Im Laufe der Zeit ist es in unterschiedlichen Ländern zu unterschiedlichen, ja, oft kuriosen Gesetzen gekommen. In der italienischen Stadt Milan z.B. muss man laut gesetzlicher Anordnung den ganzen Tag über lächeln, außer an Beerdigungen und in Krankenhäusern. Im amerikanischen Bundesland Georgia ist es Hühnern verboten, über die Straße zu laufen. So gibt es wohl merkwürdige Gesetze in der Welt, dass man sich wundern kann. Aber was ist denn mit den Gesetzen, die wir in Gottes Wort vorfinden? Da gibt es nämlich auch welche, die merkwürdig anmuten: Säe keine zwei verschiedenen Samen auf deinem Feld aus! (Keine cover-crop-Kombinationen!) Trage keine Kleidung, die aus zwei verschiedenartigen Fäden gewebt wurde! (Keine Polycottons erlaubt) Ihr sollt euch nicht die Seiten des Kopfs rasieren und den Bart nicht stutzen. Ja, Ihr Lieben, diese Gebote stehen in der Bibel, und zwar alle in dem gleichen Kapitel wie unser Predigtabschnitt.
Im Vergleich dazu klingen die Gebote aus unserer Predigtlesung normal, ja sogar modern. Sie leuchten uns ein, sie sind sinnvoll, intuitiv erkennen wir sie als gut: Sorgt für die Fremden unter euch. Beutet die Armen nicht aus. Zahlt dem Arbeiter gerechten und lebenswerten Lohn. Stehlt nicht, betrügt einander nicht, hasst euch nicht gegenseitig, verflucht nicht behinderte Menschen, legt den Blinden nicht Steine in den Weg, redet nicht Falsches über einander, ein jeder fürchte seine Mutter und seinen Vater, haltet Gottes Feiertage, zerstört nicht anderen den guten Ruf, übt keine Rache aus, bleibt nicht zornig auf andere Menschen. Wer würde dagegen protestieren? Wer würde abstreiten, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn alle täten, was hier steht?
Aber – die Tatsache, dass diese guten Gebote im gleichen Kapitel, ja, in der gleichen Liste stehen wie die anderen Gesetze „pflanzt keine cover-crop-Kombination“ oder „schneidet euch nicht den Bart kurz“ – diese Tatsache stellt uns vor die Frage: Warum soll das eine gelten und das andere nicht? Gehören sie nicht alle zum Gesetz Moses? Wieso trifft denn nicht die ganze Liste auf uns zu? Hier haben die Apostel des Herrn den Weg gewiesen. Luther erklärt: „Das Gesetz Moses geht die Juden an – aber es bindet uns nicht mehr… Darum geht dieser ganze Text die Heiden nicht an [und deswegen uns auch nicht, die wir von den Heiden stammen]. … Wir wollen Mose nicht für einen Regenten oder Gesetzgeber mehr haben, ja, Gott will es auch selber nicht haben. Mose ist ein Mittler und ein Gesetzgeber gewesen nur für die Juden, denen hat er das Gesetz gegeben.“ Sonst müssten wir essen und uns kleiden und betragen wie die Juden damals. Aber – „Mose geht uns nichts an.“ So haben die Apostel es gelehrt.
Jetzt fragst du: Warum hören wir heute einen Predigt über 3. Mose? Weil der Herr Jesus selbst auf diese Bibelstelle aus 3. Mose 19 greift und uns lehrt. Da stellt ihn ein Schriftgelehrter auf die Probe und sagt: „Meister, welches ist das höchste Gebot im Gesetz?“ Jesus aber antwortete ihm: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt« (5. Mose 6,5). Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Mose 19,18.) In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.
Und als ein anderer Schriftgelehrter Jesus fragt, was er damit meint, erzählt er ihm vom barmherzigen Samariter. Da predigt der Herr Jesus unser Bibelwort, damit wir lernen, wie wir als Kinder Gottes im Alltag leben sollen, nämlich, indem wir unseren Nächsten lieben. Wie sieht das aus? Schaut den barmherzigen Samariter an. Er sorgt für den Fremden, der Not hat. Er stiehlt nicht von sein letztes Hemd, sondern er gibt alles, was er hat, für diesen leidenden Menschen. Wieso tut der Samariter das? Weil er gelernt hat, worum es Gott wirklich geht: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott. Das ist der Refrain, der immer wieder vorkommt in 3. Mose 19: „Ich bin der Herr, euer Gott.“ Deswegen sollt ihr fremde Menschen unter euch nicht Not leiden lassen: Ich bin der Herr, euer Gott. Deswegen sollt ihr arme Menschen nicht zu eurem Vorteil ausbeuten: Ich bin der Herr, euer Gott. Darum sollt ihr nicht behinderte Menschen verachten und verfluchen: Ich bin der Herr, euer Gott. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der Herr.
Und dann gibt der Herr selbst den Schlüssel dazu, wie das gehen soll: Haltet meine Satzungen und tut sie; ich bin der Herr, d e r e u c h h e i l i g t. (3. Mo 20,7f.) Wir haben einen gnädigen Gott. Darum brauchen wir diese Gebote und Gesetze nicht nur als ein Beschuldigung an uns zu hören, weil wir sie nicht gehalten haben. Sondern wir verlassen uns auf die Gnade Gottes in Jesus Christus, der zu unserem barmherzigen Samariter geworden ist, um uns zu heiligen. Er hat uns nicht als Fremde abgetan und verdammt, sondern ist zu uns gekommen in unserer großen Not, um uns zu helfen.
Als Jesus am Ostermorgen neben den Emmaus-Jüngern geht, fragt er sie, worüber sie redeten. Und Kleopas antwortet: „Bist du der einzige Fremde in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort passiert ist?“ Obwohl er Jesus nicht erkannte, hatte Kleopas recht. Jesus ist ein Fremder in dieser Welt. Er ist vom Himmel zu Menschen gekommen, die ihn nicht aufnahmen. Er kam dennoch. Er kam, um Kranke zu heilen, Dämonen auszutreiben, Sünden zu vergeben und uns zu lieben. Bis hin zum Kreuz. Er sagt es: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.“ Oder wie es im 3. Mose heißt: „für seinen Nächsten“. Jesus kam in diese Welt und nahm unsere Sünden und unsere Krankheiten in seinen Leib auf und liebte uns als seine Nächsten, als er sein Leben für uns hingab. Es gibt keine größere Nächstenliebe, als sein Leben zu opfern. Und der Tod Jesu für seinen Nächsten war der Tod für das Leben der Welt.
Als sie in Emmaus ankamen, tut Jesus so, als ob er weitergehen würde. Und warum? Weil er will, dass die erstaunten Jünger ihn zum Essen einladen. Er wollte, dass sie diesem Fremden, der jetzt als der gekreuzigte und auferstandene Herr unter ihnen weilt, Gastfreundschaft gewähren. Und sie laden ihn an ihren Tisch ein und erweisen ihm Gastfreundschaft. Und beim Brechen des Brotes – das erste Abendmahl nach der Auferstehung – werden ihre Augen geöffnet, um zu sehen, dass Jesus jetzt der Herr, ihr Gott, ist.
So lieben wir Gott. Gott braucht nicht unsere Liebe, sondern wir lieben ihn durch unseren Nächsten. Bei den Früchten des Geistes im Galaterbrief ist die Liebe die erste Frucht – weil sie die wichtigste ist. Alle anderen Früchte des Geistes fließen aus der Liebe. In unserer zerstrittenen Welt besteht die Frucht der Freundlichkeit vielleicht immer mehr darin, dass wir unseren Nächsten lieben wie uns selbst. Freundlich sind zu den Armen und den Fremden. Auch zu unseren Feinden. Besonders zu unseren Feinden. Für Jesus ist die Liebe zu seinen Feinden die beste Weise, seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst. So wie er es für uns, seine Feinde, am Kreuz getan hat. Vor vielen Jahren wurde ein schottischer Pastor gebeten, eine Botschaft an die Christen in England zu schreiben. Er sandte einen kurzen und kräftigen Satz: „Sei barmherzig, denn jeder, den du triffst, kämpft einen schweren Kampf.“ I.N.I. Amen.
Wochenspruch
Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.
Matthäus 25, 40
Introitus – Nr. 54 (Matthäus 5, 7; Psalm 139, 23 – 24)
Hauptlied – Ich ruf zu dir, Herr Jesus Christ 400
Epistel
Ihr Lieben, lasst uns einander liebhaben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden. Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.
1. Johannes 4, 7 – 12
Evangelium
Siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte Jesus und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete und sprach: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben. Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halbtot liegen. Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit; als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn, und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme. Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!
Lukas 10, 25 – 37