Predigt zum 1. So. n. Trinitatis
Christusgemeinde Kirchdorf 11. Juni 2023
- Joh 4,16b–21 I.i.
Im Jahre 1935 hat ein gewisser Herr Donohoe ein furchtbares Testament verfasst. Da heißt es: „Meinen beiden Töchtern Frances Marie und Denise Victoria hinterlasse ich jeweils wegen ihres feindseligen Verhaltens gegenüber einem liebevollen Vater … die Summe von $1,00 und einen väterlichen Fluch. Möge ihr Leben von Elend, Unglück und Kummer erfüllt sein. Mögen sie bald eines schleppenden, bösen und qualvollen Todes sterben.“ In diesen widerlichen Worten redet der Hass. Bissig, gehässig, ekelig. Der Hass schadet nicht nur dem andern, sondern auch dem, der hasst. In der christlichen Gemeinde aber gilt: Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen! (1. Kor 16,14) Man kann es sich kaum vorstellen, dass Christen so gehässig zueinander sein könnten.
Aber wenn der Apostel Johannes in unserem Predigttext über den Hass schreibt: Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner, dann sind diese Worte nicht an zankende Heiden gerichtet, nicht an zerstrittene Menschen, die nie über die Kirchenschwelle treten, nein, sondern dieses Gotteswort ist an Christen gerichtet, an uns gerichtet. Hier geht es nicht um Hass auf Menschen am Arbeitsplatz, in der Geschäftswelt oder in der Politik; nein, hier redet Gott der Herr über den Hass unter Christen innerhalb der Gemeinde; er redet zu Christen, die ihre Mitchristen hassen.
Wie kann das sein? Hass auf Menschen in der Gemeinde? Es kommt schon vor, dass Christen sich gegenseitig mal aus dem Weg gehen, aber solch bissiger Hass wie im Testament von Herrn Donohoe wohl kaum. Könnte es sein, dass sich die Zeiten geändert haben? Könnte es sein, dass die Christen zur Zeit des Apostels Johannes einfach aufbrausende Menschen waren? Nein, ihr Lieben, daran liegt es nicht. Wir Christen von heute sind nicht viel anders als die von damals. Gott der Herr spricht mit uns über den Hass, weil der Hass eine so hässliche Sache ist, dass er mit der christlichen Liebe nicht zu vereinbaren ist. Das heißt, ein Christ kann nicht gleichzeitig hassen und lieben. Darum geht es Gott in seinem Wort. Das ist auch heute noch so. Aber worauf es dabei ankommt, ist eben dies, dass die Bibel mit dem Wort Hass so viel mehr meint, als das, was wir heute so allgemein darunter verstehen. Was da im Testament von Herrn Donohoe geschrieben steht, das erkennen wir problemlos als Hass. Gehässige, bissige, verletzende Worte und Taten, das ist Hass. Aber die Bibel definiert den Hass viel weiter als das. Wir verstehen den Hass meistens als das Gegenteil von Liebe. Hass und Liebe stehen für uns an zwei entgegengesetzten Enden des Spektrums. Aber in Wirklichkeit liegen Hass und Liebe sehr nahe beieinander. Das sieht man darin, wie schnell man vom einen zum anderen übergehen kann. Ich habe meinen Hund lieb, ich kann ihn loben und auf den Schoß nehmen, aber wenn er im nächsten Augenblick ein Loch ins Blumenbeet gräbt, dann verpass ich ihm eine Bußpredigt, dass ihm Hören und Sehen vergeht. Ähnlich kann man es mit Menschen erleben. Liebe und Hass haben beide mit Leidenschaft zu tun – nur ist das eine eine positive Leidenschaft, das andere eine negative. Das Gegenteil von Liebe ist nicht das, was wir als Hass bezeichnen, sondern Gleichgültigkeit (meh). Gleichgültigkeit bedeutet, dass man sich einfach nicht kümmert. Gleichgültigkeit ist ein Mangel an Leidenschaft. In Wirklichkeit also sind die beiden entgegengesetzten Enden des Spektrums Liebe und Gleichgültigkeit. In der Bibel wird das Wort „Hass“ für alles verwendet, was nicht Liebe ist – in der Bibel kann Hass z.B. Lieblosigkeit bedeuten, aber auch Gleichgültigkeit. Hass als sich zu distanzieren, den Kontakt zu anderen Mitgliedern der Gemeinde zu meiden. Sich einfach nicht um den zu kümmern, der in der anderen Kirchenbank sitzt.
Wie kann Gleichgültigkeit denn Hass sein? Ein Beispiel mag es uns erklären. Vor mehreren Jahren wurde eine junge Frau in einem New Yorker Wohnviertel ermordet, während mindestens 38 Nachbarn von ihren Fenstern aus zuguckten. Während des 30-minütigen Angriffs rief niemand die Polizei an. Untersuchungen haben einige überraschende Fakten über diese Menschen ans Licht gebracht. Der Hauptgrund dafür, dass niemand etwas unternahm, lag darin, dass jeder dachte, jemand anderes würde die Initiative ergreifen und Hilfe holen. Das kann auch leicht in der Gemeinde passieren. Gleichgültigkeit in der Gemeinde heißt, dass nichts getan wird, dass verletzten oder leidenden Menschen nicht geholfen wird; jeder denkt an nur sich, gönnt dem anderen nichts, und meint, dass ein anderer die Initiative ergreifen soll. Aber notleidende Gemeindeglieder gehen jeden etwas an.
Vielleicht kümmern wir uns nicht um Mitchristen, weil wir zu viel zu tun haben; vielleicht weil wir Angst haben. Angst, dass wir selbst dabei zu kurz kommen. Angst, uns zu öffnen und zurückgewiesen zu werden. Angst vor dem Bruder oder der Schwester, die Gott uns zu lieben aufruft, Angst, dass zu viel von uns gefordert wird. Gerade gegen diese Angst richtet sich Gottes Wort heute. [18a.c] Gott der Herr will uns zur Nächstenliebe befreien.
Was auch immer der Grund sein mag, Hass kann es unter Christen nicht geben. Und das bedeutet sowohl Gehässigkeit als auch Lieblosigkeit und Gleichgültigkeit dem andern gegenüber. Wenn im Gleichnis vom barmherzigen Samariter der Priester und der Levit am zusammengeschlagenen Mann vorübergehen und ihm nicht helfen, dann hassen sie ihn im Sinne der Bibel. Sie hassen, indem sie keine Liebe erweisen. Aber das ist es ja gerade: Gott ist die Liebe, das lernen wir hier, Gott ist die Liebe, und deshalb gilt: [20f.]
Es gibt einen besseren Weg. Wenn es hier heißt, Gott ist die Liebe, was bedeutet das? Liebe ist nicht ein nebelhaftes, warmes Gefühl; dass Gott die Liebe ist, bedeutet nicht, dass er alles okay findet, was Menschen so tun, und für alles Verständnis hat. Sondern Liebe bedeutet Hingabe bis in den Tod hinein. Dass Gott die Liebe ist, sehen wir am deutlichsten in dem Tod des Sohnes Gottes am Kreuz. Gott ist als dreieiniger Gott die Liebe: Der Vater will nicht für sich sein, sondern sendet aus Liebe den Sohn in diese Welt. Vater und Sohn senden den Heiligen Geist, um Menschen Anteil an Gottes Liebe zu geben. Der Heilige Geist führt Menschen zu Jesus Christus, und Jesus Christus führt die Menschen in die Gemeinschaft mit Gott dem Vater. Es ist eine einzige große Liebesbewegung, in der Gott selbst sich auf die Menschen zubewegt und sie in seine Gemeinschaft, ja, an sein Herz zieht. Ja, Gott ist die Liebe.
Diese Liebe umgibt uns. Wir müssen nicht erst etwas tun, um uns Gottes Liebe zu verdienen. Nein, Gott selber umhüllt uns mit seiner Liebe, und nun sollen wir in dieser Liebe bleiben, einfach nur bleiben. Du bleibst in Gott und Gott in dir. In deinem Leben hast du vielleicht schon viel verloren: deine Heimat, deine Familie, geliebte Menschen, die gestorben sind, deine Gesundheit, ja vielleicht auch das Vertrauen in andere Menschen. Doch eins auf der Welt kann dir niemand nehmen: Dass du in Gott geborgen bist, dass er dich trägt und umhüllt, dass er dir so nahekommt, dass er in dir lebt. Das Heilige Abendmahl ist das Mahl der Liebe, weil Gottes Sohn leibhaftig aus Liebe in uns wohnt: Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm.
Gott ist die Liebe – das ist darum so wichtig für uns, weil der Tag des Gerichts kommt. Wer von uns könnte denn an diesem Tag des Gerichts von sich aus bestehen mit all dem, was er in seinem Leben gedacht, gesagt, gemacht und nicht gemacht hat? Eigentlich müssten wir uns vor diesem Tag fürchten, mit Strafe rechnen. Aber weil Gott die Liebe ist, wird alles anders. Weil wir von seiner Liebe umfangen und in ihr geborgen sind, können wir ohne Furcht diesem Tag des Gerichts entgegenblicken, brauchen keine Angst zu haben, dass uns an diesem Tag die Strafe, ja die Hölle droht.
Wir lieben nicht die anderen, damit Gott uns auch liebt, um etwas von ihm zu bekommen, sondern weil Gott uns zuerst geliebt hat. Seine Liebe befreit uns zur Liebe. Liebe ist in der Bibel kein schönes Gefühl. Sondern Liebe bedeutet: Hingabe, Verzicht auf den eigenen Vorteil, Schauen auf das, was dem anderen dient. Das bedeutet, wir dem andern erst einmal einfach Gutes gönnen und nicht gleich auf den eigenen Vorteil blicken.
Der andere in der Gemeinde lässt mich eben nicht einfach kalt. Nein, die Liebe Gottes ist der große Motor, der mich unermüdlich dazu treibt, den Bruder zu lieben. Gottes Liebe hört niemals auf. Sie ist geduldig und langmütig, nicht eifersüchtig oder prahlerisch, nicht arrogant oder unhöflich. Sie besteht nicht auf ihrem eigenen Willen; sie lässt sich nicht reizen, sie trägt nicht nach. Sie sucht nicht ihren eigenen Vorteil, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit. Gottes Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.
Lieber Bruder, liebe Schwester im Herrn: Gott hat dich lieb. Lass diese Liebe auf dich einwirken. Ruh dich in dieser Liebe aus. Hole Kraft von ihr. Lass dich von ihr treiben. Gottes Liebe umgibt dich von allen Seiten. Gott hat dich lieb in Christus, seinem lieben Sohn. Bevor du überhaupt von ihm wusstest oder an ihn glaubtest, vom Anbeginn der Welt hatte Gott dich lieb. Gott ist die Liebe; deshalb lieben seine Kinder als die Geliebten Gottes mit seiner göttlichen Liebe. Wir können Gott nicht sehen, aber wir können einander sehen. Und so lieben wir Gott in dem anderen, den wir sehen, und seine Liebe wird in uns vollendet. Amen.
Wochenspruch
Christus spricht: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich. Lukas 10, 16
Introitus – Nr. 42 (Psalm 34, 23 u 2 u 5)
Epistel
Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe. Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht? Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.
. Johannes 4, 16b – 21
Hauptlied
Nun bitten wir den Heiligen Geist 216
Evangelium
Jesus sprach: Es war ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren und begehrte, sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre. Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben. Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen. Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, und du wirst gepeinigt. Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüber will, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber. Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.
Lukas 16, 19 – 31
liturgische Farbe: grün
Festzeit: Trinitatiszeit
Wochenspruch: Lk 10,16
Wochenpsalm: Ps 34a
Eingangspsalm: Ps 19, Ps 36, Ps 67, Ps 84, Ps 113
Epistel: 1. Joh 4,16b-21
Evangelium: Lk 16,19-31
Predigttext: Joh 5,39-47
Wochenlied: 124
Erklärung zu den Perikopen:
Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).
I(Evangelium): Lk 16,19-31
II: 1. Joh 4,16b-21
III: Joh 5,39-47
IV: Jer 23,16-29
V: Mt 9,35-38; 10,1 (2-4) 5-7
VI: 5. Mose 6,4-9