Gnade – Demut – Gnade! | 11. Sonntag nach Trinitatis – 2024

Im Hof vor dem Pastorenhaus hier in Kirchdorf steht ein riesiger Baum; ein alter Baum, ein schattenspendender Baum. Es ist ein mthombo-Baum. Hier auf Kirchdorf stehen weitere mthombo-Bäume und verschönern unsern Kirchhof. Als Kinder haben wir darin gespielt, unsere Bläser blasen unter dem Schatten dieser Bäume, man parkt Autos darunter, sie kühlen den Hof. Täglich sehen wir diese Bäume, und freuen uns daran. Aber irgendwie sind sie einfach – da. Wer die Geschichte nicht kennt, für den sind die Bäume da, ein Faktum, eine Gegebenheit ohne Kontext. Aber wer den wahren Zusammenhang dahinter kennt, der hat viel mehr davon, dem bedeuten die Bäume mehr als nur Schatten und Kühle. Nachdem die kleinen Familienhäuschen auf dem Kirchgrund und die alten Pferdeställe plattgemacht worden waren, wollte man den Kirchhof neugestalten. Dazu wurde ein „Verschönerungskomitee“ ins Leben gerufen, man ebnete und bepflanzte den Kirchgrund, und so kam es, dass die Konfirmandengruppe von 1930 mit ihrem Lehrer die mthombo-Bäume pflanzte. Sie sind bald 100 Jahre alt. Drei Jahre später pflanzten im Jahre 1933 der junge Pastor Wiesinger und der alte Pastor Stielau gemeinsam den mthombo-Baum im Pfarrhof. Diese Bäume sind also nicht nur einfach „da“. Sie haben einen Kontext, eine Geschichte, sie sind lebende Zeitzeugen des ersten und dritten Pastors unserer Gemeinde und der Konfirmanden von 1930 und kommen aus einer Zeit, in der jedermann einen Hut trug und das Auto als Transportmittel übernommen hatte.

Ähnlich verhält es sich mit einigen Aussagen in unserem Gotteswort für heute. Sie sind uns bekannt, sie sind uns vertraut, sie stehen irgendwie für sich: „damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes“, oder „ich bin mit Christus gekreuzigt. Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir“ – herrliche Verse, schwebende Aussagen, bekannte Stücke, aber irgendwann alltäglich geworden, wie mthombo-Bäume, von denen man nichts mehr weiß, stehen diese Bibelstellen einfach „da“ und erinnern vielleicht an das Reformationsfest – und mehr nicht.

Aber wie bei den Bäumen steht mehr dahinter, viel mehr, es gibt dort einen Zusammenhang, und nicht nur, dass sie in einem Brief stehen, der an Menschen in Galatien geschrieben wurde. Es ist ein persönlicher Zusammenhang, hier erzählt Paulus in der 1. Person, was er machte, als er sich mit anderen Aposteln traf, was er ihnen gesagt hat. Ja, mehr noch, der Kontext, um den es hier geht, der Zusammenhang ist ein Argument, ein Konflikt, ein theologischer Boxkampf zwischen zwei der größten Kirchenmänner aller Zeiten – nl. Petrus und Paulus.

Der Apostel Paulus hatte schon jahrelang unter den Heiden gearbeitet in Korinth und Galatien und anderen Orten der damaligen Welt. Hatte verkündigt die Botschaft, die der Herr Jesus ihm persönlich gegeben hatte: Das Heil ist für alle, für Juden und Griechen, ohne Vorbedingung. Christus war am Kreuz gestorben für die Sünden aller Menschen und versöhnte die Welt mit sich selber, reine Gnade war das und ist das. Paulus hatte für diese Botschaft mehrmals den Kopf riskiert. Und erwartete, dass die andern, die schon viel länger als er Apostel gewesen waren, im gleichen Chor vom gleichen Blatt sangen, denn allesamt hatten sie doch den gleichen Geist Christi empfangen, genau wie er auch. Und zumeist war es wohl auch so.

Doch dann die große Enttäuschung: Unter den Apostel und Mitarbeitern, die selber solch große Offenbarungen von Gott empfangen hatten, gab es welche, die sich mit Gottes Gnade schwertaten. Obwohl inzwischen auch Afrikaner getauft waren und das Mischvolk der Samariter zur Kirche dazugehörten. Petrus besonders hatte Gott dazu gebracht, zu Römern ins Haus zu gehen und Heiden zu lehren und zu taufen. Und trotzdem, trotzdem bestanden einige Apostel immer noch auf jüdische Zeremonien – besonders die Beschneidung – als Vorbedingung, Christ zu werden. Oder vielleicht meinten sie, um wirklich Christ zu sein, um wirklich dazuzugehören, musstest du bestimmtes Essen und bestimmte Menschen meiden, ihnen aus dem Weg gehen.

Das Ganze spitzte sich zu, als Paulus und Petrus sich in Antiochia trafen. Da gab es wohl Pastorenkonvent; Paulus und Petrus sind beide da, sie warten noch auf die anderen Anreisenden. Erstmal sind nur Petrus und Paulus und andere Mitarbeiter aus den Juden und den Heiden. Sie essen alle zusammen am gleichen Tisch und tauschen sich aus, es gibt kein Ansehen der Person. Wunderbar. Aber dann kommen endlich die Apostel und Mitarbeiter aus der Gemeinde Jerusalem an, traditionsbewusste Leute, Christen, die freiwillig nach den alten jüdischen Bräuchen und Gesetzen leben, so wie sie aufgewachsen sind. Und als sie ankommen, macht Petrus eine Kehrtwende. Plötzlich will er nichts mehr mit den Amtsbrüdern aus den Heiden zu tun haben. Er grüßt sie nicht mehr. Er redet nicht mehr mit ihnen. Er setzt sich nicht mehr an den Tisch mit ihnen, sondern die „old boys“ aus Jerusalem bleiben jetzt nur noch unter sich. Als ob nur sie eigentlich dazugehören. Und dann fangen Paulus‘ Mitarbeiter, die ebenfalls Juden sind aber unter den Heiden arbeiten, auch an, nur noch mit den Schickimickis, mit den gesetzestreuen Judenchristen zu essen und zu reden und die Heidenchristen zu vermeiden, als wenn sie Christen zweiter Klasse sind – oder eigentlich gar nicht dazugehören.

Der Apostel Paulus guckt sich das alles an und gerät in Rage. Petrus und die anderen bringen ihn zur Weißglut, und irgendwann kann er es nicht länger aushalten, er fährt Petrus vor den versammelten Pastoren und Missionaren an. Paulus, der Kopf und Kragen für das Evangelium riskiert hat, muss zusehen, wie Petrus und die jüdischen, angeblichen Superapostel durch Taten und Verhalten aussagen: Eigentlich müsst ihr Heiden so werden wie wir, Juden, die nach dem alten Gesetz leben, nix mehr mit Evangelium, mit selig werden aus Gnaden allein durch Christus allein, sondern werdet erst einmal wie wir, lebt nach dem Gesetz, dann können wir es neu überlegen, ob ihr zu uns gehört. Da platzt Paulus der Kragen und er packt Petrus an seinem Kragen, und jetzt kommt’s. Der, der zum ersten Mal Gal 2,20 hört, ist Petrus, dem gerade die Ohren frisch angesetzt werden: [20f.] Was fällt euch eigentlich ein? Du, Petrus, du heuchelst! Als die andern noch nicht da waren, hattest du Gemeinschaft mit den Heidenchristen, und dann plötzlich nicht mehr, jetzt geht wieder alles ums Gesetz?! [15] Du und ich, Petrus, wir hatten das Vorrecht, seit der Geburt dazuzugehören, in das Volk des Bundes hineingeboren und durch Beschneidung bestätigt zu werden, wir haben Gottes Wort mit der Muttermilch eingeflößt bekommen. Aber wir werden auf keinste Weise anders selig als die getauften Heiden, nämlich: nicht durch Werke des Gesetzes, sondern durch den Glauben an Jesus Christus allein. Sollen wir nun nach alledem, was Christus für uns getan und uns gegeben hat, zurückgehen unter das Gesetz? Ist das nun doch, worauf es ankommt? Ob Petrus sich geärgert hat? Ob er sich schämte? …

Und doch hat Paulus recht. Denn wenn es auch nur einen anderen Heilsweg gibt, an Christus vorbei, dann hätte Gottes Sohn nie so öffentlich, so furchtbar, so grauenhaft und so verflucht sterben müssen. Es gibt nur einen Grund, wieso Christus das getan hat. Weil es nicht anders ging. Weder für die Heiden – noch für die Juden. Entweder werden wir alle gerettet aus Gnaden allein – oder aber Christus hat alles umsonst erlitten. Es gibt keinen Mittelweg, auf dem man durch eigene Werke oder Geburtsumstände Gott nähersteht als andere. Im Gegenteil: Überhebliche Prahler bestehen nicht vor deinen Augen! (Ps 5,6)

Ihr Lieben, oft genug wiederholt sich dieser Streit heute noch. Da geht es meistens nicht mehr um Beschneidung oder Essgewohnheiten oder Reinheits-rituale. Ein jeder von uns sagt wohl ja, wir werden selig aus Gnaden allein. Aber was unterscheidet uns von andern Leuten in unserem Umfeld? Sagen wir uns im Herzen nicht vielleicht doch: „Naja, ich führe schon ein besseres Leben als die andern. Ich geh zur Kirche in den Gottesdienst, während sie auf dem Kissen liegen und St. Matratze anbeten. Ich halte mich ein, die da feiern so laut. Ich bin einfach eine bessere Person als sie!“ Es gibt viele Weisen, so zu denken. Und so bleibt das Kreuz anstößig, ein Skandal. Denn das Kreuz lehrt: Wenn es um die Rechtfertigung vor Gott geht, darum, wie wir selig werden und vor Gott bestehen können, dann hilft kein Tröpfchen Moralität oder Abstammung oder Gesetzestreue oder sonst noch was. Ohne Jesus Christus bin ich so verloren wie der besoffenste Schreihals vor Tops am Payday. Und du auch.

Es kommt alles, aber auch alles an auf die Gnade Gottes in Jesus Christus, dass wir gerecht werden nicht durch eigenes Werk oder irgend angeborene Eigenschaft, sondern allein durch den Glauben an Christus. Das ist der wahre Kontext hinter diesen bekannten Versen – und hinter den schönen, alten, lauschigen mthombo-Bäumen auf unserem Kirchhof. Denn die Gnade in Jesus Christus für selbst die allerschlimmsten Sünder, die Buße tun und glauben – dass Menschen aus allen Völkern hören und lernen dürfen: Jesus Christus, der Sohn Gottes, hat mich geliebt hat, mich! Und hat sich selbst für mich dahingegeben, für mich! damit ich selig würde durch den Glauben und viele andere mit mir – das war die Überzeugung der Konfirmandengruppe von 1930, und dazu haben P. Stielau und P. Wiesinger ihre Heimat in Deutschland verlassen, um diese Gnade Gottes den Sündern hier in Afrika zu verkünden.

Gott der Herr gebe, dass wir beim Anblick der Bäume, ja, mehr noch, beim Anblick des Kreuzes wieder neu schätzen und festhalten dürfen, welch Gnade es ist, welch ein Geschenk Gottes das Evangelium ist, dass wir noch heute als Gemeinde und mit uns nachfolgende Generationen und Gotteskinder aus der Gemeinschaft daran festhalten dürfen: Ich bin mit Christus gekreuzigt. Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. I.N.I. Amen.


11. Sonntag nach Trinitatis (Pharisäer und Zöllner)

Wochenspruch
Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.

1. Petrus 5, 5b

Introitus – Nr. 52 (Daniel 9, 18)

Epistel

Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr selig geworden -; und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus, damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwenglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus. Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme. Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.

Epheser 2, 4 – 10

Hauptlied
Aus tiefer Not schrei ich zu dir 272

Evangelium

Jesus sagte zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Lukas 18, 9 – 14


liturgische Farbe: grün

Festzeit: Trinitatiszeit

Wochenspruch: 1. Petr 5,5b

Wochenpsalm: Ps 113

Eingangspsalm: Ps 19, Ps 36, Ps 67, Ps 84, Ps 113

Epistel: Eph 2,4-10

Evangelium: Lk 18,9-14

Predigttext: Mt 21,28-32

Wochenlied: 299


Erklärung zu den Perikopen:

Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).


I(Evangelium): Lk 18,9-14

II: Eph 2,4-10

III: Mt 21,28-32

IV: Gal 2,16-21

V: Lk 7,36-50

VI: 2. Sam 12,1-10.13-15a