklichkeit herzlich wenig. Die Menge symbolisiert, wie Menschen auf den Leidensweg Jesu und auf Leid im Leben seiner Nachfolger reagieren. Das Leiden ist ihnen fremd, sie wollen es aus ihrem Leben ausschließen, darum lassen sie den Blinden, der das Leiden, den Kreuzweg, symbolisiert, auch nicht an Jesus heran. Dabei werden Gottes Liebe und Barmherzigkeit doch erst dann sicht- und spürbar, wenn man sie im Leid erfährt. Der Blinde wendet sich mit seinem Leiden Gott zu und wird geheilt, er wird gewissermaßen zu einem neuen Leben auferweckt. Dies ist nur möglich, weil er das Leid erfuhr, das ihn letztlich dazu führte, sich allein auf den Glauben einzulassen. So lehrt der Herr uns durch Leid. Das Leid hilft uns, unser Leben aus einem neuen Blickwinkel zu sehen. Letztlich – erstlich! – sind wir auf Gott angewiesen, denn das letzte Wort hat ja doch nicht die Medizin (oder jede andere Institution, die versucht, unserem Leben das Leid, in welcher Form es auch immer über uns kommt, zu nehmen), sondern Gott.

Endlich hört der Blinde die Stimme Jesu. Der ruft ihn zu sich. Und wir? Wir tun es dem Blinden gleich. Wir rufen: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ Das haben wir heute schon getan: „Kyrie eleison!“ heißt ja: „Herr erbarme dich!“ Und wenn du nicht sehen kannst, welchen Sinn das alles hat: das Leiden des Gottessohnes, das Leiden seiner Nachfolger, dann mach’s wie der Blinde: „Kyrie eleison – Herr erbarme Dich!“ Und lass dich nicht beirren von dem Zweifel in deinem Herzen oder von denen, die dir sagen, das bringt nichts.

Jedenfalls ruft der Blinde umso lauter, und Jesus hört ihn und ruft ihn zu sich, denn wer sich Gott zuwendet, den weist er nicht ab. „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ Diese Frage scheint so einfach und ist doch alles andere. Siehst du deine eigene Not richtig? Was antwortest du auf diese Frage: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ Wir brauchen nämlich nicht die Erfüllung aller unserer Wünsche. Zu leicht wird vermeintlicher Segen zum Fluch. Zu leicht übersehen wir den Segen vermeintlichen Fluches. Wir brauchen Augen, die die Not recht erkennen – und den Nothelfer auch. Größer als der Helfer ist die Not ja nicht. [41f.] Es ist der Glaube, der an Jesus festhält, egal, was er sieht oder nicht sieht. In der Stadt des Fluches widerfährt dem Blinden Segen. Jer-icho.

Nun schließt der Geheilte sich der Gruppe an. Er wird mitgehen nach Jer-usalem, in die Stadt des Segens, wird mitjubeln beim Einzug – und dann mit ansehen, wie der Eine dort zum Fluch wird. Um die rechte Stadt Jerusalem aufzubauen, das hat Gott selbst seinen erstgeboren Sohn gekostet. Wie einer verliert. Damit in ihm alle gewinnen. Denn er ist als Sieger auferstanden, um den Siegespreis mit allen zu teilen. Auch Dir. Amen.

ESTOMIHI (Mit sehenden Augen)

Wochenspruch
Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.

Lukas 18, 31

Introitus – Nr. 20 (Psalm 31, 3b. 4 u 2)

Epistel

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen, und hätte die Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze. Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

1. Korinther 13, 1 – 13

Hauptlied
Ein wahrer Glaube Gotts Zorn stillt 287
Lasset uns mit Jesus ziehen 304

Evangelium

Jesus fing an, seine Jünger zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen. Und er redete das Wort frei und offen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren. Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh weg von mir, Satan! denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist. Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten. Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden? Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse? Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem abtrünnigen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln.

Markus 8, 31 – 38


liturgische Farbe: grün

Festzeit: Vorfastenzeit

Wochenspruch: Lk 18,31

Wochenpsalm: Ps 31a

Eingangspsalm: Ps 31

Epistel: 1. Kor 13,1-13

Evangelium: Mk 8,31-38

Predigttext: Lk 10,38-42

Wochenlied: 413 und 384

Erklärung zu den Perikopen:

Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.)

I(Evangelium): Mk 8,31-38

II: 1. Kor 13,1-13

III: Lk 10,38-42

IV: Amos 5,21-24

V: Lk 18,31-43

VI: Jes 58,1-9a