Reformationsfest (Das ewige Evangelium) – 2020

Reformationsfest 2020

Predigt zum Reformationsfest, den 8. November 2020

Christusgemeinde Kirchdorf

Matthäus 10,26-31                                                                                                                                                          I.i.

Darum fürchtet euch nicht vor ihnen. Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern.

Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. 29Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. 30Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. 31Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.

Vincent der Küster und zwei Frauen aus der Gemeinde sind tot. Am Donnerstag vor 10 Tagen, den 29. Oktober 2020, schloss Vincent auf und begann seinen Dienst in der Kirche Notre-Dame-de-l‘Assomption in Nizza, Frankreich. Vielleicht machte er morgens noch einen Rundgang durch die Kirche, schaute, ob in der Nacht irgendetwas passiert war – ob eine Fledermaus am Boden lag und beseitigt werden musste, sich ein Vogel im großen Gewölbe verirrt hatte. Er tat das, was er immer tat, steckte Nummern an, läutete die Glocke, ein Laie, einer der vielen Menschen, die sich mit ihren Möglichkeiten und Begabungen in der Kirche und für ihre Gemeinde einsetzen. Es sollte aber der letzte Tag in Vincents irdischem Leben sein. Wenig später stürmte ein junger Mann in die Kirche und erstach und enthauptete sowohl Vincent als auch die zwei Frauen, während sie beteten. Christen, ermordet, weil sie ganz alltägliche Dienste tun, beten – nicht Bischöfe, nicht Priester, sondern Laien.

Da rückt uns Jesu Wort, das wir gerade gehört haben, unglaublich nahe: Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können… Das gehört nicht nur einfach in die Zeit vor 2000 Jahren, als die Christen es nun mal schwerer hatten als wir heute. Sondern wir reden vom Jahr 2020 im modernen Europa. Menschen sterben, weil sie eine Kirche besuchen oder in ihr arbeiten. Dabei kam das nicht aus heiterem Himmel. Frankreich verzeichnet im Schnitt über 1000 Angriffe auf Kirchen pro Jahr. Aber nicht nur Frankreich. Ganz Europa. Einige neue Fälle: 4.10.2020: In Dresden greift ein muslimischer Gewaltverbrecher zwei Menschen mit einem Messer an. Eines der Opfer wird getötet, das andere schwer verletzt. 17.10.2020: Brutale Enthauptung des Lehrers Samuel Paty in einem Pariser Vorort. Der Täter gibt im Internet als Begründung an, dass der Lehrer „es gewagt hat, Mohammed zu erniedrigen“. Vincent und die zwei Frauen. 31.10.2020: Ein orthodoxer Priester wird in der französischen Stadt Lyon mit einer abgesägten Schrotflinte angegriffen und schwer verletzt. Der 52-jährige Geistliche war gerade dabei, seine Kirche abzuschließen, als ein Unbekannter aus kürzester Entfernung zweimal aus einer abgesägten Schrotflinte auf ihn schoss. Täter unbekannt.

Zwei Laien. Ein Lehrer. Drei Laien. Ein Priester. 2020. Ganz gewöhnliche Christen werden im Alltag wegen ihres Glaubens in Europa getötet. So gewinnt unser heutiges Reformationsfest einen ungewöhnlichen Ernst. Wer Christ ist, sich zu Jesus Christus bekennt und Teil seiner Kirche ist, stößt immer wieder auch auf Widerstände. Dabei kann es kein „Sonnenscheinchristentum“ geben. Christsein kann nicht so aussehen, dass ich mich nur dann zu Jesus Christus halte, wenn das leicht zu haben ist und ich keine Konsequenzen zu befürchten habe. Sondern als Christ stehe ich immer auf Jesu Seite – und damit stehen die Menschen, die Jesus Christus feindlich gegenüberstehen, auch mir feindlich gegenüber, ohne dass ich ihnen etwas getan zu haben brauche. Mich aber von Jesus Christus wegzubewegen, hieße dann aber im Gegenzug, mich gegen Jesus zu stellen. Einen gemütlichen Mittelbereich gibt es hier nicht.

Ja, das sind ernste Worte. Aber durch diese ernsten Worte klingt noch eine andere Stimme hindurch: Fürchtet euch nicht! Fürchtet euch nicht! Fürchtet euch nicht! Dreimal heißt es: „Fürchtet euch nicht!“. Damit sagt Christus nicht: „Reißt euch zusammen. Seid doch mal mutig. Halb so schlimm.“ Sondern der Heiland spricht: „Ihr braucht keine Angst zu haben, denn ich bin bei euch. Mit mir ist es gut, und mit mir wird alles gut. Unser himmlischer Vater passt auf euch auf. Er sorgt für euch. Es gibt nichts, was er nicht im Blick hätte. Ihr seid ihm unendlich wichtig. Was auch passiert, aus seiner Hand könnt ihr doch nicht fallen! Deine Seele und deine Ewigkeit sind geborgen bei Gott.“ Und dann nennt der Heiland drei Gründe, warum wir uns nicht fürchten sollen.

Grund Nr. 1: Ja, ihr habt Feinde, Menschen, die euch töten wollen, aber ihr sollt euch nicht vor ihnen fürchten, denn der Tag wird kommen, an dem jeder geheimer Ratschluss und Plan Gottes – und jede geheime und gemeine Sünde der Menschen – und jede korrupte und kriminelle Tat ans Licht kommen wird, niemand, aber niemand kommt ungeschoren davon, kein Ace Magashule und kein Farmermörder und kein Angelo Agrizzi. Das ist das große Paradox unserer Zeit, dass das Königreich Gottes unmittelbar vor der Tür steht, aber nur die Augen des Glaubens es sehen können. Ich machte mal einen Krankenhausbesuch in Amerika, trage meinen Kollar, kommt eine tieftraurige Frau zu mir und sagt: „Mein Mann ist Deutscher, er liegt im Sterben und will sich nichts sagen lassen, aber er war mal Christ! Du kannst Deutsch, willst Du nicht mit ihm reden?“ Sie fleht mich an, ich geh hin, komme ins Zimmer, sofort schreit der totkranke Mann mich an: „Raus! Sie haben hier nichts zu suchen, ich will nichts von Ihnen und Ihrem Christus! Scheren Sie sich weg!“ Immerhin war der Rauswurf nicht persönlich gemeint. Aber Ablehnung um Jesu willen kommt noch ganz anders, andere werden beleidigt, misshandelt, unterdrückt, getötet. Wie kann das sein? Dass wir Christen auf Gottes Befehl hingehen – und abgelehnt werden? Seht, ich durfte an jenem Tag nach Hause gehen. Vincent und die Frauen nicht. Jesu Jünger werden abgelehnt, zahlen für den Dienst für den Herrn mitunter den höchsten Preis. Hier gehen verborgene Dinge vor, aber am jüngsten Tag kommt alles ans Licht. Fürchtet euch nicht!

Das bedeutet, dass unser Heiland uns Christen die Freiheit und die Gewissheit schenkt, trotz allem Widerstand öffentlich zu bekennen, was der ewige Gott in seinem Wort sagt, das ganze Gesetz und das ganze Evangelium, Gottes Zorn über Sünde und sein unbegreifliches Geschenk der Vergebung, des Lebens, des Heils in Jesus Christus, und dass am Jüngsten Tag alle auferstehen werden – zur ewigen Qual oder zum ewigen Leben. Das wollen wir fröhlich bekennen.

Grund Nr. 2: Es stimmt. Die Feinde der Kirche und ihrer Glieder können tatsächlich schlimmen Schaden anrichten. Todesdrohungen aussprechen, Christen foltern, Vincent und zwei Frauen in der Kirche töten – und eben auch dich und mich. An dieser Stelle können wir Gott den Herrn nur schwer verstehen, dass er das manchmal erlaubt und nicht verhindert. Unsere erste Reaktion darauf ist Angst. Angst um unsere Lieben, Angst um uns selbst. Dazu sagt der Herr Jesus, dass wir Gott den Herrn fürchten sollen – und deswegen nicht einmal die bösesten Menschen. Ja, sie können den Leib töten. Das tun sie, nehmen Christen die Arbeit weg, unterdrücken sie, ja, töten Laien und Pastoren in der ganzen Welt. Aber Gott der Herr kann Leib und Seele verderben. Die Hölle ist sehr wohl eine Realität, und der Herr Jesus nimmt da kein Blatt vor den Mund. Hier geht es nur um den Leib. Dort aber um alles, Seele und Leib.

Ein bekannter christlicher Schriftsteller war vor einigen Monaten in Osteuropa und Russland unterwegs. Er sagte neulich in einem Interview: „Wir müssen uns bewusst sein, dass das Christentum eine Religion der Märtyrer ist. Die Idee des Wohlstandsevangeliums, dass, wenn wir nur treu sind, Gott es uns gutgehen lassen wird, dass wir reich werden – ja, weißt du, vielleicht wird das passieren, vielleicht wird Gott uns auf diese Weise segnen. Aber es ist möglich, dass Gott uns mit einem Kreuz segnen wird. Wenn wir auf die frühe Kirche zurückblicken, war sie eine Kirche der Märtyrer. Die Kirchen im Sowjetblock, das waren Kirchen der Märtyrer.“ Und dann erzählt er von Gesprächen mit Baptisten in Russland, Ostorthodoxen in Russland, Katholiken in anderen Ländern Osteuropas; sie sehen mit Sorge auf die Entwicklungen im Westen und sagen: Wenn die Christen im Westen nicht bereit sind, für ihren Glauben  zu sterben, dann sind sie nicht vorbereitet aus was kommen mag. Und dann dieser Satz: „Wenn wir nicht bereit sind, um des Evangeliums willen den Statusverlust oder sogar den Tod zu erleiden, dann werden wir verlieren, was Gott uns gegeben hat.“ Ihr Lieben, unser Herr Jesus rechnet ganz offensichtlich damit, dass Menschen uns Christen sehr wohl unseres Glaubens wegen den Leib töten können – von dem immensen Druck ganz zu schweigen, den westliche Gesellschaften zunehmend auf Christen ausüben. Sind wir bereit, für den Herrn zu leiden – zu sterben? Fürchtet euch nicht! ruft der Heiland uns zu. Es ist weit besser, von menschlichen Feinden gehasst und geschasst und getötet zu werden, dafür aber den himmlischen Vater zum Freund zu haben, der uns zum ewigen Leben auferweckt – als anders herum. Also Grund 2: Gottesfurcht nimmt uns Angst.

Ja, und Grund Nr. 3: Schaut euch die kleinen Vögel an – wir denken da wahrscheinlich an Budgies. Zwei kosten vielleicht R150. Doch Gott der Herr, der Himmel und Hölle in der Hand hält, kümmert sich so sehr um die Budgies, dass keiner von ihnen ohne sein Wissen und ohne seinen Willen auf die Erde fällt. Seht, das bedeutet, dass Gott der Herr bei dem Budgie ist, wenn er leidet und stirbt. Ein Gott, der selbst den Budgies nahe ist. Für den Christen, der für seinen Glauben leidet, ist wohl die größte Angst, dass Gott ihn verlassen hat. Wir meinen, Gott der Herr lässt Leid und sogar Tod zu, weil wir etwas falsch gemacht haben, weil er uns nicht mehr liebhat, verworfen hat. Hört einmal dieses herrliche Wort: Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. Vor 30 Jahren hieß es schon, ein Pentium Computer könne so schnell rechnen wie ein Düsenjäger, der über unser Sportfeld hinweg düst und bei Mach 6 oder 7 alle Grashalme dabei zählt. Das war damals. Ihr Lieben, was der beste Rechner kann, das kann der allmächtige Schöpfer allemal und noch viel, viel besser. Der sieht die ganze Welt und weiß zu jedem Augenblick, wie viele Haare seine Christen auf dem Kopf haben. Seht, dies ist ein Trostwort, auch für Glatzköpfe. Jesu sanfte Worte hier deuten auf etwas sehr Großes hin: Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge. Der Vater hat seine leidenden Kinder noch nie übersehen. Ihnen ist er besonders nahe. Ihr Zeugnis von ihm bringt Gott dem Vater Ehre, und er wird ihnen Kraft geben durch die Macht des Heiligen Geistes und sie zum ewigen Leben bewahren. Um dies zu verkünden, um dies zu leben, erhalte Gott der Herr seine Kirche. Fürchtet euch nicht! Amen.

Er bringt mich an die Pforten,

Die in den Himmel führt,

Daran mit güld‘nen Worten

Der Reim gelesen wird:

Wer dort wird mit verhöhnt,

Wird hier auch mit gekrönt;

Wer dort mit sterben geht,

Wird hier auch mit erhöht.

LG 189:6

SOLI DEO GLORIA

Pastor Dr. Karl Böhmer


Lehrpredigt zum Reformationsfest, den 8. November 2020

Christusgemeinde Kirchdorf

 

Mt 4,17                                                                                                                                                                                I.i.

Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!

 

CA XII Von der Buße (LG 818):

Von der Buße wird gelehrt, dass diejenigen, die nach der Taufe gesündigt haben, jederzeit, wenn sie Buße tun, Vergebung der Sünden erlangen und ihnen die Absolution von der Kirche nicht verweigert werden soll. Wahre und rechte Buße ist im eigentlichen Sinne nichts anderes, als dass man Reue und Leid oder Entsetzen über die Sünde hat und dass man doch gleichzeitig an das Evangelium oder die Absolution glaubt, nämlich dass die Sünde vergeben und durch Christus Gnade erworben ist. Dieser Glaube tröstet wiederum das Herz und gibt ihm Frieden. Danach soll man sich auch bessern und von Sünden lassen, denn dies sollen die Früchte der Buße sein – wie Johannes sagt: „Darum bringt rechtschaffene Frucht der Buße“ (Mt 3,8).

Ebenso werden die Novatianer verworfen, die denjenigen die Absolution verweigerten, welche nach der Taufe gesündigt hatten. Auch werden die verworfen, die nicht lehren, dass man durch Glauben Vergebung der Sünde erlangt, sondern durch eigenes Handeln, das Gott versöhnen will.

Die Reformation ist von der Beichte ausgegangen. Denn Martin Luthers Seelen- und Höllenangst und seine verzweifelte Suche nach einem gnädigen Gott ließ sich an der furchtbar schiefen und teuflisch verdrehten Beichtpraxis der Kirche des Mittelalters festmachen. Gerade weil Luther an dieser Stelle die frohe Botschaft entdeckt hat, durfte die Kirche neu aufblühen durch den Schatz der Reformation: Dass der Sünder selig wird allein durch die Schrift, allein aus Gnaden, allein durch den Glauben, allein durch Christus.

Wie ist die Beichte denn überhaupt so pervertiert worden? Das fing schon früh an, zur Zeit der Christenverfolgungen im römischen Reich. Denn immer wieder konnten Christen dem heftigen Druck nicht Widerstand leisten. Sie verrieten die Namen ihrer Mitchristen, Priester händigten Soldaten Bibeln und Kirchenbücher aus; viele verleugneten ihren Heiland um sich das Leben zu retten. Andere hingegen blieben fest. Als nun die Verfolgung vorüber war, kamen abgefallene Christen, die nur überlebten, weil sie nachgegeben hatten, wieder zur Kirche zurück und wollten vergeben und aufgenommen werden. Viele überlebende Bekenner aber, die treugeblieben waren und dafür am Körper verstümmelt wurden, weigerten sich, die Abgefallenen aufzunehmen. Ein heftiger Streit entstand. Eine Gruppe, die Novatianer, weigerte sich partout, die Abgefallenen je wieder unter Vergebung aufzunehmen und lehrten, dass nach der Taufe Vergebung überhaupt nicht möglich ist. Eine andere Gruppe setzte sich durch und legte fest, dass Abgefallenen ihre schwere Sünde vergeben werden könne, wenn sie deutlich Reue und Buße im Leben zeigten.

Kurz gesagt gab das den Auslöser zur mittelalterlichen Beichtpraxis. Es hieß, die Beichte bestehe aus drei Teilen: Reue über die Sünde; Vergebung durch Jesus Christus; und Genugtuung, den Beweis der Reue. Denn, so hieß es, Gott vergebe den Bußfertigen, aber eben nur denen, die wirklich Buße tun. Er vergibt bußfertigen Sündern zwar die ewige Schuld, aber man muss auf Erden Reue zeigen, um die irdische Strafe zu begleichen, und den Rest muss man durch jahrhundertelange Folter im Fegefeuer abbüßen. Und so wurde die Vergebung ganz furchtbar verdreht: Buße und Genugtuung wurde statistisch-mathematisch ausgerechnet. Mindestens einmal im Jahr musste jeder Christ zum Priester. Sie setzen sich hin, der Priester hat in seiner Hand einen Beichtkatalog. Der klassifiziert und gruppiert alle möglichen Sünden der Reihe nach. Der Beichtende fängt an, er bekennt alles, was ihm auf dem Herzen liegt. Ja, und dann beginnt der Priester nachzubohren. Hast du dies getan? Oder das? Der Priester wird regelrecht zum Polizisten und zum Richter, und die Beichte zum Verhör. Viele Christen sagten aus, dass sie gerade durch die Priester von neuen Sünden lernten, an die sie sonst nie gedacht hätten. Das Verhör konnte stundenlang dauern.  Also, 1: Sündenbekenntnis – gründlich. 2: Der Priester vergibt dem Beichtenden die ewige Strafe. 3. Der Beichtende muss seine Reue beweisen, die zeitliche Strafe abbezahlen. Das sah so aus: Für jede Sünde im Beichtkatalog gab es eine entsprechende Strafe: Meistens strenges Fasten für bestimmte Zeit, und dazu Bußleistungen, fromme Werke wie Beten, Psalmen-singen, Almosengeben, beschwerliche Fußreisen zu heiligen Orten, auch Selbstpeinigung. Erst wenn die Strafe abgetan war, konnte man sich mehr oder weniger der Vergebung sicher sein – aber auch nicht unbedingt. Und dann kam die Ablasspraxis auf: Wer keine Zeit hatte, die vielen Strafen abzulegen, der durfte dann einfach Geld dafür bezahlen. Und so entstanden die Ablassbriefe.

Die überdrehten und aufgebürdeten Schuldgefühle, die aus dieser perversen Beichtpraxis entstanden, trieb die Christen dazu, immer in Angst und Terror vor Gott zu leben. Immer wieder gab es Flagellantenbewegungen – da gingen die Beichtenden in Gruppen 33 Tage umher, sangen und beteten, knieten sich im Marktplatz hin, zogen sich halbnackt aus und schlugen sich selbst mit Peitschen bis zum Blut und sangen und beichteten dabei. Zweimal am Tag. Und dann noch ein drittes Mal zu Hause. Gegen diesen Hintergrund versteht man Luthers quälende Seelenangst und verzweifelte Suche nach Gewissheit der Sündenvergebung, nach einem gnädigen Gott. Und als Luther dann mit der Schrift ringt, die Psalmen liest, den Galaterbrief und dann den Römerbrief, geht ihm endlich auf: [Röm 3,28; Text] Und so formuliert er die 95 Thesen, und die erste lautet: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht ‚Tut Buße‘ usw. (Mt. 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“

Da kommt also der Durchbruch, Gott sei es gedankt: 1530 bekennen die Lutheraner in der CA, dass die Buße nicht aus drei Teilen besteht (Reue – ewige Vergebung – zeitliche Strafe/Ablasszahlung), sondern schlicht einfach aus zweien: 1. Reue mit Sündenbekenntnis; 2. Vollständige Vergebung aller Strafen durch durch Christus und seine Genugtuung allein, aus Gnaden allein, durch den Glauben allein. „Dieser Glaube tröstet wiederum das Herz und gibt ihm Frieden.“ Frieden. Frieden mit Gott. Versöhnt, der Vergebung gewiss. Dazu ist Christus gekommen. Das ist Buße; dass ist Beichte. Punkt. Weil nun aber die Vergebung so mächtig ist, den Christen ändert, sein ganzes Leben durchdringt, kämpft der Christ nun gegen die Sünde, bittet den Heiligen Geist um Hilfe, wächst in der Taufe, lernt Gottes Wort, hät sich zu schriftgemäße Kirche, empfängt gern das Abendmahl und sucht sich zu bessern: „Danach soll man sich auch bessern und von Sünden lassen, denn dies sollen die Früchte der Buße sein – wie Johannes sagt: ‚Darum bringt rechtschaffene Frucht der Buße‘ (Mt 3,8)“. So soll das ganze Leben der Gläubigen ein Buße sein – nicht als Strafe oder Abzahlung für die Sünde in diesem Leben oder im Fegefeuer, sondern aus Dankbarkeit und als Frucht der Vergebung und als Ablehnung jeglicher Form der Selbstgerechtigkeit.

Und so lehnt die lutherische Kirche die scheußliche mittelalterliche Beichtpraxis als schriftwidrige Irrlehre ab, und die Idee, dass Abgefallene überhaupt nie Vergebung empfangen können, ebenso. Amen.

SOLI DEO GLORIA

Pastor Dr. Karl Böhmer

 


Reformationsfest (Das ewige Evangelium)

Tagesspruch Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.

1. Korinther 3, 11

Introitus – Nr. 72 (Psalm 56, 5; Psalm 46, 2)

Epistel

Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen, dass er selbst gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus. Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens. So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

Römer 3, 21 – 28

Hauptlied
Nun freut euch, lieben Christen gmein 240
Ist Gott für mich, so trete 284

Evangelium

Als Jesus aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich; und seine Jünger traten zu ihm. Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach: Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig sind, die da leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden. Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen. Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich. [Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen. Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden. Denn ebenso haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.]

Matthäus 5, 1 – 10 [11 – 12]